Titel: Ueber Verwendung der zur Ernährung einer ganzen Bevölkerung erforderlichen Mittel.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1868, Band 187/Miszelle 10 (S. 182–183)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj187/mi187mi02_10

Ueber Verwendung der zur Ernährung einer ganzen Bevölkerung erforderlichen Mittel.

Im Angesicht der Bedrängniß der bedürftigen Bewohner Ostpreußens ist es viel leicht nicht ohne Nutzen die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, daß das Korn durch seine Verwandlung in Mehl an seinem Nährwerth verliert, das Roggenkorn 10 Procent, das Weizenkorn 15 Procent.

Ein Getreidekorn ist ähnlich dem Ei gestaltet; so wie in diesem der fettreiche eiweißarme Dotter umgeben ist von einer Schicht Eiweiß, so ist in dem Getreidekorn |183| der stärkmehlreiche Kern eingehüllt in eine Schicht eines eiweißreichen Körpers, der beim Mahlen zum Theil in die Kleie übergeht; für die Blutbildung ist dieser am wichtigsten.

Durch Umgehung der Gährung in der Brodbereitung können ferner 2 bis 3 Proc. Brod mehr gewonnen werden.

Wenn es sich um die Ernährung einer ganzen Bevölkerung handelt, so ist von der richtigen Verwendung der zu ihrer Erhaltung erforderlichen Mittel das Leben von Tausenden abhängig, und die Beachtung wissenschaftlicher Grundsätze wohl an ihrem Platze. Mit Brod aus Getreideschrot können auf je 1000 Individuen einhundert und zwanzig mehr vor dem Hunger und seinen Folgen geschützt werden, als mit Brod aus Mehl, von welchem die Kleie abgesondert ist, bei gleichem Kornverbrauch. Das ohne Gährung bereitete Kleienbrod (aus 2 Th. Roggen- und 1 Thl. Weizenschrot) ist in meinem Hause täglich in Gebrauch, und wird von mir und meinen Angehörigen und Gästen mit Vorliebe gegessen. Wer es nicht kennt, der weiß nicht welcher Wohlgeschmack im Brod und wie leicht verdaulich das Kleienbrod ist; von dem groben Aussehen weiß der Magen nichts, und seine unschätzbare Wirkung auf Personen mit träger Verdauung ist den Aerzten wohl bekannt.

In Beziehung auf den größeren Nährwerth des Kleienbrodes, der sich wissenschaftlich leicht erklären läßt, dürfte die Thatsache genügen, daß im Krimmkriege die russischen Gefangenen, die daran gewöhnt waren, mit der Soldatenration von dem so gerühmten französischen Weizenbrod nicht auskamen, es mußte ihnen ein Supplement bewilligt werden.

Die Mittel um Brod ohne Gährung zu bereiten, sind bekannt und in England, namentlich auf Schiffen, sowie in Nordamerika allgemein im Gebrauche. Ein Pfund doppelt-kohlensaures Natron (welches 8–8 1/2 kr. kostet), sowie ein Aequivalent Säure zu dessen Sättigung (arsenikfreie Salzsäure oder auch Weinstein) genügt für 100 Pfd. Mehl = 145 Pfd. Brod.

Als ein Ersatzmittel des Fleisches ist seit langem schon der Weizenkleber vorgeschlagen, der als Nebenproduct in der Fabrication des Stärkmehls abfällt, und bis jetzt keine Verwerthung gefunden hat. Ein Versuch zu seiner Anwendung wäre nicht bloß für die Gegenwart von hoher Wichtigkeit.

Mit seinem gleichen Gewichte Mehl gemischt, kann der Weizenkleber, nach der Vorschrift von Véron,57) leicht bearbeitet und gekörnt werden, und gibt in dieser Form, mit etwas Fett, Reis, Kartoffeln, grünem Gemüse etc., die in Fleischbrühe weich gekocht, eine wohlschmeckende, sehr nahrhafte Suppe.

München, 5. Januar 1868.

Justus v. Liebig.

(Allgemeine Zeitung vom 6. Januar 1868.)

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Payen: über die Fabrication gekörnten Klebers durch die Gebrüder Véron, im polytechn. Journal, 1845, Bd. XCVI S. 118.

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