Titel: Tunner, über die Fortschritte in der Stahlfabrication nach der dießjährigen allgemeinen Industrie-Ausstellung zu Paris.
Autor: Tunner, Peter
Fundstelle: 1867, Band 185, Nr. XXXVIII. (S. 125–134)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj185/ar185038

XXXVIII. Die Fortschritte in der Stahlfabrication nach der internationalen Industrie-Ausstellung von 1867 zu Paris; von P. Tunner.

Aus der österreichischen Zeitschrift für Berg- und Hüttenwesen. 1867, Nr. 24.

1. Das Bessemern in verschiedenen Ländern.

Das Bessemern hat nicht allein in Frankreich, sondern noch mehr und früher in England, und theilweise auch in Preußen, Schweden, Oesterreich, Belgien und in Rußland die Stahlerzeugung gehoben, wenn man, wie das gewöhnlich geschieht, das Bessemermetall in seiner ganzen Größe zur Stahlproduction rechnet. Selbst Italien hat an zwei Stellen mit der Einführung des Bessemer-Processes begonnen, wiewohl diese Methode der Stahlerzeugung dort bisher weniger gelungen zu seyn scheint, als die gleichfalls erst seit Kurzem eingeführte Puddlingsstahl-Manipulation.

In technischer Beziehung möchte ich bezüglich des Bessemerns drei Umstände besonders bemerken. Der eine, bei der Ausstellung Nr. 150 der französischen Abtheilung, von Terre-Noire, in Zeichnungen ersichtlich gemacht, besteht darin, daß man daselbst ursprünglich zwar |126| das Roheisen im Flammofen umgeschmolzen hat, jetzt aber meist direct vom Hohofen verwendet, welches bekanntlich bei uns in Innerösterreich vom Anfange an die vorwaltende Methode war und ist. Der zweite, in dem englischen Journal Engineering vom 5. April 1867 erörtert, ist darin gelegen, daß man in England, bei Mersey Iron and Steel-works mit Vortheil angefangen hat, das Umschmelzen des Roheisens statt im Flammofen im Kupolofen vorzunehmen, was bei uns zu Turrach, Heft und Neuberg gleich im Beginn eingerichtet worden ist. Endlich der dritte Umstand, welcher bei uns bisher zu wenig beachtet wurde, ist die Erzeugung von Gußwaaren aus Bessemermetall, wie aus Gußstahl, wovon in der französischen und preußischen Abtheilung der Ausstellung mehrere Beispiele vorliegen. Einen Hauptartikel solcher Gußwaaren bilden Zahnräder, insbesondere die sogenannten Krauseln, Kuppelungsräder bei den Walzwerken, welche von besonderer Stärke seyn müssen.

So entmuthigend die Wahrnehmungen in der Ausstellung für den österreichischen Hüttenmann in mancher Beziehung, wie namentlich in den quantitativen Fortschritten der Eisenproduction, seyn müssen, so ist doch gerade die Exposition des Bessemermetalles in qualitativer und technischer Hinsicht für die betreffenden österreichischen Hütten ein wahrer Glanzpunkt. Ohne Widerspruch wurde anerkannt, daß die Ausstellung der Bessemerhütte zu Neuberg in dieser Art die schönste und instructivste von allen ist, und daß man daselbst mit dem technischen, wissenschaftlichen Theile dieses neuen und wichtigsten Processes des Eisenhüttenwesens am weitesten vorgeschritten erscheint, die sicherste und beste Qualität, wenigstens in den weicheren Sorten des Bessemermetalles, erzeugt. Auch die Ausstellungen der Bessemerhütten von Heft, Turrach und Graz geben denselben ein ehrenvolles Zeugniß.

Neben den innerösterreichischen Bessemerhütten, Neuberg am nächsten kommend, macht sich die Ausstellung der schwedischen Bessemerhütte zu Fagersta, vornehmlich in den härteren Sorten des Bessemermetalles, bemerkbar. An Stelle des Sortimentes nach Nummern, wie dieses von den innerösterreichischen Hütten allgemein angenommen ist, pflegen die schwedischen nur nach dem von jeder Charge bestimmten Kohlengehalte zu sortiren. Offenbar ist jedoch das innerösterreichische Sortiment, bei welchen! (wenigstens in Neuberg) außer dem Härtegraden auch die absolute Festigkeit und die Qualität in Beziehung auf die Zähigkeit berücksichtigt werden, für die Praxis das vollständigere, verläßlichere und somit entsprechendere. In den ausgestellten Bessemer-Producten der übrigen Länder ist von einem Sortimente nichts zu bemerken, was jedenfalls als ein wesentlicher Mangel, als ein Hauptgrund der öfteren Klagen über die |127| Unzuverlässigkeit des Bessemermetalles erscheint. Sehr auffallend ist der Umstand, daß von einigen Ausstellern, von denen es notorisch ist, daß sie das Bessemern in großer Ausdehnung betreiben, die ausgestellten Gegenstände alle als Tiegel-Gußstahl aufgeführt erscheinen.

Es dünkt mir von Interesse, eine beiläufige Uebersicht von der gegenwärtigen Ausdehnung des Bessemerns in verschiedenen Ländern zu geben. Ich sage eine beiläufige Uebersicht, weil ich dieselbe nicht nach voller Ueberzeugung, sondern nur nach verschiedenen, nicht immer ganz verläßlichen Mittheilungen zu geben im Stande bin. Hiernach bestehen in:

England, bei

Converters mit Chargen
zu Tonnen
gibt per Woche
Tonnen
Henry Bessemer und Comp. zu Sheffield 2 3 100
Bessemer, Gebrüder, in London 2 3 100
John Brown und Comp. zu Sheffield 4 2 3
2 10
500
Carl Cammel und Comp. zu Sheffield
„ „ „ „ zu Penictown
2
4
3
5
500
Fox und Sohn zu Sheffield 2 3 100
Manchester Stahl-Compagnie in Manchester 2 5 200
Lancashire „ „ „ 2 5 200
Bolton-Stahlwerke „ „ 2 5 200
Crewe-Werke in Crewe 4 5 400
Barrow-Stahlwerke in Barrow 10 4 5
6 7
2200
Roman und Comp. zu Glasgow 2 3 100
Chessey-Stahlwerke zu Liverpool 2 5 200
Dowlais-Werke zu Dowlais 6 5 600
Ebbw-Vale-Werke zu Ebbw-Vale 6 5 600
–––––––––––––––––––––––
welche zusammen eine Productionsfähigkeit besitzen von wöchentlichen 6000

oder jährlich von 300000 Tonnen oder 6 Millionen Zoll-Centnern. Im Jahre 1866 dürfte die wirkliche Production jedoch nicht ganz 3 Mill. betragen haben.* Weiter in Preußen, bei

Converters mit Chargen
zu Tonnen
gibt per Woche
Tonnen
Krupp in Essen (?) 10 3 – 5 700
Bochum 4 2 alte 3
2 neue 5
300
Hörde bei Dortmund 2 3 100
Pönsgen bei Düsseldorf 2 3 100
Königshütte in Oberschlesien 2 3 100
Oberhausen in Westphalen (im Bau) 2 4 160
–––––––––––––––––––––––
welche in vollem Betriebe wöchentlich erzeugen können 1460
|128|

oder jährlich an 73000 Tonnen, d. i. 1460000 Zoll-Centner; allein im Jahre 1866 kann die Erzeugung nicht über 500000 Zoll-Centner betragen haben. Ferner in Frankreich, bei

Converters mit Chargen
zu Tonnen
gibt per Woche
Tonnen
Petin, Gaudet und Comp. (Loire) 2 6 220
Jackson u. Comp. zu Imphy-Saint-Seurin 2 5 200
Terre-Noire 2 4 160
Gebrüder v. Dietrich in Niederbronn 2 3 100
Ménans und Comp. zu Fraisens (Jura) 2 3 100
Châtillon und Commentry 2 3 100
–––––––––––––––––––––
welche zusammen eine Productionsfähigkeit besitzen von wöchentlichen 880

oder jährlich von 44000 Tonnen, oder 880000 Zoll-Centnern. Im Jahre 1866 dürfte die wirkliche Production indeß nicht ganz 400000 Zoll-Centner erreicht haben. In Oesterreich, bei

Converters mit Chargen
zu Tonnen
gibt per Woche
Tonnen
Südbahngesellschaft zu Graz (Steiermark) 2 3 100

Compagnie Rauscher zu Heft (Kärnten)
schwed. Oef.
3
2 3
1 3
120

Neuberg in Steiermark
Converters
2
1 3
1 4
120
Turrach in Steiermark 3 2 60
Witkowitz in Mähren 2 3 100
Reschitza im Banate (im Bau) 2 5 150
––––––––––––––––––––
welche zusammen in vollem Betriebe produciren können, wöchentlich 650

oder jährlich bei 32000 Ton., d. i. 650000 Zoll-Centner. Im J. 1866 dürfte sie aber nicht ganz 200000 Zoll-Centner wirklich dargestellt haben.

In Schweden, bei

Converters mit Chargen
zu Tonnen
gibt per Woche
Tonnen
Gesellschaft von Högbo in Sandviken 2 4 160
C. Aspelin in Fagersta 3 schwed. Oef. 2 100
Karlsdahl
Siljansfors
Kloster
Gesellschaft von Dannemora, zu Dannemora
Söderanfors (Norland)
2 „
2 „
2 „
2 „
2 „


1 1/2–2

270
–––––––––––––––––––––
welche bei vollem Betriebe wöchentlich erzeugen könnten an 530

oder jährlich 26500 Tonnen, d. i. 530000 Zoll-Centner. Im Jahre 1866 hat die Production jedoch 150000 Zoll-Centner nicht erreicht.

In Belgien

soll die einzige Bessemerhütte in Seraing bestehen, welche vielleicht bei 100000 Zoll-Centner producirt. Und

|129|

in Italien

bestehen zwei Bessemerhütten, die von Novelle-Ponsard-Gigli zu Pisa, und jene von Perseveranza bei Pisa; nach ihrer Ausstellung zu urtheilen, dürften dieselben, namentlich die erstere, nicht weit gekommen seyn, und beide zusammen vielleicht noch nicht 50000 Zoll-Centner Jahresproduction erlangt haben.

In Nordamerika

ist erst im laufenden Jahre die Hütte zu Troy (New-York) in Betrieb gekommen; aber es sollten Bessemerhütten zu Wyendotte (Michigan), Harrisburg (Pennsylvanien), Cleveland (Ohio), Freeton (Pennsylvanien) und zu Chester (Pennsylvanien) in der Errichtung begriffen seyn; auch war schon zu Anfang des verflossenen Jahres ein deutscher Ingenieur zum Studium des Bessemerns durch etliche Wochen in Neuberg, um dasselbe sofort in Nordamerika einzuführen.

Es zeigt sich demnach, daß die Bessemerhütten von Europa schon jetzt eine Productionsfähigkeit von jährlichen nahezu 9 1/2 Millionen Zoll-Centnern erreicht haben, wenngleich im letztverflossenen Jahre die wirkliche Production nicht viel über 4 Millionen Centner betragen haben dürfte. Nahezu 2/3 Theile der Productionsfähigkeit wie der wirklichen Erzeugung entfallen davon auf England, und ist vorauszusehen, daß wir mit diesem Riesen in der Eisenproduction auch bezüglich des Bessemermetalles nur in der Qualität, aber durchaus nicht in der Billigkeit der Preise die Concurrenz werden bestehen können. Aus dieser Darlegung ist die Wichtigkeit des Bessemerns recht deutlich zu ersehen, und schwer zu begreifen bleibt, wie ein Eisenwerk, das die Franzosen zu ihrem größten und vorzüglichsten zählen, wo nach ihrer Behauptung die Wissenschaft auf das Eisenwesen am meisten Einfluß erlangt haben soll, welches sich insbesondere auf seine Eisenqualität viel zu Gute thut und sich viel mit der Fabrication von Eisenbahnmaterialien und Maschinen befaßt, noch immer keine Miene macht, diesen neuen Proceß einzuführen. Leichter einzusehen, wenn auch gerade nicht zu loben, ist das Bestreben von einigen Hütten und Kaufleuten, das erzeugte Bessemermetall für Tiegelgußstahl auszugeben.

2. Martin's combinirter Stahlproceß.

Von Wichtigkeit sind die Producte eines seit mehr als zwei Jahren angewendeten Stahlprocesses, welche unter Katalognummer 165 ausgestellt sind. Es ist dieß der von Hrn. Emil Martin erfundene, oder richtiger gesagt, combinirte Proceß, denn derselbe enthält durchgehends |130| bereits bekannte, in gewissem Grade erprobte Vorgänge und erregt eben dadurch von vorneherein mehr Vertrauen auf seine Brauchbarkeit. Im Wesentlichen entlehnt dieser Martin'sche Proceß den chemischen Vorgang von dem Uchatius'schen Verfahren der Gußstahlerzeugung, ausgeführt jedoch ohne Tiegel, wodurch er um vieles billiger wird. Anstatt im Tiegel, führt Martin den Schmelzproceß in einem Gasofen mit Siemens'schen Wärme-Regeneratoren durch, die bekanntlich eine so hohe Temperatur geben, daß man in verhältnißmäßig kurzer Zeit und in größeren Quantitäten nicht nur Stahl, sondern selbst Stabeisen in Tiegeln zu schmelzen im Stande ist. Auch das Stahlschmelzen ohne Tiegel ist nicht mehr neu, denn dieß ist bereits auf Veranlassung S. M. des Kaisers Napoleon des III. von 1860 und 1861 zu Montataire nicht ohne Erfolg versucht worden; allein damals, so wie später an einem anderen Orte in Frankreich, hat man schon fertigen Stahl, also ein kostspieligeres Material, umgeschmolzen, und dabei denn doch die Qualität nicht gut einhalten können; – wahrscheinlich hat man damals überdieß keine entsprechenden Regeneratoren zur Erhitzung der Luft und der Gase angewendet.

Ich halte diese Martin'sche Methode gerade für unsere halbirten und weißen Roheisensorten in Innerösterreich und Ungarn von besonderer Wichtigkeit, – um so mehr, als dieselbe im Vergleich mit dem Bessemern mit viel geringeren Vorauslagen und bei einer mäßigeren Erzeugung vortheilhaft durchzuführen seyn dürfte. So viel ich von dem Detail dieses Processes in Erfahrung bringen konnte, zweifle ich nicht im Geringsten an der praktischen, ökonomisch vortheilhaften Durchführung, auch ohne alle fremde Beihülfe. – Bei geeigneten Roheisensorten, und bei einer größeren Erzeugung ist der Bessemer-Proceß dem von Martin jedenfalls vorzuziehen: allein in vielen Localitäten, wo das Bessemern nicht wohl anzuwenden ist, da dürfte Martin's Methode am Platze seyn. Wie die Ausstellung zeigte, und wie aus der Natur die Sache selbst einleuchtet, kann nach dieser Methode nicht bloß Stahl, sondern selbst Stabeisen, mindestens Feinkorneisen, in vollkommen flüssigem Zustande erhalten werden, und können aus den etwas härteren Sorten auch verschiedene Gußwaaren dargestellt werden, so wie dieß in neuester Zeit bei dem Bessemermetall vielseitig ausgeführt ist.

Ein Hauptartikel der bisherigen Erzeugnisse nach Martin's Methode sind die Gewehrläufe, wovon durch die Regierung in letzterer Zeit wieder 150000 Stück bestellt wurden, und die Anfangs Mai auch schon größtentheils abgeliefert waren. Das dazu verwendete Material zeichnet sich durch seine Zähigkeit aus, und ist als Beleg dafür unter anderen ein Lauf ausgestellt, der bei den damit vorgenommenen Sprengproben |131| nicht gesprungen, sondern nur an einer Stelle geplatzt ist, ohne irgend einen Splitter hintanzuschleudern. Die Methode ist in Frankreich patentirt, und hat in neuester Zeit Hr. Verdié für die Werke in Firminy das Patent gekauft, wo dieselbe in größerer Ausdehnung betrieben werden soll, während bisher bei Hrn. Martin nur monatlich an 2000 Centner erzeugt worden seyn sollen.

3. Werkzeug-Stahl von Bury und Comp. in Sheffield.

In der englischen Abtheilung ist von Bury und Comp. in Sheffield in Tiegeln geschmolzenes Stabeisen ausgestellt, welches sofort zu verschiedenen Werkzeugen, wie z.B. für Schraubenschneidzeuge, verarbeitet und schließlich durch Cementation an der Oberfläche in Stahl verwandelt wird. Dieser eigenthümliche Vorgang soll bezwecken, daß man ein gleichförmiges, möglichst hartes Werkzeug erhält, indem die aus hartem Gußstahl erzeugten Werkzeuge bei voller Härtung zu spröde werden, sonach im Gebrauche leicht springen. Würde hierzu ein Stabeisen, ohne durch das Umschmelzen im Tiegel in eine gesunde, homogene Masse verwandelt worden zu seyn, verwendet werden, so möchten die fertigen Werkzeuge nicht dieselbe Sicherheit bieten, indem sie gleich den aus hartem Gußstahl dargestellten oft schon beim Härten, oder aber im Gebrauche öfters springen, ausbrechen.

