Titel: Henkel und Seck's Getreideschälmaschine.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1868, Band 190, Nr. XCV. (S. 363–367)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj190/ar190095

XCV. Getreideschälmaschine von Henkel und Seck in Frankfurt a. M.

Aus der Zeitschrift des Vereines deutscher Ingenieure, 1868, Bd. XII S. 545.

Mit Abbildungen auf Tab. VI.

Bevor wir zur Beschreibung dieser Maschine übergehen, sey es erlaubt, eine kurze Recapitulation der Ansprüche vorauszuschicken, welche man an gut gereinigtes und geschältes Getreide macht.

Unter sachgemäßer Reinigung des Getreides verstehen wir die Entfernung aller derjenigen Theile, welche nachtheilig auf die Qualität und das Aussehen des resultirenden Mehles wirken. Hierzu gehören außer den zufällig beigemengten mechanischen Unreinigkeiten, als kleine Steine, Stroh, Staub etc. etc.

1) das Bärtchen an dem einen Ende des Kornes;

2) die am entgegengesetzten Ende sitzende Keimspitze;

3) die kleinen Rippchen und Bläschen der obersten Haut, welche man beim Roggen und manchen Weizenarten leicht erkennt.

Diese Theile wirken aus dem Grunde nachtheilig auf die Qualität und Farbe des Mehles, weil sie beim ersten Angriffe der Steine zu ganz feinem Staube zerrieben werden, welcher, von gleicher Feinheit wie das Mehl selbst, mit diesem zusammen durchgebeutelt und somit vollständig vermischt wird. Nimmt man von dem aus oben genannten Theilen herrührenden gelblichen Staube, wie er sich an den Wänden der Räume, wo Putzmaschinen stehen, findet, 1 Gewichtstheil und vermischt denselben mit 10 Gewichtstheilen des feinsten Mehles, so wird das Gemenge alle Eigenschaften des Schwarzmehles oder der niedrigsten Sorte zeigen, d. h. man verdirbt mit 1 Pfd. Staub 10 Pfd. des feinsten Mehles, würde also demgemäß für jedes Pfund vorher entfernten Staubes 10 Pfd. feines Mehl mehr erhalten. Die Wichtigkeit einer gründlichen Reinigung wäre somit zur Evidenz erwiesen, und bleibt uns nur noch der Nachweis übrig, wie gut geputzter Weizen beschaffen seyn muß.

Wie bereits angedeutet, muß derselbe vollkommen rasirt, aller Staub, auch der im Einschnitte sitzende, so viel als möglich entfernt, und die feinen Rippchen der Oberhaut beseitigt seyn; dabei dürfen aber die Körner nicht angegriffen und zerbrochen werden, auch darf die Schale nicht aufgerissen seyn, sondern der Weizen muß wie polirt erscheinen und leicht durch die Finger rollen.

Von den vielen, zu diesem Zwecke construirten Maschinen, deren |364| einige hier kurze Erwähnung finden sollen, hat bis jetzt keine nur annähernd die gewünschten Resultate gegeben. Bei den namentlich in den letzten Jahren in Frankreich eingeführten Rubbern (Colonnen), welche aus Cylindern von Reibeisenblech bestehen, ist ein guter Erfolg dadurch vereitelt worden, daß die Körner zu schnell durchfielen und nicht genug bearbeitet werden konnten. Selbst öfteres Aufschütten und die Aufstellung mehrerer Rubber in einer Mühle haben bis jetzt nur wenig Befriedigendes ergeben; so lange die Reibeisenbleche neu sind, werden viele Körner zu stark angegriffen, es entsteht dadurch nicht nur Verlust an Mehl, sondern die angegriffenen Körner liefern auch, weil die verletzte Schale sich leicht zu Staub zermahlt, schlechteres Mehl. Nutzen sich dann die Reibeisenbleche ab, was erfahrungsmäßig sehr schnell geschieht, so verlieren die Rubber allmählich ihre Wirkung, bis der Effect nach einigen Monaten auf ein Minimum herabsinkt. Der unangenehmste Punkt aber ist der, daß es nicht gelingt, die Bärtchen zu entfernen, welche zwischen ihren Haarröhrchen bedeutende Staubmassen bergen. Man fängt in Folge dessen wieder an, den so oft geschmähten Spitzgängen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, und läßt den Weizen erst ein- oder zweimal über Rubber gehen und zuletzt noch durch einen Spitzgang. Letztere greifen aber die Körner sehr stark an, und zwar hauptsächlich an den Köpfen, während sie andererseits den feinen Staub in den Einschnitten der Frucht vollständig unberührt lassen. Daß die Schale des Weizens, welche zum Theile aus Kieselerde besteht, eine baldige Abnutzung der Steine herbeiführt, ist eine allgemein bekannte Thatsache.

