Titel: Tessié du Mothay und Maréchal's Proceß der Phototypie.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1867, Band 185, Nr. LXXXVI. (S. 297–300)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj185/ar185086

LXXXVI. Neuer Proceß der Phototypie von Tessié du Mothay und Maréchal.84)

Hr. Davanne beschrieb in einem sehr beachtenswerthen Bericht an die Société photographique de France in historischer Reihenfolge die verschiedenen bis jetzt bekannten Verfahren, photographische Bilder durch Druckerschwärze wiederzugeben.

Aus der Darstellung des Hrn. Davanne erhellt, daß alle Erfinder, die sich mit Lösung des Problems der Heliographie beschäftigt haben, zu Druckplatten entweder den lithographischen Stein oder ein Metall wählten.

Daraus entspringen zwei Ursachen der Unvollkommenheit, welche beide mit der inneren Natur des angewandten Materials in Zusammenhang stehen. Nämlich:

Erste Ursache der Unvollkommenheit.

Um ein Metall nach heliographischer Methode zu graviren, oder um einen Stein zur Aufnahme eines Bildes in Druckerschwärze fertig zu machen, muß man zuerst dieses Metall oder diesen Stein mit einer empfindlichen Schicht bedecken, welche, mag sie noch so dünn seyn, immer eine Zwischensubstanz zwischen dem Cliché und der Druckplatte ist.

So gering auch der von dieser Zwischensubstanz eingenommene |298| Raum seyn mag, so wird durch diesen Zwischenraum dennoch eine nachtheilige Ablenkung des Lichtes bewirkt; es entsteht daher eine Verzerrung des Bildes, welches auf die Platten übertragen wird, die es mittelst Druckerschwärze wieder auf Papier übertragen sollen.

Zweite Ursache der Unvollkommenheit.

Diese wurzelt noch tiefer. Sie liegt in der physischen Beschaffenheit der Druckplatten; denn Metalle wie Stein sind nur fähig, die Druckerschwärze aufzunehmen, wenn sie chemisch oder mechanisch gekörnt worden sind. Dieses Korn aber, sey es so fein wie es wolle, entblößt die Krystalle der Metalle oder des Steins, und deren Korn, ob gleichmäßig oder ungleichmäßig, ist unter allen Umständen viel größer als die unsichtbaren Punkte sind, aus denen die Silber-Photographien bestehen.

Aus diesen Gründen mußte von vornherein auf die Anwendung der Metalle wie der Steine zu Druckplatten verzichtet, und nach anderen Substanzen gesucht werden, die so zarte und so dichte Poren besitzen, daß sie den Druck mit Druckerschwärze ohne sichtbares Korn erlauben.

Hierzu konnten nur organische Körper genügen. Ein Gemisch von Fischleim, Gelatine und Gummi, in gleichmäßigen Schichten auf eine gut geebnete Metallplatte ausgebreitet und zuvor mit einem der unten genannten chromsauren Salze vermischt, ist in der That von allen Mitteln, die wir gefunden haben, dasjenige, welches am besten die Fettstoffe aufnimmt, proportional mit der Intensität der durch das Licht bewirkten Abstufungen vom Weiß zum Schwarz.

Die sauren Salze des Chroms, die wir benutzten, sind weder die einfach, noch die zweifach-chromsauren. Beide Arten sind mit Rücksicht auf die Dicke unserer Druckschichten nicht von genügender Empfindlichkeit und haben uns nur unvollständige oder verbrannte Bilder gegeben.

Selbst die dreifach-chromsauren Alkalien, für sich allein angewendet, wenn sie auch besser ausgeführte Bilder gaben, haben den Anforderungen der zu lösenden Aufgabe nicht genügen können. Nur wenn wir ihnen reducirende Säuren oder deren Salze hinzufügten, etwa: Ameisensäure, Gallussäure, Pyrogallussäure u.s.w., oder deren lösliche Salze, oder noch besser gleich stark reducirende unorganische Salze, wie etwa unterschwefligsaure, schwefligsaure, phosphorigsaure und unterphosphorigsaure Salze, nur dann haben wir den gesuchten Erfolg gehabt.

Dieselben Resultate wurden erzielt bei Anwendung von dreifachchromsaurem Kali und Quecksilberchlorid, sowie von Quecksilberchromaten, doch in diesem Falle schwärzten sich die erhaltenen Bilder in negativem |299| Sinne, woraus folgt, daß, um positive Drucke zu erhalten, man hier auch Positive anwenden muß.

Die dreifach-chromsauren Salze neben reducirenden Körpern ebensowohl wie die Quecksilberchromate haben außerdem die Eigenthümlichkeit, auf das Gemisch von Fischleim, Gelatine und Gummi bei der Berührung mit dem Kupfer, worauf wir diese Schicht erzeugen, so einzuwirken, daß der unmittelbar das Metall berührende Theil der Schicht unlöslich wird. Dieses Unlöslichmachen gelingt um so besser, wenn man die Schicht bei einer höheren Temperatur, als die Umgebung sie zeigt, aufträgt. Auch suchen wir die Metallplatten, wenn sie mit ihrem Ueberzug versehen sind, einige Stunden zu erwärmen, und zwar in einem Raume, in welchem die Temperatur auf ungefähr 50° C. erhalten wird. Ohne diese unumgänglich nöthige Behandlung halten die Schichten von Fischleim, Gelatine und Gummi nicht die Wirkung der Druckwalze aus und häuten sich unter der Wirkung des Reibers der lithographischen Presse ab.

