Titel: Ueber die Anwendung der Schwefelsäure in der Kartoffelstärke-Fabrication; von Albert Fesca.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1868, Band 187/Miszelle 10 (S. 435–437)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj187/mi187mi05_10

Ueber die Anwendung der Schwefelsäure in der Kartoffelstärke-Fabrication; von Albert Fesca.

In der Versammlung der Stärke- und Syrup-Fabrikanten, welche im März 1867 in Berlin stattfand, wurde die Frage aufgeworfen, inwiefern die Anwendung der Schwefelsäure bei der Fabrication der Kartoffelstärke von Nutzen sey. Die Antwort lautete:

„ein Zusatz von Schwefelsäure zu dem Wasser, mit welchem man die Rohstärke wasche, bedinge unter Umständen ein schnelleres und vollkommeneres Absetzen der Stärke, und werde der Schwefelsäure-Zusatz namentlich bei Verarbeitung nicht mehr ganz gesunder Kartoffeln angewandt, bei welchen die Trennung von Stärke- und Faserstoff besonders schwierig von statten gehe, ein Zusatz von Schwefelsäure aber diese Trennung erleichtere. Es sey indessen nicht anzurathen, andere als solche Stärke, die zum Verkochen auf Syrup oder Zucker bestimmt sey, der Behandlung mit Schwefelsäure zu unterziehen, weil so behandelte Stärke weder zur Appretur, noch in der Papierfabrication gebraucht werden könne.“

Mir erschien dieser Gegenstand interessant genug, um etwas näher darauf einzugehen; ich benutzte deßhalb die nächste Gelegenheit, um einen mir befreundeten Kattunfabrikanten darüber zu befragen, warum mit Schwefelsäure behandelte Stärke zur Appretur unbrauchbar sey. Die Antwort lautete: „die Appretur des Kattuns müsse nothwendiger Weise derart seyn, daß der dazu angewendete Stärkekleister die Waare steif, aber nicht brüchig mache, – mit Stärke, die mit Schwefelsäure behandelt sey, erziele man aber nur brüchige Appretur.“

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Auf meine weitere Frage, woran es denn zu erkennen gewesen sey, daß die angewandte Stärke mit Schwefelsäure behandelt worden, erhielt ich zur Antwort: „die Stärke hätte säuerlich geschmeckt.“ – Diese letztere Bemerkung gab mir die Vermuthung, daß wohl nur in der Anwendung einer zu großen Quantität Schwefelsäure und nach heriger zu mangelhafter Wäsche der Stärke der Grund liegen möge, weßhalb Stärke, die mit Schwefelsäure behandelt worden, bis jetzt nicht für alle Zwecke brauchbar befunden wird, – und es schien mir der Mühe werth, die Einwirkung einer sehr geringen Menge Schwefelsäure auf aus alten Kartoffeln dargestellte Stärke näher zu beobachten. Ich that dieß wie folgt:

Ich rieb mittelmäßige Kartoffeln im April (1867) möglichst fein, zog die Auswaschung des Reibsels absichtlich in die Länge und bürstete dasselbe auch sehr scharf, um recht viel des ganz feinen Faserstoffes zu erzeugen, welcher voraussichtlich die feinsten Siebe durchdringen, also die Stärke begleiten und verunreinigen mußte. Das Resultat war, wie ich vermuthete; ich erhielt viel Stärke, dieselbe war aber von grauweißer Farbe und behielt diese Farbe nach wiederholter starker Waschung unverändert bei.

Augenscheinlich hatten die Kartoffeln einen durch die Jahreszeit bereits erweichten Zellstoff, und der letztere war geneigt, sich leicht Zu außerordentlich feinen Fasern zerreißen zu lassen. Weniger fein zerrissener Zellstoff findet, im Wasser fein zertheilt, wahrscheinlich durch seine Gestaltung sowohl, wie durch seine Dimensionen bei dem Niedersinken im Wasser mehr Widerstand als die glatten Stärkekügelchen, und dieß mag wohl die Ursache seyn, weßhalb die Stärke von gesunden und normalen Kartoffeln sich schneller im Wasser zu Boden setzt, als der sie begleitende Faserstoff von gewöhnlicher Feinheit, obgleich Cellulose und Stärke ziemlich das gleiche specifische Gewicht haben, – bei dem vorliegenden Experiment schien indessen der außerordentlich feine Zellstoff durch seine Gestaltung und Dimensionen die Eigenschaft zu haben, im Wasser wenig Widerstand zu finden und sich deßhalb in demselben ebenso schnell zu Boden zu setzen als die Stärke; aus diesem Grunde begleitete er vermuthlich die letztere in so großer Quantität und war durch wiederholtes Waschen nicht abzuscheiden.

Ich glaubte sonach in der gewonnenen Stärke von grauweißer Farbe, als einer innigen Vermischung von weißer Stärke und sehr feinem Faserstoff, dasjenige Material vor mir zu haben, welches gewöhnlich der Behandlung mit Schwefelsäure unterzogen wird, um weiße Stärke daraus darzustellen. Ich behandelte diese grauweiße Stärke nun folgendermaßen mit Schwefelsäure: ich versetzte Wasser mit so viel Schwefelsäure, daß ich ein Sauerwasser erhielt von so schwacher Reaction, daß Lackmuspapier erst nach einigen Secunden davon roth gefärbt wurde; – in dieses Sauerwasser warf ich die grauweiße Stärke, welche den Feuchtigkeitsgrad der grünen Stärke hatte ein, und rührte sie in demselben wie bei dem gewöhnlichen Waschproceß bis zur vollständigen Vertheilung auf; alsdann überließ ich die Stärkemilch der Ruhe. Augenblicklich gieng nun in der letzteren eine scharfe und vollkommene Trennung der Stärke vom Faserstoff in der Weise vor sich, daß erstere sich schnell und rein absetzte, letzterer hingegen in dem Sauerwasser noch längere Zeit schwimmend sich erhielt und sich dann allmählich als dunkelgraubraune Schmutzschicht auf der Stärkeschicht ablagerte. Nach dem Festwerden der letzteren ließ sich die Schmutzschicht welche deutlich als feiner Faserstoff zu erkennen war, leicht und vollkommen von der Stärke abspülen, und es war mithin durch den Einfluß der außerordentlich geringen Menge Schwefelsäure eine Reinigung der Stärke erzielt, wie man solche nicht besser wünschen kann. Worin dieser eigenthümliche Einfluß der Schwefelsäure besteht, dieß wird wohl noch durch chemische Untersuchung festzustellen seyn; wahrscheinlich ist indessen, daß in dem Faserstoff oder dem Fruchtsaft der Kartoffeln mit ihrem zunehmenden Alter eine Zersetzung beginnt, welche entweder durch irgend einen erzeugten schleimigen Stoff eine ungewöhnliche Adhäsion zwischen der Stärke und den feinen Fasern zur Folge hat, und daß dieser schleimige Stoff durch Schwefelsäure zerstört wird; – oder aber eine begonnene Zersetzung in den Kartoffeln gibt durch etwa gebildete kohlensaure Salze Gelegenheit, daß durch Zugabe von Schwefelsäure Kohlensäure entwickelt wird, die sich dann im Augenblick des Freiwerdens an den feinen Faserstoff anhängt und letzteren dadurch schwimmend erhält. Auch könnte wohl der Zellstoff alter Kartoffeln die Eigenschaft besitzen, sich unter Einwirkung der Schwefelsäure aufzublähen.

Dieß Alles sind nur Vermuthungen, und es wäre sehr wünschenswerth statt derselben eine bestimmte wissenschaftliche Erklärung zu finden. Einstweilen wird indessen |437| dem Stärkefabrikanten die Thatsache genügen, daß ein Minimum von Schwefelsäure im Stande ist, feinen Faserstoff von der Stärke zu trennen und letztere dadurch zu reinigen. Ich würde mir zur Anwendung der Schwefelsäure den Vorschlag erlauben, bei der ersten oder zweiten Wäsche der Stärke dieselbe zunächst mit dem reinen Waschwasser aufzurühren und nun ein so kleines, vorher durch Experiment bestimmtes Quantum stark verdünnter Schwefelsäure während des Ganges des Waschquirls der Stärkemilch zuzusetzen als eben hinreicht, um das gegebene Quantum Wasser so schwach sauer zu machen, daß Lackmus langsam und schwach die saure Reaction anzeigt. Nach vollständiger Untermischung der Schwefelsäure wäre der Quirl anzuhalten, das einigermaßen feste Absetzen der Stärke abzuwarten, dann sofort das Sauerwasser und die Schmutzschicht zu entfernen und nun der Stärke unter mindestens eine Stunde anhaltendem Rühren mit möglichst viel reinem Wasser die letzte Wäsche zu geben. Das Wasser dieser letzten Wäsche zeigt dann, wie ich durch Experiment erfahren habe, nicht mehr die mindeste saure Reaction, und dürfte man von der Stärke wohl das Gleiche voraussetzen. Sollte indessen salzsaurer Baryt noch eine Spur von Schwefelsäure in der Stärke nachweisen, so würde ebengenanntes Verfahren noch dadurch zu vervollkommnen seyn, daß man dem letzten Waschwasser der Stärke ein wenig krystallisirte Soda zusetzt, nicht aber etwa so viel, daß dadurch eine alkalische Reaction entsteht.

Möchte die Praxis bald den Beweis liefern, daß in dieser Weise mit Schwefelsäure gereinigte Stärke ohne Anstand in Kattun- und Papierfabriken Verwendung finden kann. (Wochenblatt zu den preußischen Annalen der Landwirthschaft, 1867, Nr. 48.)

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