Titel: Lielegg, über die Anwendung der Spectralanalyse.
Autor: Lielegg, Andreas
Fundstelle: 1868, Band 187, Nr. XCIV. (S. 390–399)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj187/ar187094

XCIV. Ueber die Anwendung der Spectralanalyse für den Bessemerproceß; von Andreas Lielegg, Professor in St. Pölten.

Mit einer Abbildung auf Tab. VI.

Seit Kirchhoff und Bunsen durch ihre classischen Arbeiten die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Spectralanalyse gelenkt haben, wurden durch dieselbe Entdeckungen gemacht, welche selbst hochgespannte Erwartungen nicht unbefriedigt ließen; denn die Auffindung von vier neuen Grundstoffen und die Aufschlüsse, welche über die materielle Natur von Himmelskörpern auf diesem Wege gewonnen wurden, sind gewiß für die Wissenschaft von der größten Bedeutung.

Die vielseitige Anwendung, welche man von der Spectralanalyse machen kann, hat aber auch nicht verfehlt zahlreiche Untersuchungen zu veranlassen, welche mehr oder weniger von praktischem Erfolge begleitet waren, wie dieß die Arbeiten von Valentin 110), Haerlin 111) und Anderen erweisen, die auch zugleich zeigen, wie der Annahme selbst fruchtbarer Ideen, weil sie der Gedankenrichtung ihrer Zeit entgegen oder doch wenigstens fremd sind, ein gewisser Widerstreit vorangeht.

Als ich im Sommer des Jahres 1866 meine Untersuchungen über das Spectrum der Bessemerflamme begann, war nur eine kurze Mittheilung Roscoe's 112) aus dem Jahre 1863 bekannt, in welcher zwar der Anwendung der Spectralanalyse bei der Fabrication des Gußstahles |391| nach der Bessemermethode die höchste Wichtigkeit (highest importance) zuerkannt wurde, die aber nichts weiteres als die Thatsache enthielt, daß im Spectrum der Bessemerflamme eine Anzahl bisher unbestimmter heller Linien beobachtet werden kann. Bei dem großen Aufschwunge, welchen das Bessemerverfahren in Europa genommen und bei den vielfachen Bemühungen nähere Kenntniß über diesen Proceß zu erlangen und den praktischen Betrieb zu vervollkommnen, muß es auffallen daß diese von Roscoe geäußerte Ansicht eine eingehendere Untersuchung von Seite der hierbei Interessirten nicht sogleich zur Folge hatte. Im Jahre 1864 erwähnte zwar F. Kohn gelegentlich eines Vortrages über die neueren Verbesserungen des Bessemerverfahrens113), daß man die Spectralanalyse für den schwedischen Proceß anwendbar zu machen suchte, jedoch keinen Erfolg erzielt hat, und Tunner 114) äußerte sich in einem Berichte über die bis zum Schlüsse des Jahres 1864 gemachten Erfahrungen und Fortschritte mit dem Bessemern, insbesondere in Innerösterreich, folgendermaßen: „Zur Beurtheilung des Ofenganges möchte die Beobachtung der Flamme und Funken und am allersichersten eine Schöpf- oder Spießprobe ein besseres Anhalten geben als die Spectralanalyse.“

Aus diesen Aeußerungen ergibt sich, daß Versuche gemacht wurden die Spectralanalyse dem Bessemerverfahren dienstbar zu machen; da ich jedoch über dieselben keine Publicationen auffinden und keine weiteren Mittheilungen erhalten konnte, so begann ich, ungeachtet dieser letzteren keineswegs ermuthigenden Vorberichte, meine Spectralbeobachtungen in der Bessemerhütte der k. k. priv. Südbahngesellschaft in Graz und veröffentlichte dieselben115), sowohl weil ich von maaßgebender Seite hierzu ermuntert wurde, als auch aus dem Grunde, weil ich Thatsachen constatirt hatte, die, abgesehen von ihrem wissenschaftlichen Interesse, für die Beurtheilung des Ofenganges von praktischer Bedeutung zu seyn versprachen; und in der That hat sich diese meine Ansicht gerechtfertigt, denn in den neuerrichteten Bessemerhütten zu Ternitz in Niederösterreich, in der Maximilianshütte in Bayern und vielleicht in noch einigen anderen wurde die Spectralprobe eingeführt; die Bessemerhütte in Graz aber, in welcher ich auch noch später die Beobachtungen fortzusetzen Gelegenheit hatte, war meines Wissens wenigstens in Oesterreich die erste, welche |392| von der Spectralanalyse mit Erfolg praktische Anwendung machte.116) Da nun hierdurch die Spectralprobe als ein brauchbares Hülfsmittel in die Bessemerpraxis eingeführt ist, so hielt ich es für zeitgemäß die Ergebnisse meiner Untersuchungen, soweit sie bis jetzt gediehen sind, im Folgenden mitzutheilen.

Das Spectrum.

Betrachtet man die Flamme, welche während einer Charge der Bessemerretorte (Converter) entströmt, durch einen Spectralapparat, so kann man viele und verschiedenartige farbige Linien wahrnehmen, welche, wiewohl sie auf keinem dunklen Hintergrunde erscheinen, doch wegen ihrer Helligkeit und scharfen Begrenzung deutlich erkannt werden können.

Da die Bessemerflamme leuchtet, ja in gewissen Stadien der Charge sogar ein blendend weißes Licht verbreitet, und da in derselben neben glühenden Gasen auch noch glühende feste Theilchen enthalten sind, so erzeugt ihr Licht, wenn es durch ein Prisma analysirt wird, nicht nur Linienspectra, sondern auch ein continuirliches Spectrum, welches für erstere gleichsam den Hintergrund bildet. Diesem Umstande ist es auch zuzuschreiben, daß Linien, welche überhaupt nur geringe Lichtstärke besitzen, oder solche, die aus anderen Ursachen nur ganz schwach erscheinen können, selten oder gar nicht gesehen werden, wiewohl ihr Auftreten mit Recht erwartet werden könnte.

Die Gase und Dämpfe, welche die Bessemerflamme bilden, sind ihrer chemischen Natur nach sehr verschieden; außer den Dämpfen von Kalium-, Natrium- und Lithiumverbindungen enthält dieselbe vermuthlich geringe Mengen von Kohlensäure, in manchen Fällen schweflige Säure und gewiß auch Wasserstoff, von der Feuchtigkeit der eingeblasenen Luft herrührend, in überwiegender Menge jedoch Kohlenoxydgas mit Stickstoff gemischt. Bei einem Einsatz von 70 Centner Roheisen, mit welchem die Bessemerhütte in Graz arbeitet und bei einem beiläufigen Kohlenstoffgehalte des Roheisens von 1 Procent, werden 280 Pfd. Kohlenstoff der Oxydation unterzogen, wenn die Charge bis zur gänzlichen Entkohlung fortgeführt wird; diesem Kohlenstoffquantum entsprechen 9200 Kubikfuß Kohlenoxyd, und wenn auch die Hälfte des ganzen Kohlenstoffgehaltes schon während der ersten Periode, in welcher aber keine Kohlenoxydflamme wahrzunehmen ist, theils verbrannt, theils als Graphit ausgeblasen wird117), so bleiben noch immer für die zweite und dritte Periode, |393| also zur Flammenbildung, 4600 Kubikfuß übrig. Da nun bei diesem Oxydationsprocesse kein anderes brennbares Gas in solcher Menge gebildet wird und gebildet werden kann, so muß das während der Koch- und Frischperiode regelmäßig erscheinende und bis zu Ende der Charge andauernde Linienspectrum nur durch dieses Gas hervorgebracht seyn; denn außer dem Kohlenoxyde ist nur Stickstoff in solcher Menge in der Flamme vorhanden, die ein so constantes Spectrum veranlassen könnte. Von letzterem Gase wurde jedoch durch eine Flamme noch nie ein Spectrum erhalten, weder beim Verbrennen einer Stickstoffverbindung, noch beim Verbrennen solcher Verbindungen, die keinen Stickstoff enthalten, mit Luft; es ist daher nicht anzunehmen, daß dieß im vorliegenden Falle geschehe. Ebenso verdient aber auch hervorgehoben zu werden, daß Kohlenstoffspectra wohl durch Verbrennen von Cyan, Elayl, Leuchtgas und anderen Kohlenstoffverbindungen mit Luft oder Sauerstoff, aber noch nie durch Verbrennen von Kohlenoxyd bisher dargestellt werden konnten. Läßt man Kohlenoxyd mit Luft, Sauerstoff oder Stickstoffoxydulgas gemischt aus einem Daniell'schen Hahn ausströmen und zündet das Gasgemenge an, so gibt diese Flamme nur ein continuirliches Spectrum ohne helle oder dunkle Linien; dieses Resultat wird nicht geändert, wenn man in die Kohlenoxydflamme von außen einen Sauerstoffstrahl hineinleitet, oder wenn man dem verbrennenden Kohlenoxyd früher das gleiche Volumen Wasserstoff beigemengt hat. Wenn nun dessenungeachtet die Bessemerflamme ein Linienspectrum liefert, welches vom Kohlenoxyd herstammt, so mag die Ursache dieses eigenthümlichen Verhaltens in der großen Verschiedenheit der Temperatur zu suchen seyn, welche zwischen den auf experimentellem Wege dargestellten Flammen und der Bessemerflamme obwaltet; letztere wird einen höheren Hitzegrad erreichen als jene, weil das Kohlenoxyd schon in der Retorte, also vor der Verbrennung, eine so hohe Temperatur angenommen hat.

Einen ferneren Beleg, daß die in dem Spectrum der Bessemerflamme enthaltenen Liniengruppen dem Kohlenoxyd zuzuschreiben sind, liefert die Beobachtung des Spectrums, welches die Kohlenoxydflamme hervorbringt, die sich bei dem der Charge unmittelbar vorhergehenden Anheizen der Retorte zeigt; denn dieses enthält außer den dem Kalium, Natrium und Lithium zukommenden Linien dieselben charakteristischen Liniengruppen wie das Spectrum der Bessemerflamme. Es mag daher der Schluß gerechtfertigt seyn, das Bessemerspectrum auf das Kohlenoxyd als Entstehungsursache zurückzuführen, nicht aber kann mit Bestimmtheit ausgesprochen werden, ob das Spectrum unmittelbar durch das Licht des verbrennenden Kohlenoxydes hervorgebracht wird, oder ob |394| das Kohlenoxyd als Absorptionsmittel gewisse Theile des durch die glühenden festen Ständchen der Flamme hervorgebrachten continuirlichen Spectrums so auslöscht, daß die inzwischen gelegenen Partien als helle Streifen oder Linien sich darstellen, oder endlich ob die glühende Kohlensäure, welche die äußere Umhüllung der Flamme bildet, eine solche Absorptionswirkung hervorbringen kann.

Das der Bessemerflamme eigenthümliche Spectrum, welches mit dem Eintritt der Kochperiode sich zu entwickeln beginnt, und schon zu Ende dieser Periode seine größte Deutlichkeit erreicht, ist, abgesehen von den dem Kalium, Natrium und Lithium zukommenden und den nur in der Frischperiode erscheinenden Linien, das des verbrennenden Kohlenoxydgases. Es enthält mehrere charakteristische Linien und Liniengruppen, deren relative Lage durch eine Scala, welche die Distanz zwischen Kα (im äußersten Roth) und Kβ (im violetten Theil des Spectrums) in 255 gleiche Theile theilt, festgestellt wurde. Die Ergebnisse der Messungen, welche aus vielen gut übereinstimmenden Ablesungen und bei Chargen mit verschiedenen Roheisensorten erhalten wurden, sind im Folgenden zusammengestellt; der hierzu benutzte Apparat wird später beschrieben werden.

259 Rothe Kaliumlinie Kα.
233 Rothe Lithiumlinie Liα.

α
212
210
208
Gruppe von drei schmalen scharfbegrenzten rothen Linien, von
welchen meistens nur die erste und die dritte gut sichtbar sind.
201 Gelbe Natriumlinie.

β
195
190
184
Gruppe von drei grünlichgelben Linien, von welchen die dritte (184)
am hellsten ist und stets zuerst erscheint; manchmal ist auch der
Raum von 199 – 195 mit grünlichgelben Linien erfüllt.

γ
174
172,5
171,5
Gruppe von drei erbsengrünen Linien, die dritte (171,5) am hellsten
und zuerst auftretend.

δ
162
160
158
155,5

Gruppe von vier grünlichblauen, an Helligkeit sich gleichenden Linien.

ε
148
144,5
141
136,5

Gruppe von vier gleich hellen blauen Linien.
|395|
113 Ende einer Gruppe von vielen blauen, gleich weit von einander
abstehenden Linien, die sich an die vorhergehende Gruppe
unmittelbar anschließt; die Linien sind viel lichtschwächer und
konnten nicht immer beobachtet werden.
81
67
Grenzen einer Gruppe von vier blauvioletten Doppellinien, die erst
in der Frischperiode, aber nicht jedesmal deutlich, erscheinen.
41 Scharfbegrenzte blauviolette Linie; sie erscheint in der Frischperiode
gleichzeitig mit der Gruppe (81 – 67).
4 Violette Kaliumlinie Kβ.
η 2 Helle violette Linie.

(Man sehe Fig. 24.)

Die mit β, Ƴ, δ und ε bezeichneten Liniengruppen und die mit η bezeichnete Linie sind für das Bessemerspectrum charakteristisch, besonders aber sind folgende drei Linien hervorzuheben: 184 der Gruppe β, 171,5 der Gruppe Ƴ und die violette η 2, da sie die empfindlichsten sind und ihr Erscheinen im Spectrum das Auftreten des Kohlenoxydes in der Flamme, den Beginn der zweiten Periode bezeichnend, sowie ihr Verschwinden das Ende der gänzlichen Entkohlung deutlich erkennen lassen.

Für die übrigen aufgeführten Linien 113–41 kann die Zugehörigkeit zum Kohlenoxydspectrum nicht mit gleicher Bestimmtheit ausgesprochen werden, wiewohl dieß sehr wahrscheinlich ist, da die hohe Temperatur in der Frischperiode das Verdampfen anderer Stoffe, sey es aus der Eisenmasse oder aus der Schlacke, oder aus der Ausfütterung als möglich erscheinen läßt; sie wurden überhaupt nur aufgeführt, um allfälligen Irrungen vorzubeugen. Außerdem wurden aber noch mehrere einzelne helle Linien, hier und da auf Momente erscheinend, über deren Natur nichts gesagt werden kann, und mehrere dunkle Absorptionsstreifen beobachtet, die jedoch von keinem praktischen Interesse sind.

––––––––––

Zur Beobachtung des Spectrums kann jeder Spectralapparat dienen, da die charakteristischen Linien selbst durch den einfachsten Apparat deutlich wahrgenommen werden können. Zu meinen ersten Beobachtungen verwendete ich ein Spectroskop, welches weder eine Linsencombination, um die durch die Spalte eintretenden Lichtstrahlen parallel zu machen, noch ein Vergrößerungsfernrohr besaß und nur durch zwei kleine Prismen gebildet wurde, die in einem im Inneren matt geschwärzten Kästchen aus Holz in geeigneter Stellung befestigt waren; auf der einen Seite |396| war jener entsprechend eine einfache Röhre mit einer Spalte und seitlich eine Oeffnung angebracht, durch welche das Spectrum, welches zwar klein, aber sehr lichtstark erschien, mit freiem Auge betrachtet werden konnte. Mit Hülfe dieses einfachen Spectroskopes zeigten sich die einzelnen Linien der vier Gruppen β, Ƴ, δ und ε ganz deutlich und scharf; es war nur nothwendig die Spalte möglichst enge zu machen. Zu späteren Beobachtungen, die mich auch von der Brauchbarkeit kleiner Spectroskope überzeugten, sowie zur Messung der Linien bediente ich mich eines nach dem Steinheil'schen Systeme construirten größeren Apparates118), der mit einem Spalterohr, zwei Prismen, jedes mit einem brechenden Winkel von ungefähr 60°, einem Beobachtungsfernrohre von sechsfacher Vergrößerung und einem Scalenrohr zur Messung der Linien versehen war. Dieser Apparat gab das Spectrum in seiner vollkommensten Entfaltung und gestattete die Beobachtung aller jener Linien, die bei einem kleinen Apparate wegen allzu großer Lichtstärke des Hintergrundes oder wegen allzu nahen Zusammenrückens derselben nicht oder nur undeutlich unterschieden werden konnten. Letzteres gilt namentlich von der Gruppe α und von der sehr charakteristischen violetten Linie η, die so nahe an der gleichfarbigen Kaliumlinie liegt, daß sie sich bei geringer Ausdehnung des Spectrums, wie dieß bei einem kleineren Apparat der Fall ist, mit derselben zu einem einzigen blauen Bande vereinigt.

Daß ein größerer Apparat, der das Spectrum sehr deutlich erscheinen läßt, die individuellen Beobachtungsfehler sehr verringert, ist leicht einzusehen, und die Möglichkeit durch seitliche Verschiebung des Fernrohres die durch ihre Lichtstärke oft hinderliche Natriumlinie außer halb des Gesichtsfeldes zu bringen, muß als eine wesentliche Erleichterung bei der Beobachtung betrachtet werden.

Sehr zweckmäßig für den Gebrauch sind auch die Spectroskope (à vision directe), welche von M. Hofmann in Paris (3, rue de Buci) und die, welche von Herrmann und Pfister in Bern angefertigt werden, obgleich das Spectrum dieser Apparate ein kleineres ist; denn man kann mit diesen die früher angeführten charakteristischen Gruppen vollkommen scharf und deutlich beobachten. Wegen der großen Lichtstärke der Bessemerflamme ist es bei allen Apparaten zweckmäßig, die Spalte möglichst enge zu stellen.

|397|

Entwickelung des Spectrums in den einzelnen Perioden des Bessemerprocesses.

Ueber die Art der Entwicklung des Bessemerspectrums in den einzelnen Perioden des Processes und über den Zusammenhang der Aenderungen desselben mit jenen, welche die Flamme während der Charge erleidet, wurden, bei einem Betriebe mit verschiedenen Roheisensorten, folgende Wahrnehmungen gemacht, welche geeignet seyn dürften zu zeigen, daß der Verlauf einer Charge durch den Spectralapparat genau verfolgt werden kann.

Erste Periode. – Beim Beginn der Charge zeigt sich ein schwaches continuirliches Spectrum, der gelbe Theil ist nahezu gar nicht vorhanden, blau und violett sind nur sehr schwach sichtbar, selbst die Natriumlinie fehlt. Diese bei der großen Empfindlichkeit der Natriumreaction höchst merkwürdige Thatsache kann wohl nicht durch die Abwesenheit der Dämpfe von Natriumverbindungen, oder durch eine nicht hinreichend hohe Temperatur erklärt werden, sondern sie ist einem anderen Umstande zuzuschreiben. Die Flamme, wie sie sich in der Schlackenbildungsperiode repräsentirt, ist nämlich keine Flamme im wahren Sinne des Wortes, da sie nicht durch verbrennende Gase, sondern nur durch eine Masse glühender fester Ständchen gebildet wird, die im Vereine mit der reichlichen Funkengarbe die äußere Erscheinung einer Flamme annimmt.

Im weiteren Verlaufe dieser Periode steigert sich die Lichtintensität und Ausbreitung des continuirlichen Spectrums, und sobald als Kohlenoxyd auch nur stellenweise die Flamme zu durchziehen beginnt, kann das Aufblitzen der Natriumlinie wahrgenommen werden; nach weiteren 1 bis 2 Minuten bleibt sie sodann deutlich und bis zum Schlusse der Charge sichtbar. Durch diese Erscheinung ist der Beginn der Kochperiode gekennzeichnet; denn sobald als die Natriumlinie auftritt, können im grünlichgelben, grünen und violetten Theile des Spectrums je eine Linie beobachtet werden, und sowie für das geübte Auge des Hüttenmannes das Erscheinen des Kohlenoxydes in der Flamme den Periodenwechsel anzeigt, so ist derselbe durch das Auftreten dieser ersten Kohlenoxydlinien augenblicklich und auf das Bestimmteste durch den Spectralapparat signalisirt. Die Linien, welche zuerst erschienen, sind: 184 der Gruppe β, 171,5 der Gruppe Ƴ und die mit η bezeichnete violette Linie 2; letztere liegt unmittelbar neben der violetten Kaliumlinie Kβ, ist jedoch noch mehr abgelenkt als diese und bei enger Spaltöffnung von ihr ganz deutlich getrennt.

|398|

Zweite Periode. – Während der Kochperiode, in welcher die Flamme an Größe und Leuchtkraft gewinnt, schreitet auch die Entwickelung des Spectrums rasch vor; es zeigen sich die Linien der Gruppen δ und ε, die Gruppen β und Ƴ vervollständigen sich, es treten die Linien des Kaliums und Lithiums mit größerer oder geringerer Intensität auf und endlich erscheinen auch die rothen Linien der Gruppe α, nur sind diese selten so deutlich ausgeprägt als die der übrigen genannten Gruppen. Bei besonderer Klarheit des Spectrums schließt sich an die Linie 136,5 der Gruppe ε eine Anzahl von schwachen gleichweit von einander abstehenden blauen Linien an, die den Raum bis 113 ausfüllen. Die manchmal sehr heftige Bewegung der Eisenmasse in der Retorte bringt ein Flackern der Flamme hervor, welches ein Erscheinen und Verschwinden eigenthümlicher dunkler Schattirungen zur Folge hat, die zweifellos als Absorptionsstreifen zu bezeichnen sind. Die Entstehung derselben ist durch das ganz regellos wechselnde stärkere und schwächere Leuchten der Flamme an der dem Apparate zugewendeten und abgekehrten Seite hinreichend erklärt.

Dritte Periode. – Für die Frischperiode oder für den Uebergang in dieselbe, welcher sich bekanntlich nicht genau bestimmen läßt, ist das Erscheinen von neuen Linien im blauvioletten Theile des Spectrums charakteristisch; doch konnten dieselben nicht jedesmal, und wenn sie erschienen nicht immer mit gleicher Deutlichkeit beobachtet werden. Die Ursache dieses Verhaltens ist gegenwärtig kaum befriedigend zu erklären; denn man könnte nur annehmen, daß diese Linien entweder nur dann erscheinen, wenn die Flamme einen bestimmten und sehr hohen Temperaturgrad erreicht, oder wenn die Lichtstärke des den Hintergrund bildenden continuirlichen Spectrums sich nicht so bedeutend steigert, daß sie der der Linien gleichkommt; übrigens hat auch vielleicht die Qualität des Roheisens hierauf einen Einfluß. In jenen Fällen jedoch, in welchen eine Beobachtung möglich war, erschien beiläufig 4–6 Minuten vor Ende der Charge eine Gruppe von vier blauen gleichweit von einander abstehenden Linien (81–67), die das Ansehen von Doppellinien hatten, welcher sich alsbald noch eine einzelne helle und scharfbegrenzte blaue Linie (41) anschloß, worauf beide durch einige Minuten deutlich sichtbar blieben.

