Titel: Ueber die Chemikalien auf der dießjährigen allgemeinen Industrie-Ausstellung zu Paris.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1867, Band 184/Miszelle 5 (S. 455–458)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj184/mi184mi05_5

Ueber die Chemikalien auf der dießjährigen allgemeinen Industrie-Ausstellung zu Paris.

1. Die Metallsammlung von Johnson, Matthey und Comp. in London.

Den vielleicht interessantesten Gegenstand der metallurgischen Abtheilung (Classe XL) dürfte der prachtvolle, den Raum eines kleinen Zimmers einnehmende, von Johnson, Matthey und Comp. (Hatton Garden, London) ausgestellte Schrank mit seinem kostbaren Inhalte bilden. Von diesem ziehen zunächst die großen Destillirblasen und Heber aus Platin, mit denen täglich acht Tonnen Schwefelsäure concentrirt werden können, die Aufmerksamkeit der Sachkenner auf sich. Diese Apparate sind in mehrfacher Beziehung merkwürdig. Das Metall, aus welchem sie bestehen, soll chemisch rein seyn; die Verbindungsstellen, nämlich die aneinander stoßenden Platinränder, sind mittelst des Knallgasgebläses zusammengeschmolzen, so daß der ganze Apparat aus einem einzigen Plätinstücke besteht, und auf diese Weise viel dauerhafter und billiger hergestellt wird, als nach dem früheren Verfahren des Löthens der Verbindungsstellen mit Gold. – Unter den übrigen in diesem Schranke befindlichen Platingegenständen sind besonders hervorzuheben: die nach Deville's und Debray's Verfahren geschmolzenen und gegossenen Platinzaine und Barren; die Kolben zur Gold- und Silberscheidung; die Röhren (und Heber) ohne Löthung; ferner Draht, Blech, Folie, Tiegel, Abdampfschalen, Platinschwamm Platingranalien, natürliches (gediegen) Platin; Futter für Zündlöcher von Geschützen, aus einer zusammengeschmolzenen Platin-Irid-Legirung angefertigt; eines der ausgestellten Exemplare dieser Art hatte in einer Whitworth-Kanone über dreitausend Schüsse ausgehalten und doch war an ihm kaum ein Zeichen von Abnutzung wahrzunehmen.

Dieselbe Firma hat ferner eine sehr interessante Sammlung von edeln, seltenen, unedlen und gemeinen Metallen im Zustande chemischer Reinheit ausgestellt. Sämmtliche Exemplare sind in symmetrische Formen gegossen, um ihr specifisches Gewicht und ihr charakteristisches Ansehen im geschmolzenen Zustande praktisch zu illustriren. Jedes Stück wiegt ein Kilogramm. Man sieht dort |456| Gold, Silber, Platin, Irid, Rhodium, Pallad, Blei, Wismuth, Kupfer, Cadmium, Kobalt, Nickel, Eisen, Antimon, Zink, Magnesium, Aluminium, Thallium, Natrium und Kalium; außerdem noch Osmium in Pulverform und Quecksilber. Die merkwürdige Eigenschwere des Irids und des Platins steht bei dieser plastischen Ausstellungsweise in auffallendem Gegensatze zu dem geringen specifischen Gewichte des Magnesiums, Natriums und Kaliums. Es ist sehr zu bedauern, daß diese Reihe von metallischen Grundstoffen nicht in einer Probe von Lithium ihren Abschluß findet; ein dem Gewichte der übrigen Exemplare entsprechend großer Zain dieses Metalles würde über dreimal so lang seyn, als der Magnesiumbarren. Das Thallium nimmt in Folge seiner großen Dichtigkeit ungefähr die Mitte der Reihe ein; es befindet sich neben dem Palladium.

Neben den ausgestellten Platinmassen liegt auch ein genaues Modell des mächtigen, 100 Kilogr. schweren Platinzains, welcher auf der Londoner Ausstellung im Jahre 1862 so allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog.

Der Geldwerth der von Johnson und Matthey ausgestellten Edelmetalle beträgt ungefähr eine halbe Million Franken.

Dieselbe Firma hat auch Proben des bei der Extraction des Goldes aus seinen Erzen in so großen Massen verwendeten Natriumamalgams eingesendet. Die Ergebnisse der von ihr mit der größten Sorgfalt abgeführten Versuche sind daneben in recht übersichtlicher Weise angegeben; dieselben sind wahrhaft staunenswerth. Das dazu benutzte Mineral ist ein complex zusammengesetztes californisches, nach dem gewöhnlichen Amalgamationsverfahren sehr schwierig zugutezumachendes Erz. Die von Johnson und Matthey erzielten Resultate sind die folgenden:

Gramme. Unzen. Pennyweights. Grains.*
Ausbringen mit Anwendung
der gewöhnlichen
Amalgamirmethode


87


=


2


16


0 per Tonne
Ausbringen mit Anwendung
des Crookes'schen (Wurtz'schen)
Natriumprocesses**


218


=


7


0


6 „
Ausbringen mittelst der dokimastischen
Probe

232

=

7

9

6 „

Die Versuche wurden zweimal wiederholt und ergaben jedesmal absolut dieselben Resultate. (Chemical News vol. XV p. 182; April 1867.)

2. Das Indium-Metall.

Prof. Richter in Freiberg hat von dem von ihm entdeckten Indium für die Ausstellung zwei Zaine oder Barren eingesendet, welche aus dem reinen Metall bestehen. Das Indium ist noch so selten, daß der Gramm desselben 36 Francs kostet; beide Barren wiegen etwa 500 Grm. (1 Zollpfund), repräsentiren somit einen Werth von 18,000 Frcs. Die Farbe des Indiums gleicht bekanntlich derjenigen des Zinnes oder des Thalliums. In seinen chemischen Eigenschaften steht es dagegen dem Cadmium sehr nahe; der charakteristische Unterschied zwischen beiden besteht darin, daß das Indiumoxyd in Ammoniak unlöslich ist. Das Indium ist flüchtig und verbreitet einen eigenthümlichen Geruch; sein Spectrum wird durch eine glänzende indigblaue Linie charakterisirt, auf die sich auch sein Name bezieht. Das Indium ist auf der Pariser Ausstellung der König der chemischen Producte, wie es im Jahre 1862 auf der Londoner das Thallium war. (Chemical News vol. XV p. 208; April 1867.)

|457|

3. Mond's Verfahren zur Extraction des Schwefels aus Sodarückständen.

Unter den bedeutungsvolleren technischen Erfindungen, deren Erzeugnisse auf der Pariser Ausstellung vertreten sind, dürfte auch der Proceß zu erwähnen seyn, mittelst dessen Mond, Chemiker zu Utrecht, den in den Sodarückständen enthaltenen Schwefel gewinnt, ohne diese Rückstände aus den dieselben enthaltenden Gefäßen entfernen zu müssen. Bei diesem Verfahren wird ein Strom atmosphärischer Luft in den Sodaschlamm eingepreßt, um denselben zu oxydiren und dann wird Wasser hineingeleitet, um die gebildeten Salze auszulaugen. Darauf wird die Lauge nach Verlauf von 60–72 Stunden einer anderen ähnlichen Behandlung unterworfen, durch welche sie concentrirt wird. Um den Schwefel möglichst vollständig zu regeneriren, muß der Oxydationsproceß so geleitet werten, daß die Flüssigkeiten 2 Aequival. Schwefelcalcium auf 1 Aequiv. unterschwefligsaures Natron enthalten. Die concentrirte Lauge wird in hölzerne oder aus feuerfesten Steinen construirte Behälter gebracht und in diesen mit 1 Aequiv. Salzsäure versetzt, wodurch reiner Schwefel niedergeschlagen wird, ohne daß eine Entwickelung von Schwefelwasserstoff oder Schwefligsäuregas bemerkbar ist.

