Titel: Die Anwendung des Wasserglases bei Bauten; von Moritz Ritter v. Löhr, k. k. Ministerialrath.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1868, Band 187/Miszelle 8 (S. 181–182)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj187/mi187mi02_8

Die Anwendung des Wasserglases bei Bauten; von Moritz Ritter v. Löhr, k. k. Ministerialrath.

Die letzthin vorgenommene Restaurirung der Carlskirche in Wien gab Gelegenheit zur Anwendung des Wasserglases in ausgedehnterem Maaße. Diese schöne Kirche war schon seit Jahren schadhaft geworden, indem die, aus einer sehr verwitterbaren Steingattung, dem Eggendorfer Steine, bestehenden Theile, unter denen sich die herrlichen Basreliefs auf den beiden Prachtsäulen, dann sämmtliche Statuen, ornamentale Sculpturen und Gesimse befinden, dem baldigen Verfalle entgegen giengen. Eine im Jahre 1834 unternommene Reparatur blieb ganz erfolglos, weil man, wie vorgefundene Spuren zeigten, die Steinbestandtheile damals bloß mit einer dünnen Kalktünche überzogen hatte, welche den Witterungseinflüssen nicht lange widerstand. Die Gebrechen erreichten nach und nach eine solche Ausdehnung, daß die schleunigste Abhülfe geboten war. Man erkannte es als unerläßlich, für einen Schutz der Oberfläche der verwitterbaren Steinbestandtheile zu sorgen, womit auch die Anbringung eines gleichfarbigen Ueberzuges verbunden werden mußte, weit die sehr verschiedene Farbe der neu eingesetzten Stücke in den Basreliefs und Statuen den Effect derselben sehr beirrt haben würde. Mit dem Antrage des Baudepartements, die Steintheile mit Leinölfarbe zu überziehen, konnte ich mich jedoch bei Begutachtung dieser Angelegenheit nicht einigen. Ein pastöser Anstrich mit Oelfarbe hätte nicht allein die kunstvollen Basreliefs verschmiert und dem Steine seinen Charakter geraubt, sondern auch keine lange Dauer besessen. Zudem mußte bei der großen Ausdehnung der anzustreichenden Flächen der Preis von 3 fl. 40 kr. per Quadratklafter sehr in Erwägung gezogen werden. Ich trug daher, gestützt auf die in Deutschland, Frankreich und England bei Restaurirung von Monumentalgebäuden vorliegenden guten Erfolge, darauf an, daß die Steinbestandtheile mit Wasserglaslösung von der Farbe des zu den Auswechslungen verwendeten Margarethasteines überzogen werden sollen. Hierbei wurde die ausschließliche Verwendung von Kali-Wasserglas bedungen, weil nach gemachten Wahrnehmungen das wohlfeilere Natronpräparat salpeterartigen Ausschwitzungen weit mehr als ersteres unterworfen ist. Das Wasserglas wurde aus der Fabrik der Herren Kailan und Gummi in Nußdorf bei Wien bezogen, und es waren bereits im vorigen Jahre mit demselben Probeanstriche auf der Carlskirche gemacht worden, die sich durch den Winter vollständig bewährt haben. Diese Wasserglaslösung wurde mit einer, dem Margarethasteine |182| möglichst ähnlichen Wasserglasfarbe versetzt aufgetragen und durch zweimaligen Anstrich ein Ueberzug erlangt, der bei bedeutender Härte fast durchsichtig ist und die feinsten Details der Sculpturen nebst dem Steincharakter unbeirrt läßt. Dieser Anstrich kostete beiläufig 1/4 des Oelanstriches. Da außerdem die verputzten Flächen des Ziegelmauerwerkes an den Außenseiten der Kirche sehr gelitten hatten, so wurden auch diese statt der gewöhnlichen Färbung mit bestem Erfolge und unbedeutenden Mehrkosten mit gleicher Wasserglaslösung überdeckt. Man kann diesen Ueberzug mit stählernen Werkzeugen nur mit einiger Anstrengung ritzen, so daß das Silicat die Mauerfläche ohne Zweifel besser schützt, als ordinäre Erdfarbe.

Unter den größeren Restaurirungen älterer Bauwerke, woselbst Wasserglas mit bestem Erfolge angewendet wurde, sind in Frankreich jene zu Versailles, Fontainebleau, bei dem Dom zu Chartres, dem Rathhause zu Lyon, dem Louvre, der Kirche Notre Dame in Paris hervorzuheben, und es haben sich die dortigen ersten Architekten, vor Allen Violet le Duc, hierfür entschieden ausgesprochen. In England ist dieser Stoff bei vielen älteren Schlössern und Kirchen angewendet worden.

Namentlich ist in Frankreich die Nachfrage nach diesem Artikel bedeutend. Die an mehreren Orten angelegten Fabriken des Professors Kuhlmann, der sich besonders hiermit beschäftigt, haben allein einen jährlichen Umsatz von über 3 Millionen Francs. (Verhandlungen und Mittheilungen des nieder-österreichischen Gewerbevereins, 1867, Nr. 28.)

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