4. Uchatius'sche Methode der Stahlerzeugung.

In der schwedischen Abtheilung, unter Katalognummer 67, ist von Wikmanshyttan, so wie dieß im Jahre 1862 bei der Londoner Ausstellung der Fall war, Gußstahl zur Anschauung gebracht, welcher nach der dort in beständiger Anwendung verbliebenen Methode von Uchatius dargestellt wurde. Durch die dieser Hütte zu Gebote stehenden vorzüglichen, reichen und reinen Magneteisensteine von Bisberg scheint dort dieser Proceß eine befriedigende Sicherheit erlangt zu haben, und soll der erzeugte Stahl bei seiner Härte einen hohen Grad von Zähigkeit besitzen. Es wird davon alljährlich ein nicht unbedeutendes Quantum in Stäben von verschiedenen Dimensionen und zwar nach den Dimensionen loco Gefle der Zoll-Centner um 63 bis 71 Franken verkauft. Die Münze in Stockholm soll zu ihren Prägestempeln und Walzen diesen Stahl allen anderen vorziehen.

Bei Durchführung der Uchatius'schen Methode Stahl zu erzeugen, ohne dabei Schmelztiegel zu gebrauchen, wie es Martin macht, ergibt sich nebst anderen der wesentliche Vortheil, daß die entstandene Schlacke abgezogen und eine neue Partie Erze oder Roheisen nachgetragen |132| werden kann, je nachdem dieß die genommene Probe als nöthig oder wünschenswerth erscheinen läßt. Deßwegen ist das Princip der Uchatius'schen Stahlerzeugungsmethode bei der Durchführung ohne Tiegel von viel allgemeinerer Brauchbarkeit, als bei der Tiegelschmelzerei.

Weiter zeigt in der schwedischen Abtheilung der Ausstellung, unter Katalognummer 70, die Bessemerhütte der vereinigten Dannemora-Werke insofern einen bemerkenswerthen Fortschritt, als diese die Bahn betreten hat, an Stelle des altberühmten durch die Wallonschmiede dargestellten Cementstabeisens, Bessemerstahl zu setzen, welcher zur Darstellung der vorzüglichsten Gußstahlsorten, nach einem vorhergehenden genauen Sortimente, in Tiegeln auf den englischen Gußstahlhütten umgeschmolzen wird. Die bedeutenden Kosten der viel Holzkohle consumirenden Wallonschmiede, wie die Cementation werden hierdurch größtentheils in Ersparung gebracht.

5. Glisenti's Gußstahl, durch Zusammenschmelzen von Spiegeleisen und Stabeisen erzeugt.

In der italienischen Abtheilung, unter Katalognummer 163, ist von Glisenti in Pisogne ein hauptsächlich zur Anfertigung von Revolvern verwendeter Gußstahl ausgestellt, welcher nach der jetzt schon allgemein bekannten und verbreiteten Methode durch Zusammenschmelzen von Spiegeleisen und Stabeisen erzeugt wird. Das Eigenthümliche dabei besteht jedoch darin, daß für diesen Stahl, sowie überhaupt wenn eine bessere Stahlqualität dargestellt werden soll, das von den Hohöfen erhaltene Spiegeleisen vorerst, bei einem Zusatze von 5 Proc. Mangan (nach Heath's Verfahren), durch Umschmelzen in Tiegeln gereinigt wird. Es sieht dieses raffinirte Spiegeleisen sehr schön aus, und erscheint dieser Vorgang unter besonderen Umständen als zweckdienlich.

6. Die große Zunahme der Stahlproduction in Preußen, England und Frankreich, in Folge der Verwendung mineralischer Brennstoffe bei der Darstellung des Roheisens.

Wie aus den vorausgeschickten Daten über das Bessemern erhellt, hat dieser Proceß in Preußen sehr bedeutende Fortschritte wenigstens in der Quantität gemacht. Ueberhaupt hat die Stahlerzeugung in Preußen in den letzten Jahren ganz außerordentlich in allen Sorten, mit alleiniger Ausnahme des Herdfrischstahles, zugenommen. Nach der sehr instructiven Ausstellung der statistischen Daten über die Werthe der |133| preußischen Metall-Production hat der Werth derselben betragen im Jahre:

1860 die Gesammt-Production an 47 1/4 Mill. Thaler, davon das Eisen bei 26 Mill. Thlr., der Stahl bei 3 Mill. Thlr.

