Titel: Walkhoff, über Dubrunfaut's Verfahren der Zuckergewinnung aus der Melasse.
Autor: Walkhoff, Louis
Fundstelle: 1867, Band 184, Nr. XXXVII. (S. 149–159)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj184/ar184037

XXXVII. Ueber Dubrunfaut's Verfahren der Zuckergewinnung aus der Melasse mittelst Entsalzung derselben durch Dialyse; von Louis Walkhoff.21)

Mit Abbildungen auf Tab. III.

Der zu diesem – Osmogène genannten – Verfahren dienende Apparat ist in Fig. 38 und 39 dargestellt, und besteht aus folgenden Theilen:

A Rahmen, 15 Millimet. stark, aus gutem, trocknem Eichen- oder Buchenholz, 50 an der Zahl, mit Ziffern der Reihe nach bezeichnet. B, B' gußeiserne Stücke mit 45 Millimet. starken Eichenholzbretern als |150| Kopfstück gefüttert, um den Apparat an den Enden zu schließen und sämmtliche Nahmen zwischen denselben mittelst der Schraubenbolzen C zusammenziehen zu können, nachdem ein Bogen Pergamentpapier zwischen je 2 der 50 Rahmen eingeschaltet ist.

Diese 50 Holzrahmen sind nebst den zwischenliegenden Gummidichtungen an der oberen und unteren Seite mit je zwei quer durch das Holz gebohrten Löchern versehen, welche zusammen die Einfluß- und Abzugscanäle des Apparates für Melasse (D und E) und Wasser (F und G) bilden, und daher mit den Röhren R und M, T und N in Verbindung stehen. Von diesen Canälen aus gehen die kleinen mit Kupferröhrchen ausgefütterten Löcher H, H in das Innere der Holzrahmen derart, daß zwei dieser Canäle, und zwar einer oben und einer unten, mit allen geraden Nummern der 50 Rahmenkammern und die beiden anderen Canäle mit den ungeraden Nummern in Verbindung stehen. Die zur Dichtung dienenden 7 Centimet. breiten und 1 bis 1 1/2 Millimet. starken Gummistreifen werden mit 50 kleinen, 10 bis 12 Millim. langen plattköpfigen Stiften auf beiden Seiten der Holzrahmen und auch auf der inneren der Kopfstücke festgenagelt. Das dazu verwandte Gummi muß gut vulcanisirt seyn, um den hohen Temperaturen der Flüssigkeit zu widerstehen und nicht an das Papier zu kleben, da man öfter genöthigt ist, den Apparat auseinanderzunehmen. Die Fugen und Verzapfungen der Rahmen und Kopfstücke sind mit Mennigkitt gedichtet. In den Rahmen selbst sind hölzerne Querstücke (die hier der Deutlichkeit wegen nicht gezeichnet sind) eingezapft, welche, da sie wechselweise rechts und links durchbohrt sind, den Flüssigkeiten einen zickzackförmigen Weg anweisen und auch dazu dienen, die Papierbogen seitwärts vielfach zu unterstützen, wozu noch außerdem 1 bis 2 Millimet. starke Bindfäden von oben nach unten in die Rahmen gespannt sind.

L ein einzölliger mit Zeiger und Gradbogen c versehener Hahn zum Einlassen der zu reinigenden Melasse aus dem Rohre b in den Trichter M nebst Rohr, welches dieselbe in den Hauptcanal D einführt. N Prüfungsgefäß, mit dem Canale E durch den Rohransatz e verbunden und ein Aräometer enthaltend, um die Dichte der entsalzten Melasse zu bestimmen. O Rohr zum Entweichen der Luft aus den mit Melasse gefüllten Kammern. Q ein mit Zeiger und Gradbogen c' versehener Hahn zur Einführung des Wassers aus dem Rohre b' in den mit einem Siebe belegten Trichter R nebst Rohr, um das Wasser in den Hauptcanal F zu führen. i Rohr zum Entweichen der Luft aus den Wasserkammern des Apparates. T Probegefäß, um die Dichtigkeit des abfließenden mit Salzen geschwängerten Wassers zu prüfen. U Hahn zum |151| Entleeren der Wasserräume des Apparates. P Hahn zum Entleeren der Melassenräume. V, V' Rinnen aus Eisenblech, in denen die aus den Apparaten austretenden Lösungen abgeführt werden. X, X Holzstücke, auf welche (nach dem Abschrauben des Rohres M, D mittelst der Schraubenmutter d) der Apparat durch eine Kreisbewegung um die Zapfen (Achsen) Y, Y' umgelegt werden kann, so daß die Rahmen in horizontaler Lage leicht abgenommen und wieder mit neuem Papiere belegt werden können. Z, Z' Holzlager für den aufgestellten, in Thätigkeit befindlichen Apparat.

Um nun diesen Apparat in arbeitsfähigen Stand zu setzen, untersucht man zunächst die Pergamentpapierbogen, indem man sie gegen das Licht hält, den Blick hin und her, auf und nieder darüber hingleiten läßt, und sich so vergewissert, daß der Papierbogen keine kleinen Löcher oder undichte Stellen hat. Diese ausgewählten Bogen werden darauf eine Viertelstunde lang in Wasser geweicht, und dann sogleich bei umgelegtem Apparate auf den untersten Rahmen möglichst glatt aufgelegt. Hierauf legt man den folgenden Rahmen, dann einen zweiten Papierbogen und sofort, bis zum letzten Rahmen; dann legt man das zweite Kopfstück auf, schraubt den ganzen Apparat zusammen, richtet ihn auf und schreitet zur Füllung desselben mit Flüssigkeiten.

Man kocht dazu am besten das Wasser erst auf, bereitet die Melasse vor, wie nachher beschrieben werden wird, und öffnet die beiden Hähne b und b' so gleichmäßig als möglich, damit im Apparate keine verschiedenen Höhen der Flüssigkeiten (Wasser und Melasse) eintreten können, die sonst durch ihren größeren einseitigen Druck die Papierbogen zu zerreißen drohten. Sobald nun aus einem der Probegefäße (N oder T Flüssigkeit austritt, muß der damit correspondirende Einflußhahn (L oder Q) so lange geschlossen werden, bis auch das andere Probegefäß mit Flüssigkeit gefüllt ist. Man regulirt nun den Gang des Apparates derart, daß die eintretende Flüssigkeit eine gewisse Zeit (z.B. 4 oder 6 Stunden) braucht, bis sie die sämmtlichen Flächen berührt, den ganzen Apparat durchlaufen hat. Man sieht dich an den Dichtigkeiten der Lösungen, die aus dem Apparate treten, und da dieselben in den Prüfungsgefäßen T und N beständig mittelst Senkwaagen controlirt werden, so ist es leicht, die verschiedenen Bedingungen der Arbeit (mehr oder weniger Wasser, längere oder kürzere Zeitdauer) derart zu reguliren, daß ein gewünschtes, im Bereiche der Möglichkeit liegendes Resultat erzielt wird.

Je länger die Zeitdauer der Operation, desto verdünnter fließt die Melasse ab. Mit je geringerer Dichtigkeit man aber die Melasse abfließen läßt, desto reiner erhält man dieselbe. Die Operation ist in diesem Falle vollständiger, der Reinheitsquotient der Lösung erhöht sich, |152| d.h. das Verhältniß von Zucker zu Nichtzucker gestaltet sich günstiger. Zu gleicher Zeit aber geht mehr Zucker in das Wasser über und ist daher verloren; auch ist die quantitative Leistungsfähigkeit des Apparates selbstverständlich geringer als wenn man weniger verdünnte Lösungen abzieht.

Das abziehende Wasser (l'eau d'exosmose) läßt man ebenfalls mehr oder weniger mit Salzen geschwängert abfließen, je nachdem man die Absicht hegt, es zu concentriren, zu destilliren oder zu verlieren, und darnach die Bedingungen regelt.

Findet man es z.B. angemessen, die Zucker- oder Melasselösung mit einer Dichtigkeit von 15° Baumé und das salzhaltige Wasser mit 8° Baumé abzuziehen, so regulirt man einfach den Zufluß beider Flüssigkeiten mittelst der Hähne b und b' so lange bis jene Dichtigkeiten resultiren, was gewöhnlich nach einigen Stunden mit der gewünschten Regelmäßigkeit der Fall ist. Das austretende Wasser ist viel weniger gefärbt22) als die austretende gereinigte Melasse und besitzt einen auffallend salzigen Geschmack, während die Melasselösung angenehmer süß schmeckt als früher. – Die Färbung und der Geschmack des abfließenden Wassers bilden also die Erkennungszeichen, ob sich ein zerrissener Papierbogen in dem Apparate vorfindet (was übrigens nur sehr selten vorkommt).

