Titel: Desinficirende Seife.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1868, Band 190/Miszelle 12 (S. 431–432)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj190/mi190mi05_12

Desinficirende Seife.

In einer der Sectionssitzungen für Chirurgie auf der letzten Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte in Dresden ward von dem Vorsitzenden eine desinficirende Seife vorgelegt, welche nach des Kreisphysicus Dr. Pincus Anleitung von Apotheker E. Schleuther und Kunstseifenfabrikant Bochaniki in Insterburg angefertigt worden. Vor 7 Jahren veröffentlichte Dr. Pincus einen Aufsatz in Casper's Vierteljahresschrift für gerichtliche Medicin unter dem Titel: Uebermangansaures Kali zur Beseitigung des Leichengeruches nach Sectionen“ und machte in demselben auf die ausgezeichneten, von keinem anderen Stoffe erreichten desinficirenden Eigenschaften dieses Salzes zuerst aufmerksam. Obgleich dasselbe damals, wegen seines hohen Preises, meist nur in den Händen der Chemiker sich befand, so bemächtigten doch sehr bald nicht bloß Anatomen und Physiologen, sondern die Aerzte hauptsächlich auf Grund jener gegebenen Anregung sich dieses Stoffes, und in Kurzem gehörte derselbe zu den bekanntesten und gebrauchtesten desinficirenden Waschmitteln, in Anatomien, Gebäranstalten, Krankenhäusern und im Privatgebrauch von Aerzten, Laien, die mit übelriechenden oder ansteckenden Substanzen in Berührung zu kommen genöthigt waren. Auch in der Therapie hatte Pincus es zuerst angewandt und empfohlen. Auch hierin fand es sehr bald die ausgedehnteste Anwendung und schon während des Feldzuges von 1866 wurde es zu vielen Centnern in den Lazarethen verbraucht.

Wie billig in letzter Zeit das krystallisirte übermangansaure Kali auch geworden, welcher Anerkennung es sich auch erfreut, so ist seine Verwendung doch noch nicht so allgemein, als es der Fall seyn sollte. Dieß hat hauptsächlich wohl seinen Grund in der etwas unbequemen Form, in der es als directes Desinfectionsmittel bisher gebraucht wurde und in einem noch zu erwähnenden kleinen Uebelstande. Das krystallisirte Salz muß vor seiner Verwendung erst gelöst werden; die Lösungen des Salzes aber nehmen einen großen Raum ein und sind der Zersetzung leicht unterworfen. Wäscht man die Hände oder irgend einen Körpertheil mit einer nur einigermaßen starken Lösung des Salzes, so färbt sich die Haut von abgeschiedenem Mangansuperoxydhydrat braun und selbst Seife ist nicht im Stande diese Färbung zu beseitigen, die erst einer verdünnten Säure weicht.

Um diesen Unbequemlichkeiten und Uebelständen zu begegnen, hat Pincus den Versuch gemacht, das Desinfectionsmittel gleich mit Seife zu verbinden, was bei dem eigenthümlichen Seifenbildungsproceß aus der leichten Zersetzlichkeit des übermangansauren Kali's seine großen Schwierigkeiten hatte. Nach vielen zum Theil kostbaren Anweisungen ist es endlich dem Apotheker Schleuther und Seifenfabrikant Bochaniki in Insterburg, die auf Anregung und unter Theilnahme des Dr. Pincus die Versuche im Großen fortsetzten, gelungen eine Seife darzustellen, die das übermangansaure Kali in kräftig desinficirender Form enthält, in bequemster Weise die Desinfection gestattet und die Haut deßhalb nicht braun färbt, weil durch versetzte chemische und mechanische Agentien das feste Anhaften des Zersetzungsproductes, des Mangansuperoxydhydrates, gehindert wird.

Bei jeder ansteckenden Krankheit, wo durch ein fixes Contagium eine Uebertragung möglich ist, beim Anatomiren, beim Operiren, beim Verschließen von Wunden mit übelriechendem oder gar contagiösem Eiter dürfte diese Seife sich trefflich bewähren und von den Aerzten empfohlen sicherlich bald auch als nützliches Volksmittel weite Verbreitung |432| finden. Dadurch aber würde sich wieder der Preis immer mehr ermäßigen, ebenso wie es bei dem Kalisalze selbst der Fall war. Die Herren Schleuther und Bochaniki werden auch größere Mengen dieser Seife in den Handel bringen. (Böttger's polytechnisches Notizblatt, 1868, Nr. 22.)

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