Titel: Payen, über die Fabrication künstlicher Schleifsteine.
Autor: Payen, Anselme
Fundstelle: 1868, Band 190, Nr. LVII. (S. 197–200)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj190/ar190057

LVII. Die Fabrication der künstlichen Schleifsteine.

Aus dem Précis de Chimie industrielle par A. Payen, Paris 1867.

Mit Abbildungen auf Tab. III.

Dieser Industriezweig, welcher seit zehn Jahren von Deplanque geschaffen und stufenweise verbessert worden ist, hat erst in der letzten Zeit durch die Verwendung wohlfeiler Rohmaterialien, sowie durch die erzielte Regelmäßigkeit der Operationen und Vorzüglichkeit der Producte eine wirkliche Bedeutung erlangt.

Durch Anwendung verschiedener Mengenverhältnisse, sowie eines gröberen oder feineren Kornes des zur Anfertigung dieser Producte verwendeten Sandes, Quarzes, Feuersteines, Schmirgels etc., lassen sich Steine fabriciren, welche zum Schleifen, Poliren und Schärfen verschiedener Gegenstände aus Gußeisen, Schmiedeeisen, Stahl etc. geeignet sind. Als Bindemittel zur Vereinigung der genannten harten Mineralsubstanzen benutzt der Erfinder Abfälle von vulcanisirtem Kautschuk und die aus Steinkohlentheer gewonnenen Schweröle, welche einen nur geringen Handelswerth haben.85

Das Verfahren zur Anfertigung dieser künstlichen Schleifsteine ist das folgende. Ein mit Kohksklein oder Cinders geheizter Kessel A, Fig. 32, wird mit 35 Kilogrm. Abfällen und Schnitzeln von vulcanisirtem Kautschuk beschickt, worauf man die Temperatur auf 220 bis 230° C. steigert. Zur besseren Vertheilung der Wärme und zur Beförderung der Schmelzung setzt man nach Verlauf von zwei Stunden 3 Kilogrm. Schweröl hinzu, und wiederholt den Zusatz derselben Oelmenge nach wiederum zwei Stunden, so daß während der ganzen Dauer der sechs Stunden beanspruchenden Operation dem fortwährend umzurührenden Gemenge im Ganzen 9 Kilogrm. Schweröl zugesetzt werden. Der größte Theil dieses Oeles verflüchtigt sich; die Dämpfe desselben werden mittelst des aus |198| Eisenblech angefertigten Domes B und des Rohres C in die 33 Meter hohe Esse geleitet, damit sie sich über den benachbarten Häusern zerstreuen und die Umgebung nicht belästigen können. Nachdem die Beschickung des Kessels in dieser Weise den gehörigen Flüssigkeitsgrad angenommen hat, wird sie mittelst eines mit innerem Ventil versehenen Ansatzrohres in den beweglichen Kessel oder die Vorlage E abgelassen; die aus der letzteren entweichenden Oeldämpfe werden durch den Dom E′ in das vorhin erwähnte Rohr C abgeleitet, in welchem sie mit den im Kessel A entwickelten Dämpfen zusammentreffen. Die Verbindung zwischen E′ und C kann durch die Klappe M beliebig abgesperrt werden. Die Verbrennungsgase des Herdes treten durch das Rohr D ebenfalls in die gemeinschaftliche Esse und befördern den Zug derselben.

Der in der nach G (Fig. 33) transportirten Vorlage enthaltene flüssige Kautschuk wird nun mit 12 Kilogrm. Schwefelblumen versetzt und das Ganze gehörig durcheinander gerührt, so daß sich der Schwefel möglichst gleichmäßig vertheilt86 dann fügt man 525 bis 618 Kilogrm. der oben genannten, mehr oder weniger fein gepulverten Mineralsubstanzen (Sand, Quarz, Feuerstein, Schmirgel etc.) hinzu, so daß ein consistenter Teig entsteht, welchen man durch Kneten zwischen den beiden hohlen Walzen F von 30 Centimet. Durchmesser, homogener macht. Diese Walzen drehen sich in entgegengesetzter Richtung mit verschiedener Geschwindigkeit, indem die eine 2, die andere 6 Umgänge in der Minute macht; sie werden durch einen in ihr Inneres eingeleiteten Dampfstrom auf 50 bis 60° C. erwärmt, und die auf ihnen sich entwickelnden Oeldämpfe werden durch einen Blechmantel und das Rohr F′ der gemeinsamen Esse zugeführt. Der auf diese Weise geknetete Teig kommt zwischen zwei ganz ähnliche Walzen, welche indessen, wie bei Walzwerken, mit gleicher Geschwindigkeit, einmal in der Minute, umlaufen. Diese Walzen, welche beliebig eng oder weit gestellt werden können, liefern Blätter von 5 bis 90 Millimet. Dicke, welche einzeln auf einen mit gepulvertem Talk (Speckstein) bestreuten Tisch gelegt, oben ebenfalls mit Talk bestreut und mittelst eines kreisförmigen Aushaueisens, Fig. 34, zerschnitten werden. Man erhält auf diese Weise eine Scheibe, welche auf allen Flächen mit Talk bepudert und dann in einem Ringe von passender Größe und Dicke dem kräftigen Drucke (von 150,000 bis 200,000 Kilogrm.) einer hydraulischen Presse (Fig. 35) unterworfen wird. Dann nimmt man die Scheibe aus der |199| Form, indem man den unterstützten Ring unter eine Schraubenpresse (Fig. 36) bringt. Die so kalt gepreßte und aus der Form genommene Scheibe wird nun wiederum unter das Aushaueisen (Fig. 34) gebracht, welches die unregelmäßigen Ränder entfernt und gleichzeitig in der Mitte ein Loch durchstößt. Hierauf werden die Scheiben in den Vulcanisircylinder gelegt, in welchem sie geschwefelt werden, um die erforderliche Härte und Festigkeit zu erhalten.

