Titel: Zerstörung eines Dampfkessels durch den Fettgehalt des Speisewassers.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1868, Band 187/Miszelle 1 (S. 431–432)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj187/mi187mi05_1

Zerstörung eines Dampfkessels durch den Fettgehalt des Speisewassers.

Im Jahrgang 1366 des polytechn. Journals, Bd. CLXXX S. 254, wurde über eigenthümliche Erscheinungen, deren Ursache in dem Fettgehalte des Speisewassers lag, an neun Dampfkesseln des Hohofenwerkes Borsigwerk in Oberschlesien berichtet und die zur Beseitigung der Uebelstände angewendeten Mittel beschrieben.

Ein ähnlicher Fall wird in Armengaud's Génie industriel, November 1867, S. 246 beschrieben.

Im Juni 1866 stellten die HHrn. Farcot in Pont-Rémy einen Röhrenkessel von 160 Quadratmeter Heizfläche auf, dessen Construction genau dieselbe, wie die vieler anderer von verschiedenen Dimensionen war. Bei der Inbetriebsetzung ergab sich kein erheblicher Uebelstand; nur zeigten sich oberhalb der Feuerung einige Undichtheilen, die man aber nicht beachtete, man reparirte die undichten Nietstellen gut und hielt den Kessel über zwei Monate lang in ununterbrochenem Betrieb. Dann aber, gegen den |432| 15. September, stellten sich plötzlich bedeutende Undichtheiten an allen Vernietungen der Feuerkistendecke, welche kreisrunden Querschnitt hat, heraus. Nach der Reparatur, die einen Zeitraum von 14 Tagen in Anspruch nahm; setzte man den Kessel von Neuem in Betrieb; aber nur auf drei Tage, weil dieselben Undichtheiten Mieder zum Vorschein kamen. Darauf folgte wieder eine Reparatur, die 14 Tage andauerte, und 24 Stunden nach der wiederholten Inbetriebsetzung erschienen wieder dieselben Undichtheiten, aber noch in vermehrtem Maaße. Diese Vorgänge wiederholten sich in einem Zeitraume von einem halben Jahre sieben Mal.

Farcot und die Ingenieure der Société linière, bei welcher der bezügliche Kessel aufgestellt war, gaben sich alle erdenkliche Mühe, um die Ursache dieser unaufhörlichen und stets in gleicher Weise sich wiederholenden Störungen zu erforschen. Man änderte den Feuerraum ab und gab ihm eine ganz andere Form, wodurch er vollständig erneuert wurde, man nahm Aenderungen an den Röhren vor, vermehrte die Zahl und den Gesammtquerschnitt der Verankerungen, suchte sogar in dem metallischen Zustand der Bleche, Röhren und Nieten den Fehler. Als alles dieß nichts fruchtete, kam man auf den Gedanken, daß die Beschaffenheit des Speisewassers die Schuld tragen möchte. Man hatte nämlich vom Beginn der Störungen an in den Wasserstandsgläsern einen dicken Schlamm, der leicht fest wurde, und über der Feuerkistendecke ein graues Pulver, das gebrannt erschien, als ob die Bleche nicht vom Wasser bedeckt gewesen wären, bemerkt. Dieses Pulver, welches an anderen Theilen des Kessels eine mehr in das Weiße spielende Farbe hatte, wurde gesammelt und in einem Gefäß mit frischem Wasser gemischt; dabei zeigte sich die eigenthümliche Erscheinung, daß das Wasser weder die Hände, noch die Gefäßwände benetzte.

Auch brachte Farcot in Erfahrung, daß in den ersten Wochen, während welcher der Betrieb ein regelmäßiger war, aus Vorsicht täglich eine gewisse Menge Soda in den Kessel gegeben worden war und die Störungen des Betriebes in die Zeiten vor und nach Anwendung der Soda fielen. Farcot theilte der Gesellschaft von Pont-Rémy diese Beobachtungen mit; man antwortete aber mit allem Anschein der Glaubwürdigkeit, das Wasser könne keine Schuld an den Unfällen tragen, da es von derselben Beschaffenheit und demselben Ursprung sey, wie das, mit welchem seit einer Reihe von Jahren die übrigen Kessel gespeist würden.

Dennoch verstand sich die Gesellschaft zu einer letzten Reparatur und einem letzten Versuch zu einem rein wissenschaftlichen Zweck, wobei jedoch zugleich die Abwerfung des Kessels im Princip beschlossen wurde, und für diesen Versuch änderte man provisorisch das Speisewasser. Von dieser Inbetriebsetzung an ist jedoch keine Störung wieder vorgekommen; der Kessel arbeitet vielmehr jetzt noch zur vollen Zufriedenheit der Gesellschaft. Da man diesen letzten Versuch auf Grund der Mittheilungen über die Vorfälle in Borsighütte anstellte, so ließ Farcot auch das Wasser von Pont-Rémy in der kaiserlichen Bergschule analysiren. Dabei ergab sich ein Rückstand von 0,33 Kilogr. aus einem Kubikmeter Wasser, und die Zusammensetzung der im Kessel angesammelten Salze war analog der des in den Kesseln in Borsighütte gefundenen Pulvers. Der vorherrschende Bestandtheil war kohlensaurer Kalk, welcher in Gemeinschaft mit dem aus dem Cylinder und mit dem Condensationswasser übergerissenen Fett ein fettsaures Kalksalz gebildet hatte. Der Zutritt von Fett kam daher, daß die Speisepumpe ihr Wasser aus dem Condensator entnahm. Seitdem man aber Speisewasser anwendet, welches frei von Fett ist, kam keine Störung mehr vor und man hat die Meinung, den Kessel durch einen neuen zu ersetzen, vollständig aufgegeben.

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