Titel: Notizen über die Gußstahlfabrik von Fr. Krupp in Essen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1867, Band 186/Miszelle 2 (S. 487–488)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj186/mi186mi06_2

Notizen über die Gußstahlfabrik von Fr. Krupp in Essen.

Hr. Oehlschläger aus Posen hielt in dem Breslauer Gewerbeverein einen sehr spannenden Vortrag über die Krupp'sche Gußstahlfabrik, dem wir folgende Notizen entlehnen. Neben der Anwendung zu Geschützen findet der Gußstahl neuerdings mit bestem Erfolge beim Brückenbau Verwendung. Redner macht hierüber nähere Mittheilungen. Betreffs der Geschütze haben die gezogenen vor den glatten nicht nur dadurch bedeutende Vorzüge, daß die Sicherheit des Treffens bei den ersteren ebenso, wie die Tragfähigkeit der Geschosse eine viel größere ist, sondern auch deßhalb, weil Geschosse jeden Kalibers in den gezogenen Geschützen Verwendung finden können. Die erste Anwendung gezogener Geschütze fällt in das Jahr 1859. Mit gezogenen Sechspfündern wird geschossen auf geschlossene Truppenkörper bei 2000, auf größere Objecte bei 5000 Schritt Entfernung. Alfred Krupp übernahm die Fabrik im Alter von 14 Jahren. Er brachte 1859 den ersten gezogenen Dreipfünder nach Berlin; von da ab war die Fertigung gezogener Gußstahl-Geschütze nur noch Frage der Zeit; doch erst seit 1859 gewann die Fabrik den enormen Aufschwung, wie kaum ein anderes Etablissement der Welt. Nicht unwesentlich begünstigt wurde jener durch die Lage Essens, 4 Meilen vom Rhein entfernt und mit 132 Meilen Anschlußbahnen der Bergisch-Märkischen, 85 Meilen der Cöln-Mindener Bahn, welche einen so regen Verkehr vermitteln, daß im Jahre 1865 die Brutto-Einnahme der Cöln-Mindener Bahn pro |488| Meile sich auf 140,500 Thaler, der Bergisch-Märkischen Bahn sich auf 104,000 Thlr. stellte, während er bei der Oberschlesischen Bahn 134,500 Thlr. betrug. Davon kommen auf den Güterverkehr bei der letzteren 77 Proc., bei der Bergisch-Märkischen 74 Proc., bei der Cöln-Mindener 71 1/2 Proc., während er bei der Ostbahn nur 48 Proc. der Einnahmen beträgt. – Der Flächeninhalt der Krupp'schen Fabrik beläuft sich auf 920 Morgen. (Die Festung Posen hat einen Flächeninhalt von 1270 Morgen.) Die Fabrikgebäude bedecken 240 Morgen. Für den inneren Verkehr der Fabrik bestehen 2 2/3 Meilen Eisenbahn, auf welcher 6 Locomotiven mit 150 Waggons den Verkehr vermitteln. Außerdem stehen 60 Pferde für kleinere Transporte zur Disposition. Den telegraphischen Depeschendienst besorgen 15 Bureaux. Zwei Gasometer speisen 9000 Gasflammen in der Fabrik, welche an trüben Tagen 200,000 Kubikfuß Gas consumirt, während z.B. der Gesammtverbrauch Posens an solchen Tagen sich nur auf 160,000 Kubikfuß beläuft. Die Fabrik enthält u.a. ein chemisches Laboratorium, ein photographisches Atelier; für den Polizeidienst ist ein eigenes Polizei- und für den Feuersicherheitsdienst ein eigenes Pompier-Corps in Function. Die Zahl der Arbeiter beläuft sich auf 10,000, die der Arbeiter in den Bergwerken, Hohöfen u.s.w. auf 1200. Der Arbeitslohn der Arbeiter beträgt in 14 Tagen 120,000 Thlr., während eines Jahres 3,100,000 Thlr. Zur Krankencasse der Fabrik zahlt jeder Arbeiter einen halben bis einen Silbergroschen pro Thlr., und Krupp so viel, wie die gesammten Arbeiter. Verunglücken solche bei der Arbeit, so erhalten sie während ihrer Curzeit den vollen Lohn. Mit 25 Jahren Dienstzeit erlangen sie Pensionsberechtigung. Mit den Fabrikanlagen stehen in Verbindung: Arbeiterwohnungen, ein Lazareth, eine Bäckerei etc. für den Bedarf der Arbeiter. Für den Betrieb sind im Gange 160 Dampfmaschinen mit 6000 Pferdekräften: eine große Dampfmaschine hat allein 1000 Pferdekräfte. 