Titel: Varrentrapp, über die Wasserversorgung von London.
Autor: Varrentrapp, Franz
Fundstelle: 1868, Band 187, Nr. L. (S. 222–225)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj187/ar187050

L. Die Wasserversorgung von London; von Dr. Franz Varrentrapp.

Folgende Bemerkungen über die Quantität und die Qualität des Wassers, welches jetzt in London von den Gesellschaften für Wasserversorgung geliefert wird, und über die in Aussicht genommenen Verbesserungen, hat E. Frankland in der Royal Institution of Great Britain vorgetragen. Es sind darin sehr bedeutsame Hinweise auf die Zunahme der Menge des Verbrauches wie über die Beschaffenheit des statthaften Wassers gegeben.

London wird durch die Thätigkeit von neun Gesellschaften täglich mit 108 Millionen Gallons, d. i. 980 Mill. Pfd. = 16 Mill. preuß. Kubikfuß Wasser versorgt. Diese Wassermasse würde ein Bassin von 400 Fuß Länge, 400 Fuß Breite und 100 Fuß Tiefe oder einen Cana |223| von 4 deutschen Meilen Länge, 16 Fuß Breite und 10 Fuß Tiefe füllen. Im Jahre 1850 belief sich die täglich verbrauchte Wassermenge nur auf 44 1/2 Mill. Gallons = 400 Mill. Pfd. = 6 2/3 Mill. Kubikfuß; 1856 war dieselbe auf 81 Mill. Gallons = 700 Mill. Pfd., fast 11 2/3 Mill. Kubikfuß gestiegen, 1865 auf 108 Millionen. Nimmt man an, daß ein gleicher Mehrverbrauch in den nächsten 20 Jahren stattfinden werde, so wird auf eine Lieferung von 150 Mill. Gallons, ungefähr 23 Mill. Kubikfuß, auf die tägliche Füllung eines Canales von 10 deutschen Meilen Länge, von 10 Fuß Breite und Tiefe zu rechnen seyn. Die Themse führt täglich nur 70 Mill. Kubikfuß Wasser im Durchschnitt; 1/3 desselben müßte also zur Wasserversorgung gepumpt werden. – Die Hälfte des Wassers wird aus der Themse gepumpt, ein zweiter großer Theil dem Flüßchen Lea und der verhältnißmäßig kleine Rest aus artesischen Brunnen entnommen. Letzteres Wasser ist hart, das Flußwasser in vieler Beziehung nicht empfehlenswerth und den Ansprüchen an ein gutes Trink- und Waschwasser in keiner Weise genügend.

Die beiden ernstlichen Vorschläge, besseres und genügendes Wasser zu beschaffen, rühren von Bateman, von Hemans und Massard her. Ersterer will durch einen Aquaduct von 183 englischen = 40 deutschen Meilen die Quellen des Severn-Flusses aus Nord-Wales nach London leiten, so daß die Reservoire bei London circa 250 Fuß höher als die Stadt liegen, während der niedrigste Sammelpunkt bei den Severn-Quellen 450 Fuß über dem Themsespiegel oberhalb London liegt, so daß der Aquaduct 200 Fuß Fall erhält. Eines der Reservoire bei der Stadt wird 76 Fuß Tiefe und 5 englische Meilen, also mehr als eine deutsche Meile Länge haben und über 1 Million Kubikfuß Wasser enthalten; ein zweites fast ebenso großes und ein drittes mit dreiviertel des Inhaltes werden nicht weit davon herzurichten seyn. Das Terrain der Severn-Quellen, welche gefaßt werden sollen, beträgt 204 englische = 9 1/2 deutsche Quadratmeilen; eines der dort anzulegenden Reservoire wird einen Inhalt von 2 1/4 Millionen Kubikfuß haben und sonach 50 Proc. mehr Wasser fassen, als der schätzbare Inhalt des Loch Katrine beträgt.

Die Vorrichtungen zur täglichen Lieferung von 220 Mill. Gallons = 33 1/3 Mill. preuß. Kubikfuß glaubt Bateman mit etwas weniger als 11 Millionen Pfund Sterling, also über 70 Millionen Thaler, herstellen zu können. Die Verzinsung dieser Summe, nebst den Kosten für Unterhaltung der Anlage, Ueberwachung u.s.w. würde gestatten das Wasser immer noch zu 2/3 des bisherigen Preises zu liefern. Es würde in jeder Beziehung tadellos seyn.

Das zweite Project will das Wasser dem Gebiet der Cumberland- |224| und Westmoreland-Gebirge, von 177 englischen = 8 1/3 deutschen Quadratmeilen entnehmen, wo der durchschnittliche jährliche Regenfall 100 1/2 englische Zoll beträgt. Es hat den Vortheil natürliche Reservoire darzubieten, aber die Leitung wird um circa 80 englische = 17 deutsche Meilen länger und erfordert mehrere Tunnels, von denen zwei über je 1 1/2 deutsche Meilen lang werden müssen. Die Kosten der Anlage, um täglich 250 Mill. Gallons = 38 Mill. Kubikfuß Wasser liefern zu können, werden auf 13 Mill. Pfd. Sterl., also circa 90 Mill. Thaler geschätzt.

