Titel: Explosion durch Ammoniakgas.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1869, Band 193/Miszelle 13 (S. 95–96)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj193/mi193mi01_12

Explosion durch Ammoniakgas.

Am 18. Februar d. J. erfolgte dieselbe in der chemischen Fabrik der HHrn. Kunheim u. Comp. in Berlin in einem gußeisernen Gefäße, in welchem Ammoniakgas über freiem Feuer aus einer breiartigen Flüssigkeit entwickelt wird. Seit länger als zwanzig Jahren ist eine größere Anzahl derartiger Apparate in stetigem Betriebe, ohne daß ein ähnlicher Unfall bisher vorgekommen ist. Bei allem Schaden, welcher an dem Apparate selbst, an dem Gebäude, in welchem er stand, und an in der Nähe befindlichen Producten verursacht wurde, ist doch zum Glücke keine Verletzung eines Menschen zu bedauern, obgleich die Sprengstücke weit umherflogen und viele Arbeiter in der Umgebung beschäftigt waren.

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Die Untersuchung, zu welcher Schreiber Dieses bald nach der Explosion Gelegenheit hatte, ergab Folgendes:

Der zerstörte Apparat war ein Cylinder von 6 Fuß (1,88 Met.) Durchmesser und 4 1/2 Fuß (1,41) Met. Höhe, bei 13/16 Zoll (20 Millim.) mittlerer ziemlich gleichförmiger Wandstärke. Das Gußeisen, vor vier Jahren aus der königl. Gießerei in Berlin hervorgegangen, zeigte einen fast durchweg gesunden Bruch. Der obere etwa dritte – Theil des Gefäßes war weggeschleudert, während der untere Theil mit etwa 2000 Pfd. Flüssigkeit unversehrt und ohne auch nur, dem sich aus der stehengebliebenen Einmauerung ergebenden Anscheine nach, im Moment der Explosion angehoben worden zu seyn, stehen geblieben war. Vor der Explosion war das Gefäß mit 4000 Pfd. Flüssigkeit beladen. Sowohl der fehlende Theil derselben als auch die centnerschweren Bruchstücke waren hauptsächlich nach einer Seite hin geworfen worden. An der entgegengesetzten Seite unmittelbar über dem ursprünglichen Niveau befand sich die Mündung eines mit einem Hahnverschlusse versehenen 3zölligen (78 Millim.) Rohres. Den Kegel, welcher mit einem Schraubenverschlusse nicht versehen war, fand man aus seinem Sitze herausgehoben, dagegen alle anderen Hähne verschlossen. Der die Aufsicht habende Arbeiter hatte vergessen, das Gasabführungsrohr zu öffnen, und darin war unzweifelhaft die erste Ursache der Explosion zu suchen.

In dem ganzen Thatbestande jedoch glaubte ich wieder eine Bestätigung der Kayser'schen Ansicht und die Gültigkeit derselben auch für andere Luftarten als Wasserdampf zu finden.

Wenn auch durch das vollständige Abschließen des Apparates während einer lebhaften Gasentwickelung eine nicht unbedeutende Spannung entstanden seyn mag, so kann dieselbe doch bei weitem nicht so hoch gewesen seyn, daß dadurch die in dem sehr unebenen Bruchquerschnitte gegebene absolute Festigkeit, letztere auch nur zu 20,000 Pfd. pro Quadratzoll (1460 Kilogrm. pro Quadratcentimeter) gerechnet, hätte überwunden werden können.

Bei einer dem entsprechenden Spannung von mindestens 75 Atmosphären würde entweder der nur 1/2 Zoll (13 Millim.) starke, etwas nach Innen gewölbte schmiedeeiserne Boden nachgegeben haben, oder eines der mit dem Gefäße verbundenen Bleirohre gesprungen oder endlich jener in einer mit seiner Achse parallelen Richtung aufgerissen seyn.

Die Spannung war aber jedenfalls hoch genug zum Herausdrängen jenes 3zölligen Hahnkegels. Dadurch entstand plötzlich eine bedeutende Oeffnung und Spannungsabnahme nicht nur im Gasraume, sondern auch in dem noch von der Flüssigkeit absorbirten Gase. Durch die augenblickliche Expansion des letzteren wurde ein großer Theil der Flüssigkeit gegen die Decke, und besonders an die der entstandenen Oeffnung entgegengesetzte Seite geworfen und dadurch ein Stoß gegen den Deckel ausgeübt und der obere Theil des Cylinders abgesprengt, während die auf dem Boden verbleibende Flüssigkeit eine den Boden gegen den Rückstoß schützende Masse darbot.

Nach dem durch den Stoß entstandenen Risse kam erst die Expansivkraft des freigewordenen Gases ähnlich wie die auf ein Geschoß wirkenden Pulvergase zur Geltung.

Zur ferneren Verhütung eines ähnlichen Unfalles sind jetzt sämmtliche Ammoniakentwickler mit Sicherheitsventilen versehen worden. R. R. Werner. (Zeitschrift des Vereines deutscher Ingenieure, 1869, Bd. XIII S. 327.)

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