Sollen anstatt der Salzsäure die – bekanntlich aus einem Gemenge von Manganchlorür, Eisenchlorid, Salzsäure und freiem Chlor bestehenden – Rückstände von der Chlorfabrication benutzt werden, so ist die Oxydation des Sodaschlammes so zu leiten, daß der letztere nach Eintritt dieser Oxydation nur sehr wenig Unterschwefligsäuresalz enthält. – Mond versetzt ferner das erwähnte Gemenge mit einer zur Neutralisirung der freien Salzsäure und zur Reduction des Eisenchlorürs und Eisenchlorids hinlänglichen Menge eines besonderen Präparates, wodurch ein 95 Proc. Schwefel enthaltender Niederschlag hervorgebracht wird. – In solchen chemischen Fabriken, in denen mit Vortheil Salzsäure angewendet werden kann, wird die Lauge überoxydirt, damit sie hinlänglich Unterschwefligsäuresalz enthält, um mit Anwendung einer verhältnißmäßig sehr geringen Menge von Schwefligsäure in Schwefel und schwefelsaures Natron zerlegt werden zu können.

Der auf diesem Wege gewonnene Schwefel wird mit etwa dem vierten Theile seines Gewichts von schwefelsaurem Kalk gemengt und dann raffinirt. Die in der angegebenen Weise behandelten Sodarückstände enthalten nur sehr geringe Mengen von Schwefelcalcium, dagegen viel kohlensauren und schwefelsauren Kalk, welche beiden Bestandtheile nicht nur für die Umgebungen der Fabriken ganz unschädlich sind, sondern sogar bei der Fabrication von künstlichem Dünger vortheilhaft verwerthet werden können. – Die Kosten des Verfahrens sind unbedeutend, indem die Ausgaben für die Anschaffung des Apparates schon durch den im ersten Jahre erzielten Reingewinn – welcher für eine täglich 3 Tonnen Soda producirende Fabrik auf mindestens 400 Pfd. Sterl. jährlich anzuschlagen ist – vollständig gedeckt werden. (Chemical News vol. XV p. 183; April 1867).

4. Die Phosphorit-Industrie.

Zu den wichtigen neuen Erscheinungen dieses Jahres auf dem Gebiete der technischen Chemie gehört jedenfalls auch der auf der Pariser Ausstellung durch Proben illustrirte Proceß der Umwandlung der Phosphoritknollen in phosphorsaures Eisenoxyd und die Zersetzung des letzteren durch schwefelsaures Natron und schwefelsaures Kali zur Erzeugung von dreibasisch-phosphorsaurem Natron und Kali.70) Dieses von Boblique angegebene und auf den Javelle'schen Werken unter Fourcade's Leitung in großem Maaßstabe zur praktischen Ausführung gebrachte Verfahren ist bereits zu einem hohen Grade der Vervollkommnung gediehen. Die Phosphoritknollen oder Koprolithen aus den Ardennen enthalten im Durchschnitte: 34,50 Kieselsäure, 27,80 Kalk, 19,30 Phosphorsäure (einem Phosphorgehalte von 8,60 Proc. entsprechend) und außerdem noch verschiedene andere Bestandtheile.

