Titel: Ueber den Durchgang von Projectilen durch widerstehende Mittel, von Prof. Melsens.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1867, Band 186/Miszelle 2 (S. 417–418)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj186/mi186mi05_2

Ueber den Durchgang von Projectilen durch widerstehende Mittel, von Prof. Melsens.

Der Verfasser hat eine Reihe von Experimenten ausgeführt, um einerseits die Rolle, welche die Luft bei der Bewegung der Körper einnimmt, aufzuweisen, andererseits auf Erscheinungen hinzuweisen, welche beim Stoß der Körper zuweilen vorkommen können, und verschiedene Auslegungen zulassen. Obgleich einzelne der Thatsachen, welche Melsens hervorhebt, schon von älteren Forschern dargelegt wurden, und, wie Morin zeigt, ähnliche Versuche in großem Maaßstabe schon in den Jahren 1834 bis 1836 zu Metz ausgeführt worden sind, so halten wir dennoch die von Melsens hervorgehobenen Erscheinungen für wichtig genug, um dieselben nach der uns vorliegenden Quelle (Comptes rendus, t. LXV p. 564; September 1867) im Auszuge vorzuführen.

Um zu zeigen, daß beim freien Fall ein Körper die Luft nicht bloß zu durchdringen hat, sondern, wie dieß von vielen Seiten schon längst angenommen wird, ein gewisses Quantum mit sich fortführt, ließ Melsens eine Bleikugel von 17 Millimet. Durchmesser und einem Gewichte von 29 Grammen aus einer Höhe von 1 Meter in ein mit Wasser angefülltes Gefäß fallen; das Volumen Luft, welches dabei mit fortgerissen wurde, übertraf jenes der Kugel um mehr als das Zwanzigfache. Ein Theil der Luft löste sich dabei von der Kugel ab, ehe letztere den Boden traf; beim Auffallen der Kugel am Boden kam eine sehr große Luftkugel, von vielen kleinen begleitet, zum Vorschein. Um über die Menge der auf solche Weise mit fortgerissenen Luft bestimmte Aufschlüsse zu erhalten, wurde folgende Anordnung getroffen: Ein horizontal befestigter Metallcylinder war mit zwei verticalen graduirten Röhren und einer seitlichen Oeffnung versehen, welche gestattete den Cylinder mit einem Wassergefäße in Verbindung zu setzen und zwar unter einem Wasserdrucke von mehr als 1 Meter. An einem Ende war der Cylinder mit einer dicken Bleiplatte fest verschlossen, während die andere Grundfläche eine dünne Messingplatte bildete. Nachdem der Apparat nebst den graduirten Röhren mit Wasser gefüllt worden war, wurde mit schwacher Ladung gegen das Messingplättchen eine Pistolenkugel abgeschossen; das Plättchen wurde vom Projectile durchbohrt, und durch die entstandene Oeffnung mußte das im Cylinder enthaltene Wasser unter dem gedachten Drucke in der Gestalt eines feinen Strahles ausfließen. Hierbei wurde nun constatirt, daß die in die graduirten Röhren hineingedrängte Luft mindestens das Hundertfache des Volumens der Pistolenkugel einnahm. Aus diesen Versuchen schließt der Verfasser, daß beim Durchdringen eines festen oder flüssigen Mediums von einem Projectile das Mitreißen der Luft auf die Wirkungen der letzteren einen bedeutenden Einfluß ausüben müsse. Die in diesem Sinne mit verschiedenartigen Substanzen angestellten Versuche haben dargethan, daß die Beschaffenheit der Effecte unter Anderem zwar von der Geschwindigkeit des Projectiles, aber wesentlich von seiner und der Natur des Mediums, in welches dasselbe eindringen mußte, sowie nicht minder von der Anordnung der Scheibe selbst, abhängig sey. Wenn man gegen eine Schiefertafel eine Bleikugel mit großer oder kleiner Geschwindigkeit abschießt, so wird dieselbe |418| durchbohrt, ohne zu zerbrechen; die dabei entstehenden Oeffnungen sind klein und wenig verschieden bei größerer oder geringerer