In einem solchen Falle würde also entweder ein Theil der Melasse durch T mit austreten, wo Augenschein und Geschmack den Beobachtenden sogleich davon in Kenntniß setzen; oder es würden beide Flüssigkeiten nur durch den Melassenausfluß austreten, der wegen der Verschiedenheit des specifischen Gewichtes beider Flüssigkeiten um 6 Centimeter niedriger angebracht ist. Letzterer Uebelstand erfordert eine noch raschere Einstellung der Arbeit und Restauration des Apparates.

Diese ganze Vorrichtung muß übrigens stets nach einiger Zeit (selbst wenn kein Papierbogen zerrissen) auseinander genommen werden, um sie zu reinigen. Man läßt zu diesem Behufe die Flüssigkeiten aus den Hähnen P und U möglichst gleichmäßig ablaufen, kippt dann den Apparat um die Zapfen Y, Y' in die horizontale Lage und wechselt die Papierbogen aus, indem man die Rahmen nach und nach abnimmt und sorgfältig gewaschen wieder auflegt. Die Operation der Entsalzung beginnt dann von Neuem, sobald der Apparat wieder vertical gestellt ist.

Nachdem wir nun die Construction des Apparates beleuchtet haben, |153| gehen wir zur Betrachtung des Verfahrens selbst über, wobei ich vor allen Dingen bemerken muß, daß ich in Anbetracht der Neuheit der Sache noch nicht in der Lage bin, so viele Aufschlüsse darüber zu geben als ich wohl wünschte. Ich muß mich eben darauf beschränken, die Beobachtungen mitzutheilen, die ich bei meiner Anwesenheit in Courrières (Fabrik des Hrn. Tilloy) machte.

Behufs Zubereitung der Melasse kocht man dort dieselbe erst auf, fügt (angeblich, um den Kalk zu entfernen) 20 Pfd. Soda (carbonate de soude) auf jede Pfanne, mitunter auch Blut zu, schäumt ab und läßt absetzen, damit nur klare Lösung in den dialytischen Apparat gelange, widrigenfalls die kleinen Durchgangslöcher (H) in demselben leicht verstopft und die betreffenden Theile unwirksam würden. – Es waren dort zur Verarbeitung von 120 bis 140 Ctr. Melasse täglich 2 Pfannen im Betriebe und 10 dialytische Apparate à 50 Scheidewände.

Ueber die Einflußröhren sowohl für Melasse als Wasser waren ganz enggeflochtene Messingsiebe gelegt, um hier noch Alles zurückzuhalten, was eine mechanische Verstopfung veranlassen könnte. Sowohl Melasse als Wasser von 40° C. floß in einem sehr dünnen Strahle beständig hinein. Auffallend aber war mir, daß weder die Melasse, noch das mit Salzen geschwängerte Wasser continuirlich abfloß. Beide Flüssigkeiten setzten ohne sichtbare Ursache mitunter aus und begannen dann wieder zu laufen.

Die in den Abflußröhren schwimmenden Aräometer zeigten bei der noch warm ablaufenden Melasse eine Dichtigkeit von 12° Baumé, während das Salzwasser mit 6° Baumé abfloß, und es wurde mir angegeben, daß man 26 Hektoliter Wasser per Tag auf einen Apparat verbrauche.

Indessen läßt sich wohl ein Wasserquantum in runder Zahl von 2000 Pfd. annehmen und würde es dabei von großer Wichtigkeit seyn, möglichst reines, salzarmes Wasser zu verwenden, da der Proceß jedenfalls dann um so schneller und vollständiger von statten geht. Es wird deßhalb auch vorgeschlagen, das Wasser vor der Anwendung stark aufzukochen und absetzen zu lassen; ja ich halte selbst eine Filtration über Holzkohle für zweckdienlich, da hauptsächlich durch den Gehalt an organischen Stoffen die papiernen Scheidewände mehr oder weniger rasch verschleimt werden, und natürlich dadurch ihre dialytische Eigenschaft zum Theil einbüßen, welche Ansicht sich auch durch praktische Beobachtungen bestätigt hat, indem die Wirkung des Apparates nach 14 Tagen gleich Null geworden ist.

