Titel: Ueber öffentliche Badeanstalten in England; von Dr. G. Lunge.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1867, Band 185/Miszelle 13 (S. 327–328)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj185/mi185mi04_13

Ueber öffentliche Badeanstalten in England; von Dr. G. Lunge.

In Folge einer Aufforderung gebe ich im Folgenden einige Notizen über die Einrichtung von englischen Badeanstalten für das Volk, so weit sie mir bekannt geworden sind.

In England sind öffentliche Flußbäder so gut wie unbekannt, wenigstens in den größeren Fabrikstädten, in welchen der Zustand des Flußwassers in der Regel ohnehin nicht sehr viel Einladendes hat. Um so mehr ist man auf Badeanstalten in geschlossenen Räumen angewiesen, welche denn auch in allen größeren Städten entweder von den städtischen Behörden oder von Actiengesellschaften errichtet worden sind. In allen mir bekannten Fällen sind die Badeanstalten (welche sehr häufig mit Waschanstalten verbunden sind) einem Unternehmer in Entreprise gegeben, welcher die Bäder nach einem öffentlich angeschlagenen Tarife zu liefern verpflichtet ist. Ohne Zweifel überzeugen sich die Behörden durch geeignete Inspectionen, daß den Vorschriften in Bezug auf Reinlichkeit u. dgl. Genüge geleistet wird. Es ist unfraglich, daß diese Einrichtung, mindestens |328| unter englischen Verhältnissen, weit weniger kostspielig und eben so wirksam ist, als es bei directer Verwaltung durch die Behörden seyn würde.

Die Badeeinrichtungen umfassen Wannenbäder verschiedener Classen, Douchebäder und Schwimmbäder, sämmtlich unter Dach. Das Schwimmbad, welches eine viel umfangreichere Anlage erfordert, ist nicht immer vorhanden. Die verschiedenen Classen der Wannenbäder unterscheiden sich nur durch mehr oder weniger elegante Ausstattung der Badezimmer, Qualität der Badewäsche, Kämme, Bürsten u. dgl.; in den wesentlichen Einrichtungen ist aber kein Unterschied. Ueberall sind dieselben gußeisernen emaillirten Badewannen und reichliche Speisung mit kaltem und warmem Wasser vorhanden. Der wirkliche Nutzen und die Annehmlichkeit des Bades wird in der letzten Classe genau ebenso wie in der ersten erreicht. Der Preis eines warmen Wannenbades ist in verschiedenen Orten sehr verschieden, jedoch habe ich die erste Classe nur selten mit 1 Sh. (= 10 Sgr.) bezeichnet gefunden. In South-Shields kosten warme Wannenbäder erster, zweiter und dritter Classe resp. 6 Pence (= 5 Sgr.), 4 Pence (= 3 Sgr. 4 Pf.) und 2 Pence (= 1 Sgr. 8 Pf.), inclusive zweier Handtücher; der Unterschied zwischen den Classen bezieht sich, wie oben bemerkt, nur auf geringfügige Bequemlichkeiten. In Shields ist kein Schwimmbad vorhanden; in Liverpool und Wolverhampton kostet der Gebrauch desselben 2 Pence (= 1 Sgr. 8 Pf.); Badehosen werden nicht geliefert, da der Gebrauch solcher selbst in Seebädern in England erst neuerlichst hin und wieder eingeführt wird, und in geschlossenen Schwimmbädern ganz unbekannt ist. Von der Einführung dieser merkwürdigen Sitte oder vielmehr Unsitte, gegen welche auch in England die Tagespresse immer mehr ankämpft, ist wohl bei uns ganz und gar abzusehen. Das Schwimmbad in Wolverhampton ist auch im Winter im Gebrauche, indem es einen beständigen Zufluß lauwarmen Wassers erhält, wodurch zugleich die Wassermenge in angemessener Weise allmählich erneuert wird.

Die Erhitzung des Wassers geschieht durch einen Dampfkessel, welcher auch Dampf für die Waschanstalt abgibt; aus dem Dampfkessel führt ein Dampfrohr in einen hochgelegenen Wasserbehälter, in welchen es offen ausmündet, so daß die ganze Wärme der Dämpfe benutzt wird. Von diesem Behälter leiten Röhren das warme Wasser nach allen Theilen der Anstalt. Da sich auch aus diesem Behälter reichliche Dämpfe entwickeln werden, so könnte man dieselben, meiner Ansicht nach, zur Erwärmung des Schwimmbades verwenden, welches dann ganz kostenlos seyn würde; natürlich müßte dann der Wasserbehälter geschlossen seyn.

Die Badezimmer für Frauen befinden sich meist in einer ganz getrennten Abtheilung des Gebäudes, auch wohl mit besonderem Eingange. In Liverpool sind auch Schwimmbäder (plunge baths) für Frauen vorhanden, in welchen Badekleidung u. dgl. geliefert werden; die Charge ist 6 Pence (= 5 Sgr.). (Breslauer Gewerbeblatt, Juli 1867, Nr. 8.)

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