Geschwindigkeit des Projectiles. Eine vollkommen runde Oeffnung kann dabei erzielt werden, wenn die Tafel entweder von einem hölzernen Rahmen gehalten oder an mehreren Punkten unterstützt wird; nur gelingt der Versuch bloß bei schwachen Ladungen. Anders hingegen sind die Erscheinungen, wenn eine Pistolen- oder Flintenkugel von Blei oder Gußeisen gegen eine Bleiplatte abgeschossen wird: großen Geschwindigkeiten entsprechen dabei die größten Schußlöcher und zwar in der Art, daß man aus dem Durchmesser der Oeffnung fast auf die Geschwindigkeit des Projectiles, welches jene hervorgebracht hat, zurückschließen könnte. Bei großen Geschwindigkeiten bleibt die Bleischeibe eben, bei geringen aber wölbt sie sich, und zwar entstehen dabei auf beiden Seiten Sprünge von symmetrischer Anordnung. – Eigenthümlich waren die Resultate jener Versuche, bei denen Lamellen von plastischem Thon als Schießscheiben verwendet wurden. Bei gleich bleibender Geschwindigkeit waren dabei die Schußöffnungen um so beträchtlicher, je dicker – bis zu einer bestimmten Grenze – die Platten waren; der Durchmesser der vom Projectile gebohrten Oeffnung wächst mit der Geschwindigkeit des letzteren; so z.B. brachte man mit einer Pistolenkugel von 12 Millimet. Durchmesser und 10 Grammen Gewicht bei einer Ladung von 0,15 Grammen Pulver in einer Lamelle aus gewöhnlichem sehr plastischem Thon eine Oeffnung von beiläufig 24 Millimet. hervor, während dasselbe Projectil bei einer Ladung von 2,5 Grammen Pulver ein Loch in der Lamelle erzeugte, das den Spuren eines Projectiles eines 4 pfundigen Feldgeschützes (du canon 4 de campagne) glich; dabei sind die auf beiden Seiten hervorgebrachten Sprünge von der Art, daß man die Schußseite nicht mehr zu erkennen vermag, während ein Theil des Thones der getroffenen Seitenfläche in dem Sinne abspringt, woher der Schuß kam. Vereinigt man zwei (quadratische) Thonlamellen von etwa 15 Millimet. Dicke und 25 bis 30 Centimetern Seite, indem man dieselben im befeuchteten Zustande aneinander drückt, um ihre Oberflächen in Contact zu bringen, und schießt gegen dieses Paar eine Pistolenkugel mit 2 Grammen Pulverladung ab, so werden die vorher genannten Erscheinungen wahrgenommen, und außerdem findet eine partielle Trennung unter gleichzeitiger Wölbung beider Plättchen statt, so daß sich gleichsam eine biconvexe Hohllinse bildet, deren Mittelpunkt durch das von der Kugel herrührende Loch bezeichnet wird; die auf diese Weise entstandene Bohrung hat einen Durchmesser von mehr als 10 Centimeter. – Die übrigen Versuchsreihen, welche der Verfasser erwähnt, beziehen sich auf die durch anhaltenden Druck und den Stoß gegen Glasscheiben, deren Dicke von 1 bis 5 Millimetern wechselte. Im Allgemeinen hat sich dabei ergeben, daß schwache Ladungen (von 1,2 Grm. und 0,2 Grm.) und leichte Geschosse nahe dieselben Erscheinungen bewirken, wie sie durch unmittelbaren und andauernd fortgesetzten Druck hervorgebracht werden; nur waren bei etwas stärkeren Ladungen die Sprünge, welche um die vom Projectile erzeugte Oeffnung entstanden, von anderer Beschaffenheit; eine Ladung von etwas größerer Stärke (von 2,5 Grm. Pulver) bewirkte bei Anwendung einer mit der Pistole abgeschossenen Bleikugel ein vollständiges Zersplittern der Glasscheibe, während die Splitter dabei in derselben verticalen Ebene abfielen, in welcher die Scheibe aufgehängt war. Auch hier findet Melsens eine Analogie mit den früher angegebenen Erscheinungen, bei welchen die vom Projectile mit fortgerissenen Luftmassen die wesentliche Rolle einnehmen sollen.

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