Den Gipfelpunkt einer vollkommenen Reinigung sah man seit langer Zeit in der Enthülsung der Getreide, d. h. der vollkommenen Entfernung der kieselerdigen Schale, welche bekanntlich aus vier dünnen Häutchen besteht; leider aber haben die vielen in dieser Richtung gemachten Experimente bis jetzt noch wenig nennenswerthe Resultate ergeben. Es leuchtet ein, daß die einer guten Enthülsung im Wege stehenden Schwierigkeiten entschieden noch bedeutender, als die der Reinigung sind.

Von den vielen Maschinen und Apparaten, welche seit Jahren für diesen Zweck construirt und ausgeführt worden sind, ist die den HHrn. Henkel und Seck patentirte Getreideschälmaschine wohl die einzige, welche die oben näher bezeichnete Aufgabe iu befriedigender Weise löst. Wir hatten Gelegenheit, eine solche Maschine längere Zeit im Betriebe zu sehen, deren Erfolge zu beobachten und genauen Einblick in deren Construction zu erlangen, so daß wir jetzt durch freundliche Erlaubniß der HHrn. Patentinhaber in den Stand gesetzt sind, darüber nähere Mittheilungen machen zu können, und die Aufmerksamkeit der Fachmänner |365| auf diese zu lenken. Daß diese Maschine so überraschende Resultate liefert, kommt daher, daß sie auf einem neuen, bisher noch nicht angewendeten sachgemäßen Principe beruht. Es sind bei derselben nämlich nicht Schärfen, Frictionsapparate, oder überhaupt Theile der Maschine, welche die Arbeit des Schälens verrichten, sondern die Körner selbst, welche sich durch gegenseitige Reibung schälen und putzen, ähnlich wie man Ketten im Rollfasse, oder Diamanten mit Diamantenstaub polirt. Die Maschine dient nur als Mittel, diese gegenseitige, mehrere Minuten lange Reibung der Körner in Vollzug zu bringen, und es erfolgt die Reibung ohne jeden anderen als den geringen aus der Centrifugalkraft und dem Gewichte der Körner resultirenden Druck, wodurch einerseits eine Erhitzung unmöglich wird, andererseits die Bearbeitung vollständig gleichmäßig vor sich geht. Da alle Schärfen u. dgl. an der Maschine vermieden sind, und zum Bearbeiten der alle Materialien angreifenden kieselerdigen Schalen diese selbst benutzt werden, so ist selbstverständlich niemals ein Nachschärfen irgend welcher Theile nöthig, und die Maschine arbeitet immer mit gleichem Erfolge. Ein Hauptvortheil derselben ist noch der, daß man nicht nur mittelst derselben nach Belieben entweder die Körner vollständig enthülsen, d. h. von allen Holzfaserhäuten, dem Bärtchen, Keimspitze und allem Schmutze und Staube befreien, sondern auch sachgemäß, d. h. so reinigen kann, wie dieß im Eingange beschrieben worden. Wir können deßhalb den Apparat nur als einen außerordentlichen Fortschritt begrüßen, und würden uns freuen, wenn diese kurze Darstellung zur Verbreitung desselben in den betreffenden Kreisen beitrüge.

Die Zeichnung Fig. 1 und 2 stellt die Maschine im Vertical- und Horizontaldurchschnitte dar. Dieselbe besteht aus einem cylindrischen Mantel A, in welchem eine Trommel rotirt. Letztere wird gebildet durch zwei auf der stehenden Welle B befestigte Sterne C, welche sechs Leisten D, D.. tragen, die zur Befestigung der 11 Ringe E, E.. und der vier Scheiben F, F.. dienen. Die Arme der Sterne tragen sechs Windflügel G, G.., welche durch die ganze Höhe der Trommel gehend einen kräftigen Ventilator bilden. Hinter den Ringen ist ein Sieb H angebracht, welches den Zweck hat, das Zurückfallen einzelner Körner in die Maschine zu verhindern. Der Betrieb der Trommelachse erfolgt mittelst Fest- und Losscheibe und conischer Räder. Das Innere des cylindrischen Mantels ist zum Theile gerippt, wie im Horizontaldurchschnitte dargestellt, und nur an den Stellen platt, wo die Ringe laufen. Zwischen der Peripherie der Ringe und dem umschließenden Mantel ist ringsherum ein Spielraum von 1 bis 1,5 Millimet. gelassen, so daß die |366| Trommel im Cylinder frei rotiren kann. Ein Theil der Cylinderwandung wird durch das Sieb O gebildet; vor diesem ist ein Kasten P angebracht, welcher dazu bestimmt ist, die Holzfaserkleie aufzunehmen, welche von den Körnern abgeschält wird.

Durch die vorbeschriebene Anordnung bilden sich die fünfzehn Terrassen 1 bis 15, welche mittelst eines mit Canälen versehenen Schiebers R folgendermaßen mit einander in Verbindung stehen. Die Terrassen 1 und 2 communiciren mit der Terrasse 5. Die Terrassen 3 und 4 in gleicher Weise mit 3. Die Terrasse 5 mit 7, 6 mit 8, 7 mit 9, 8 mit 10; 9 und 10 wieder gemeinschaftlich mit 11, 11 mit 12, 12 mit 13, 13 mit 14, und 14 mit 15. Von der Terrasse 15 führt ein Ablaufrohr Q das fertig geschälte Getreide aus der Maschine. Der Communicationsschieber R ist mittelst der Schraube S regulirbar, so daß die Communicationscanäle je nach Erforderniß enger oder weiter gestellt werden können, wodurch der Schälproceß nach der Beschaffenheit des Getreides verzögert oder beschleunigt werden kann.

Die Getreidezuführung geschieht durch einen regulirbaren Centrifugalzubringer T. An das obere Ende der verticalen Welle sind zwei Teller U, U1 festgekeilt, welche mit der Trommel rotiren. Dieselben sind von einem Gehäuse V umschlossen, welches an den oberen Cylinderdeckel concentrisch festgeschraubt ist. Der obere Teller U empfängt das Getreide direct aus dem Zubringrohre und streut es auf den zweiten Teller U1; dieser wirft dasselbe in die vier Canäle W, welche es den vier oberen Terrassen 1, 2, 3 und 4 zuführen.128 Nachdem die Maschine in Bewegung gesetzt ist, und die Peripheriegeschwindigkeit circa 2500 Fuß (785 Meter) pro Minute erreicht hat, wirkt die rotirende Trommel durch ihre Windflügel als kräftiger Ventilator und saugt sowohl von unten, als von oben durch die concentrischen Windöffnungen des Cylinderdeckels und Bodens Luft ein, welche durch das Sieb O ihren Ausgang nach der Kleienkammer P findet. Das Getreide gelangt durch den Centrifugalzubringer in oben beschriebener Weise in vier Strömen auf die oberen Terrassen 1, 2, 3 und 4, wo es die Centrifugalkraft gegen die innere Cylinderwand schleudert. Durch die vereinigte Wirkung der Centrifugalkraft, des Winddruckes, der rollenden Bewegung an der gerippten Cylinderwand und der Reibung der Körner gegen einander, löst sich die Holzfaser successive von derselben ab. Beim jedesmaligen Vorbeigange an dem Siebe wird die abgelöste Schale durch den hier austretenden Wind |367| in die Kleienkammer gefördert. Die vier Getreideströme vereinigen sich nun durch die Communicationscanäle in zwei, passiren solchergestalt die drei Terrassenpaare 5 und 6, 7 und 8, 9 und 10, vereinigen sich auf der Terrasse 11 in einen einzigen Strom, und laufen dann über die Terrassen 12, 13, 14 und 15. In jeder Terrasse findet derselbe Vorgang Statt, wie bei den vier Oberterrassen beschrieben. Von der Terrasse 15 verlassen die geschälten Körner die Maschine durch das Ablaufrohr Q.

Selbstverständlich läßt sich die Maschine auch in anderen, als in der Zeichnung angegebenen Dimensionen, mit mehr oder weniger Terrassen, sowie mit mehr oder weniger getheilten Getreideströmen, auch mit nur einem einzigen von Terrasse zu Terrasse durchlaufenden Getreidestrome ausführen. Ebenso kann statt des eisernen inneren gerippten Cylinders ein solcher aus anderem Materiale, Stein oder Holz, gerippt, glatt oder façonnirt angewendet werden, ohne das System der Maschine, resp. das Wesen der Erfindung zu beeinträchtigen.

Schließlich sey noch bemerkt, daß die hier beschriebene Maschine trocken geschält mit 2 Pferdekräften 12 Zollcentner pro Stunde, genetzt geschält stündlich 8 Zollcentner mit circa 4 Pferdekräften liefert. Die kleinere Sorte von Maschinen, welche die HHrn. Patentinhaber bauen, liefert trocken geschält 6 Zollcentner mit einer, und genetzt geschält 4 Zollcentner stündlich mit circa 2 Pferdekräften. Die Maschine ist vorzugsweise für Weizen und Roggen bestimmt; es können aber auch nach einigen vorher zu besprechenden Abänderungen andere Getreidearten darauf verarbeitet werden.

C. M. Rosenhain.

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Das Sieb H muß wohl an diesen Stellen durchbrochen seyn, damit die Körner von W aus dahin gelangen können. (R. Werner.)

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