Bei dem in Rede stehenden Verfahren werden 100 Kilogr. Phosphoritknollen mit 60 Kilogr. eines in der Nähe der Koprolithlagerstätten vorkommenden Eisenerzes |458| beschickt, welches 35,43 Eisenoxyd (einem Eisengehalte von 24,80 entsprechend), 6,46 Wasser und 18,11 chloritische oder quarzige Gangart enthält. Diese Beschickung wird in einem Gebläseofen geschmolzen; dabei fallen die folgenden Producte: 1. Phosphorsaurer Kalk mit einem Durchschnittsgehalte von 20 Proc. Phosphor. – 2. Schlacke, mit 54 Kieselsäure, 32 Kalk, 14 Thonerde und Magnesia. – Zur Fabrication des phosphorsauren Natrons werden 100 Thle. des gepulverten phosphorsauren Kalks mit 200 Thln. gleichfalls pulverisirtem schwefelsaurem Natron und 30 Thln. Holzkohlenpulver gemengt und zusammengeschmolzen; die Beschickung wird während des Schmelzprocesses tüchtig durch einander gekrückt. Nachdem die Reaction vollständig vor sich gegangen und die Masse in Fluß gerathen ist, wird die erhaltene Schmelze zu Blöcken von 600 bis 650 Kilogr. vergossen. Nachdem die Masse mehrere Tage lang der Einwirkung der Luft ausgesetzt gewesen ist, zerfällt sie zu einer Art Staub, welcher auf systematische Weise ausgelaugt wird; dadurch erhält man eine reichliche Menge von krystallisirtem, dreibasisch-phosphorsaurem Natron, 3 NaO, PO⁵. Der ungelöst gebliebene Rückstand ist Natrium-Eisensulfuret (Fe⁴Na)S³, und gibt beim Rösten in einem zweckentsprechenden Ofen (Kiesofen) schweflige Säure, die in Bleikammern in Schwefelsäure verwandelt wird. Der aus einem Gemenge von Eisenoxyd und schwefelsaurem Natron bestehende Röstrückstand wird ebenfalls ausgelaugt. Dieß ist offenbar ein sehr vollkommener, ausgebildeter Proceß, bei welchem die angewendeten Materialien – Eisen und Schwefel – immer wieder von Neuem zur Verwerthung kommen.

Von dem auf diese Weise erhaltenen Phosphoreisen und dem aus demselben dargestellten phosphorsauren Kali und Natron treten in der Ausstellung zum ersten Male Proben auf; sie sind von Fourcade (Quai de Javelle in Paris) in dem Schranke Nr. 215 aufgestellt.

Dicht daneben finden wir die Firma Perret und Olivier, Eigenthümerin der berühmten, an geschwefelten Eisen und Kupfererzen so reichen Gruben von Saint Bell und Chessy (in der Nähe von Lyon). Diese Aussteller verkünden an ihrem Glasschranke in vergoldeten Lettern, daß sie jährlich 70,000 Tonnen Kiese theils selbst verhütten, theils exportiren, und daß ihre Bleikammern einen Rauminhalt von 40,000 Kubikmetern haben. Als im Jahre 1855 wohl begründete Klagen über den Mangel an Schwefel und den hohen Preis dieses Rohstoffes laut wurden, gehörten die genannten Bergwerksbesitzer und Industriellen zu den ersten, welche die Schwefelsäurefabrikanten auf die ausgedehnten Kieslagerstätten des Hrn. Perret aufmerksam machten, und die Anwendung von Eisen- und Kupferkiesen anstatt des Schwefels vorschlugen. Die Röstrückstände werden jetzt, wie bekannt, auf vielen Werken des Continents sowohl, wie in England, auf Kupfer zugutegemacht. (Chemical News, vol. XV p. 197; April 1867.)

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Wir erinnern daran, daß 1 Unze = 20 Pennyweights = 31,1 Grm., 1 Pennyweight = 24 Grains = 1,555 Grm., 1 Grain = 0,0648 Grm. ist.

Anm. d. Red.

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Man s. die Abhandlung von Wurtz in New-York über die Natrium-Amalgamation im polytechn. Journal Bd. CLXXXI S. 119; ferner die Versuche über diesen Proceß von Prof. E. Silliman in Bd. CLXXXIII S. 34.

|457|

Man s. die betreffende Mittheilung im polytechn. Journal Bd. CLXXIX S. 408.

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