Titel: Ueber angebliche Selbstentzündung der mit Chilisalpeter gefüllten Säcke; von Dr. Carl Nöllner in Harburg a. d. Elbe.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1867, Band 186/Miszelle 8 (S. 334–335)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj186/mi186mi04_8

Ueber angebliche Selbstentzündung der mit Chilisalpeter gefüllten Säcke; von Dr. Carl Nöllner in Harburg a. d. Elbe.

In neuester Zeit wurde mehrseitig die Behauptung aufgestellt, daß mit Chilisalpeter gefüllte Säcke sich durch Gährung und die damit verbundene Temperaturerhöhung zuletzt bis zur Entzündung erhitzt hätten. Dadurch sehen wir uns veranlaßt, den eigentlichen Sachverhalt wissenschaftlich hier zu erörtern, indem wir annehmen, daß es sowohl den Besitzern großer Salpeterlager und deren Nachbarn, wie den betreffenden Assecuranzen, Spediteuren etc. nicht gleichgültig seyn kann, ob sie es mit einem der Selbstentzündung fähigen oder unfähigen Stoff zu thun haben.

Vorerst müssen wir erwähnen, daß die im Handel vorkommenden mit Chilisalpeter gefüllten Säcke von einer Größe sind, daß sie durchschnittlich etwa 200 Pfund enthalten; ein leerer Sack ausgewaschen und getrocknet wiegt 3 bis 4 Pfund. Der käufliche Rohsalpeter enthält in der Regel 2 Proc. Feuchtigkeit, die nach den Wärme- und Localverhältnissen bald ab- und zunimmt, aber nie viel mehr als 3 Proc. übersteigen kann, weil diese eine der Temperatur entsprechende Lösung bilden, welche alsdann durch die Säcke abfließt.

Wenn und aber Chilisalpeter auf Papier ausgebreitet schon über Nacht in den meisten Räumlichkeiten zerfließt, so geht daraus doch deutlich hervor, daß die Säcke nicht Wasser, sondern nur eine vollständig gesättigte Salpeterlösung enthalten können, die um so concentrirter seyn wird, je heißer die umgebende Luft ist, so daß in der Wärme weich anzufühlende Säcke steinhart werden, wenn sie in kältere Temperatur kommen, weil die in ihnen enthaltene concentrirte Lösung wieder krystallisirt.

Nun ist aber längst bekannt, daß einer der zersetzbarsten oder gährungsfähigsten Körper, das Fleisch, vor jeder Zersetzung durch Salpeter geschützt wird, und daß gerade darauf das Einsalzen von Fleisch und anderen Körpern beruht.

Ebenso sieht der Mineralog, daß Gyps mit 20 Proc. Wasser krystallisirend, wenn er aus concentrirten Salzlösungen, wie Chlormagnesium, Chlorkalium krystallisirt, wasserleer, als Anhydrit, erscheint.

Der Chemiker, der in der krystallisirten gewöhnlichen Soda circa 63 Proc. Wasser findet, findet in solcher Soda, welche aus concentrirter Aetzlauge krystallisirt, nur 20 Proc. Ein feuchter voluminöser Waschschwamm schrumpft zusammen und wird sofort steinhart, sowie er in concentrirte Salzlauge von Chlorkalium gelegt wird, weil alle derartige concentrirte Salzlösungen dem feuchten Körper die Feuchtigkeit entziehen und den organischen wie unorganischen Stoff, gleichsam trocken legen, wobei keine Gährung stattfindet, so daß bei einem schon in Zersetzung begriffenen Körper, diese wieder aufhört, sobald anstatt Wasser eine Salpeterlösung würde zugegossen werden.

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Außer diesen täglichen Erfahrungen zeigt aber auch jede Schiffsladung, worin Salpeter in Säcken versendet wird und diese natürlicher Weise in viel größeren Massen, nicht wenige Tage, sondern Monate lang aufeinanderliegen und sämmtlich die Tropengegend passiren müssen, daß Feuchtigkeits- und Temperaturverhältnisse der Atmosphäre noch nie eine Gährung oder gar Selbstentzündung jener Säcke veranlaßt haben, welches der Chemiker einfach dadurch erklärlich findet, daß der Salpeter keiner Sauerstoffaufnahme aus der Luft mehr fähig ist (die Selbstentzündung fein zertheilter Metalle und Metalloxyde, organischer Stoffe etc. gehört also gar nicht hierher), und daß Säcke vor Gährung nicht besser geschützt werden können, als wenn sie in Salpeter eingesalzen würden; außerdem ist auch noch zu erwähnen, daß, wenn Chilisalpeter durch Feuchtigkeitsaufnahme zerfließt, also aus dem festen Zustande in den flüssigen übergeht, nach allbekannten physikalischen Gesetzen nur ein Verschwinden von Wärme, eine Temperaturerniedrigung, wahrgenommen werden kann, und nichts weniger als eine bis zur Entzündung sich steigernde Hitze.

Die Theorie wie Praxis lehren daher auf's Bestimmteste, daß die Selbstentzündung eines mit Salpeter gefüllten Magazins oder Eisenbahnwagens geradezu unmöglich ist.

Eine Feuersgefahr bei Salpetersäcken, welche noch etwas Salpeter enthalten, ist nur dann zu befürchten, wenn dieselben Gelegenheit haben, völlig auszutrocknen und in diesem Zustande dann durch directes Feuer berührt werden. So brennt z.B. ein mit Salpeterlauge durchdrungener und wieder ausgetrockneter Rührstab von Holz, wenn er einmal entzündet ist, selbst unter Wasser noch fort und zwar brennt er darin hohl aus. Eine Feuersgefahr für Eisenbahnzüge bei sehr trockener Witterung ist bei Salpeterladungen daher sicherlich nicht größer, als bei Transporten von wirklich brennbaren Stoffen überhaupt. (Böttger's polytechnisches Notizblatt, 1867, Nr. 21.)

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