Titel: Ueber die Anwendung der Anilinfarben in der Lederfärberei; von Fr. Sueß.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1868, Band 190/Miszelle 12 (S. 77–79)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj190/mi190mi01_12

Ueber die Anwendung der Anilinfarben in der Lederfärberei; von Fr. Sueß.

Jenes glänzende Resultat der wissenschaftlichen Forschung Hofmann's, Darstellung der Anilinderivate und deren praktische Verwendung, war Epoche machend in der Färberei überhaupt, besonders aber in der des Leders.

Es hatte früher dieser Theil der Färberei einen sehr beschränkten Kreis zur Auswahl seiner Farbstoffe. Die Natur des Leders bedingt es nämlich, daß die Färbeoperation nur in Bädern von niederer Temperatur (gewöhnlich Handwärme) vorgenommen werden kann, während die meisten Farbstoffe erst bei höheren Temperaturen vollständig und egal anfallen, viele derselben erheischen Beizen, die bei Leder nicht anwendbar sind, endlich ist der Gerbstoff des Leders in vielen Fällen ein Hinderniß, indem er das Färben entweder ganz unmöglich macht oder die Farben zu ihrem Nachtheile beeinflußt. Man war daher nur selten in der Lage, Farben in der Pracht und Reinheit auf Leder darzustellen, wie es auf anderen Stoffen, wie Seide, Schafwolle u. dgl. möglich war.

Was bis dahin unerreichbar war, wurde durch die Anilin-, Naphtalin- und Phenylsäurefarbstoffe in glänzender Weise ermöglicht. Da die Löslichkeit und die Temperatur, bei welcher solche vor sich geht (wobei letztere, wie schon bemerkt, das Anfallen des Pigments bedingt), Hauptfactoren der Lederfärberei sind, so mußte wohl freudigst ein Farbstoff acceptirt werden, der hohen Grad von Löslichkeit besitzt, dadurch also auch |78| äußerst tingirend und ausgiebig wirkt, zugleich aber eine noch nie gehabte Nüance in Roth lieferte; es ist dieß das von Renard zuerst fabrikmäßig erzeugte Fuchsin, Rosin, das Pigment des Neuroths. Anfangs als spirituöse Lösung unter den verschiedensten Namen in den Handel kommend, wird es jetzt ausschließlich in Krystallen, mehr oder weniger rein, sehr häufig verfälscht, in verschiedenen Nüancen, wie Fuchsin-Blaustich, Gelbstich etc. abgegeben. Hauptverunreinigungen sind das Anilinharz (bei Lederfärberei sehr beachtenswerth), namentlich bei den Sorten Gelbstich (deren ordinärste Sorte das Cerise ist) und salzsaures Anilin, letzteres bei Blaustich; verfälscht wird gewöhnlich mit Thonerde. Auf Leder wird es verwendet als Neuroth, wozu sich die Sorten Gelbstich am besten eignen, weil bei den weiteren Zurichtoperationen das Leder oft naß gemacht wird, wodurch die Farbe einen bläulichen Ton annimmt, welcher nicht gewünscht wird, aber bei Anwendung von Fuchsin-Blaustich um so intensiver wird. Mit anderen Farbstoffen combinirt gibt es sogenannte Modefarben. Eine große Verwendung findet es auch zum Aviviren des Küpenblaues. Da Leder bekanntlich aus kalter Küpe gefärbt wird, und die in derselben nothwendigen Eisensalze auf den Gerbstoff reagiren, wird nie ein reinblauer, sondern gewöhnlich ein grünlich grauer Ton erzeugt, der früher durch das theure Cochenilleroth in das angenehmere Violett modificirt wurde; jetzt wendet man eben das billigere und auch anderweitig besser entsprechende Fuchsin an.

Als zweites Glied in der Reihe der Anilinfarbstoffe tritt das Blau, unter dem Namen Bleu de Lyon, als rein blauer Farbstoff, modificirt in vielen Varietäten von Violett, unter verschiedenen Benennungen, wie Violett, Parme, Pensé etc. auf, Farbstoffe, die an Pracht nichts, an Löslichkeit sehr vieles zu wünschen übrig ließen. Nur in Alkohol löslich, boten sich für ihre Verwendung in der Praxis, insbesondere in der für Leder, große Schwierigkeiten dar, so zwar, daß man das Färben damit nicht auf gewöhnliche Weise, nämlich aus der Mulde vornehmen konnte. Da Anilinviolett aus rothen und blauen Pigmenten zusammengesetzt ist, von denen erstere in den verschiedenen Vehikeln löslicher sind als letztere, lieferte die alkoholische Auflösung derselben mit Wasser gemischt ein Bad, welches den größten Theil des blauen Farbstoffes fallen, und nur den rothen höchst unegal anfallen ließ. Blau fiel, wie aus dem Gesagten hervorgeht, gar nicht an; man half sich dadurch, daß man das Leder mit Indigo schwach unterfärbte und dann in bereits zugerichtetem Zustand eine concentrirte alkoholische Lösung mittelst Schwamm auftrug. Bei Violett wurde mit Indigo und Fuchsin unterfärbt und mit spirituöser Violettlösung übertragen. Daß da von einer Haltbarkeit der Farbe nicht die Rede seyn konnte, leuchtet ein.

Schöne egale Violetts gaben die Producte Dalia Primula und Victoria; letzteres ist schon so ziemlich in Wasser löslich, erstere lösen sich in Alkohol, werden aber nicht durch Verdünnung mit Wasser aus der Lösung gefällt, so daß selbe ein ganz egal färbendes Bad liefern. Die Schafwoll- und Seidenfärberei machten große Anwendung von diesen Stoffen, auch die Lederfärberei würde solches gethan haben, wenn sich ihr nicht Producte dargeboten hätten, die speciell ihr, aber auch nur ihr mehr Vortheil geboten haben, als obige Pigmente. Es waren dieß die wasserlöslichen Anilinfarben, welche nach jeder Richtung hin ausgezeichnet, schnell alle übrigen verdrängten und nun unter den Farbstoffen dieser Gruppe den ersten Platz einnehmen. Eine Lyoner Fabrik brachte zuerst einige dieser Sachen in Handel, und zwar in Teigform. In verschiedenen Nüancen von rein Blau haben sie bisher das Höchste erreicht, und noch nie wurden schönere Resultate in der Lederfärberei erreicht, als mit diesen Producten. Bei einer Reinheit und Schönheit der Farbe sind sie durch eminente Löslichkeit ungemein ausgiebig, fallen sehr egal an, namentlich in kalten Bädern, und decken auch gut, d. h. minder reine Stellen des Felles werden ganz unkenntlich. Von Natur aus sehr alkalisch, wird das Anfärben mit ihnen durch ein schwaches Säurebad sehr gefördert. Auch ein Violett erzeugt obengenannte Fabrik in Teigform, doch steht dieses dem Blau bedeutend nach. An Reinheit ersteren Stoffen etwas nachgebend, an Intensität selbe wo möglich noch übertreffend, sind die Bleus de Mulhouse oder Bleus solubles, erzeugt von Meister Lucius und Comp. in Offenbach. Als blaubraunes Pulver im Handel erscheinend, sind sie im Wasser (selbst in kaltem), etwas kohligen Rückstand hinterlassend, sonst vollständig löslich; ihr Anfallen wird durch ein schwaches Säurebad sehr gefördert. Am besten eignet sich hierzu Essigsäure; Mineralsäuren machen das Blau zu fahl.

Mit Fuchsin aufgefärbt gibt dieses Präparat ein schönes Violett, das man, eben je nachdem man mehr oder weniger Fuchsin auffärbt, sehr nüanciren kann.

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Ein in neuerer Zeit erschienenes Präparat, das Nachtviolett, machte zwar obige Combination unnöthig, da es viel schönere und reinere Farbentöne liefert. In großen, schönen Krystallen vorkommend, nach der rothen oder blauen Nüance mit Nummern bezeichnet, ist es sehr leicht in mit Essigsäure angesäuertem Wasser löslich. Die verschiedenen Nüancen lassen sich übrigens sehr leicht aus irgend einer Nummer dieses Farbstoffes durch stärkeres oder schwächeres Ansäuern mit Schwefelsäure darstellen.

Es sey hier bei den blauen Farbstoffen noch einer erwähnt, obwohl er kein Anilinproduct ist, der in Offenbach unter dem Namen Bleu de Merigue erzeugt wird. Selbiger erscheint als dunkelbraune sehr alkalische Flüssigkeit, und wird durch Säuren, am besten aber durch Schwefelsäure auf das Leder niedergeschlagen. Für gewisse blaue Farbennüancen erfreut er sich, aber nur für Leder, einer sehr guten Verwendung.

Von den grünen Farbstoffen des Anilins benutzt man zum Färben des Leders zwei, einen in Teigform wasserlöslichen, und einen krystallinischen, in Alkohol löslich. Obwohl eine so schöne grüne Farbe, wie sie diese Stoffe hervorbringen, ein längst gefühltes Bedürfniß war, konnten selbe zum Theil ihres hohen Preises wegen, anderntheils deßwegen nicht zur Geltung gelangen, weil sie erst bei höherer Temperatur vollständig anfallen.

Eine große Zahl orange, gelber, rother und brauner Farbstoffe, zumeist Producte des Naphtalins, bieten sich neuerer Zeit dem Färber dar, und viele derselben werden mit sehr gutem Erfolg in ausgedehntester Weise verwendet. Viele davon sind im verdünnten Alkohol, die meisten aber in Wasser löslich. Die wichtigsten aus der großen Zahl derselben sind das Phosphin, sehr intensiv gelb und orange färbend; Scharlach, auf Leder ohne Beize orange, mit alkalischer Beize roth färbend; Gelb als solches sehr unhaltbar, wird bloß zum Aviviren gewisser Farben benutzt; Marron orange und Sienabraun. Letzteres, ein Destillationsproduct des Anilins mit Pikrinsäure oder doppelt-chromsaurem Kali, ist das bei weitem wichtigste Glied dieser Gruppe, da mit demselben alle möglichen Töne in Gelbbraun und Braun durch verschiedene Beizmittel dargestellt werden können. Ein dem Sienabraun ähnlicher Farbstoff ist das Canelle, nur ist es bloß für lichtere Töne zu verwenden; löslich ist es in verdünnter Salzsäure.

Anilinschwarz wurde bis jetzt auf Leder nicht dargestellt; Haupthinderniß dabei ist die höhere Temperatur, welcher man dasselbe behufs der Oxydation durch längere Zeit aussetzen müßte. Würde es aber der Wissenschaft gelingen, auf anderen als den bisherigen Wegen zu diesem Schwarz zu gelangen, so wäre ihm, besonders in der Glacélederfärberei, eine große Verwendung gesichert. (Preußischer Bericht über die Pariser Welt-Ausstellung, Heft 5, S. 376.)

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