Titel: Ueber Verwendung des Bessemerstahls zu Kochgeschirren.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1867, Band 184/Miszelle 8 (S. 78–79)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj184/mi184mi01_8

Ueber Verwendung des Bessemerstahls zu Kochgeschirren.

Mit Bezug auf die frühere Mittheilung in diesem Betreff, im polytechn. Journal Bd. CLXXXII S. 74, entnehmen wir dem steyr. Industrie- und Gewerbeblatt folgenden Bericht des Hrn. Prof. Winter:

„Eine Eigenschaft des Bessemerstahls, welche bisher noch wenig berücksichtigt wurde, und die er vor Stahl und Schmiedeeisen voraus hat, ist seine ganz besondere Zähigkeit, welche der des Messings oder Kupfers nahe kommt. Er läßt sich nämlich im kalten Zustande in einer Weise biegen, ohne seinen Zusammenhang zu verlieren, wie dieß bei gutem Schmiedeeisen nur im glühenden Zustand möglich ist. Die Aufmerksamkeit der Industriellen wendet sich jetzt dieser schätzbaren Eigenschaft des Bessemereisens zu und ist dahin gerichtet, sie dem allgemeinen Bedürfniß dienstbar zu machen. Gegenstände, die bisher nur aus dem theueren Messing- oder Kupferblech hergestellt werden konnten, macht man nun aus Bessemerblech. Kochgeschirre, Tassen, Schalen, Waschbecken, Lampenbestandtheile und andere Blechwaaren werden jetzt schon mit großem Vortheil aus dem neuen Material gepreßt oder gedrückt. Insbesondere sind es die Kochgeschirre, zu denen das Bessemerblech weitaus geeigneter ist, als alle bisherigen Materialien. Gegenüber dem Kupfer und Messing ist es etwa um die Hälfte oder zwei Dritttheile billiger und der Gesundheit niemals gefährlich, wie jene, und vor den Zinngeschirren hat es die Eigenschaft der Umschmelzbarkeit voraus. Im Vergleich mit gußeisernen Gefäßen zum Kochen versprechen die Bessemergeschirre eine bedeutende Brennstoffersparniß, denn ihre Wanddicke ist ungleich geringer, so daß die Wärme schneller und leichter eindringen kann.

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Von Bessemerblech lassen sich nämlich derartige Gefäße aus einer einzigen kreisrunden Blechscheibe drücken, so daß die Oberfläche innen und außen vollkommen glatt ist und keinerlei Nietverbindungen oder Löthungen erforderlich sind. Man spannt zu dem Zwecke die mit der Rundschere geschnittene Blechscheibe in kaltem Zustande auf der Drehbank in ein hölzernes Futter, das eine nur flache Höhlung hat, und drückt mit einem metallenen Dorn aus freier Hand das Blech während sich dasselbe dreht, in die Höhlung, deren Form das Blech in Folge seiner Biegsamkeit annimmt, und nachdem es herausgenommen wurde, auch beibehält. Sodann wird das schon flach schalenartige Blech der Reihe nach in ein zweites, drittes etc. Futter gedrückt, wovon jedes folgende etwas mehr ausgehöhlt ist, und sich immer mehr der Form nähert, die das Gefäß erhalten soll. Schließlich kommt das Blechstück auf einen hölzernen Kern an der Drehbankspindel, dessen Form der inneren Höhlung des Gefäßes entspricht, erhält dort vollständig seine Abrundung und am oberen Rand zu dessen Verstärkung einen eingelegten Eisendraht, um welchen der Blechrand umgebogen wird, so daß er ihn vollständig einschließt. Je nach der Güte des Bessemerbleches muß dasselbe 3- bis 5mal eingespannt werden, bevor es seine vollendete Gestalt angenommen und in ein Geschirr verwandelt ist. Zum Schutze gegen das Rosten wird dasselbe innen und außen verzinnt.

Auf diese Art werden beispielsweise die runden Kochgeschirre für das k. k. Militär in der Metallwaarenfabrik des Hrn. Fr. Ruß in Graz aus Bessemerblech angefertigt und außerdem noch eine große Zahl anderer Küchen- und Hausgeräthe sowohl rund als oval aus demselben Bleche erzeugt.“

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