1861 die Gesammt-Production an 49 1/4. Mill. Thlr., davon das Eisen bei 24 1/4 Mill. Thlr., der Stahl bei 5 Mill. Thlr.

1862 die Gesammt-Production an 56 1/2 Mill. Thlr., davon das Eisen bei 28 1/2 Mill. Thlr., der Stahl bei 5 1/2 Mill. Thlr.

1863 die Gesammt-Production an 61 Mill. Thaler, davon das Eisen bei 30 Mill. Thlr., der Stahl bei 7 Mill. Thlr.

1864 die Gesammt-Production an 71 Mill. Thaler, davon das Eisen bei 33 1/2 Mill. Thlr., der Stahl bei 13 Mill. Thlr.

1865 die Gesammt-Production an 79 Mill. Thaler, davon das Eisen bei 35 Mill. Thlr., der Stahl bei 15 1/4 Mill. Thlr.

Es ist demnach der Werth der Eisenproduction im Verlaufe von 5 Jahren, von 1861 bis einschließlich 1865, dem Werthe der Production nach um 1/4 gestiegen, während der Werth der Stahlproduction in demselben Zeitraume 5mal so groß geworden ist!

Um die Möglichkeit dieser im Vorhergehenden angeführten, enormen Zunahme in der Stahlproduction in England, Preußen und Frankreich zu begreifen, braucht man nur zu wissen, in welchem Maaßstabe in England die Gewinnung der Hämatit-Erze (reine Roth- und Brauneisensteine), in Preußen die Ausbeute an Spatheisenstein des Siegener Landes, und in Frankreich die Zufuhr der reinen Erze aus Algerien, von der Insel Elba und aus Sardinien in den letzten Jahren zugenommen hat, und daß als Brennstoff hierbei fast durchgehends Kohks und Steinkohlen verwendet werden. Was hingegen die Consumtion dieser vermehrten Production betrifft, so sind es die zunehmenden Eisenbahnen, das wachsende Maschinenwesen und die immer mehr Boden gewinnende Verwendung des Eisens bei den Schiffbrücken und Hochbauten; der vermehrte Bedarf an Kriegsmaterial hat dabei wohl den geringsten Einfluß. Aber es wäre diese vermehrte Consumtion in diesem Maaße nicht möglich, wenn nicht zugleich die Preise des Eisens und speciell des Stahles gegen früher bedeutend gefallen wären, was wieder nur bei Verwendung des mineralischen Brennstoffes zu erreichen ist. Alle jene Länder, welche ihre Eisenproduction, insbesondere die Darstellung des Roheisens, noch vornehmlich auf vegetabilischen Brennstoff basirt haben, wie Oesterreich, Schweden, Rußland, konnten an diesem riesigen Aufschwunge der letzteren Jahre keinen nennenswerthen Antheil nehmen, ungeachtet sie durch die Beschaffenheit und Menge ihrer Eisenerze vorzugsweise berufen erscheinen, an der hauptsächlich der Stahlproduktion |134| angehörigen Zunahme in der Eisenindustrie im großen Verkehre zu participiren. Es kann daher nicht oft genug wiederholt werden, daß jeder Freund des inländischen (österreichischen) Eisenwesens Alles aufbieten soll, um die Darstellung eines billigen Kohks- oder Steinkohlen-Roheisens zu fördern, neben welcher die beschränkte Erzeugung an Holzkohlenroheisen, wie in Frankreich und Preußen zu sehen, noch immer fortbestehen wird, besonders dann, wenn zu diesem Zwecke bloß die für anderweitigen Gebrauch weniger werthvollen Hölzer verkohlt, also allerdings in beschränkter Menge billige Holzkohlen erzeugt werden.

|127|

Nachdem die an H. Bessemer zu entrichtende Patenttaxe in England per Centner einen halben Gulden beträgt, so erhellt daraus, daß Bessemer von seiner Erfindung eine Belohnung erntet, wie sie vor ihm vielleicht noch kein Erfinder erhalten hat.

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