Titel: Das Glaubersalz in der Färberei; nach Emil Saloschin.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1868, Band 188/Miszelle 9 (S. 164–166)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj188/mi188mi02_9

Das Glaubersalz in der Färberei; nach Emil Saloschin.

In England wendet man das schwefelsaure Natron oder Glaubersalz schon allgemein, auch in Deutschland hier und da wohl als Hülfsmittel an, besonders in der Wollfärberei. In welcher Weise aber dieses Salz wirkt, ist nur erst wenig untersucht worden, und es sind daher einige Mittheilungen von Interesse, welche E. Saloschin darüber in der Musterzeitung, 1868 S. 3 gibt. Zunächst erhöht das Glaubersalz natürlich, wie alle löslichen festen Körper, das spec. Gewicht und den Siedepunkt des Lösungsmittels.

Diese Eigenschaft allein schon ist für manche Färbeprocesse wichtig. Man kann z. B. die Nüance von Anilinviolett in's Bläuliche oder Röthliche ändern, je nach der |165| Höhe der Temperatur, auf welche man die Flotte erhitzt. Hat man nun mit saurer Flotte zu arbeiten, so verbindet sich das Glaubersalz mit der freien Schwefelsäure zu dem sauren schwefelsauren Natron, einem gleichfalls krystallisirbaren festen Salz, und die Flotte behält die saure Reaction, ohne gerade freie Säure zu enthalten. Man wird also beim Färben, z. B. halbwollener Zeuge, die Baumwolle, welche von freien Säuren stark angegriffen wird, außerordentlich schonen. — Durch seine Löslichkeit in Wasser vermindert das schwefelsaure Natron auch das Vermögen der Flotte, die zugeführten Farbstoffe so reichlich aufzulösen, wie sie es ohne Gegenwart dieses Salzes thun würde, und gerade diese Eigenschaft ist für den Verlauf mancher Färbeprocesse von der größten Wichtigkeit. Die rothen Farbstoffe, wie Persio oder Orseille, ganz besonders aber das Fuchsin und die rothen Farbhölzer, besitzen bekanntlich die Eigenschaft, bei Gegenwart freier Säure nur wenig auf die Faser aufzugehen. Wo man sich derselben also in saurer Flotte bedient, geht beim Einschlagen des gebräuchlichen Weges gewöhnlich der größere Theil der Farbstoffe unbenutzt fort. Dasselbe gilt auch für das Gelbholz. Benutzt man die angeführten Pigmente in saurer Flotte, so kann man gerade hier durch Anwendung von Glaubersalz einen doppelten Zweck erreichen. Man kann zunächst dadurch, daß man die freie Schwefelsäure bindet, das Färbevermögen der genannten Materialien in Thätigkeit setzen, und hat es durch die Quantität des angewendeten Glaubersalzes in der Hand, das Aufgehen dieser Farbstoffe zu beherrschen; somit kann man also mittelst Glaubersalz wirklich nüanciren. Der letztgenannte Umstand ist für manche Branchen der Färberei von großer Wichtigkeit. Viele Garnarten besitzen die Eigenschaft, sich in Folge häufigen Temperaturwechsels leicht zu verfilzen. Diesem Temperaturwechsel muß man die Wolle jedoch aussetzen, wenn man beim Nüanciren nöthig hat, sie mehrere Male aus der heißen Flotte zu nehmen, um dieser neuen Farbstoff zuzusetzen. Statt so zu verfahren, kann man von vorn herein eine etwas größere Menge Säure und Farbstoff zusetzen und dann durch allmähliches Hineinwerfen von Glaubersalz, ohne die Waare herauszuheben, in vielen Fällen ganz gut nüanciren. Nebenbei erspart dieses Verfahren sehr viel an Arbeit und setzt den mit der Benutzung des Glaubersalzes erst einigermaßen vertrauten Färber in den Stand, bei sorgfältiger Ueberwachung mit größerer Bequemlichkeit und Sicherheit zu arbeiten. Ist einmal wirklich zu viel Farbstoff aufgegangen, so hilft man sich leicht wieder durch Hinzufügen kleiner Quantitäten von Säure. Die genannten Erscheinungen treten bei Anwendung von Fuchsin ganz besonders auffällig hervor. — Ein anderes Beispiel bietet das Färben einiger Nüancen, für welche die Wolle zunächst in einer Chromverbindung, also am häufigsten in rothem chromsauren Kali, angesotten wird. Dieß geschieht vielfach für Roth, Braun und Grau, welche mittelst Blauholz, Rothholz und Gelbholz neben genügender Festigkeit recht billig hergestellt werden sollen. Nach dem Ansieden in der Chromflotte, besonders wenn in derselben, wie dieß häufig geschieht, etwas Schwefelsäure benutzt wurde, gehen Blauholz und Rothholz, wenn sie nur in kleinen Quantitäten angewendet werden, sehr schnell und deßhalb leicht unegal auf; man ist deßhalb bei dem gewöhnlichen Verfahren genöthigt, bei ziemlich niedriger Temperatur in die Flotte einzugehen und allmählich zu erhitzen. Bedient man sich aber einer verhältnißmäßig nur kleinen Quantität von Säure als Zusatz zu einer solchen Farbflotte, so verhindert diese nahezu ganz das Aufgehen der genannten Farbstoffe; man kann also siedend in die Flotte eingehen, ohne ein unegales Färben zu befürchten. Fügt man dann allmählich, während man die Wolle, das Garn oder die Stücke bewegt, Glaubersalz hinzu, so gehen die Pigmente in dem Maaße auf, als dieses die freie Säure bindet, und man kann, ohne die Waaren herauszunehmen, nüanciren, wenn nur die zuerst gegebene Menge der Farbstoffe nicht zu klein war. Einen ähnlichen Effect erhält man in diesem Fall, wenn man der Flotte gleich von vorn herein Glaubersalz zufügt, welches hier auch sehr gut durch gewöhnliches Salz, wie es für Fabrikzwecke verwendet wird, ersetzt werden kann. In diesem Falle bewirkt die Löslichkeit der angewendeten Salze ein Fällen der gelösten Farbstoffe, welche dann in sehr fein vertheiltem Zustand in der Flotte schwimmen, oder dieselben verhindern theilweile die Lösung der Farbstoffe, je nachdem man die letzteren oder das Salz zuerst der Flotte zugeführt hat. Beides ist für den Erfolg ganz gleich; die Pigmente gehen nur in dem Maaße auf, als sie gelöst werden: es löst sich aber neuer Farbstoff nur in dem Verhältniß, in welchem die Faser den schon gelösten aufnimmt. Daß man gleichmäßiger färbt, wenn die Farbstoffe sich nicht in Lösung, sondern in feiner Vertheilung |166| in der Flotte befinden, weiß jeder Färber, der sich einmal des wasserlöslichen Anilinblaues bedient hat. Dasselbe geht nämlich, weil es in schwachen Säuren so leicht löslich ist, häufig zu schnell auf, wenn man in saurer Flotte färbt, und färbt daher leicht unegal. Deßwegen thut man am besten, in neutraler oder schwach alkalischer Flüssigkeit zu färben und das Blau durch eine Säure nachher hervorzurufen. Der entsprechende spirituslösliche Farbstoff hingegen, welcher, sobald man die Lösung in die Flotte gießt, präcipitirt wird, kocht langsamer und egaler an. — Die Benutzung von Glaubersalz bietet außerdem noch in den Fällen große Vortheile, wo man sich zum Nüanciren kleiner Quantitäten von Indigocarmin vedienen muß. — Da die Affinität dieses Farbstoffes zur Wolle bei Gegenwart einer freien Säure bekanntlich sehr groß ist, so gehen geringe Quantitäten desselben häufig sehr unegal auf die Waare, und es bedarf zum Egalisiren eines anhaltenden Kochens. Stumpft man in diesem Falle die freie Säure durch Glaubersalz ab, so geht auch der Indigocarmin langsamer auf und kocht sich vor Allem leichter egal.

