Titel: Vogel, Erfahrungen über den Pigmentdruck und neues Photometer für dieses Druckverfahren.
Autor: Vogel, Hermann Wilhelm
Fundstelle: 1867, Band 185, Nr. CVIII. (S. 367–373)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj185/ar185108

CVIII. Erfahrungen über den Pigmentdruck (Kohledruck) und neues Photometer für dieses Druckverfahren; von Dr. Hermann Vogel.

Aus den Berliner photographischen Mittheilungen, August 1867, S. 118.

I. Erfahrungen über den Pigmentdruck (Kohledruck).

Jedes neue Verfahren, und sey es noch so einfach und sicher, erfordert von Seite des Ausübenden eine gewisse handliche Uebung und |368| Praxis. Dieß gilt nun namentlich für das neue Druckverfahren, dessen Einführung bevorsteht, daher ich über meine Erfahrungen in diesem Proceß berichten will.

1) Das Sensibilisiren der Pigmentbogen. – Hierbei ist Eines in Betracht zu ziehen, nämlich die Löslichkeit der Gelatine, welche das Bindemittel des Pigments ausmacht. Gelatine löst sich in warmem Wasser, schwillt aber in kaltem nur auf. Daraus folgt, daß das Sensibilisirungsbad nicht zu warm seyn darf, die höchste zulässige Temperatur ist 20° R. Im Durchschnitt braucht man zur Sensibilisirung eines Bogens 200–250 Kubikcentimeter Lösung. Ferner ist zu beachten, daß Luftblasen sehr fest an der Gelatine haften; man sey daher aufmerksam und verfahre im Uebrigen genau nach Wilson's Vorschrift (in der vorstehenden Abhandlung).

2) Trocknen. – Dasselbe geschieht an Klammern auf Schnüren. Die Temperatur darf nicht höher als 20° R. seyn, sonst läuft die Gelatine herunter.

Beim Herausheben großer Bogen aus dem Bade thut man gut, dieselben erst auf eine Glastafel zu legen; auf dieser lassen sie sich leicht forttragen und einklammern, während sie sonst, schlüpfrig wie sie sind, leicht aus den Fingern gleiten.

Man sensibilisire und trockne in einem möglichst kühlen und vom Tageslicht abgeschlossenen Raum.

3) Belichten. – Dasselbe, früher der schwierigste Theil der Operation, ist jetzt nach der Einführung meines (unten beschriebenen) Photometers das Einfachste, was sich denken läßt.

Man „beschicke“ zunächst alle zu druckenden Rahmen mit Papier, bringe sie gleichzeitig mit dem Photometer an das Licht, und sobald das Photometer auf den Druckgrad gestiegen ist, decke man das Negativ sofort zu oder kehre den Rahmen um.

4) Das erste Uebertragen (auf Kautschuk). – Man streiche Kautschuklösung mit dem Pinsel auf das belichtete Papier recht gleichmäßig und vermeide Luftblasen; ebenso gleichmäßig streiche man ein Stück Steinbach-Rohpapier. Auf einige Streifen kommt es gar nicht an. Man lasse beide etwa eine Viertelstunde in Klammern trocknen, dann presse man beide zusammen mit der trocknen Hand, resp. Falzbein.

Ist das Papier noch nicht trocken, so klebt es schlecht oder gar nicht.

Das Durchwalzen mache man genau nach Wilson's Vorschrift, doch nehme man kräftigen Druck. Manchmal findet man, daß |369| nach dem Walzen die beiden Flächen nicht an einander kleben. Das ist oft der Fall bei überexponirten Bildern oder bei Papier, das schon lange sensibilisirt gelegen hat. Gewöhnlich aber ist das unvollkommene Trocknen beider Bogen daran schuld. Man streiche solche nicht klebende Papiere noch einmal, lasse sie ordentlich trocknen und walze von Neuem. Statt Rohpapier zu streichen, kann man auch Kautschukpapier, welches im Handel zu haben ist, nehmen; man wird bei diesem zuweilen finden, daß es nicht recht kleben will. Man streiche in solchen Fällen das Papier noch einmal. Statt der Filze kann man auch besonders dickes Tuch nehmen.

5) Entwickeln. – Hierbei ist nun zuerst immer gleichmäßig warmes Wasser nöthig. Es ist falsch, Wasser im Topf zu wärmen und davon zeitweise in die Entwickelungsschale zu gießen, wenn diese kalt geworden seyn sollte. Durch Temperaturwechsel verdirbt das Bild leicht. Man nehme eine Weißblechschale und stelle eine kleine Spiritusoder Gasflamme darunter, die das Wasser auf etwa 33° R. warm hält.105) Nach 10 bis 15 Minuten kann man das Pigmentpapier abziehen.

Man werfe die Bilder sofort in die zweite Schale. Beim Abziehen merkt man schon, ob ein Bild über- oder unterexponirt ist, und kann darnach seine Maaßnahmen treffen.