Das Wasser, welches mit Salzen geschwängert aus den Apparaten abläuft, hat nun aber auch etwas Zucker aufgenommen, und zwar zeigte |154| solches in Courrières eine Rotation von 12° am Polarimeter, enthielt mithin (12 : 6 =) 2 Proc. Zucker. Nach kleinen Versuchen in der Fabrik des Hrn. Bernhard Freise in Neustadt bei Magdeburg enthielt dieß Wasser 2,17 Proc. Zucker, so daß ein Zuckergehalt von 2 Proc. wenigstens anzunehmen seyn dürfte (um so mehr, da er sich bei längerer Zeitdauer der Operation oder durch andere Umstände unzweifelhaft erhöhen würde). Wenn nun per 100 Pfd. Wasser 2 Pfd. Zucker hierdurch fortgehen, so beziffert sich der dadurch herbeigeführte Zuckerverlust per Apparat auf (2000 Pfd. Wasser à 2 Proc. Zucker =) 40 Pfd. Zucker, und da ein Apparat dieser Dimensionen in 24 Stunden 1200 Pfd. Melasse verarbeitet, die in Summa (à 50 Proc. Zuckergehalt) 600 Pfd. Zucker enthalten, so dürfte der durch das reinigende Wasser hervorgerufene Zuckerverlust auf 7 Proc. per 100 Pfd. Zucker oder zu 4 Proc. per 100 Pfd. Melasse zu veranschlagen seyn.

Die austretende Salzlösung hatte, wie wir schon oben bemerkten, eine Dichtigkeit von 6° Baumé oder 10,8 Proc. Balling, und wenn davon 2 Proc. Zucker waren, so käme eine Spindelanzeige von (10,1 – 2 =) 8,8 Proc. auf Rechnung der Salze. Rechnet man nun eine Spindelanzeige von 1,6 Proc. Balling oder Brix für jedes Gewichtsprocent Salze, so wären darin (8,8 : 1,6 =) 5,5 Proc. Salze gewesen. Nehmen wir in runder Summe 5 Proc. Salze an, so wären durch 2000 Pfd. Wasser hiermit 100 Pfd. Salze entfernt aus 1200 Pfd. Melasse (oder per 100 Theile circa 83 Proc. entfernt). Da gewöhnliche Melasse circa 10 bis 12 Proc. Salze enthält, so wäre dadurch allerdings der größte Theil der Salze aus derselben entfernt. In der That schmeckte auch der in Courrières vorhandene, nach dieser Methode bereitete Zucker ungeachtet seiner sehr dunklen Farbe doch durchaus nicht salzig, ein Umstand, der bei einem Versüßungsmateriale alle Beachtung verdient, da auf diese Weise wohl direct consumtionsfähiger Kochzucker erzielt werden könnte!

Da also aus 1200 Pfd. Melasse nur 40 Pfd. Zucker mit dem Wasser fortgiengen, so ist die 2 1/2 fache Menge Salze durch dasselbe Wasser fortgenommen, und es würde aus der gereinigten Lösung demnach diejenige Menge Zucker auskrystallisiren können, welche durch diesen Ueberschuß von Salzen am Krystallisiren verhindert war, was je nach der Natur der Salze in den Melassen sehr verschieden ausfallen würde. Diese hier angeführten Daten sind allerdings nicht genau, sie sind nicht die Resultate specificirter Analysen; aber sie folgen doch naturgemäß aus den beobachteten Thatsachen.

Anstatt dessen hat Hr. Dr. Weiler in Prag auf meine Veranlassung |155| folgende Analysen gemacht, von Melasse vor und nach der Operation der Dialyse, sowie von der dabei erzielten Salzlösung:

Rohe Melasse.
(Dichte = 77,5 Proc. Bg.)
Procent.
Osmogirte Melasse.
(Dichte = 43,2 Proc. Bg.)
Procent.
Zucker 43,500 25,250
Kali- und Natronsalze 9,611 4,720
Kalisalze 0,811 0,480
organische Substanzen 18,941 10,646
Wasser 27,137 58,904
––––––– –––––––
100,000 100,000
Trockensubstanz 72,863 41,096
Auf 100 Theile Zucker bezogen:
Kali- und Natronsalze 22,094 18,693
Kalksalze 1,864 1,905
organische Substanzen 43,726 42,163
––––––– –––––––
67,684 62,761

Es sind mithin für jede 100 Theile Zucker aus der Melasse entfernt (22,094 – 18,693) 3,401 Theile Salze.

