Titel: v. Waltenhofen, über den Kravogl'schen Elektromotor und über die Berechnung der Nutzeffectes der elektromagnetischen Maschinen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1868, Band 188, Nr. LXXXV. (S. 345–356)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj188/ar188085

LXXXV. Ueber den Kravogl'schen Elektromotor und über die Berechnung der Nutzeffecte elektromagnetischer Maschinen im Allgemeinen; von Dr. A. v. Waltenhofen, Professor am Polytechnicum zu Prag.

Im Jahrgang 1867 dieses Journals, Bd. CLXXXIII S. 417, habe ich eine Abhandlung „über eine neue elektromagnetische Maschine und über die Beurtheilung des Nutzeffectes und der Betriebskosten solcher Maschinen im Allgemeinen"“ veröffentlicht. Der Aufsatz enthält die Ergebnisse der Versuche, welche ich mit dem vom Mechaniker Kravogl in Innsbruck construirten und nach Paris zur Ausstellung gebrachten Elektromotor vorgenommen hatte. Zugleich habe ich in jenem Aufsatze gezeigt, wie man bei der Bestimmung der Nutzeffecte solcher Maschinen überhaupt vorgeht, indem ich dabei das Princip im Auge behielt, welches den wenigen bisher vorliegenden Bestimmungen dieser Art, von welchen ich jene von William Petrie namentlich angeführt habe, zu Grunde gelegt worden ist.

Ich hatte dabei zunächst die Absicht, Solchen, welche nicht Physiker von Fach sind, eine klare Einsicht in die bei den Bestimmungen solcher Nutzeffecte maßgebenden Verhältnisse zu eröffnen und diese Principien und ihre Nützlichkeit bei allen die elektromagnetischen Maschinen betreffenden Fragen in weiteren Kreisen bekannt zu machen, was bis dahin meines Wissens nicht geschehen war, indem die Mittheilungen, welchen wir Aufschlüsse über die bisherigen Leistungen elektromagnetischer Maschinen entnehmen können, nur Zahlenresultate, aber keine allgemeinen Formeln oder Lehrsätze enthalten, so daß nur der Physiker von Fach darüber in's Klare kommen kann, welche Gesetze und Rechnungen zu den mitgetheilten Resultaten geführt haben.

Die vielen beifälligen Urtheile, welche mir über meine Arbeit zugekommen sind, berechtigen mich auch zur Annahme, daß es mir gelungen ist, dem Zwecke, den ich dabei im Auge hatte, zu entsprechen.

Mittlerweile ist der Kravogl'sche Elektromotor, dessen Untersuchung die nächste Veranlassung zu dieser Arbeit war, von Sr. Majestät |346| für das Wiener Polytechnicum angekauft und daselbst von Hrn. Professor Pierre neuerdings in Bezug auf seine Leistungsfähigkeit untersucht worden, worüber ein kurzer Bericht im akademischen „Anzeiger“ vom 26. März d. I. erschienen ist.

In diesem Berichte wird nun — nebst einer speciellen Einwendung, die ich später aufklären werde — im Allgemeinen ein anderes Princip zur Bestimmung der Nutzeffecte elektromagnetischer Maschinen aufgestellt.

Pierre will nämlich bei der Berechnung des theoretischen Effectes nicht, wie ich es gethan habe, den Strom während des Ganges der Maschine, den ich „Arbeitsström“ nenne, sondern den Strom bei stillstehender Maschine — wir wollen ihn „Ruhestrom“ nennen — zu Grunde gelegt wissen, indem er gegen die Berechnungsart nach meiner Formel:91

a = kη . ns,

wobei k = 0,0008784, s der Arbeitsstrom, n die Anzahl und η die elektromotorische Kraft der Batterie-Elemente ist, die Einwendung erhebt, daß es wegen der Rückwirkung des inducirten Gegenstromes, welche während des Ganges der Maschine stattfindet, unzulässig sey für η den vollen Werth der ursprünglichen elektromotorischen Kraft der Batterie-Elemente beizubehalten.92

Diese Einwendung könnte leicht zu allerlei Zweifeln über den richtigen Weg bei Bestimmung der Nutzeffecte und über die Zulässigkeit der bisher gangbaren und von mir auf bestimmte Formeln zurückgeführten Berechnungsart Anlaß geben; es könnten sogar Manche, um dieser Unsicherheit zu entgehen, es in der That vorziehen den Ruhestrom anstatt des Arbeitsstromes bei Bestimmung von Nutzeffecten zu Grunde zu legen und damit die Vortheile aufzugeben, welche — wie ich sogleich zeigen werde — die von mir beibehaltene Berechnungsart gewährt.

Ich habe mir daher die Aufgabe gestellt, in diesem Aufsatze, welcher gewissermaßen ein Supplement meiner ersten Abhandlung über diesen Gegenstand bilden soll, den Nachweis zu liefern, daß das von mir vorgetragene Princip die Nutzeffecte elektromagnetischer Maschinen zu berechnen, nicht nur dasjenige ist, welches die Literatur der in dieser Richtung vorliegenden praktischen Arbeiten für sich hat, sondern auch vom Standpunkte der wissenschaftlichen Theorie betrachtet als vollkommen correct erscheint.

|347|

Ich werde zeigen, daß man dieses Princip, weil es eben bisher immer als Grundlage gedient hat, nothwendig beibehalten muß, wenn überhaupt neuere Bestimmungen über die Leistungen elektromagnetischer Maschinen mit älteren vergleichbar seyn sollen; während man sich durch Einführung des Ruhestromes bei solchen Berechnungen nicht nur der Erreichung dieses Zweckes begeben, sondern auch eines Verfahrens bedienen würde, welches keinen Anhaltspunkt zur Beurtheilung der Betriebskosten darbietet und daher für praktische Zwecke schon deßhalb nicht geeignet ist.

Was wir über die bisherigen Leistungen elektromagnetischer Maschinen vorfinden, sind Vergleichungen des bei einem bestimmten Zinkverbrauch erhaltenen Arbeitseffectes mit der Arbeitsgröße, welche demselben Zinkquantum vermöge der seiner Consumtion in der gegebenen Batterie entsprechenden Wärmeentwickelung angemessen wäre. Daß dabei einem und demselben Zinkquantum, je nachdem es in Ketten von verschiedener chemischer Anordnung und elektromotorischer Kraft consumirt wird, ungleiche Effecte entsprechen, hat schon 1842 Jacobi93 hervorgehoben und dabei das Verhältniß zwischen der Grove'schen und Daniell'schen Kette auf 1¾ geschätzt. William Petrie94, nach dessen Bestimmungen elektromotorischer Kräfte jenes Verhältniß sich sehr nahe auf 5/3 stellt, geht von dem Zinkquantum aus, welches per Stunde erforderlich wäre, um durch seine Consumtion in der Daniell'schen Kette die einer Pferdekraft entsprechende Wärmemenge zu entwickeln, und vergleicht damit die wirkliche Zinkconsumtion der elektromagnetischen Maschine per Stunde und Pferdekraft, wobei er zu dem Resultate gelangt, daß die besten elektromagnetischen Maschinen 1/38 bis 1/32 des theoretischen Effectes liefern. Offenbar auf denselben Principien beruhen die von Joule und Scoresby95 gegebenen Vergleichungen der Leistungsfähigkeit elektromagnetischer Maschinen, des Dampfes und der Pferde. Doch müssen die sehr günstigen Angaben über die Nutzeffecte der elektromagnetischen Maschinen (über 50 Proc.) auf unzuverlässigen Daten beruhen, da doch wesentlich verbesserte neuere Maschinen, wie z. B. die Stöhrer'sche, weit weniger leisten. Dasselbe Bedenken muß gegen die von Grove96 |348| in seinem Berichte über die Kosten der elektromagnetischen Triebkraft besprochenen Angaben von Botto erhoben werden, der den Zinkbedarf in der Platinkette per Pferdekraft für 24 Stunden auf 45 Pfd. angibt, während Hunt97 in seinem Vortrage über die Anwendung des Elektromagnetismus als Triebkraft den angeführten Versuchen, aus welchen sich unter Voraussetzung Grove'scher Ketten ein durchschnittlicher Nutzeffect von nahezu 15 Proc. ergeben würde, keine Angaben über die angewendeten Ketten beifügt.

Da sonach die Mittheilungen William Petrie's offenbar als die verläßlichsten erscheinen, habe ich dieselben bei meiner Beurtheilung der Kravogl'schen Maschine als Basis der Vergleichung mit den bisherigen Leistungen solcher Maschinen benutzt und auch das Princip beibehalten, nach welchem Petrie die Nutzeffecte bestimmt hat. Es ist das oben angeführte Princip der Vergleichung des wirklichen Effectes mit dem mechanischen Aequivalente der durch die Zinkconsumtion in der angewendeten Batterie bedingten Wärmeentwickelung. Daß Petrie den Nutzeffect so aufgefaßt hat, darüber lassen die oben citirten Arbeiten keinen Zweifel, indem er einerseits den von ihm sogenannten „elektrodynamischen Effect“ dem Producte der Stromstärke und elektromotorischen Kraft proportional fetzt und zu dem Satze gelangt, daß eine Pferdekraft diejenige „theoretische oder absolute Kraft“ ist, welche ein elektrischer Strom besitzt, der sich durch stündlichen Verbrauch von 1,56 Pfund Zink in einer Daniell'schen Batterie gebildet hat, und andererseits damit die beobachtete effective Zinkconsumtion per Pferdekraft vergleicht.

Ist dasselbe Princip der Nutzeffectsbestimmung bei den anderen oben citirten Arbeiten über elektromagnetische Maschinen auch nicht überall mit Klarheit ausgesprochen, so entnimmt man doch aus den für die theoretischen Effecte angesetzten Zahlen, daß man von denselben Grundsätzen ausgegangen ist, oder findet wenigstens die mechanische Leistung mit der effectiven Zinkconsumtion verglichen. Wenn ich noch beifüge, daß auch in Marie-Davy's Arbeit:98 sur I'emploi de l'électricité comme moteur offenbar dieselbe Berechnungsart der Nutzeffecte elektromagnetischer Maschinen nachweisbar ist, so kann ich wohl sagen, daß diese Berechnungsart die bisher gangbare gewesen ist, und daß es daher schon aus diesem Gesichtspunkte zweckmäßig ist, sie beizubehalten, wenn man den Maaßstab zur Vergleichung |349| neuerer Elektromotoren mit den bekannten Leistungen älterer Maschinen dieser Art nicht will abhanden kommen lassen.

Hält man dieses Princip fest, so läßt sich leicht zeigen, daß es zu denselben Formeln führt, die ich in meiner ersten Abhandlung über diesen Gegenstand auf einem anderen Wege abgeleitet habe, und welche zugleich den Schlüssel zu den älteren auf Grundlage desselben Principes durchgeführten Berechnungen an die Hand geben.

Es ist bereits oben bemerkt worden, daß einer und derselben Zinkconsumtion ungleiche Wärmeentwickelungen und somit auch ungleiche mechanische Effecte entsprechen, je nachdem die Zinkconsumtion in Ketten von verschiedener elektromotorischer Kraft stattfindet. So bedingt z. B. die Consumtion von 1 Kilogramm Zink in der Grove'schen Kette eine Wärmeentwickelung, welche 1287 Kilogramme Wasser um einen Grad zu erwärmen99 vermag, während dieselbe Zinkconsumtion in der Daniell'schen Kette nur 772 solche Wärmeeinheiten entwickelt.100 Diese auf verschiedenen Wegen nachgewiesene Thatsache hat ihren Grund vornehmlich in dem Umstände, daß in der Daniell'schen Kette nicht nur Zink consumirt, sondern zugleich auch Kupfer ausgefällt und durch letzteren Vorgang ein Theil der durch die Zinkconsumtion freiwerdenden Wärme wieder gebunden wird.

Es ist hier nicht der Ort auf diesen Gegenstand näher einzugehen; ich will nur daran erinnern, daß im Allgemeinen die der Gewichtseinheit Zink in einer gegebenen Kette entsprechende Wärmeentwickelung durch die Gesammtheit aller in dieser Kette stattfindenden chemischen Processe bestimmt wird. Dasselbe gilt folglich auch von dem der Gewichtseinheit Zink entsprechenden mechanischen Effecte, den man einfach findet, wenn man die besagte, der Gewichtseinheit Zink entsprechende, auf eine gleiche Gewichtseinheit Wasser bezogene Wärmemenge, die wir künftighin immer mit ϧ bezeichnen wollen, mit dem mechanischen Aequivalente der Wärme, welches auf gleiches Gewicht und die Hubhöhe eines Meters bezogen = 423,55 ist, multiplicirt. Bezeichnet man diese Zahl mit μ, so stellt also ϧμ den der Gewichtseinheit Zink entsprechenden mechanischen Effect vor. Erwägt man endlich, daß die Jacobi'sche Stromeinheit in jeder |350| Zelle per Secunde 0,0322 Milligramme = 322 . 10-10 Kilogramme Zink consumirt und setzt man 322 . 10-10 = ζ, so stellt das Product ζ . ϧ . μ offenbar den mechanischen Effect in Kilogrammetern vor, welcher der Zinkconsumtion entspricht, die bei der Stromstärke = 1 in jeder Zelle per Secunde stattfindet, das heißt, die Anzahl von Kilogrammetern, welche die durch die besagte Zinkconsumtion erzeugte Wärme binnen derselben Zeit einer Secunde verrichten kann. Denkt man sich nun eine Batterie von n Elementen, welche mit der Stromstärke s arbeiten, so wäre die Arbeit a per Secunde offenbar

a = ns . ζ ϧ μ

In meiner ersten Abhandlung habe ich für dieselbe Größe die Formel

a = ns . kη

aufgestellt, wobei η die elektromotorische Kraft eines Elementes, nach Jacobi-Siemens'schen Einheiten gemessen, vorstellt.

Um die Richtigkeit der Formel a = ns . kη auch nach den soeben entwickelten Principien nachzuweisen, kommt es also darauf an zu zeigen, daß in der That

k η = ζ ϧ μ

Ist.

Dieser Beweis ergibt sich einfach aus einem bekannten Satze der mechanischen Theorie der Elektrolyse, welcher lautet:

„Wenn man die Weber'schen Maaßeinheiten zu Grunde legt, wird die den chemischen Processen in einer geschlossenen Kette für die Stromeinheit binnen der Zeiteinheit entsprechende Arbeit durch dieselbe Zahl ausgedrückt, wie die elektromotorische Kraft.“ 101

Nennt man daher die elektromotorische Kraft nach Weber'schem Maaße E, beträgt ferner die Masse des consumirten Zinkes für die Weber'sche Stromeinheit per Secunde und Zelle Z Milligramme, bezeichnet man das auf die Hubhöhe eines Millimeters bezogene mechanische Aequivalent der Wärme mit M und die in Millimetern ausgedrückte Acceleration der Schwere mit G, so ist die in obigem Lehrsatze besagte Arbeit offenbar

Z . ϧ . M . G,

wobei ϧ die bereits oben angegebene Bedeutung hat und zu berücksichtigen ist, daß die Weber'sche Arbeitseinheit der Hebung der mit der Acceleration |351| eines Millimeters gravitirenden Masse eines Milligrammes entspricht. Nach obigem Lehrsatze besteht also die Relation

E = Z . ϧ . M . G.

Dabei ist Z aus Versuchen bekannt = 0,0388, somit = 1,05 × 1000 × 1000ζ;102 M vermöge der gegebenen Definition = 423550, somit = 1000μ; G bekanntlich = 9810. Aus der Vergleichung der Weber'schen Strom- und Widerstandseinheiten mit den Jacobi-Siemens'schen geht endlich hervor103

E = 95 . 108/1,05 η.

Substituirt man diese Werthe in obiger Gleichung, so erhält man

Textabbildung Bd. 188, S. 351
also

Textabbildung Bd. 188, S. 351

Die Ausführung dieser Rechnungen gibt 0,0008784η = ζ . ϧ μ wobei man in der Zahl 0,0008784 den Werth von k in meinen Formeln erkennt, weßhalb in der That

k η = ζ ϧ μ

was zu beweisen war.

Die mechanische Theorie der Elektrolyse führt daher zu denselben Formeln, die ich in meiner ersten Abhandlung über die Bestimmung der Nutzeffecte elektromagnetischer Maschinen auf einem anderen Wege abgeleitet habe, und behebt die dagegen gemachte Einwendung wegen des in Rechnung zu bringenden Werthes der elektromotorischen Kraft. Der inducirte Gegenstrom compensirt eben nur einen Theil des Ruhestromes, kann aber offenbar auf die Wärmemenge ϧ, welche der Consumtion der Gewichtseinheit Zink entspricht, keinen Einfluß haben. Es bleibt daher das Product ζ . ϧ . μ, worin ζ und μ selbstverständlich constante Größen sind, unverändert, somit auch das kη = ζ . ϧ . μ in der Formel

a = ns . kη,

deren Richtigkeit daher unzweifelhaft nachgewiesen ist. Die Nichtigkeit der darauf beruhenden Berechnungsart der Nutzeffecte ergibt sich sofort von selbst.

Die gegen diese Berechnungsart gemachte Einwendung, daß ich bei |352| Berechnung der theoretischen Effecte die ganze elektromotorische Kraft der Batterie — ohne Rücksicht auf den Gegenstrom des Motors — in Rechnung gebracht habe, beruht gewissermaßen auf einem Mißverständnisse meiner ersten Abhandlung und des darin angewendeten Principes. Es ist nämlich unter dem theoretischen Effecte, wie ich ihn aufgefaßt wissen wollte, und wie er meines Wissens auch bisher bei der Berechnung der Nutzeffecte elektromagnetischer Maschinen stets als Grundlage gedient hat, das mechanische Aequivalent des Arbeitsstromes nicht in dem Sinne zu verstehen, daß dabei die Gesammtheit der im Schließungskreise wirksamen elektromotorischen Kräfte, mit Inbegriff des Motors selbst, in Betracht käme. Dieß würde voraussetzen, daß man die Batterie und den Motor mit seinen inducirten Gegenströmen zusammengenommen als die zum Betriebe dienende Stromquelle, um deren theoretischen Effect es sich handelt, betrachten wollte. In diesem Sinne hätte man es freilich nicht bloß mit der elektromotorischen Kraft der Batterie, sondern mit der Differenz der elektromotorischen Kräfte der Batterie und des Motors zu thun. Diese Auffassung ist aber im Widersprüche, nicht nur mit der bisher üblichen Beurtheilung der Nutzeffecte elektromagnetischer Maschinen, sondern auch mit den Anforderungen, die man an ein Princip stellen muß, welches hauptsächlich den Zweck hat, einen sicheren Maaßstab zur Berechnung der Betriebskosten an die Hand zu geben. Denn, wenn es auch immer möglich wäre, die elektromotorische Kraft des inducirten Gegenstromes durch Vergleichung des Ruhestromes und des Arbeitsstromes zu ermitteln, was jedoch wegen der unbekannten Widerstandsänderungen, die bei der Bewegung des Motors unzweifelhaft eintreten, nicht praktisch ausführbar ist, so würden doch die mit Einrechnung dieser elektromotorischen Kraft berechneten theoretischen Effecte dem in der Batterie stattfindenden Materialverbrauche, der für die Betriebskosten maßgebend ist, nicht proportional seyn. Geht man aber in Anbetracht der durch die Widerstandsänderungen bedingten Schwierigkeiten (welche auch einer Berechnung der theoretischen Effecte nach der Formel104 a = k s2w im Wege stehen würden) gar nicht darauf ein, sondern benutzt man, nach Pierre, den Ruhestrom als Basis des theoretischen Effectes, so entspricht der so berechnete theoretische Effect, wie ich bereits angedeutet habe, einem Materialverbrauche, der beim Betriebe der Maschine in der That nicht stattfindet und |353| überdieß als constant angenommen wird, während der wirklich stattfindende Materialverbrauch nach Maaßgabe der Geschwindigkeit und Belastung der Maschine veränderlich ist und stets durch den Arbeitsstrom angezeigt wird, der sich sonach offenbar als das beste Maaß des theoretischen Effectes und der Betriebskosten darbietet.

Es sind mir auch keine Arbeiten bekannt, bei welchen man den Ruhestrom der Untersuchung der Leistungen elektromagnetischer Maschinen zu Grunde gelegt hätte105, was aus den bereits angeführten Gründen wohl erklärlich ist, abgesehen von den Schwierigkeiten einer sicheren Messung des Ruhestromes bei den oft allzu großen Unregelmäßigkeiten in den localen Widerständen des Commutators.

Besser als der Ruhestrom würde sich das Arbeitsäquivalent der absoluten Verbrennungswärme des durch den Arbeitsstrom consumirten Zinkquantums, ohne Rücksicht auf die elektromotorische Kraft der Batterie, der Berechnung der Nutzeffecte zu Grunde legen lassen; doch würden, gegenüber den so berechneten Nutzeffecten, Batterie und Motor gewissermaßen als ein Ganzes zu betrachten seyn, weil ja demselben Zinkquantum in verschiedenen Batterien ungleiche Wärmeentwickelungen entsprechen. Uebrigens weicht die absolute Verbrennungswärme des Zinkes (nach Favre und Silbermann 1292) von jener in der Grove'schen Kette (1287) so wenig ab, daß man bei Zugrundelegung der ersteren fast genau zu denselben Zahlen für die Nutzeffecte gelangt, wie bei Anwendung meiner Formeln unter Voraussetzung einer Grove'schen Kette.

Was insbesondere den Kravogl'schen Elektromotor betrifft, für welchen ich in meiner ersten Abhandlung Nutzeffecte von 14 bis 25 Proc. (mit Weglassung der Decimalen unter 0,5) nachgewiesen habe, gelten dieselben ganzen Zahlen auch für die auf Grundlage der absoluten Verbrennungswärme des Zinkes berechneten Nutzeffecte. Es ist von Interesse diese Zahlen, welche also die höchste bis jetzt erreichte Leistung einer elektromagnetischen Maschine auf ¼ des theoretischen Effectes herausstellen, mit dem auf die absolute Verbrennungswärme der Kohle bezogenen Nutzeffecte der besten Dampfmaschinen zu vergleichen, wobei ich J. G. Bernoulli's Angaben106 zu Grunde lege. Nach diesen wäre die Heizkraft |354| der gewöhnlichen Steinkohle = 6000 und der Kohlenbedarf der besten Hochdruckmaschinen mit Expansion und Condensation = 2½ Kilogramme per Pferdekraft und Stunde anzunehmen. Dividirt man nun den theoretischen Effect107 2,5 × 6000 × 423,55 durch den wirklichen 75 × 60 × 60, so erhält man 23,53. Die besten Dampfmaschinen liefern also etwa 1/24 des theoretischen Effectes, etwas mehr als 4 Procent, und würden daher aus diesem Gesichtspunkte betrachtet, den elektromagnetischen Maschinen weit nachstehen. — Ganz anders stellt sich das Verhältniß in ökonomischer Hinsicht. Wie ich in meiner ersten Abhandlung bereits nachgewiesen habe, würden die Kosten einer elektromagnetischen Maschine von 25 Proc. Nutzeffect per Pferdekraft und Stunde mindestens 1⅓ Thaler betragen, wenn nur der Materialverbrauch gerechnet wird, während die gesammten Betriebskosten einer gleichen Dampfkraft für die gleiche Zeit auf weniger als den zwanzigsten Theil davon veranschlagt werden.108

Daß es, um günstigere Resultate bezüglich des Kostenpunktes bei den elektromagnetischen Maschinen zu erzielen, nach dem von Kravogl in der Construction der Maschine selbst gemachten Fortschritte, vor Allem auf eine Verbesserung unserer Batterien ankommt, und welche Verhältnisse dabei im Auge zu behalten sind, habe ich bereits in meiner früheren Abhandlung erörtert.

Bezüglich meiner Untersuchung des Kravogl'schen Motors dürften noch einige Daten von Interesse seyn, die ich in jener Abhandlung nicht angeführt habe. Der Widerstand eines (einfachen) Elementes meiner Batterie betrug durchschnittlich 0,3 Siemens-Einheit. Der Widerstand des Motors zeigte sich bei verschiedenen Stellungen des Commutators sehr verschieden; als Durchschnittszahl ergab sich 1,3 Siemens-Einheiten. Wollte man mit Benutzung dieser, wie gesagt, sehr unsicheren Zahlen nach der Formel a = k s2w die theoretischen Effecte berechnen, so würden sich aus meinen Bestimmungen der Arbeitsleistungen des Apparates Nutzeffecte zwischen nahezu 19 und 48 Proc. ergeben. Uebrigens wäre eine solche Bestimmung der Nutzeffecte um so weniger zulässig, als der Widerstand des in Bewegung begriffenen Apparates sicher ein anderer ist als der des stillstehenden, und überdieß noch mit der Geschwindigkeit |355| veränderlich; abgesehen davon, daß diese Methode von der bisher gangbaren auch im Principe wesentlich verschieden wäre.

Somit glaube ich nach allen Richtungen nachgewiesen zu haben, daß meine Berechnungsart der Nutzeffecte ganz entschieden die praktischeste und zugleich eine solche ist, gegen deren wissenschaftliche Begründung und Correctheit sich gar nichts einwenden läßt.

Im Eingange seines oben citirten Aufsatzes bemerkt Pierre, daß die in meiner Abhandlung Seite 428 beim Versuche Nr. 9 angegebenen Zahlen nicht richtig seyn können, da die darin angesetzten Versuchsdaten einen Nutzeffect von 27 Proc. statt des angegebenen von 17 Proc. ergeben würden. Hierüber kann ich zur Aufklärung bemerken, daß bei diesem Versuche — wie meine Aufschreibungen ausweisen — die Batterie nicht wie bei den übrigen Versuchen zu 6 Doppelelementen, sondern zu 12 einfachen Elementen combinirt war. Mit Berücksichtigung dieses Umstandes stellen sich die von mir angegebenen Zahlen als richtig heraus, und ist eben nur die bezügliche Anmerkung beim Abschreiben des Manuscriptes weggeblieben.

Ausgehend von dem bekannten Satze, daß der Arbeitsstrom beim Maximum des Nutzeffectes die Hälfte des Ruhestromes ist, versuchte Pierre eine beiläufige Bestimmung des Nutzeffectes, bezogen auf den Ruhestrom. Es ergeben sich dabei Werthe zwischen 5 und 12½ Proc. (Im citirten Aufsatze steht 17½ Proc., was offenbar ein Druckfehler ist.) Diesem Ergebnisse ist die Bemerkung beigefügt, daß die so berechneten Nutzeffecte der Kravogl'schen Maschine immer noch viel bedeutender sind als die, welche an elektromagnetischen Maschinen anderer Construction bisher beobachtet wurden. Da jedoch über die letzteren meines Wissens keine Daten vorliegen, die auch auf Ruhestrom bezogen und somit hier unmittelbar vergleichbar wären, so muß man vielmehr sagen: daß die auf Ruhestrom bezogenen Nutzeffecte der Kravogl'schen Maschine sogar größer sind als die auf Arbeitsstrom bezogenen Nutzeffecte der älteren Elektromotoren, für welche, hätte man sie auch auf Ruhestrom bezogen, selbstverständlich noch viel kleinere Werthe herausgekommen wären.

Die sehr sinnreiche Ginrichtung, welche diese große Ueberlegenheit der neuen Maschine bedingt, ist zum Theile schon aus den Pariser Ausstellungsberichten109 ersichtlich. Eine näher eingehende Erörterung wird |356| Pierre's Abhandlung enthalten, von welcher der mehrfach citirte Aufsatz einen Auszug bildet.

Die dadurch angeregte Discussion wird nicht verfehlen der interessanten Frage wegen Bestimmung der Nutzeffecte einige Aufmerksamkeit zuzuwenden und in weiteren Kreisen ein richtiges Urtheil über Gegenwart und Zukunft des „Elektromagnetismus als Triebkraft“ zu verbreiten. — Möge es mir gelungen seyn mit den Abhandlungen, in welchen ich die bisher angewendete Nutzeffects-Berechnung zuerst auf bestimmte Formeln zurückgeführt und nach dem neueren Standpunkte der Wissenschaft beleuchtet, sowie das bisher Geleistete mit den nöthigen Literaturnachweisungen übersichtlich gemacht habe, dazu einen nützlichen Beitrag zu liefern.

Prag, den 30. April 1868.

|346|

Siehe meine Eingangs citirte Abhandlung S. 419.

|346|

Oder, was dasselbe ist, den Werth e = nη für die elektromotorische Kraft der Batterie.

|347|

Ueber den gegenwärtigen Zustand der Versuche mit elektromagnetischen Maschinen, im polytechn. Journal Bd. LXXXV S. 437.

|347|

Ueber das elektrodynamische Aequivalent und über eine feste Scala der elektromotorischen Kraft in der Galvanometrie.

Ueber die Anwendung der Elektricität und Wärme als bewegende Kräfte. Aus dem Englischen im polytechn. Journal Bd. CXIX S. 424 und 426.

|347|

Polytechn. Journal Bd. CV S. 153.

|347|

Polytechn. Journal Bd. XCII S. 136.

|348|

Polytechn. Journal Bd. CXVIII S. 26.

|348|

Die Fortschritte der Physik, dargestellt von der physikalischen Gesellschaft zu Berlin, Jahr 1861.

|349|

Als Wärmeeinheit dient bekanntlich die zur Erwärmung der Gewichtseinheit Wasser von 0° auf 1° erforderliche Wärmemenge.

|349|

Diese Zahlen, oder vielmehr die genaueren 1287,5 und 772,5, beziehen sich auf meine absoluten Messungen der elektromotorischen Kraft der Daniell'schen Kette (Polytechn. Journal Bd. CLXXXIII S. 204).

|350|

Siehe Bosscha: „über die mechanische Theorie der Elektrolyse, in Poggendorff's Annalen Bd. CI S. 517.

|351|

Die Zahl 1,05 ist der Quotient der Weber'schen durch die Jacobi'sche Stromeinheit.

|351|

Siehe meine oben citirte Abhandlung über die elektromotorischen Kräfte.

|352|

Siehe meine erste Abhandlung, polytechn. Journal Bd. CLXXXIII S. 419.

|353|

Die Jacobi'sche Theorie behandelt die theoretische Arbeit (und zwar nur für den Fall des Arbeitsmarimums) mit Rücksicht auf gewisse Constanten des Motors, also nicht unabhängig von der Beschaffenheit desselben und somit auch in einem ganz anderen Sinne.

|353|

Vademecum des Mechanikers, 7. Auflage S. 341 und 375.

|354|

Die gewöhnliche Berechnungsart des theoretischen Effectes einer Dampfmaschine beruht bekanntlich auf anderen Grundlagen und stellt den Nutzeffect viel größer heraus. Dieß würde auch schon der Fall seyn, wenn man den Wärmeverlust in der Kesselfeuerung (nach J. G. Bernoulli ⅓ bis ½) von der Heizkraft in Abzug brächte.

|354|

Siehe die Angaben im polytechn. Journal Bd. CLVI S. 392 und Bd. CLVII S. 326.

|355|

Bericht vou Militzer, mit schematischer Abbildung der Kravogl'schen elektromagnetischen Kraftmaschine, S. 1 in diesem Bande des polytechn. Journals (erstes Aprilheft 1868). A. d. Red.

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