130 Dampfkessel setzen jene Maschinen in Bewegung. An Kohlen werden unter diesen Kesseln täglich 13,500 Schäffel verbraucht; der Bedarf an Steinkohlen und Kohks in der Fabrik beläuft sich auf 22,500 Schüssel. Der Verbrauch an Wasser beträgt 200,000 Kubikfuß in 24 Stunden. Der höchste Schornstein der Fabrik hat 240 Fuß Höhe circa 300 hessische Fuß oder 75 Meter). An Dampfhämmern sind in Bewegung 35, von denen das Gewicht des schwersten 1000 Ctr. beträgt (das Gewicht des schwersten Borsig'schen Dampfhammers in Moabit beläuft sich auf 100 Ctr.). Die Amboßgehäuse wiegen 30,000 Ctr., die transportirten Chabotten 5000 Ctr. Die Kosten des Dampfhammers betragen 600,000 Thlr. Projectirt ist ein Dampfhammer von 2500 Ctr. Schwere zum Preise von 1,4 Millionen Thlr. Werkzeugmaschinen gibt es über 600. Der Laufkrahn mit 70 Fuß Weite transportirt Lasten von 1500 Ctr. Oefen zum Schmelzen, Glühen, Cementiren etc. 400, Schmiedeessen 110. Die Zahl der Schmelztiegel beträgt über 1400. Jeder faßt 60 bis 70 Pfund Gußstahl. Für den Guß eines Blockes von 900 Ctr. wird der Stahl in den 1400 Tiegeln von 1200 Arbeitern geschmolzen, welche nach der schweren 1/4stündigen Arbeit 2 Stunden Ruhe genießen. Neunzoller schießen Geschosse von 300 Pfd., Elfzöller solche von 600 Pfd. Ein Elfzöller wiegt 540 Ctr. Der Preis des Niesengeschützes, welches für die Pariser Ausstellung bestimmt ist, stellt sich auf 130,000 Thlr.; es wurde daran gearbeitet seit dem November 1865. Das innere Rohr, dargestellt aus einem Rohblock von 850 Ctr., wiegt 400 Ctr., die vier aufgezogenen Ringe wiegen 600 Ctr. Das Geschütz ist 4 1/2 Fuß lang und an der schwächsten Stelle 2 1/2 Fuß stark. An der dicksten Stelle ist es 4 1/4 Fuß stark und hat an dieser stelle einen Umfang von 13 1/2 Fuß. Der Schildzapfen-Durchmesser beträgt 16 Zoll, die Seele des Geschützes 14 Zoll. Das Geschoß hat einen Umfang von 43 Zoll. Der Durchmesser eines Bronze 24 Pfünders beträgt 13 Zoll, der Seelendurchmesser 5 Zoll, die Länge 113 1/2, das Gewicht 52 Ctr. Die Laffette hat eine Länge von 10 1/2 Fuß und wiegt 300 Ctr. Der Rahmen ist 30 Fuß lang und wiegt 500 Ctr. – Im Jahre 1863 wurden 250,000 Ctr., 1864 schon 500,000 Ctr. und 1866 bereits eine Million Ctr. Gußstahl in der Krupp'schen Fabrik erzeugt. Der Weich der bisher abgelieferten Geschütze beläuft sich auf 7 Millionen Thlr. Gegenwärtig sind in Bestellung 2370 Geschütze, die nach allen Ländern gehen. Der Vicekönig von Aegypten bestellte die ersten gezogenen Kanonen. Von den in der Fabrik befindlichen Officieren werden die Geschütze probirt und dazu monatlich an Schießpulver 30–40 Ctr. verbraucht. – Schon diese flüchtige Skizze wird einen Einblick in die Großartigkeit der Krupp'schen Fabrik bieten. (Breslauer Gewerbeblatt, September 1867, Nr. 12.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: