Titel: Vergiftete Visitenkarten.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1867, Band 186/Miszelle 9 (S. 492)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj186/mi186mi06_9

Vergiftete Visitenkarten.

Die (französische) Industrie ist mit einem neuen Erzeugniß aufgetreten, welches nicht rasch genug zurückgewiesen werden kann.

Schon früher habe ich auf den Unfug, welcher in dem Ueberziehen der Visitenkarten mit Bleiweiß besteht, aufmerksam gemacht.137)

Jetzt probirt man das Manöver mit einem anderen und, weil im Wasser leicht löslich, noch gefährlicheren Bleipräparate, nämlich mit Bleizucker. Seit Kurzem circuliren nämlich Visitenkarten, welche einen Ueberzug auf einer oder auf beiden Flächen haben, der dem bekannten Moiré metallique des Weißbleches ähnlich sieht. Beim Biegen dieser Karten vernimmt man ein schwaches Knistern, wie wenn Kryställchen sich aneinander reiben, und es lösen sich auch feine Nadeln davon ab; der Nase genähert, bemerkt man einen schwachen Geruch nach Essigsäure. Dadurch aufmerksam gemacht, brachte ich die Krystallfläche an die Zunge, sie schmeckte süßlich – dann mit Schwefelammonium in Berührung, sie wurde schwarz und – die qualitative Untersuchung war fertig.

Die quantitative Untersuchung übernahm in meinem Laboratorium Hr. Apotheker Alb. E. Ebert aus Chicago (Illinois, Nord-Amerika). Eine auf beiden Flächen moirirte Karte von 4 Zoll Länge und 2 1/2 Zoll Breite, welche 33 1/2 Gran wog, wurde mit destillirtem Wasser, welchem man ein paar Tropfen Essigsäure zugesetzt hatte, ausgelaugt, die Lösung mit Schwefelsäure gefällt und das entstandene Bleisulphat gewogen. Es betrug 4,187 Gran, welche 5,234 Gran krystallisirtem Bleizucker entsprechen.

Die Karte war durch diese Behandlung um etwa 7 Gran leichter geworden, enthielt aber, wie vorauszusehen, noch Blei, welches man durch Einäschern, Digeriren der Asche mit verdünnter Salpetersäure und Fällen der Flüssigkeit mit Schwefelsäure gleichfalls in Sulphat verwandelte. Dieses wog 1,0937 Gran, enthielt also ungefähr 1/6 des Metalles der ganzen ursprünglichen Karte und entsprach 1,367 Gran Bleizucker.

Der Karte hasteten mithin im Ganzen 6,601 Gran Bleizucker an, genug um ein 3 bis 5 jähriges Kind zu tödten oder doch dem Tode nahe zu bringen.

Dr. Wittstein.

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Wittstein's Vierteljahresschrift, Bd. III S. 454.

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