Titel: Neue Brocate (Krystallfarben).
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1869, Band 191/Miszelle 5 (S. 502–503)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj191/mi191mi06_5

Neue Brocate (Krystallfarben).

Unter diesem Namen bringt Hr. Fr. Rotter in Amberg (Bayern) sehr beachtenswerthe Glimmerfabricate in den Handel. Schon vor 1 1/2 Jahren machte Hr. C. Puscher im Nürnberger Gewerbeverein (polytechn. Journal Bd. CLXXXIII S. 497) auf die mannichfache Verwendbarkeit des Kaliglimmers in der Industrie aufmerksam. Das gänzliche Fehlen aber des Rohmateriales im Handel ließen diese so lange unberücksichtigt, bis es vor ungefähr einem Jahre dem unermüdlichen Suchen des Hrn. Rotter gelang, Glimmer in der Oberpfalz zu finden. Wir lassen die Vorzüge der daraus dargestellten Fabricate nach dem vorliegenden Berichte hiermit folgen.

Vor Allem zeichnen sich diese neuen Brocate dadurch aus, daß sie keine der Gesundheit nachtheiligen Bestandtheile enthalten, sehr leicht, daher ergiebiger und billiger und in allen Nüancen herzustellen sind Gegen Wasser, alle Bindemittel und Lacke, sowie gegen Schwefelausdünstungen verhalten sie sich vollkommen neutral, Eigenschaften, die den Metall-Brocaten abgehen. Die Silber-Brocate widerstehen sogar den stärksten Agentien und können, ohne sich zu verändern, selbst der Glühhitze ausgesetzt werden. Solche Eigenschaften ließen daher vielseitige Verwendung dieser Brocate zu; sie haben sich deßhalb schon in der Tapeten-, Buntpapierfabrication und Gewebedruckerei Eingang verschafft. Als Unter- und Zwischenlagen bei der farbigen Gelatin-Bereitung angewendet, erzielt man damit prachtvolle Krystallisationen, die als Knopfeinlagen und zum Ueberziehen der mannichfachsten Gegenstände sich eignen. Mit Dammarlack als Unterlage auf Glas gebunden, erhält man schöne Erscheinungen, die als Hintergrund der Photographien, Etagèren, Firmen oder zu Glasschränken benutzt werden können. Mit oder unter Lack geben die Krystallfarben Metallgegenständen, wie Ampeln, Lampenfüßen, Dosen etc., Holzgalanterie-, Blech- und Holzspielwaaren, Gyps- und Metallfiguren, wie sonstigen Gußgegenständen ein dauerhaftes und schönes Ansehen.

Ebenso umfassend ist ihre Verwendung in Blumen- und Putzmachereien, wie auch, da sie die Hitze der schmelzenden Harze ohne Einbuße vertragen, in der Siegellack-Fabrication. Zu Theater- und Kirchen-Decorationen, wie zu Goldregen. Schnee u.s.w. empfiehlt sich diese Novität schon wegen ihres geringen spec. Gewichtes und billigen Preises. Auch können fertige Glas- und Porzellangegenstände durch nachmaliges Erhitzen bis zur Schmelzung der zugleich mit Silber-Brocat aufgetragenen Glasur überzogen werden. Glasperlen gewinnen hierdurch das Ansehen von ächten. Für die Nürnberger und Fürther Industrie möchten diese Farben wegen ihrer Schönheit und Unschädlichkeit wohl im Spielwaarenfache am meisten Anwendung finden.

Bei der Verwendung derselben müssen die Gegenstände mit den entsprechenden Farben grundirt, oder diese dem Bindemittel gleich zugesetzt werden. Als Bindemittel dienen Glycerin-Leim (4 Theile Leim, 1 Theil Glycerin), Glycerin-Kleister (3 Theile Stärke, 1 Theil Glycerin), Dammarlack oder heller Copallack. Sandaraclack oder Dicköl, wie bei den Velouté-Tapeten. Die Farben werden mittelst eines Siebes auf die mit dem Bindemittel überzogenen Gegenstände aufgetragen, nach kurzer Zeit der Ueberschuß durch Abklopfen entfernt, dann angedrückt, und schließlich nach dem Trocknen die nicht haftende Farbe mit einer Bürste abgebürstet.

Hr. Rotter hat in dem Mustersaal des Nürnberger Gewerbevereines eine Collection von 39 Nummern dieser Brocate in verschiedenen Feinheiten ausgestellt, und zugleich diesen eine Menge Anwendungsmuster, als: Tapeten, bunte und gepreßte Papiere, Gußwaaren, Blumenblätter, Blumentöpfe, Siegel- und Flaschenlacke, Holzgegenstände, Glasunterlagen, Gelatinfolien etc. beigefügt. Bereits haben diese in den meisten |503| Staaten patentirten Krystallfarben sehr günstige Aufnahme in Paris und Wien gefunden, so daß Hr. Rotter genöthigt war, in beiden Städten Filiale seiner Fabrik zu gründen. (Bayerische Gewerbezeitung, 1869, Nr. 4.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: