Titel: Die Hängebrücke zu Kiew.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1868, Band 187/Miszelle 1 (S. 82–83)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj187/mi187mi01_1

Die Hängebrücke zu Kiew.

Eines der werthvollsten und unersetzlichsten Objecte, welche im vorigen Winter bei dem Brande des Krystallpalastes in Sydenham verloren giengen, ist das Modell der Hängebrücke in Kiew über den Dniepr, welche vor 14 Jahren nach dem Entwurfe des englischen Ingenieurs Vignoles errichtet wurde. Die Großartigkeit des Bauwerkes verdient wohl eine kurze Beschreibung, die wir nach dem Mechanics' Magazine folgen lassen. Obwohl die Brücke über den engsten Theil des Dniepr in dieser Gegend geworfen ist, so ist ihre Länge doch noch über eine halbe englische Meile; die Wassertiefe ist an dieser Stelle 40 Fuß in trockener Herbstzeit, aber 60 Fuß nach dem Schmelzen des Schnee's im Frühjahr. Hauptschwierigkeiten bei dem Bau der Brücke waren erstens der Umstand, daß der Boden des Flußbettes ganz aus Sand besteht, und dazu der Stromlauf sich fortwährend ändert, und zweitens, daß der Eisgang und die Frühjahrsfluthen eine im westlichen Europa kaum begreifliche Gewalt haben. Es war also an sich nothwendig, die Anzahl der Strompfeiler so sehr als möglich zu beschränken, wodurch sich das Princip der Hängebrücke von selbst darbot. Da die russische Regierung die Anwendung von Drahtseilen nicht erlaubte, so griff man zu der von schmiedeeisernen Ketten mit breiten und flachen Gliedern. Ganz nach demselben System sind auch die berühmten Hängebrücken über den Menai-sund und den Conway in Wales und über die Donau bei Pesth gebaut; aber alle diese Brücken haben nur eine centrale Oeffnung, während diejenige zu Kiew eine Hauptöffnung von je 440 Fuß Weite und zwei Seitenöffnungen von je 255 Fuß hat; außerdem auch eine Passage von 50 Fuß Weite, mit einer Drehbrücke zum Durchlaß von Dampfbooten und anderen Flußschiffen. Es sind also vorhanden: fünf Suspensionspfeiler im Fluße, ein Widerlagspfeiler am linken Ufer, ein anderer am rechten (wo Kiew liegt), welcher aber eine Insel von Mauerwerk im Strome darstellt, weil hinter ihm noch die Passage mit der Drehbrücke liegt, und endlich ein Widerlagspfeiler für die letztere am rechten Ufer. Die Breite der Brückenbahn ist 53 Fuß, wovon 35 Fuß auf den Fahrdamm kommen. Diese Brückenbahn ist an vier, in einer Horizontalebene liegenden Ketten aufgehängt, zwei auf jeder Seite des Weges; die Fußpfade ragen über die Ketten hinaus und sind auf Consolen auswendig um die Pfeiler herumgeführt, so daß die Fußgänger von den Reitern und Wagen vollständig abgesondert sind. Die Ketten bestehen aus Gliedern von 12 Fuß Länge und 4 1/4 Centner Schwere; je 8 Glieder bilden die Breite einer Kette, und ihre Totallänge, den Curven entlang gemessen, ist nahezu zwei englische Meilen. Das Totalgewicht des zur Construction der Brücke verwendeten Eisenwerkes, einschließlich der beim Bau benutzten Maschinen, betrug etwa 70,000 Centner. Es wurde von zwei Firmen in England geliefert, und beanspruchte zu seinem Transport 21 Schiffe, welche es bis Odessa brachten; von da bis Kiew (etwa 100 deutsche Meilen) mußte es auf Ochsenkarren durch so gut wie pfadlose Steppen transportirt werden. Eine große Menge von Maschinen aller Art wurde beim Bau erfordert, dabei allein 9 Dampfmaschinen, nämlich zwei stationäre von je 50 Pferdestärken und |83| sieben Locomobilen von 4 bis 8 Pferdestärken. Sie dienten zum Pumpen von Wasser, Einrammen von Pfählen, Mahlen von Mörtel, Heben von Holz, Eisen, Stein, Ziegel u. dgl.

Eine temporäre Brücke von großer Stärke wurde vorher über den Dniepr geworfen; sie hatte eine Eisenbahn zu tragen. Es mußte eine ganze kleine Stadt für die Arbeiter am linken Ufer gebaut und ein vollständiges Verpflegungssystem eingerichtet werden. Eine Menge von Ziegeleien und Steinbrüchen wurden eigens für diesen Bau eröffnet; der Granit kam z.B. über 100 englische Meilen weit auf Ochsenkarren. Es wurde sogar eine eigene Cementfabrik im großartigsten Maaßstabe errichtet. Die Arbeiter fiengen im April 1848 an; der Grundstein wurde am 9. September desselben Jahres gelegt, und die Eröffnung für den Verkehr geschah am 10. October 1853. Vorher war sie mit einem Gewicht gleich dem von 50,000 Infanteriesoldaten probirt worden. Die Kosten betrugen 432,000 Pfd. Sterl. = 2 7/8 Millionen preuß. Thaler.

Das in Sydenham aufgestellte Modell, von Jabez James angefertigt, reproducirte den Bau im Maaßstabe von 1/96 so treu, daß jedes Stück Holz und Eisen, jeder Bolzen, jede Schraube, jedes Bret im Verhältniß der Größe nachgebildet war; selbst die architektonischen Details des Mauerwerkes, die inneren Einrichtungen der Widerlager, der Mechanismus der Drehbänke u.s.w. waren genau wiedergegeben. Eine Copie dieses, leider verbrannten Modelles befindet sich im Museum zu St. Petersburg. Dr. Lunge. (Breslauer Gewerbeblatt, December 1867, Nr. 19.)

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