Zu dieser Schwefelung ist eine Temperatur von ungefähr 140° C. erforderlich. Um dieselbe hervorzubringen, wird Wasserdampf von 153° C. unter einem Drucke von 5 Atmosphären durch C′ in den (mit einem zur Entfernung des condensirten Wassers dienenden Abflußrohre C versehenen) Mantel des aus 1 Centimet. starkem Eisenbleche angefertigten Cylinders geleitet (Fig. 37 stellt den verticalen Längsschnitt und Fig. 38 den Querschnitt dieses Vulcanisircylinders dar). Auch der an der Vorderseite des Cylinders angebrachte Deckel könnte mit einem Mantel versehen werden, in welchem gleichfalls Dampf circulirt. Die an den inneren Wandungen des Cylinders befestigten Träger b sind zur Aufnahme der in horizontaler Lage auf ihnen ruhenden dünnen Gußeisenplatten bestimmt, welche als Unterlagen für die runden und anders geformten Steine87 dienen, welche geschwefelt werden sollen. Nachdem diese Gegenstände so in den Cylinder eingetragen wurden, daß sein Raum möglichst vollständig benutzt ist, verschließt man die Mündung derselben mittelst beweglich verbundener Bolzen mit dem Deckel, läßt Dampf zu und unterhält die oben angegebene Temperatur sieben bis acht Stunden lang. Während der ganzen Dauer der stattfindenden Reaction verbindet sich ein Theil des durch den Schwefel verdrängten Wasserstoffes im Entstehungszustande mit dem überschüssigen Schwefel zu Schwefelwasserstoff, und dieser wird durch einen schwachen Luftzug, der mittelst einer in der Mitte des Deckels befindlichen 1 Centimet. weiten Oeffnung und eines am anderen Ende des Cylinders angebrachten Rohres f hervorgerufen wird, nebst der geringen Menge von Oeldämpfen, welche die Gegenstände noch entwickeln, entfernt. Man läßt schließlich erkalten und trägt aus. Da der Cylinder durchschnittlich 500 Kilogrm. Schleifsteine und andere Gegenstände aufzunehmen vermag, so würde es keine Schwierigkeit haben, binnen 24 Stunden in zwei Operationen 1000 Kilogrm. zu schwefeln.

Die nach diesem Verfahren dargestellten künstlichen Schleifsteine |200| besitzen eine große Homogenität und eine außerordentliche Festigkeit. Die größte Sorte derselben, von 60 Centimet. Durchmesser und 7,5 Centimet. Dicke, kostet 40 Frcs. und wiegt 40 Kilogrm.; die kleinsten haben 28 Centimet. Durchmesser und sind 4 Millimet. stark; zwischen diesen Dimensionen variirt die Dicke von 1 zu 1 Millimet. Die zum Schärfen der Zähne von großen Sägen bestimmten Steine haben gewöhnlich 4 bis 20 Millimet. Dicke. Zu dieser letzteren Verwendung sind die künstlichen Schleifsteine ganz besonders zu empfehlen; dieselben haben bedeutende Vorzüge vor den zu diesem Zwecke bei geraden und bei Kreissägen bisher benutzten Feilen, indem durch sie zwei Drittheile sowohl an Handarbeit, als an Abnutzung der Geräthe erspart werden können. — Mit großem Vortheile wendet man diese Steine ferner zum Abschruppen, Befeilen, Schleifen und Poliren der verschiedenartigsten Gegenstände aus Gußeisen, Schmiedeeisen und Stahl an. — Die Maschinen, durch welche diese Schleifsteine zum Schärfen sowohl der geraden als der Kreissägen getrieben werden, kosten 140 bis 200 Frcs.;88 dieselben sind bereits in zahlreichen Schneidmühlen und Werkstätten eingeführt.

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Destillirt man von Steinkohlentheer 22 bis 25 Proc. verschiedener Hydrocarbüre und anderer flüchtigen Producte ab, behandelt die erhaltenen Destillate mit 3 Proc. Schwefelsäure, wäscht sie sorgfältig aus und unterwirft sie dann einer neuen Destillation, so sind die ersten Antheile, welche bis zur Temperatur von 150° C. übergehen, diejenigen, welche den meisten Werth haben, zugleich die specifisch leichtesten (die Leichtöle); die dann zwischen 150 und 200° oder 220° C. überdestillirenden Antheile bilden die sogen. Schweröle vom spec. Gewicht 1000 bis 1100, deren Werth bedeutend geringer ist, indem diese Producte zu ungefähr 10 Frcs. per 100 Kilogr. verkauft werden.

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Um die Blasen zu vermeiden, welche das während der Schwefelung sich entwickelnde Schwefelwasserstoffgas erzeugen kann, dürfte ein Zusatz von 2 kil. gepulvertem Kalk oder von 4 kil. Bleioxyd zu empfehlen seyn.

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Es werden nämlich nach dem beschriebenen Verfahren auch Wetzsteine zum Schärfen der Sensen und Sicheln angefertigt, welche ihre Gestalt durch ein entsprechend geformtes Ausschneideisen erhalten.

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Dergleichen Maschinen werden sowohl mit hölzernen als mit eisernen Gestellen angefertigt; bei der von Galibert (37, rue de Lyon in Paris) construirten machen die Steine 800, bei der Gérard'schen Maschine aber 1600 bis 2000 Umdrehungen, in der Minute.

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