Wenn die präparirten Metallplatten eine genügend lange Zeit der Temperatur von 50° C. ausgesetzt waren, unterwirft man sie der Wirkung des Lichtes unter einem Negativ.

Die Zeitdauer der Belichtung richtet sich nach der Tages-, wie nach der Jahreszeit. Unter gleichen Verhältnissen ist die Dauer der Belichtung ungefähr dieselbe wie für Chlorsilber.

Sind die Platten belichtet, so werden sie zuerst einem längeren Waschen unterworfen und darauf in der Wärme getrocknet. So präparirt, sind sie geeignet die Druckerschwärze aufzunehmen, sey es durch den Ballen oder durch die Walze.

In diesem Zustande gleicht die zur Aufnahme der Schwärze bestimmte Platte einem Modell von rauher Oberfläche, so zu sagen einer in Aquatinta-Manier gravirten Platte, nur ohne Korn.

In der That werden, wie bei solchen Platten, sich die Vertiefungen mit Schwärze füllen und die Weißen ausgespart bleiben. Um aber das fehlende Korn zu ersetzen, dient hierfür das in den Poren der nicht isolirten Schichten enthaltene Wasser, indem es die Fettstoffe von den bloßliegenden Weißen entfernt, während die unlöslich gemachten Stellen, d.h. die Vertiefungen der Platte, die Schwärze zurückhalten werden, um so kräftiger, je mehr sie das Licht undurchdringlich für das Wasser gemacht hat.

Hieraus mag man ersehen, daß unsere Platten gleichzeitig die Eigenschaften des Kupferstiches und der Lithographie besitzen, und daß sie gleichsam aus der Vereinigung zweier chemischen und physikalischen Erscheinungen |300| hervorgegangen sind, deren Beobachtung wir dem Genie von Sennefelder und Poitevin verdanken.

So zubereitet, können die Platten durchschnittlich eine Auflage von 75 guten Abdrücken liefern. Darnach schwächt sich das Relief und die Abzüge auf Papier werden weniger kräftig und vollkommen.

Diese Auflage von so wenig Exemplaren würde offenbar die schwache Seite unseres Druckverfahrens seyn, wenn nicht andererseits eine dünne Schicht aus Fischleim, Gelatine, Gummi und chromsauren Salzen ein Gegenstand von geringem Werth wäre, und wenn wir nicht andererseits der geringen Anzahl der Abdrücke jeder einzelnen Platte nachgeholfen hätten durch die Möglichkeit, mit Hülfe eines schnellen Copirverfahrens die Druckplatten in's Unbegrenzte zu vermehren. Um diese Copien zu erhalten, verfährt man wie folgt:

Man breitet auf Glas, Papier oder irgend einer anderen Unterlage eine Schicht von Tannin-Collodium (collodion au tannin) aus, und sensibilisirt durch Auflegen eines Negativs oder Positivs. Am Sonnenlichte ist diese Sensibilisation augenblicklich, bei künstlichem Lichte dauert sie einige Secunden. Das Bild wird hierauf hervorgerufen, verstärkt und mittelst der bekannten Mittel fixirt. Darnach nimmt man ein Blatt trockener Gelatine, benetzt es und legt es sorgfältig an das Collodium, auf welchem die Copie des Vorbildes erzeugt ist. Die Gelatine klebt mit dem Collodium zusammen und haftet fest genug, um letzteres vom Papier oder Glase abheben zu können.

Diese Copie auf Gelatine dient nun ihrerseits als Positiv- oder Negativbild, um neue Copien anzufertigen und dieß folglich ohne Zwischenlage eines Glases oder irgend eines anderen durchsichtigen Bildträgers.

Durch dieses Verfahren kann man in einem Tage, sey es bei natürlichem oder bei künstlichem Lichte, mehrere Hundert Copien erhalten. Die Copien sind von größter Feinheit und werden hoffentlich zur unbegrenzten Vervielfältigung nicht allein der phototypischen Platten, sondern auch der durch die anderen photographischen Methoden erhaltenen Bilder dienen können.

Unser Druckverfahren mit Druckerschwärze wird in Metz seit bald einem Jahre in dem Atelier des Hrn. Maréchal angewandt und schon ist die Herausgabe mehrerer wichtiger Werke mit Hülfe dieses Verfahrens glücklich ausgeführt worden.

Hr. Maréchal hat diesen Bericht im Manuscript nebst Proben des Verfahrens dem Berliner Photographen-Verein übersandt; wir entnehmen ihn den Berliner photographischen Mittheilungen, Juni 1867, S. 65. A. d. Red.

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