Von 100 Theilen Salzen sind abgeschieden 15,393 Proc.
organischer Substanz 3,575

Die dabei erhaltene Salzlösung hatte eine Dichte von 10 Proc. Bg. (1,0409 spec. Gewicht) und folgende Zusammensetzung:

Zucker 2,083 Proc.
Kali- und Natronsalze 2,663
Kalisalze 0,081
organische Substanzen 3,720
Wasser 91,453
–––––––––––
100,000 Proc.
Trockensubstanz 8,547

Während bei meiner Anwesenheit in Courrières die Melasse mit 4° Baumé einströmte, floß sie mit nur 12° Baumé ab, erlitt also eine sehr bedeutende Verdünnung, die einen nicht unbedeutenden Brennstoff-, aufwand zum Verdampfen erfordert.

|156|

Als Veredelung der Melasse beim Durchgang durch diesen Apparat wurde eine Verbesserung der Polarisation um 3° angegeben, was nach der Annahme von 50 Theilen Zucker in 100 Melasse auf 100 Theile Zucker 6° ergeben würde!

Bei einem kleinen Versuche in Neustadt bei Magdeburg (dessen oben erwähnt wurde) zeigte die Melasse:

beim Eintritte
in den
beim Austritte
aus dem (nach 4 Stunden)
Apparat.
Dichtigkeit 85,29 41,50
Zuckergehalt 52,73 27,13
Nichtzucker 32,56 14,37
Reinigungsquotient 61,8 65,3
auf 100 Zucker also Nichtzucker 61,56 52,58

Wie man nun annimmt, daß hier in der betreffenden Melasse 100 Theile Zucker durch 61,56 Theile Nichtzucker am Auskrystallisiren gehindert wurden, so wäre anzunehmen, daß in der gereinigten Melasse die vorhandenen 52,58 Theile Nichtzucker auf 100 Theile Zucker (nach der Proportion 61,56 : 100 = 52,58 : x =) nur 85 Theile Zucker (in runder Zahl) an der Krystallausscheidung hindern würden, so daß also 15 Theile Zucker wahrscheinlich als solcher gewonnen würden. Obgleich die Ausbeute an Krystallzucker in Courrières zu 16 bis 18 Proc. angegeben wurde als der Ertrag einer ersten Reinigungsoperation, so darf man doch wohl im Durchschnitt nur 15 Proc. annehmen.

Die aus den Apparaten tretende und entsalzte Melasse wurde nur schwach filtrirt und eingedickt, und dann in großen Gefäßen der langsamen Krystallisation überlassen, die erst nach 3 bis 4 Wochen entsprechende Resultate geben sollte! Die Zuckerschleudern traf ich in Courrières leider nicht in Arbeit, woraus ich den Schluß ziehe, daß die Zuckerausbeute nicht sehr bedeutend seyn muß. (Diese Fabrik soll seit mehreren Monaten mit 10 dialytischen Apparaten in unausgesetztem Betriebe seyn!)

Nun wird zwar angegeben, daß nach einer ersten Operation und Zuckerausscheidung der übrige Antheil Melasse nochmals in diesen Apparaten gereinigt und dadurch von Neuem ein Theil des Zuckers gewonnen |157| werden könnte, jedoch wollen wir zunächst berechnen, wie viel Melasse dann nach dieser Operation noch übrig bleibt?

Nach Früherem gehen bei der ersten Operation verloren:

1) Im Wasser an Zucker 4 Proc. Verlust
2) „ „ an Salzen 8,3
3) An Zucker sollen gewonnen werden (nach Früherem
15 Proc.) auf Melasse berechnet mit 20 Procent Zusatz
nur


18


4) An Abfall bei der gewöhnlichen Operation der Umkochung,
der Klärung, Filtration, Kochen etc. haben wir gewöhnlich
einen Verlust von


8




–––––––––––––––––––
Summa 38,3 Proc. Verlust
bleibt 61,7 zweite Melasse
–––––––––––––––––––
100,0 Proc.