Es liegt nun die Frage nahe, ob gerade nur das Glaubersalz specifisch die erwähnten Wirkungen besitze oder ob dasselbe, vielleicht sogar zweckmäßiger, auch durch andere Salze oder Verbindungen ersetzt werden könne. Es wurde vorher schon das Kochsalz erwähnt, welches, wenn nur die Erzielung eines höheren specifischen Gewichtes oder Fällung gelöster Farbstoffe beabsichtigt wird, mit Vortheil benutzt werden kann. In saurer Flotte ist bei Anwendung von Kochsalz anstatt des Glaubersalzes das Freiwerden der Salzsäure sehr störend; falls solche zugegen ist, greift sie Baumwolle sehr bedeutend an. Auch Bittersalz (schwefelsaure Magnesia) und andere Salze, welche nicht, wie die Thonerde-, Zinn- und Eisenverbindungen, chemisch auf viele Farbstoffe einwirken, kann man, wenn solche billig genug zu beschaffen sind, zu demselben Zwecke benutzen, wie das Kochsalz. Ganz und gar wird sich das Glaubersalz durch die entsprechende Kaliverbindung, das schwefelsaure Kali, ersetzen lassen, welches die Verbindung mit Schwefelsäure sogar energischer als das schwefelsaure Natron eingeht, sich in den meisten Fällen aber wahrscheinlich doch theurer als dieses stellen dürfte. Jedenfalls würden Versuche mit dem schwefelsauren Kali von Werth und Interesse für die Färberei seyn. Auch das saure schwefelsaure Natron, welches als Rohproduct bezogen werden kann, wird sich häufig mit Vortheil benutzen lassen und vielfach das Hinzufügen freier Säure zur Farbflotte ersparen. Zur Vergleichung des Kostenpunktes sey noch bemerkt, daß das schwefelsaure Kali wasserfrei ist, daß man mit dem krystallisirten Glaubersalze 55,9 Proc., mit dem Bittersalze 51,22 Proc. Wasser mitkauft, welche natürlich ohne Einfluß in der Farbflotte sind. Schließlich sey noch bemerkt, daß 100 Theile krystallisirtes Glaubersalz im Stande sind, 30½ Theile zugesetzte Schwefelsäure von 60° Baumé zu binden und sich damit zu saurem schwefelsaurem Salz zu vereinigen oder mit anderen Worten: für jedes Pfund der Flotte zugesetzter concentrirter Schwefelsäure von 66° Baumé sind 3 Pfd. krystallisirtes Glaubersalz erforderlich.

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