Der Fehler des jetzt gelieferten Wassers besteht in seinem Gehalt an organischer Materie und an Salzen, welche es schwer verdaulich und zum Waschen minder geeignet machen. Die Bestimmung der nicht flüchtigen Salze bietet keine Schwierigkeit; die salpetrige Säure und die organischen Materien sind zwar leicht qualitativ nachzuweisen, die quantitative Bestimmung derselben, welche bisher versucht wurde mit Hülfe von Zusatz einer titrirten Lösung von übermangansaurem Kali zu dem mit Schwefelsäure angesäuerten Wasser, ist unbrauchbar, wie sich Frankland durch sorgfältige Versuche überzeugte, indem er 100,000 Theile Wasser mit je 3 Thln. Oxalsäure, arabischem Gummi, Rohrzucker, Stärke, Leim, Kreatin, Alkohol, Harnstoff, Harnsäure oder salpetrigsaurem Natron versetzte. Nur die Oxalsäure wurde in 10 Minuten schon vollständig durch das übermangansaure Kali oxydirt und konnte daher auch, wenn man durch einen kleinen Ueberschuß von letzterem die Flüssigkeit roth gefärbt hatte, selbst nach 6 Stunden diesen Ueberschuß nicht oxydiren. Für diese Säure war also eine genaue Bestimmung durch eine titrirte Lösung des oxydirenden Salzes möglich. Alle die anderen organischen Materien wurden aber in 10 Minuten bei gleicher Behandlung nur in sehr geringer Menge oxydirt. Im Verlauf von 6 Stunden schritt zwar die Oxydation bei den einzelnen Substanzen mehr oder weniger rasch fort, es wurde annähernd die doppelte Menge von übermangansaurem Kali entfärbt wie in den ersten 10 Minuten, erreichte aber entfernt nie das Quantum, was man hätte erwarten müssen. Anstatt 3 Theilen, welche hätten zersetzt werden sollen, wurden zersetzt von dem:

Gummi arabicum in 10 Min. 0,082. In 6 Stund. 0,280, also circa 9,3 Proc.
Rohrzucker „ „ 0,051 „ „ 0,111 „ „ 3,7 „
Stärke „ „ 0,114 „ „ 0,241 „ „ 8,0 „
Leim „ „ 0,634 „ „ 1,469 „ „ 48,8 „
Kreatin „ „ 0,064 „ „ 0,138 „ „ 4,6 „
Alkohol „ „ 0,074 „ „ 0,131 „ „ 4,0 „
Harnstoff „ „ 0,074 „ „ 0,095 „ „ 3,1 „
Harnsäure „ „ 0,262 „ „ 0,480 „ „ 16,0 „
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Anders verhielt sich das salpetrigsaure Natron, es wurde sofort oxydirt und entfärbte eine Quantität der titrirten Manganlösung, aus der sich statt 3 Thln., welche dem Wasser zugesetzt waren, 5,53 Thle. berechneten.

Man erkennt hieraus, daß die Anwendung von übermangansaurem Kali zur quantitativen Untersuchung des Wassers auf einen Gehalt an organischer Materie völlig unstatthaft ist. Es pflegen in unreinem Wasser neben organischer Materie, die nur theilweise durch das Reagens oxydirt wird, sehr häufig salpetrigsaure Salze und Ammoniak vorhanden zu seyn. Es bleibt daher nichts übrig, als in solchen Wässern direct zu bestimmen:

1) den Kohlenstoff, welcher in der darin enthaltenen organischen Materie sich vorfindet und zwar, indem man ihn nicht vermengt mit dem Kohlenstoff, der als Kohlensäure an Basen gebunden in dem Wasser enthalten ist;

2) den ganzen Stickstoffgehalt, sowohl den, welcher einen Bestandtheil der organischen Materie ausmacht, wie den, welcher in den Nitraten und Nitriten sowie in dem Ammoniak enthalten ist;

3) den Theil des Stickstoffs allein, welcher als salpetersaures und salpetrigsaures Salz vorhanden ist;

4) das Ammoniak allein.

Durch Abziehen der in der dritten und vierten Bestimmung gefundenen Mengen von Stickstoff, von der in der zweiten nachgewiesenen Quantität, erhält man den Stickstoffgehalt der organischen Materie. Die dazu zweckmäßigsten Methoden hat Frankland ebenfalls beschrieben. Es würde zu weit führen, hier darauf näher einzugehen.

Von einer Substanz, die häufig in den zu untersuchenden Wassern in nicht geringer Menge sich findet und das übermangansaure Kali augenblicklich entfärbt, hat Frankland, aus nicht erwähntem Grunde, gar nicht gesprochen. Das kohlensaure Eisenoxydul ist im Brunnen- und Quellwasser, namentlich solchen, die organische Materien enthalten, in humusreichem Erdreich sich sammeln, sehr häufig. Wer die Entfärbung des übermangansauren Kalis als lediglich von organischer Materie herrührend betrachten wollte, könnte auch durch diesen Eisenoxydulgehalt irre geführt werden, zumal der beim Verdunsten von unreinem Wasser bleibende, durch schwaches Glühen unter Luftabschluß erhaltene Rückstand in solchem Falle seine dunkle Färbung nicht allein der Kohle, sondern zugleich dem Eisengehalt verdankt. Mittheilungen für den Gewerbeverein des Herzogthums Braunschweig, 1867.)

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