Wenn nun aus dieser zweiten Melasse auch noch 15 Proc. oder noch 9 Proc. Zucker pro ursprüngliche 100 Pfd. Melasse erhalten würden, so betrüge die Gesammtausbeute aus 100 Theilen käuflicher Melasse 15 + 9 = 24 Proc., oder so viel, wie man in Courrières die Gesammtausbeute angibt.

Mir scheint es aber sehr fraglich, ob in allen Fällen noch eine zweite Krystallisation aus derselben Melasse erhalten werden könnte, und zwar weil ganz triftige Gründe dagegen sprechen. Da nämlich bei der ersten Operation der Dialyse der größte Theil der Salze entfernt und ein entsprechender Antheil Zucker gewonnen wird, so dürfte der resultirende Rückstand nicht mehr einen solchen Ueberschuß an Salzen enthalten, daß eine Operation auch nur annähernd lohnend seyn könnte, ja es würden wahrscheinlich in diesem Rückstande fast nur solche Salze angehäuft seyn, die durch die Dialyse schwerer zu entfernen wären, wodurch die Operation nicht nur kostspieliger, sondern auch unsicherer in ihren Resultaten würde. Doch wäre es wahrscheinlich, daß gewisse Salze der Alkalien in andere Verbindungen übergeführt, leichter und vollständiger aus der Melasse zu entfernen wären. Diese Verbindungen festzustellen, bleibt Aufgabe der Chemie und wollen wir hoffen, daß es deutschem Fleiße gelingen möge, bald Licht über diesen Gegenstand zu verbreiten.

Bis dahin glaube ich an einer zweiten ausgiebigen Reinigung der Melasse mittelst einer gleichen Manipulation zweifeln zu müssen und nehme daher bei der Berechnung über die Vortheilhaftigkeit dieser Methode auch nur 15 Proc. Zuckerausbeute an.

Der Aufwand an Arbeitskraft ist unbedeutend. Die Kosten wurden |158| mir in Frankreich für 1000 Kilogr. Melasse (oder 20 Ctr.) angegeben, wie ich sie hier, auf preußisches Geld reducirt, anführe:

20 Ctr. Melasse à 1 Thlr. 20 Thlr. Gr.
Brennstoffaufwand dazu 3 15
Pergamentpapier 17
Knochenkohle 1 20
Scheidung und Klärung 3
Handarbeit bei dem Apparate 20
Zuckerausschleudern 17
Kochen des Zuckers 17
Interessen und Generalspesen 2 20
Patentkosten (!) 5 10
–––––––––––––––––––
38 Thlr. 16 Gr.
Dafür erhält man 61,7 Proc. Melasse als solche
oder 12 Ctr. à 1 Thlr

12

Thr.


Gr.
15 Proc. Zucker oder 3 Ctr. à 9 Thlr.* 27
–––––––––––––––––––
39 Thlr. Gr.

In diesem Falle hätte man also nur für die Patentprämie gearbeitet. Da nun die Wirkung der Osmose auf Melasse eine bekannte, ja vor Jahren schon von Hrn. Haug in der Halle'schen Siederei erprobte Thatsache (mit der man dort auch 15 Proc. Zucker erzielte), auch die Anwendung des Pergamentpapieres (und zwar auf Rahmen gespannt) anstatt der Thierblase zu diesem Zwecke ebenfalls bekannt23) war, so bleibt nur die übrigens nicht zu verkennende geistreiche Anordnung sämmtlicher Theile des Apparates; aber dafür scheint mir der ganze Verdienst denn doch eine zu hohe Prämie zu seyn, und dem Erfinder dürfte in seinem eigenen Interesse anzurathen seyn eine bedeutend geringere Prämie vorzuziehen.

Daß die Fabrikanten in Frankreich, wo der Preis der Melasse noch höher seyn soll, damit arbeiten und verdienen, liegt hauptsächlich in dem Umstande, daß sie für diesen aus der Melasse producirten Zucker bei der Ausfuhr die Rückvergütung eines Zolles erhalten, den sie eigentlich nie zahlten, und das ist ein reiner Verdienst, ganz abgesehen davon, daß sich Hr. Tilloy selbst keine Patentprämie zahlt, durch seine fortgesetzte Arbeit aber die Möglichkeit für sich hat, solche von anderen Fabriken einzucassiren.

|159|

Uebrigens gründet Hr. Tilloy seine Berechnung der Rentabilität auf eine Ausbeute von 25 Proc. Zucker pro 100 Melasse in zwei Operationen, über deren Unwahrscheinlichkeit ich mich oben schon ausgesprochen habe.

Aus dem kürzlich erschienenen Werke:

„Der praktische Rübenzuckerfabrikant und Raffinadeur. Ein Lehr- und Hülfsbuch für Rübenzuckerfabrikanten, Betriebsdirigenten, Siedemeister, Maschinenbauer, Ingenieure, Landwirthe und Studirende an landwirthschaftlichen Lehranstalten. Nach eigenen langjährigen Erfahrungen bearbeitet von Louis Walkhoff. Dritte neu bearbeitete und vermehrte Auflage. Mit 210 in den Text eingedruckten Holzstichen, nach Originalzeichnungen der neuesten und besten Constructionen aller Apparate der Rübenzuckerfabrication. Braunschweig, Verlag von Fr. Vieweg und Sohn, 1867.“

Hr. Prof. Dr. Fr. Otto in Braunschweig sagt in dem Vorworte, welches er dieser neuen Auflage des Walkhoff'schen Werkes beigefügt hat: „Dasselbe darf, wie ich glaube, einer freundlichen Aufnahme gewiß seyn. Es redet die Sprache des Praktikers, welche den Dirigenten der Rübenzuckerfabriken und den Siedemeistern die liebste, die verständlichste Sprache ist. Man fühlt beim Lesen des Werkes, daß der Verfasser, selbst Zuckerfabrikant, mit ganzer Seele, ja mit wirklichem Enthusiasmus der Rübenzuckerfabrication zugethan ist, und daß er nichts mehr wünscht als einen rationellen Betrieb in allen Fabriken eingeführt zu sehen, wozu er in anregender Weise den Weg zeigt, mir der größten Offenheit die von ihm gemachten Erfahrungen mittheilend. Die Capitel von der Gewinnung des Saftes, von der Behandlung der Säfte, von der Filtration, vom Kochen und andere, müssen mit wirklichem Vergnügen und mit entschiedenem Nutzen von denen gelesen werden, welche diese Operationen zu leiten haben. Die Maschinen, Utensilien und Apparate, besonders die mannichfachen Verdampfapparate der Fabriken, sind kritisch beleuchtet und wichtige Fingerzeige, ja selbst specielle Anleitung zu Verbesserungen sind gegeben. Dadurch erhält das Werk unzweifelhaft großen Werth auch für Maschinenfabrikanten und solche Techniker, welche sich mit der Anfertigung von Maschinen und Apparaten für Rübenzuckerfabriken befassen.“

Die Zeitdauer des Druckes der neuen Auflage, der Stich der Figuren, sowie auch seine Entfernung vom Druckorte haben es Hrn. Walkhoff unmöglich gemacht, auch die letzten und neuesten Erscheinungen aufzunehmen, welche nach Vollendung des Werkes auftauchten; der Plan des Ganzen ist aber so angelegt, daß dieselben in Nachträgen leicht dem Hauptwerke nachgeliefert werden können. Seine vielfachen Reisen nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich, Belgien, Rußland und Ungarn gaben Hrn. Walkhoff Gelegenheit, auch andere Verfahrungsarten als in Deutschland üblich sind, kennen zu lernen, und er unterwarf dieselben ebenfalls einer Besprechung. Insbesondere ist in der neuen Auflage die Raffination ausführlicher als früher behandelt.

A. d. Red.

|152|

Ich bemerke hierbei, daß demnach die färbenden Stoffe und wohl auch die organischen keine so starke Dialyse erleiden als die unorganischen Substanzen.

|158|

Wenn dieser sehr dunkelbraune Zucker stets 9 Thlr. werth seyn sollte.

|158|

Es ist auffallend, daß dieser Apparat in Preußen patentirt wurde, da doch das ganze Princip (man sehe: Dubrunfaut, über die Osmose und ihre industriellen Anwendungen“ im polytechn. Journal, 1856, Bd. CXXXIX S. 305) und fast alles dazu Erforderliche früher bekannt war.

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