Eine fatale Erscheinung beim Entwickeln sind nun die Blasen. Diese treten gewöhnlich in den dunkeln Theilen des Bildes auf, schwellen bei längerem Verweilen im Wasser an und platzten schließlich. Aufstechen mit einer Nadel von der Papierseite aus hilft nicht immer.

Das einzige Mittel sie zu vermeiden ist: Recht dickes Streichen mit Kautschuklösung beider Papiere, unter Vermeidung von Luftbläschen, und starkes Walzen. Oft erscheinen die Bilder in der Entwickelungsschale fleckig von Benzin. Diese Flecke verschwinden beim Trocknen.

6) Waschen. – Wenn alle Bilder sich in der zweiten Schale106) befinden, gieße ich das schwarze Wasser der ersten aus, fülle frisches ein, welches über der Lampe bald warm genug werden wird (33° R.), während die Bilder noch in der zweiten Schale entwickelt werden. Die hinreichend entwickelten Bilder werfe man in das frische warme Wasser, oder, sind sie unterexponirt, in kaltes. Jetzt kann man nun mit den Bildern interessante Operationen vornehmen, welche der Silberdruck nie zuläßt. Es ist nämlich sehr leicht, gewisse zu dunkel gekommene Theile |370| mit einem zarten Pinsel aufzuhellen, Lichter aufzusetzen u. dgl., wodurch ein Bild ungemein an Modellirung und Brillanz gewinnt. Natürlich gehört hierzu Kunstsinn und Geschicklichkeit. Diese Entwickelungsretouche, welche der Pigmentdruck zuläßt, ist einer der interessantesten Vorzüge gegenüber dem Silberdruck.

7) Trocknen. – Dasselbe geschieht nach dem Abspülen an Klammern.

8) Das zweite Uebertragen. – Diese Operation ist wegen der häßlichen Farbe des Kautschukpapieres nöthig. Man streiche die Gelatinelösung mit dem Pinsel auf; einige Streifen schaden nichts. Man lasse aber vor dem Walzen mit dem feuchten Papier das Ganze gehörig trocken werden. Walzt man die Gelatineschicht zu feucht, so wird das Bild grieselich und ungleich. Am besten ist es, die Bilder nach dem Walzen 1/2 Stunde trocknen zu lassen, dann in Alaunlösung (1 : 30) 1 – 2 Minuten zu tauchen, etwas zu waschen und wieder zum Trocknen aufzuhängen. Auf diese Weise sind sie gegerbt und – was wichtig ist – sie lösen sich viel leichter von einander, bei Einwirkung der Uebertragslösung. Letztere streiche man nicht bloß auf die Vorderseite, sondern auch auf die Rückseite des Papiers.

Das Bild wische man gehörig mit Benzin über, lasse es trocknen und klebe es dann auf. Ist es nicht durch Alaun gegerbt, so ist hierbei Vorsicht nöthig, weil es feucht leicht verletzbar ist.

Das getrocknete Bild kann man satiniren.

II. Neues Photometer für den Pigmentdruck.

Als ich meine Experimente mit dem Kohleverfahren begann, herrschte in Berlin ein wahres Aprilwetter, bald Sonne, bald Weiße, bald schwarze Wolken, Regenwetter, alles in wenigen Stunden bunt durcheinander. Ein Pigmentdruck, der jetzt mit 4 Minuten ziemlich richtig exponirt war, erwies sich 1/2 Stunde mit derselben Zeit bedeutend über-, noch etwas später völlig unterexponirt. Man tappte vollständig im Dunkeln und verzweifelte fast an dem ganzen Druckverfahren.

Diese argen Mißstände brachten mich nun auf die Construction eines Photometers, das in seiner Einfachheit und Anwendbarkeit kaum etwas zu wünschen übrig lassen wird, ein Instrument, das man, gerade wie ein Thermometer, einfach ablesen kann, das jeder, auch der ungebildetste Copirer ohne alle Vorkenntnisse gebrauchen kann und das ohne gesilbertes Papier angewendet wird (dessen Herstellung unangenehm und dessen Haltbarkeit gering ist). Dieses Instrument zeigt die chemische Lichtstärke in Graden an.

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Man legt dieses Photometer zugleich mit dem zu druckenden Negativ in das Licht und läßt das Negativ hier so lange liegen, bis das Photometer auf 6°, 8° oder 10°, je nach der Dicke des Negativs und der Empfindlichkeit des Pigmentpapieres, gestiegen ist.

Auf die Zeitdauer kommt es gar nicht mehr an, diese ist nach dem Wetter höchst verschieden. Dünne Negative sind mit 6°, dickere mit 8° auf amerikanischem Papier fertig.

Wie bestimmt man aber diesen Grad, bis zu welchem ein Negativ gedruckt werden muß? Auf sehr einfache Weise.

Ich kann die Negative meines Ateliers schon nach dem Ansehen mit bloßem Auge in drei Sorten theilen, in dünne, mittlere und dicke. Um nun den Copirgrad einer Sorte festzustellen, nehme ich ein Visitenkartennegativ mit 3 oder 4 recht egalen Bildern, exponire dieses mit dem Pigmentpapier neben meinem Photometer und decke das erste Bild zu, wenn das Photometer auf 2°, das zweite, wenn es auf 4°, das dritte, wenn es auf 6° gestiegen ist. Dann wird der Pigmentdruck in gewöhnlicher Weise übertragen und entwickelt.

Jetzt sieht man nach, welches Bild gut ist. Sicher ist eines derselben richtig exponirt.107)

Bis zu dem Grade, wo dieses eine Bild copirt ist, copirt man alsdann das ganze Negativ und sämmtliche übrige Negative derselben Dicke.

Um die Copirzeit der dickeren Negative kennen zu lernen, verfährt man ebenso mit einem einzigen Negative derselben Sorte. Man braucht bei diesen Probecopien durchaus keine große Quantität Papier; ein kleiner Streifen, der bei Visitenkartennegativen über die drei Köpfe weggeht, genügt vollständig. Habe ich in dieser Weise den Copirgrad festgestellt, so schreibe ich ihn auf das betreffende Negativ. Hat man irgend ein Negativ, dessen Copirgrad man mit dem Auge nicht sofort zu beurtheilen wagt, so kann man sich auch hier leicht mit einem einzigen Versuche helfen. Man legt einen schmalen Streifen sensibilisirten Pigmentpapieres (wie es öfter beim Beschneiden abfällt) über eine charakteristische Stelle des Negativs hinweg, exponirt gleichzeitig mit dem Photometer und deckt successive einzelne Theile des Streifens zu, wenn das Photometer auf 5, 6, 8, 9 u.s.w. steht, überträgt und entwickelt den Streifen und sieht nach, welche Stelle richtig exponirt ist.

Wer einige Versuche dieser Art gemacht und nur ganz kurze Zeit mit |372| dem Pigmentdruck und dem Photometer gearbeitet hat, gewinnt solche Sicherheit, daß man schon mit dem Auge einem Negativ den Copirgrad ansehen kann, und kennt man diesen, dann hat in der That der ganze Copirproceß keine Schwierigkeit mehr, denn, wie Wilson richtig bemerkt, ist die Belichtung richtig, so gelingt jedes Bild.

Nun wird man vielleicht glauben, man brauche für jeden Copirrahmen ein Photometer. Das ist ein Irrthum.

Ich lege im Dunkeln zunächst Papier in sämmtliche Rahmen, welche ich copiren will. Gleichzeitig mit dem Photometer werden sie an's Licht gebracht; nachdem dasselbe auf den Copirgrad der dünnen Negative gestiegen ist, werden die ersten hereingenommen oder zugedeckt oder umgedreht, dann die zweiten, endlich die letzten; das Ganze ist eine Arbeit von wenigen Minuten bei gutem Wetter. Man muß dann sehr auf das Photometer aufpassen, um sofort zudecken zu können. Ich habe dünne Negative bei heiterem Himmel 10 mal in der Stunde heruntercopirt. Sind sämmtliche Rahmen hereingenommen, so werden sie von Neuem „beschickt“ (Papier eingelegt) und das Copirgeschäft beginnt von Frischem. Ist man sehr beeilt und will man auch keine Minute verlieren, so nimmt man für jede Sorte Negative (für die dünnen, mittleren und dicken) ein Photometer, das heißt also für größere Geschäfte drei.

Nun ist aber noch die Empfindlichkeit des Pigmentpapieres in Betracht zu ziehen. Diese ist verschieden. Englisches Papier ist fast noch einmal so unempfindlich wie amerikanisches.

Hat man nun eine neue Papiersorte, deren Empfindlichkeit man nicht kennt, so mache man mit dieser einen Versuch in der oben beschriebenen Weise, und stelle auf diese Weise den Copirgrad für dieses Papier auf einem schon bekannten Negative fest. Hat z.B. das Negativ für amerikanisches Papier den Copirgrad 6, für das neue den Copirgrad 8, so müssen die Copirgrade sämmtlicher übrigen Negative für das neue Papier in demselben Verhältniß höher genommen werden. Ich habe übrigens festgestellt, daß es sehr leicht ist, immer ein Kohlepapier von gleicher Empfindlichkeit zu liefern und könnten dann die Fabrikanten sogleich den Photometergrad für ein Mittelnegativ im Preiscourant oder in der Factur bemerken.

Eines ist aber hier von Wichtigkeit, daß nämlich die Photometer unter sich genau übereinstimmen, daß nicht das eine kleinere Grade hat wie das andere, und um dieses zu veranlassen, habe ich selbst bereits Veranstaltungen getroffen, diese Photometer in völlig gleichmäßiger |373| Qualität anfertigen zu lassen; ich werde jedes derselben selbst prüfen und hoffe das Instrument binnen wenigen Wochen der photographischen Welt übergeben zu können.108)

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Siehe den Holzschnitt S. 363.

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Siehe den Holzschnitt S. 363.

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Wenn nicht, so kann man leicht das Experiment mit anderen Photometergraden wiederholen.

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Man wendet sich für deren Bezug an Hrn. Dr. H. Vogel, Lehrer der Photographie an der königl. Gewerbe-Akademie zu Berlin.

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