Titel: Das Dampfkesselgesetz der Vereinigten Staaten von Nordamerika; von Prof. Dr. E. Hartig.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1868, Band 187/Miszelle 1 (S. 175–176)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj187/mi187mi02_1

Das Dampfkesselgesetz der Vereinigten Staaten von Nordamerika; von Prof. Dr. E. Hartig.

Bei den zahlreichen Explosionsfällen, über welche die Zeitschriften der Vereinigten Staaten berichten, liegt die Vermuthung nahe, daß Nordamerika eine amtliche Beaufsichtigung der Dampfkessel gar nicht kennt. Dem ist aber nicht so. Es existirt seit dem Jahre 1852 ein sehr ausführliches Gesetz „zur Sicherung der Passagiere auf Dampfschiffen gegen Lebensgefahr,“ in welchem die Vorschriften über Prüfung und Beaufsichtigung der Kessel einen wesentlichen Theil bilden. Ich verdanke der Gefälligkeit eines mir befreundeten Amerikaners denjenigen Jahrgang der Gesetzsammlung der Bereinigten Staaten (The Statues at large and Treaties of the United States of America 1851–1852, p. 61), in welchem das erwähnte Gesetz abgedruckt ist, und will im Folgenden das auf die Dampfkessel Bezügliche daraus mittheilen.

Nach Abschnitt 9 dieses Gesetzes sind in jeder der 25 Städte New-Orleans und St. Louis (für den Mississippi), Louisville, Cincinnati, Wheeling und Pittsburg (für den Ohio), Buffalo und Cleveland (für den Eriesee), Detroit (für den Detroit River), Nashville (für den Cumberland River), Chicago (für den Michigansee), Oswego (für den Ontariosee), Burlington in Vermont, Galveston in Texas, Mobile in Alabama, Savannah in Georgia, Charleston in Südcarolina, Norfolk in Virginia, Baltimore in Maryland, Philadelphia, New-York, New-London in Connecticut, Boston in Massachusetts, Portland in Maine und San Francisco in Californien zwei Inspectoren zu ernennen, von denen der eine (Inspector of Hulls) die Tüchtigkeit des Schiffes, der andere (Inspector of Boilers) die Diensttauglichkeit der Kessel und Maschinen zu prüfen und zu überwachen hat; der letztere soll fähig seyn, über die Güte der Materialien, die Festigkeit, Einrichtung, Ausführung und Zulässigkeit der auf Personenschiffen angewendeten Kessel und Maschinen ein verläßliches Urtheil abzugeben und alle sich zeigenden bedenklichen Mängel sicher zu erkennen. Die Kessel sind vor der Benutzung und hierauf mindestens einmal jährlich zu revidiren und der hydrostatischen Druckprobe zu unterwerfen, wobei festzustellen ist, daß die Kessel von gutem Material hergestellt sind, daß alle Rauchcanäle, alle Wasser- und Dampfröhren angemessene Weiten haben, daß der Wasserstand nicht bis unter die beheizten Flächen sinken kann und daß Kessel, Maschinen und Zubehör ohne Gefahr in Betrieb genommen werden können; insbesondere soll ermittelt werden, daß die Sicherheitsventile in hinreichender Zahl und Größe angebracht, richtig construirt und wohl gangfähig sind, daß eine genügende Zahl von Probirhähnen, ein gutes Wasserstandsglas und ein Manometer, sowie eine größere Zahl schmelzbarer Metallpfropfen vorhanden sind, endlich daß die Speisevorrichtungen eine solche Einrichtung und Größe haben, daß zu allen Zeiten, für Bewegung wie Stillstand des Schiffes, die erforderliche Wassermenge den Kesseln zugeführt werden kann, um den Wasserstand auf mindestens 4 Zoll über den Rauchcanälen zu erhalten; die Schmelzpfropfen auf der Außenseite des Kessels müssen bei einer Spannung, welche die zulässige Betriebsspannung um höchstens 10 Pfd. übersteigt, die an den Rauchröhren bei einer höchstens noch um 10 Pfd. höheren Spannung zum Schmelzen kommen.

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Die zulässige höchste Betriebsspannung für sogenannte Hochdruckkessel ist 110 Pfd. Ueberdruck per Quadratzoll; der zulässige größte Probedruck 165 Pfd.; das gilt für Kessel von 42 Zoll Durchmesser, wenn dieselben eine Wandstärke von mindestens 1/4 Zoll haben und aus vorher geprüften Blechplatten von bester Qualität hergestellt sind; bei größeren oder kleineren Kesseln, sowie bei schon in Gebrauch gewesenen, soll der Inspector die zulässige Betriebsspannung unter Berücksichtigung jener Vorschrift nach seinem Ermessen festsetzen; in allen diesen Fällen hat die Druckprobe mit einer Spannung zu erfolgen, welche 165/110 = 1,5 der zulässigen Betriebsspannung beträgt.

Wenn hiernach bei den Hochdruckkesseln die Betriebsspannung bis zu 2/3 des Probedruckes betragen darf, so soll bei Niederdruckkesseln der Betriebsdruck bis zu 3/4 des Probedruckes festgesetzt werden können.

Bei Durchführung dieser Vorschriften ist dem Kesselinspector ziemliche Freiheit gelassen; er kann im einzelnen Falle, wenn er die Sicherheit gewahrt glaubt, davon abweichen, kann selbst einen Betriebsdruck gestatten, welcher dem Probedruck gleich kommt. Diese Freiheit geht denn doch wohl zu weit, wenn man berücksichtigt, daß die Abnutzung der Kessel von einer Probe zur anderen eine sehr beträchtliche seyn wird.

Bemerkenswerth und nachahmenswerth sind die Vorschriften in Abschnitt 13, 14 und 15: Jeder Schiffskessel soll aus Blechtafeln gefertigt seyn, welche amtlich gestempelt wurden. Der Kesselinspector hat die Qualität des zur Fabrication dieser Blechtafeln verwendeten Materials zu prüfen, hat sich durch geeignete Mittel davon zu überzeugen, ob die Fabrication von der Art ist, daß sie ein dem Holzkohleneisen an Güte gleiches Material liefert. Jeder Kessel soll zurückgewiesen werden, dessen Material Mangel zeigt, nicht hinreichend fest ist, oder dessen Wanddicke (bei 42 Zoll Durchmesser) unter 1/4 Zoll beträgt. Die Stempelung der Blechplatten hat thunlichst an solchen Stellen zu erfolgen, die nach der Vernietung sichtbar bleiben; der Stempel soll enthalten den Namen des Fabrikanten, den Fabricationsort, die Qualitätsbezeichnung des Eisens und eine Angabe darüber, ob dasselbe der Bearbeitung durch den Hammer unterlegen hat.

Ueber jede Revision des Kessels, der Maschine und des Schiffes, einschließlich der Kesselprobe, ist ein ausführliches Certificat auszustellen, dessen Inhalt durch die beiden Inspectoren für jeden einzelnen Fall zu beschwören ist.

Die Thätigkeit der 50 Inspectoren wird noch durch 9 von dem Präsidenten und dem Senat zu ernennende Oberinspectoren (Supervising inspectors) überwacht, die nach Belieben jedes Dampfschiff einer Revision unterwerfen können und die übrigens in jedem Jahr mindestens einmal zusammentreffen, um über einheitliche Durchführung des Gesetzes und über sonst erforderliche gemeinsame Maßregeln zu verhandeln. Alle übrigen Vorschriften beziehen sich auf Beschaffenheit und Einrichtung des Schiffskörpers, auf Strafen bei Uebertretungen des Gesetzes, endlich auf Gehalte der Beamten.

So weit von Schiffskesseln die Rede ist, kann man nach allem dem nicht über Mangel an gesetzlicher Beaufsichtigung klagen; hier dürften die Explosionen vorzugsweise auf Rechnung leichtsinnigen Betriebes zu setzen seyn; aber für die Kessel der Locomotiven und der stehenden Maschinen scheint in der That wie in England die Regierung keine Sorge zu empfinden. (Polytechnisches Centralblatt, 1867 S. 1585.)

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