Titel: Ueber die Bereitung des Leuchtgases aus Abfallen der Schafwolle in Spinnereien; von Civilingenieur Hrm. Liebau in Magdeburg.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1867, Band 184/Miszelle 13 (S. 379–380)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj184/mi184mi04_13

Ueber die Bereitung des Leuchtgases aus Abfallen der Schafwolle in Spinnereien; von Civilingenieur Hrm. Liebau in Magdeburg.

Im Folgenden sind einige Details zusammengestellt, betreffend 1) die Art und Weise, 2) die Kosten dieser Fabrication und 3) den Vergleich des dabei erhaltenen Gases mit Steinkohlengas.

Die Schafwollabfälle werden in möglichst trockenem Instand in die zur Retortenfüllung bestimmte lange Eintragschaufel gebracht und zwar so, daß der Boden der Füllschaufel circa 2'' hoch mit Steinkohlen gefüllt ist, darauf circa 6'' hoch Wollabfälle und über diesen als Decke abermals Steinkohlen liegen. Die Schaufel wird schnell in die hellrothe Retorte eingeführt, ausgekippt, herausgezogen und die Retorte verschlossen. Letzteres muß sehr schnell geschehen, weil eine rasche Gasentwickelung sofort entsteht. – 100 Pfd. Wollabfälle, wie sie aus der Fabrik kommen, geben 700 Kubikfuß sächs. Gas; die Steinkohle gibt außerdem bekanntlich pro 100 Pfund circa 550 Kubikfuß. Bei Anwendung eiserner Retorten kann Steinkohle ganz wegbleiben; doch sind die Chamotteretorten in Bezug auf Unterhaltungskosten wesentlich vortheilhafter als eiserne. Sind die Chamotteretorten einmal gut im Gang, d.h. gleichmäßig scharf gefeuert, regelmäßig bedient, also dicht, so kann man auch bei ihnen mehrere Füllungen Wollabfälle, ohne Steinkohlenzusatz, geben. Von Zeit zu Zeit muß die Retorte jedoch eine Steinkohlenfüllung bekommen, um auf die Dauer dicht zu bleiben.

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Die Reinigung des Gases ist ganz wie die des Steinkohlengases zu bewerkstelligen, nur ist zu berücksichtigen, daß dem Gase bedeutende Quantitäten Kohlensäure beigemischt sind. Die von mir zweimal wiederholte Analyse ergab für reines Wollgas 14 Proc., für Mischung mit Steinkohlengas 9 bis 10 Proc. Kohlensäuregehalt, welcher durch die Reinigung beseitigt werden mußte.

Die Lichtstärke des reinen Wollgases wurde im 6 Kubikfuß sächs.-Argandbrenner zu 16 Kerzen, die des Mischgases zu 14 Kerzen gefunden, während der Kohlensäuregehalt des Gases bei einer besonderen Probe die Lichtstärke auf 13 resp. 11 Kerzen verminderte. Die Gasentwickelung einer Retorte mit 60 Pfd. dauert 1 1/2, höchstens 2 Stunden.

Die Herstellungskosten von 1000 Kubikfuß aus reinen Wollabfällen (also in Eisenretorte) würden sich für einen täglichen durchschnittlichen Consum von 8000 Kbkfß. wie folgt berechnen, wenn die hierzu nöthigen 11,4 Ctr. Wollabfälle vorläufig als werthlos gelten.

Feuerungsmaterial eines Doppelofens in 24 Stunden
erfordert 8 Ctr. Kohks à 12 1/2 Ngr.

3

Thlr.

10

Ngr.
Feuerleute 2 Mann à 15 Ngr. 1 Thlr. Ngr.
Kalkreinigung pro Tag 1 Scheffel Thlr. 20 Ngr.
Abnutzung der Eisenretorten (800 Tage) Thlr. 7 1/2 Ngr.
–––––––––––––––––––––––––
5 1/4 Thlr. = 157 1/2 Ngr.

also für 1000 Kubikfuß (157 1/2)/8 = nahezu 20 Ngr. ohne Zinsen etc.

Um den Werth der Wollabfälle für die Gasfabrication zu berechnen, gibt die Steinkohlengasfabrication den praktischen Anhalt. Es kann natürlich hierbei nur eine und dieselbe Anlage, also gleiche Verhältnisse gemeint seyn.

Täglich 8000 Kubikfuß Wollgas von 16 Lichtstärken entsprechen circa 10000 Kbkfß. Steinkohlengas von 12 Lichtstärken.

Zur Herstellung von 10000 Kubikfuß Steinkohlengas

gehören 10000/550 = 18,2 Ctr. Steinkohlen à 9 1/2 Ngr. 5 Thlr. 22 Ngr. 9 Pf.
Feuerungsmaterial 8 Ctr. Kohks à 12 1/2 Ngr. 3 10
Feuerungsleute 2 Mann à 15 Ngr. 1
Gasreinigung, Laming'sche Masse 10
Abnutzung der Chamotteretorten 2
–––––––––––––––––––––––––––
10 Thlr. 15 Ngr.

Davon ab für erhaltene Gaskohks und Theer

10 Ctr. Gaskohks à 12 1/2 Ngr. 4 Thlr. 5 Ngr. Pf.
3/4 Ctr. Theer à 20 Ngr. Thlr. 15 Ngr. Pf.
–––––––––––––––––––––––––––
4 Thlr. 20 Ngr. Pf.
10 Thlr. 15 Ngr. Pf.
4 Thlr. 20 Ngr. Pf.
–––––––––––––––––––––––––––
5 Thlr. 25 Ngr. Pf.

Eine gleiche Gaslichtmenge aus

8000 Kbkfß. von 16 Kerzen Wollgas 10000 Kbkfß. von 12 Kerzen Steinkohlengas
kosten
5 Thlr. 7 1/2 Ngr. 5 Thlr. 25 Ngr.

mithin Wollgas 17 1/2 Ngr. billiger resp. würde der Werth der Wollabfälle 17,5/11,4 = 11,6 Ngr. per Ctr. zu substituiren seyn.

Es ist hieraus ersichtlich, daß es gewiß vortheilhaft ist, etwas Steinkohlen beiher zu verarbeiten, denn erstens erzielt man Kohks zur Feuerung, zweitens bedarf es nicht der theueren Eisenretorten und drittens ist das Reinigungsverfahren auch etwas billiger.

Die Wollabfälle sind alsdann höher verwerthbar.

Eine Gasanstalt mit dieser Einrichtung besitzen die Herren J. G. Schmidt jr. Söhne in Penig. Dieselbe ist von mir ausgeführt. (Deutsche Industriezeitung, 1867, Nr. 7.)

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