Titel: Die Anfertigung von Schuhen und Stiefeln, und das Zuschneiden der Uniformen in der Militärrequisiten-Fabrik von Alexis Godillot in Paris.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1867, Band 185/Miszelle 4 (S. 401–403)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj185/mi185mi05_4

Die Anfertigung von Schuhen und Stiefeln, und das Zuschneiden der Uniformen in der Militärrequisiten-Fabrik von Alexis Godillot in Paris.

Die Fabrik von Alexis Godillot in Paris (Rue Rochechouart) ist eine Privatanstalt und übernimmt große Armeelieferungen für fremde Länder sowohl als für Frankreich.

1. Anfertigung von Schuhen und Stiefeln.

Eines der drei Etablissements, aus denen Godillot's Fabrik besteht, befaßt sich ausschließlich mit der Anfertigung von Schuhen und Stiefeln, und ist daher eine nach dem neuesten Fortschritt eingerichtete Schusterwerkstätte.

Das Material hierzu wird in Form von Lederschäften und als Sohlhäute von den Lederfabriken geliefert. Der große gedeckte Hof in der Mitte des Etablissements wird von einer Reihe recht interessanter Schustereimaschinen eingenommen, welche leider noch kaum über Paris hinaus Verbreitung gefunden haben. Zunächst fallen uns in die Augen einige große Schraubenpressen mit steilem Gewinde, mittelst Riemen betrieben. Sie sind dazu bestimmt, die Sohlen in den verschiedensten Größen und Formen und die Theile für die Absätze mit einem Druck aus den Häuten herauszustoßen. Die so durchgestoßenen Sohlen werden nun einem mechanischen Klopfapparat übergeben, der |402| das Leder mit wenigen Schlägen hämmert. Eine weitere Maschine gibt der ausgeschnittenen Sohle mit einem Drucke eine gewölbte Form und markirt gleichzeitig die sämmtlichen Stellen, an denen nachher die kleinen Messingschrauben eingezogen werden, welche die Sohle mit dem Oberleder verbinden. Das hier im großartigsten Maaßstabe angewandte System Lemercier113) ist in Frankreich seit vielen Jahren mit dem besten Erfolg in Anwendung, umgeht das Aufnähen der Sohlen und befestigt sie durch messingene Schräubchen an dem Oberleder. Der hierzu erforderliche Apparat besteht der Hauptsache nach aus einem Tischchen, auf dem ein beweglicher eiserner Leist ruht; an diesem sind die Ledertheile des zu bildenden Schuhes in provisorischer Weise befestigt. Auf dem Tischchen befindet sich ein eigenthümlicher, von dem Arbeiter mit der Hand und dem Fuß geleiteter Mechanismus, der aus Messingdraht kleine Schräubchen schneidet und diese in das Leder festsetzt. Solche Maschinen sind, von Männern bedient, viele Hundert in Arbeit; sie liefern Schuhe, denen die gefällige äußere Form noch vollständig mangelt. Zur weiteren Verarbeitung findet sich dann ein ganzes Heer von Maschinchen, einer Drehbank nicht unähnlich. Das Werkzeug, eine rotirende Fräse, dreht sich mit der Spindel der Bank. Die geschickte Hand des Arbeiters weiß den Schuh dem flüchtigen Werkzeuge so darzubieten, daß es die überflüssigen Ledertheile in feine Lederspäne zertheilt, die wie Hobelspäne weit davon fliegen. In kürzester Zeit hat der Schuh die wohl gebildete Form erlangt, um mit tausend anderen genagelt, geschwärzt und mit Schuhriemen versehen zu werden.

2. Zuschneiden der Uniformen.

Ein Etablissement von Godillot's Fabrik beschäftigt sich ausschließlich mit der Herstellung der Uniformen; ist also in der Hauptsache eine großartige Schneiderei. Besonders interessant ist in demselben das Zuschneiden der Kleidungsstücke.

Zu beiden Seiten desselben großen Arbeitsraumes befinden sich zwei sogenannte Bandsägen, eine vor etwa 20 Jahren gemachte nützliche Erfindung des Franzosen Terrin. Gewöhnlich dienen die Bandsägen zum Ausschneiden von Bretern nach beliebigen krummen Linien und bestehen in der Hauptsache aus einem einerseits gezahnten S. ahlbande, das ähnlich einem Treibriemen über zwei Rollen gespannt ist. Zum Auflegen der zu sägenden Theile ist ein Tisch vorhanden, den der eine Theil des Sägenbandes vertical durchdringt. Ganz derselbe Apparat dient nun hier zum Zuschneiden der Kleidungsstücke mit dem einzigen Unterschiede, daß hier das Stahlband nicht gezahnt, sondern einfach schneidig scharf ist Hiermit wird aber nicht etwa Stück für Stück zugeschnitten, sondern man legt auf einmal einen ganzen Ballen Tuch, also vielleicht 50 Lagen über einander auf den Schneidtisch; der Rock- oder Manteltheil ist, aus Pappdeckel ausgeschnitten, darauf gelegt, dessen Grenzen werden mit Kreide auf die oberste Lage bezeichnet. Run bewegt der Arbeiter den ganzen Ballen an zwei Faust hoch über dem glatten Eisentisch hinweg und läßt das scharfe Stahlband alle Lagen längs der aufgezeichneten Linien durchschneiden. Das gelingt haarscharf und in weniger als einer Minute liegen 50 oder 100 Paar Beinkleider, Mäntel oder dergl. wohlgeordnet und einer dem anderen auf's Haar ähnlich für weitere Verarbeitung bereit.

Die zugeschnittenen Theile gelangen nun in andere Räume, werden da gezeichnet, von Schneidern mit anderen Theilen zusammengelegt und in provisorischer Weise von Hand genäht, gesteckt und zu Faden geschlagen. Von hier kommen sie zu den Nähmaschinen, von denen einige Hundert vorhanden sind, welche mittelst Dampfkraft betrieben werden.

Nun kommt das Bügeln, und zwar nicht nach der alten Weise, daß man mit dem heißen Eisen über den zu glättenden Gegenstand hinwegfährt; vielmehr ist hier das umgekehrte Princip: das mit Gas erhitzte Eisen ist an einem Hebelarm mittelst eines Zwischenhebels aufgehängt, der Arbeiter fährt auf dem Bügeltisch mit den zu bügelnden Kleidungsstücken darunter hinweg und ist mittelst seines Fußes im Stande, den Bügeltisch etwas höher oder niederer zu stellen, so daß das Eisen mehr oder weniger |403| auf die Tuchtheile drückt. Mittelst eines kleinen Hähnchens kann der Zufluß des Gases beliebig regulirt und das Eisen auf jede erwünschte Temperatur gebracht werden. Sämmtliche Bügeleisen mit ihren Bügeltischen, etwa 20 an der Zahl, sind in zwei Reihen auf einem erhöhten Raume im Grunde des großen Arbeitssaales aufgestellt und können so zwischen die Arbeit der Nähmaschinen hinein das Bügeln der einzelnen Theile je nach Bedürfnis besorgen. (Württembergisches Gewerbeblatt, 1867, Nr. 33.)

|402|

Lemercier's Schuhmaschine für Handarbeit ist im polytechn. Journal Bd. CLXI. S. 180 beschrieben.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: