Titel: Das Agricultur-Maschinenwesen in Aegypten, von Max Eyth.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1868, Band 187/Miszelle 2 (S. 176–178)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj187/mi187mi02_2

Das Agricultur-Maschinenwesen in Aegypten, von Max Eyth.

Dieses neueste Werk56) des württembergischen Ingenieurs Eyth (den Lesern des polytechn. Journals durch seine Berichte über die Dampfpflüge und Locomobilen auf der Londoner Weltausstellung von 1862, sowie durch andere schätzbare Mittheilungen bekannt) gibt uns ein Bild von dessen Thätigkeit und Beobachtungen während eines dreijährigen Aufenthaltes als Chef-Ingenieur des Prinzen Halim Pascha in Cairo zu |177| einer Zeit, in welcher in Folge des amerikanischen Krieges die Baumwollcultur in jenem Lande eine ungewöhnlich rasche Entwickelung gewann.

Der Haupthebel zu einer materiellen Regeneration Aegyptens, dessen sich Mehemed Ali während seiner langen Regierung bediente, war die rationelle Bewässerung des Landes durch den Nil. Sein großes Project, das breite Nilthal unterhalb Cairo's während des niederen Standes des Nils durch Dämme zu schließen, um so einen großen Theil des Landes mit Wasser zu versehen und die kostspielige Bewässerung durch Brunnen und die unzähligen Canäle zu umgehen, ist leider mißglückt, da sich die Fundamentirung der Pfeiler und Schleusen in dem sandigen Baugrunde als ungenügend erwies. Man hat dagegen schon um die fünfziger Jahre angefangen, für einige der großen Güter großartige Dampfpumpwerke anzulegen, und die Zahl derselben ist seither ungemein gestiegen, da sich damit, so kostspielig auch deren Betrieb bei einem Kohlenpreise von 3–4 Pfd. Sterl. per Tonne war, doch ungeheure Erfolge erzielen ließen.

Solche großartige Anlagen konnten natürlich nur den großen Gutsbesitzern zu Gute kommen. Mit dem amerikanischen Kriege aber trat für Aegypten eine neue Periode ein, die das Land in fieberhafte Aufregung versetzte und den Werth der gründlichen Bewässerung, die den Ertrag des Baumwollfeldes aus das 2–3fache steigerte, erkennen ließ, da jeder hierfür gebrachte Aufwand reiche Früchte trug. Eyth beschreibt, zu welchen Mitteln man griff, um diesem ebenso plötzlichen als dringenden Bedürfnisse nach geeigneten Bewässerungsmaschinen zu entsprechen, und schildert besonders seine gewiß in hohem Grade verdienstlichen Bemühungen und Arbeiten auf diesem Felde der Maschinentechnik.

Der zweite Abschnitt der Schrift bespricht die Anwendung des Dampfpfluges in Aegypten. Die Verhältnisse des Grundbesitzes, große Complexe in den Händen der Paschas, das ganze Land flach und der Boden absolut steinfrei, da waren die natürlichen Verhältnisse ganz wie für den Dampfpflug gemacht! Dazu kam die Nothwendigkeit einer gründlicheren Bodencultur für den sich allgemein verbreitenden Baumwollbau, sowie die reichen Mittel, welche den Grundbesitzern durch die hohen Baumwollpreise zuflossen.

Halim Pascha, dem Onkel des jetzigen Vicekönigs, waren die Fortschritte des Dampfpfluges in England nicht entgangen; er entschloß sich schon im Jahre 1861 vor der Londoner Industrie-Ausstellung zur Anschaffung eines solchen zum Zwecke der Bestellung seiner Baumwollculturen etc. Eyth schildert nun in höchst interessanter Weise die vielen Schwierigkeiten, welche sich der Einführung eines so complicirten Mechanismus in diesem Lande entgegensetzten: die Bevölkerung, die eigenthümlichen Verhältnisse des Bodens, welcher bei der langen Hitze nahezu die Härte des Steines erreicht, die Sandstürme, die Schwierigkeit der bei Maschinen häufig vorkommenden Reparaturen, die Opposition der Verwalter gegen die neue Art der Landwirthschaft, denen durch das Aufhören des Viehhandels eine ungeheure Nebeneinnahme entgieng. Trotz alledem kam im December 1861 der erste Dampfpflug der Firma Fowler in Leeds und begann da unter den Pyramiden seine culturhistorische Mission. Die ersten Versuche waren ohne Erfolg. Da beschaffte man neue Maschinen aus England von veränderter Construction, wie sie die gemachten Erfahrungen zu erheischen schienen. Weitere Versuche mit diesen neuen Maschinen mißlangen zuerst; das neue System schien das richtige, aber es fehlte an der Ausführung; die einzelnen Theile der Maschine erwiesen sich vielfach als zu schwach. Zu dieser Zeit übernahm Eyth die Leitung der landwirtschaftlichen und industriellen Unternehmungen Halim Pascha's. Er richtete zunächst Reparaturwerkstätten ein, schulte Leute heran, ordnete an den vorhandenen Maschinen verschiedene Aenderungen an und hatte nach 4 Monaten 800 Acres umgepflügt. Es kamen abermals neue Maschinen an und nun gieng die Arbeit ohne Schwierigkeiten vor sich; man begann jetzt sogar mit Hülfe von Fackeln an den Maschinen und Signallaternen, an dem hin- und hergleitenden Pfluge die Nächte durchzuarbeiten. Nach beendigter Saison war einer dieser Apparate über ein Stück von 3000 Morgen Landes gegangen.

Die schönen Erfolge riefen bald die Concurrenz anderer englischer Fabriken in's Feld. Als eine zunächst zu überwindende höchst wichtige Ausgabe erschien die Verwendung der Eingeborenen zur Bedienung des Dampfpfluges. Nachdem diese Möglichkeit erwiesen und durch eine eingetretene Viehseuche die Ochsen und Büffel zu |178| Tausenden weggestorben waren, hatte sich der Dampfpflug Bahn gebrochen und der Vicekönig bestellte deren plötzlich viele Dutzende. Mit dem Erscheinen der Maschinen waren sie aber noch keineswegs in Thätigkeit.

Der Befehl des Vicekönigs konnte zwar das Land mit Maschinen überschwemmen, aber die Fellahs nicht zu Mechanikern machen. So legte er denn seine sämmtlichen Dampfpflugmaschinen still. Diesem Beispiele folgten andere kleinere Grundbesitzer. Nur Halim Pascha hielt an seinem früheren Plane fest und war im Stande, während nahezu 2 Jahren ein großes Gut von 2000 Morgen mit nur 2 Paar Ochsen zu cultiviren, indem alles Pflügen, Eggen, Säen, Mähen und Bewässern ausschließlich durch Maschinen geschah. – Ein Gewaltstreich des Vicekönigs, wie er nur in Aegypten möglich, beraubte den Prinzen eines Tages seiner sämmtlichen Güter mit Ausnahme von einem und so mußte der Dampfpflug auch hier still gelegt werden.

Der dritte Abschnitt der Schrift endlich handelt von der Baumwollcultur Aegyptens. Baumwolle wurde schon in der ältesten Zeit in Aegypten gepflanzt, aber erst durch Mehemed Ali fand deren Cultur größere Verbreitung. Eyth schildert die Anlage der Baumwollculturen. Eine kräftige Staude von 8–12 Fuß Höhe mit vielen starken Aesten, die schon am Boden beginnen, will zu gedeihlichem Wachsen wohl bewässert seyn. Sich selbst überlassen, treibt die Staude allmählich verkommend auch in den zwei folgenden Jahren noch Blüthen und Früchte; doch nimmt der Ertrag dann so sehr ab, daß auf gut bestellten Gütern die Felder nach einmaliger Ernte umgearbeitet werden. Im Allgemeinen zieht man in 2 Jahren 1 Baumwoll- und 1 Maisernte auf demselben Grundstücke, während in derselben Zeit 2 Mais- und 2 Weizenernten erzielt werden können.

Der Ertrag einer Pflanzung richtet sich ganz nach der Beschaffenheit des Bodens und der Menge des Wassers, welche zugeführt wird. Auf demselben Raume werden dann gleichzeitig 1000–1200 Ctr. Holz gewonnen, welche als Heizmaterial zum Betriebe von Dampfpumpen benutzt werden. Es folgt nun das Sortiren der Wollkapseln und das Entfernen der Samenkörner mittelst Maschinen, den sogenannten cotton-gins. Gewöhnlich sind 50 bis 100 solcher Maschinen, durch eine Dampfmaschine betrieben, in einem Gebäude vereinigt.

Eyth erläutert mittelst Zeichnungen die zu diesem Zwecke angewandten Maschinensysteme, welche für den Techniker von großem Interesse sind. Die letzte Operation besteht in dem Pressen und Packen der Baumwolle mittelst hydraulischer Pressen, wodurch derselben zum Zweck der Raumersparniß beim Transport nahezu die Dichtigkeit eines Steines gegeben wird.

Sowohl für den Industriellen als den Landwirth enthält die Schrift eine Reihe interessanter Mittheilungen. Max Eyth ist zur Zeit bemüht, in den Südstaaten von Amerika seine reichen Erfahrungen in Einführung des Dampfpfluges zu verwerthen. Diesenbach. (Württembergisches Wochenblatt für Land- und Forstwissenschaft, December 1867, Nr. 52.)

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Das Agricultur-Maschinenwesen in Aegypten, nach seinen Hauptbestandtheilen dargestellt von Max Eyth, Chef-Ingenieur des Erbprinzen Halim Pascha königl. Hoheit in Cairo. Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1867.

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