Titel: Die Süvern'sche Desinfectionsmasse zum Reinigen und Geruchlosmachen des Schmutzwassers.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1868, Band 187/Miszelle 14 (S. 438–439)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj187/mi187mi05_14

Die Süvern'sche Desinfectionsmasse zum Reinigen und Geruchlosmachen des Schmutzwassers.

Das Princip der Süvern'schen Wasserreinigung besteht in einer chemischen Fällung und Ausscheidung der das Wasser verunreinigenden organischen und mineralischen Materien, und ist als solches neu.

Der bauliche Theil der Anlage ist ebenfalls eigenthümlich, besonders in so weit er zwei wichtige Forderungen schon erfüllt, nämlich:

a) das Wasser von seinen chemisch ausgeschiedenen Schmutzstoffen zu trennen, so daß dasselbe klar und farblos wie Quellwasser abfließt;

b) die aus dem Schmutzwasser geschiedene Masse kostenlos in eine mit dem Spaten stechbare Düngermasse überzuführen.

Dem Schmutzwasser werden nicht allein seine Senkstoffe und alle darin suspendirten |439| Materien vollständig entzogen, sondern auch ein großer Theil der chemisch in ihm aufgelösten mineralischen und fäulnißfähigen organischen Materien. Nach mehrfachen Analysen von Dr. Grouven verliert es in Summa je nach seiner Unreinheit und der Vollkommenheit der Procedur:

50–75 Proc. seiner stickstoffhaltigen organischen Materien,

55–75 Proc. seiner stickstofflosen organischen Materien,

40–65 Proc. seiner mineralischen Antheile (außer Sand und Thon).

Diese Ausscheidungen gewähren eine so große Menge Compostdünger, daß eine auf dessen Gehalt an Stickstoff, Phosphorsäure und Kali basirte agriculturchemische Werthberechnung zu einem mehr als genügenden Ersatz der täglichen Material- und Betriebskosten hinführt.

Die Süvern'sche Desinfectionsmasse besteht aus drei Stoffen, theils mineralischer, theils organischer Natur. Die Mischung richtet sich nach der Natur und Unreinheit des Wassers und vermag der Erfinder dieselbe für jeden speciellen Fall auf Grund kleiner, vorheriger Proben bestimmt vorzuschreiben.

Der Reinigungs-Apparat ist der Art construirt, daß er seine Function jahrelang ohne Unterlaß erfüllen kann; Betriebsstörungen sind daher kaum zu fürchten; eben so wenig ein erheblicher Verschleiß der Anlage.

Außer einer Reinigung erzielt diese Methode gleichzeitig eine Desinfection (Geruchlosmachung) des Schmutzwassers. Diese Desinfection ist in der Art durchgreifend, daß das abfließende Wasser unter keinen Verhältnissen mehr belästigend auf die Geruchsorgane wirkt.

Das abfließende Wasser hat seine Fäulnißfähigkeit absolut verloren, denn es kann wochenlang in offenen Kübeln und in warmen Stuben stehen, ohne übelriechend zu werden. In reinen Canälen und Gräben stundenweit fließend, wird es in fortwährender Berührung mit der Luft auch fortwährend besser, so daß man an schließlicher Tauglichkeit zur Viehtränke nicht zweifelt. Zuckerfabriken, die an Wassermangel leiden, könnten dasselbe, nach Anlage geeigneter, großer Sammelbassins wieder zur Stubenwäsche und Condensation benutzen.

Die bekannten grauweißen Pilz-Vegetationen, welche sonst den Boden der Abzugsgräben auf lange Strecken hin schwammartig überziehen, und denen man die üblen Ausdünstungen indirect zuschreibt, verschwinden gänzlich in dem gereinigten Wasser.

Die Anwendung der Süvern'schen Methode auf die Desinfection der städtischen Canäle, behufs Gewinnung von 60–70 Proc. der in den Canalwässern befindlichen Düngstoffe scheint Angesichts der dazu von Süvern entworfenen Dispositionen wohl ausführbar und rentabel. Ob es sich dabei um tägliche Reinigung von 1 Mill. oder 20 Mill. Kubikfuß Schmutzwasser handelt, ist bei der Methode gewiß gleichgültig. Sie reinigt die größten Wassermassen eben so sicher, wie die kleinsten. Eben so wenig scheint es sie zu erschweren, wenn die Latrinen der Stadt in das Canalwasser münden, denn solch ein mit Latrine verunreinigtes Wasser führt doch höchstens, wie die Canalwässer von Paris und London maßgebend zeigen, 2 Tausendtheile Trockensubstanz, ist also reiner und nicht so schlimm, als die Effluvien der meisten Zuckerfabriken.

Versuche, solche mit Latrine extra vermischte Canalwässer nach dieser Vorschrift zu desinficiren und zu reinigen, lieferten ein überraschendes Resultat.

Ohne damit einer ruhigen und allseitigen Berathung der jetzt in vielen großen Städten lebhaft ventilirten Alternative: ob „Canalisation,“ ob „Abfuhr,“ vorgreifen zu wollen, sprechen wir bloß unsere Ansicht dahin aus, daß diese wichtige Frage durch diese Erfindung leicht möglich eine ganz andere Gestalt gewonnen hat. (Württembergisches Gewerbeblatt, 1868, Nr. 6.)

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