Im weiteren Verlaufe der Frischperiode macht sich nun eine Erscheinung geltend, welche für die Praxis von Wichtigkeit ist; die charakteristischen Gruppen des Kohlenoxydspectrums beginnen nämlich allmählich lichtschwächer zu werden und sodann, in Bezug auf ihr Erscheinen in der Kochperiode, in umgekehrter Reihenfolge zu |399| verschwinden bis nur die drei Linien 184 der Gruppe β, 171,5 der Gruppe Ƴ und 2 η wahrnehmbar sind. Hierdurch ist das quantitative Abnehmen des Kohlenoxydes in der Flamme und das baldige Eintreten des Momentes der gänzlichen Entkohlung mit Sicherheit angezeigt. Aber auch die genannten drei Linien verlieren alsbald ihre Lichtstärke, verschwimmen mit den nebenliegenden Theilen des Spectrums und verschwinden endlich ganz, wodurch der Moment der vollkommenen Entkohlung erkannt wird.

Bei der praktischen Anwendung der Spectralprobe für den Bessemerproceß handelt es sich daher nur um die genaue Beobachtung der drei zuletzt genannten Linien, ja es genügen für diesen Zweck schon die zwei grünen Linien oder die violette allein vollkommen; denn einem empfindlichen Auge wird die violette Linie η ebenso deutlich erscheinen als die beiden anderen, wenn die Beobachtung mit einem größeren Apparate geschieht und das Fernrohr nur auf den violetten Theil des Spectrums gerichtet ist; eine Verwechslung mit der violetten Kaliumlinie ist bei einiger Uebung geradezu unmöglich. Bei Anwendung eines kleinen Spectroskopes ist die Beobachtung der zwei grünen Linien vorzuziehen.

Obschon es nun auch Ausnahmsfälle gibt, in welchen das Erkennen des Momentes der Entkohlung nicht sicher gelingt (was der Verfasser selbst zu beobachten jedoch nie Gelegenheit hatte), so kann doch in der überwiegend größeren Anzahl von Chargen ein solches mit großer Genauigkeit stattfinden, und weil die Spectralprobe überdieß leicht auszuführen ist, keine Unterbrechung des Processes erfordert und entschieden mehr Sicherheit gewährt als die Beobachtung der Flamme mit freiem Auge, so dürfte dieselbe, da sie gerade die wichtigsten Momente der Charge anzeigt, als ein brauchbares Hülfsmittel für die Beurtheilung des Bessemerprocesses fernerhin eine größere Verbreitung finden, als dieß bis jetzt der Fall war.

|390|

G. Valentin: der Gebrauch des Spectroskopes zu physiologischen und ärztlichen Zwecken. Bern, 1863.

|390|

J. Haerlin: über das Verhalten einiger Farbstoffe im Sonnenspectrum; Poggendorff's Annalen, 1863, Bd. CXVIII.

|390|

Proceedings of the literary and philosophical Society of Mancester, vol. III p. 57. – The London, Edinburgh and Dublin philosophical Magazine and Journal of science, fourth series, vol. XXV p. 318.

|391|

Polytechn. Journal Bd. CLXXV S. 296.

|391|

Polytechn. Journal Bd. CLXXVIII S. 465.

|391|

Sitzungsberichte der kais. Akademie der Wissenschaften in Wien, Bd. LVI, II. Abtheilung, 1867, und Bd. LVI, II. Abtheilung, Juniheft 1867.

|392|

Oesterreichische Zeitschrift für Berg- und Hüttenwesen, 1867, Nr. 48.

|392|

Polytechn. Journal Bd. CLXXXV S. 30

|396|

Angefertigt in der Werkstätte für astronomische und physikalische Instrumente von Starke und Kammerer am k. k. Polytechnicum in Wien.

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