Titel: Ueber die Verwerthung der ausgenutzten Gußstahltyres, welche auf den Linien der k. k. österr. Staats-Eisenbahngesellschaft zurückgewonnen werden.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1867, Band 186/Miszelle 3 (S. 154–155)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj186/mi186mi02_3

Ueber die Verwerthung der ausgenutzten Gußstahltyres, welche auf den Linien der k. k. österr. Staats-Eisenbahngesellschaft zurückgewonnen werden.

Mit der ausgedehnteren Verwendung der Gußstahltyres zu Locomotiv- und Tenderrädern häuften sich in unseren Magazinen während der letzten Jahre große Vorräthe von alten, ausgenutzten, von den Rädern abgezogenen Gußstahltyres an. Da die Anbote für dieselben von den Abnehmern der alten Materialien höchst ungünstig lauteten und kaum höher als die für alte Eisen- und Puddelstahltyres offerirten Preise waren, so entstand die wichtige Frage einer besseren Verwerthung der alten Gußstahltyres. Der Verbrauch derselben in den eigenen Werkstätten, besonders für Werkzeuge, ist gegenüber den zu Gebote stehenden und fortwährend zuwachsenden Mengen verschwindend klein; es mußte daher auf die Eröffnung einer vortheilhaften, ausgiebigen und constanten Abzugsquelle Bedacht genommen werden.

Zu diesem Zwecke wurden zunächst Unterhandlungen mit Gewehrfabrikanten angeknüpft, um zu ermitteln, ob sich die alten Gußstahltyres etwa zu Gewehrläufen verwenden ließen. Diese Versuche fielen ungünstig aus, weil die aus alten Gußstahltyres erzeugten Gewehrläufe hin und wieder kleine Längsrisse erhielten, welche sich beim Abbrechen der Läufe als durchgehende Risse erwiesen. Das Auftreten dieser Risse muß als eine auffällige Erscheinung betrachtet werden, da bei der Verarbeitung der alten Gnßstahltyres in den Werkstätten der Gesellschaft ähnliche Vorkommnisse nicht beobachtet wurden. Ein Grund dafür könnte nur in der Behandlung des Stahles gesucht werden, da die Bearbeitung der Stahlsorten für Gewehrläufe von der gewöhnlichen Behandlungsweise abweicht, der Tyresstahl nicht von der weichsten Gattung ist und sich auch sehr schwer schweißen läßt.

Nach Mißlingen dieser Versuche wurde die Herstellung handelsüblicher Stahldimensionen und deren Verschleiß durch die Agentien der Gesellschaft in's Auge gefaßt. Die Schwierigkeit des Absatzes einerseits, die stets an Ausdehnung gewinnende Fabrication des Bessemerstahles andererseits, welche sowohl auf den constanten Abfluß der erzeugten Stahlsorten hinderlich einwirken muß, als auch durch die relativ geringen Preise die Concurrenz erschweren würde, ließen jedoch bald die Unausführbarkeit dieses Projectes in dem angestrebten Sinne erkennen. Dagegen versprach die Idee, aus den alten Gußstahltyres Flachgußstahl für die Reparatur der Blatttragfedern herstellen zu lassen, eine gute Lösung der Frage, sobald es gelang, mit geringen Umstaltungskosten ein brauchbares Material zu erhalten, weil der Bedarf an Flachgußstahl für Federn ein bedeutender ist, und diese Verarbeitung eine ununterbrochene Verwendung der alten Gußstahltyres auch in der Zukunft sicherte. Es wurden daher Unterhandlungen mit einem Walzwerke gepflogen, welches, an einer der gesellschaftlichen Linien gelegen, |155| zugleich den Vortheil darbot, die nicht zu umgehenden Frachtspesen auf ein Minimum herabziehen zu können. Schon die ersten im Jahre 1864 mit circa 20 Centner alter Gußstahltyres angestellten Versuche fielen sehr günstig aus. Der Tyresstahl erforderte bei der Verarbeitung keine andere Vorsicht als jede andere zu gleichem Zwecke benutzte Stahlsorte, wohin besonders das Ablöschen in nicht zu kaltem Wasser, mit einer Temperatur von 30 bis 40º R., zu rechnen ist.

Die aus dem Stahle hergestellten Federn zeigten bei der Erprobung ein sehr günstiges Verhalten, indem bei den üblichen Probebelastungen nur ein äußerst geringer Verlust an Pfeilhöhe eintrat. Federn für Langholztransportwagen, für Tendermaschinen etc., welche in kurzer Zeit darauf aus diesem Materiale hergestellt wurden, befinden sich noch heute anstandslos im Betriebe.

Um sich über die Qualität des Stahles auch durch directe Versuche ein sicheres Urtheil zu verschaffen, wurden in Pesth Bruchproben vorgenommen. Hierzu wurden 10'' lange. 3'' breite, 6''' starke Stahlstücke einer Lieferung der sächsischen Gußstahlfabrik in Dohlen, einer Lieferung des Bochumer Vereines und einer Partie Flachgußstahl, welcher aus alten Krupp'schen Gußstahltyres erzeugt war, verwendet. Die zu erprobenden Stücke wurden gehärtet und nachgelassen, gerade wie es bei der Verwendung zu Federn geschieht; sie wurden sodann an einem Ende befestigt, am anderen bis zum Bruche belastet. Der Bruch erfolgte bei Flachgußstahl von Dohlen unter 2030 Zollpfund Belastung, von Bochum unter 2100 Zollpfund Belastung, von Krupp aus alten Tyres unter 2240 Zollpfund Belastung. Diese Gewichte entsprechen einer Bruchfestigkeit von 1624, 1680 und 1792 Zollcentner. Der aus alten Tyres erzeugte Flachgußstahl ergab demnach die beste Qualität. In Folge dieser günstigen Proberesultate wurde die Fabrication des Flachgußstahles aus alten Gußstahltyres in größerem Maaßstabe und bis zur Erschöpfung der vorhandenen Vorräthe durchgeführt, und es werden auch in Hinkunft die sich ansammelnden alten Gußstahltyres auf gleiche Weise verwerthet werden.

Die Fabrication des Flachgußstahles aus den alten Gußstahltyres geschieht auf folgende Weise. Die alten Gußstahltyres werden zuerst mittelst eines Fallwerkes bei ihren Nietenlöchern derart abgeschlagen, daß der Bruch durch diese Löcher hindurchgeht. Alsdann werden die so erhaltenen Bruchstücke zu Barren von rechtwinkeligem Querschnitte aufgestaucht, indem sie hochkantig durch ein Stauchkaliber gehen. Hierauf werden sie durch drei Streckkaliber, sodann durch das auf das verlangte Maaß ausgearbeitete Endkaliber und schließlich durch eine Polirwalze geleitet.

Die Ausbeute beträgt 92–96 Proc. Flachgußstahl von dem Gewichte der verwendeten alten Gußstahltyres; der Verlust besteht aus Abfällen und Abbrand. Die Umstaltungskosten betragen für die currenten Stahlsorten, für welche Kaliber im Werke vorhanden sind, inclusive der Transport- und aller Nebenkosten durchschnittlich 4 fl. 50 kr. per Centner.

Vom Beginne der Versuche bis zum Schlusse des Jahres 1866 wurden aus alten Gußstahltyres im Ganzen 1500 Zollcentner Flachgußstahl erzeugt. Düse Menge hätte angekauft werden müssen, wenn die Verarbeitung der alten Gußstahltyres nicht eingetreten wäre, und würde bei einem Mittelpreise von 18 fl. ö. W. B. V. per Zollcentner, 27,000 fl. gekostet haben. Die Kosten sür das Auswalzen, mit 4 fl. 50 kr. per Zollcentner berechnet, betragen für obiges Quantum 6750 fl.; durch die Verwerthung der alten Gußstahltyres auf gewöhnlichem Wege wären circa 4500 fl. eingegangen. Es haben uns daher die 1500 Centner Federstahl im Ganzen nur 11,250 fl. gekostet.

Durch die günstigere Verwerthung der alten Gußstahltyres ist somit während der zwei Jahre ein Gewinn von 15,750 fl. erwachsen. Im Laufe des gegenwärtigen Jahres wurden bis Ende Juli im Ganzen circa 200 Centner alter Gußstahltyres auf die gleiche Art verwerthet. Schließlich sey noch erwähnt, daß aus diesem alten Materiale in unseren Werkstätten auch eine große Anzahl vorzüglicher Feilen erzeugt worden sind, welche namhaft billiger als neue zu stehen kommen. W. Bender. (Zeitschrift des österreichischen Ingenieur- und Architekten-Vereins, 1867 S. 124.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: