Titel: Der Riesen-Schornstein der chemischen Fabrik von St. Rollox.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1867, Band 185, Nr. CXXV. (S. 441–443)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj185/ar185125

CXXV. Der Riesen-Schornstein der chemischen Fabrik von St. Rollox in England.

Mit Abbildungen auf Tab. VI.

Der höchste und kühnste Schornstein, welcher vielleicht jemals zur Ausführung gelangt ist, ward in den Jahren 1841 und 1842 für die chemische Fabrik von St. Rollox in England hergestellt.

Dieser Schornstein mißt nämlich nicht weniger als 435 1/2 englische Fuß, gleich 70 Klafter (132,7 Met.) Höhe, vom Terrain aus gemessen (ist also nahezu ebenso hoch als der Stephansthurm in Wien).

Der St. Rollox Schornstein, dessen Details in Fig. 1114 dargestellt |442| sind, hat unten einen äußeren Durchmesser von 40 Fuß (12,6 Met.) und verengt sich oben bis auf 3' 6'' Durchmesser.

Im Inneren desselben befindet sich – wie gewöhnlich bei solchen Anlagen – ein zweiter ganz freistehender Schornstein von 39 Klaftern (73,9 Met.) Höhe, welcher allein ein sehr respectables Bauwerk bilden würde. Der innere Schornstein hat den Zweck, die starke Abkühlung zu verhindern, und ferner den nachtheiligen Einfluß der Wärme von dem Hauptbauwerke abzuhalten.

Außerdem bildet der Zwischenraum ein sehr kräftiges Ventilationsmittel für die Fabrikräume.

Bei so hohen Constructionen kann man nicht, wie für kleine Schornsteine üblich, die Mauerdicke empirisch bestimmen, sondern es muß dieselbe je nach der Festigkeit des Materials und nach der zulässigen Belastung genau berechnet werden.

Im vorliegenden Falle ist für das angewendete, sehr gute Ziegelmaterial der Druck von 102 Cent. per Quadratfuß (5,7 Kil. per Quadratcentimeter) nicht überschritten, sondern bei Erreichung dieser Maximalgrenze eine Verstärkung des Mauerwerks angeordnet.

Die oberen 15 Klafter (28 Met.) des äußeren wie des inneren Schornsteins sind nur 1 Ziegel, d.h. 11 Zoll stark. Unten beträgt die Dicke des 70 Klafter (132,7 Met.) hohen Mauerwerkes nicht mehr als 2' 9'' (0,87 Met.).

Der Grundstein dieses Riesenbaues ward am 29. Juni 1841 gelegt, und schon 12 Monate später, am 29. Juni 1842 die obere Bekrönung desselben vollendet.

Am kühnsten war jedenfalls das in Fig. 11 dargestellte Gerüst für den letzten Theil des Mauerwerkes. Als nämlich die Ausführung bis zum Niveau des 39 Klafter (73,9 Met.) hohen inneren Schornsteines gediehen war, legte man auf die obere Bekrönung desselben einige starke Hölzer, und errichtete darauf ein neues ganz freistehendes Gerüst, welches weitere 31 Klafter (58,8 Met.) Höhe mißt, und welches zur Vollendung des äußeren Schornsteines diente.

Dieses letztere Gerüst war in üblicher Weise gezimmert, und durch Eisenwerk verbunden. Für den ersteren Theil der Rüstung hat man jedoch, ganz ohne Verzapfung, und – mit Ausnahme weniger Klammern – auch ohne Eisenwerk, die Hölzer nur durch Stricke an einander befestigt, wie dieß in England üblich ist, woselbst Holz- und Zimmermannslohn hoch im Preise steht.

Eine ähnliche Construction ist auch in den Jahren 1847 und 1848 für den Bau des etwa 240 Fuß (75,8 Met.) hohen Thurmes für |443| die Hamburger Wasserleitung angewendet worden. Das achteckige Gerüst stand ebenfalls frei von der Mauer, damit die letztere vor den unvermeidlichen Schwankungen des Holzwerkes bei starken Stürmen bewahrt bleibe.

Mit Ausnahme der Hauptsäulen kamen nur Rundhölzer von 6 bis 7 Zoll (0,158–0,184 Met.) zur Anwendung. Dieselben wurden einfach aneinandergelegt, dann mit getheerten Hanfseilen umwickelt, und durch Eintreibung von Holzkeilen angezogen.

Diese Constructionsart hat sich trotz des häufigen Wechsels der Witterung gut bewährt, obwohl das Gerüst über Winter stehen bleiben und im Frühjahre zur Vollendung des Thurmes so wie zur Hinaufschaffung schwerer Quadern benutzt werden mutzte.

Man hat lediglich die Keile nachgetrieben und einzelne Stricke ausgewechselt, was sich bei so zahlreichen Verbindungen leicht bewerkstelligen läßt. Die Schwankungen des Gerüstes betrugen auf 240 Fuß (75,8 Met.) Höhe bei heftigen Stürmen etwas über 7 Zoll (0,184 Met). A. Fölsch. (Zeitschrift des österreichischen Ingenieur- und Architektenvereins, 1867 S. 42.)

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