Titel: Ueber neue Birnen zum Bessemerfrischen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1869, Band 193/Miszelle 4 (S. 256–258)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj193/mi193mi03_4

Ueber neue Birnen zum Bessemerfrischen.

Aus der Zeitschrift Engineering vom 19. Februar 1869 wurden im polytechn. Journal Bd. CXCII S. 112 (zweites Aprilheft) als neue Birnen zum Bessemerfrischen verschiedene Constructions-Details der Bessemer-Birne mit beigegebenen Abbildungen mitgetheilt, welche von den Ingenieuren A. L. Holley und I. B. Pearse für sich in Anspruch genommen werden, deren Haupttheil, der bewegliche auf dem Windkasten ruhende Boden der Retorte und die Art und Weise, wie dieser Boden durch einen neuen ersetzt wird, jedem Fachgenossen längst bekannt ist, welcher die Bessemerhütte in Neuberg je besucht hat.

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Diese Vorrichtung,97) den durch die Wirkung des Frischprocesses abgenutzten Retortenboden durch einen neuen, vollkommen getrockneten zu ersetzen, wurde von mit zuerst construirt und angewendet, und zwar unmittelbar bei der Aufstellung und Inbetriebsetzung der ersten Retorte in Neuberg.

Sie besteht aus nichts Weiterem, als aus einem ausgedrehten conischen Formkasten, welcher auf einen vorräthigen Windkasten concentrisch aufgestellt wird, wornach man die Düsen (Fern) einsetzt und den übrigen Raum mit Masse (Quarzsand und feuerfestem Thon) vollstampft. Weiters braucht man einen hohlen Conus von Gußeisen, welcher, dem inneren Raume des Formkastens vollkommen congruent, äußerlich abgedreht ist, so daß man beide ohne Spielraum ineinanderflecken kann; dieser Conus hat sonach genau die äußere Form des herzustellenden Massebodens und trägt unten herum eine breite Flansche, welche an Größe und Stellung der Bolzenlöcher genau der Flansche des Windkastens entspricht, mit welcher letzterer an den unteren Rand der Retorte befestigt wird.

Soll nun in das ausgebrannte Retortenfutter ein neuer Boden eingesetzt werden, so ist es klar, daß auch die in der Nähe des Bodens befindlichen Theile des Retortenfutters ausgebessert und ergänzt werden müssen; damit nun dieses genau der Form des Bodens einsprechend geschehe und damit auch der Windkasten, mit dem der neue Boden unverrückbar fest ist, jedesmal an seine genau richtige Stelle komme, dazu dient eben dieser Conus, welchen man zu diesem Ende an die Stelle des Windkastens an der Retorte befestigt, und den zwischen der Retortenwand und dem Conus befindlichen Raum mit Masse vollstampft und diese mit dem älteren Retortenfutter angleicht.

Diese Operation kann bereits 12 bis 14 Stunden nach der letzten Charge ausgeführt werden und dauert nur 1 1/2 Stunde Zeit.98)

Hierauf wird der Conus entfernt, der ausgebesserte Theil ist mittlerweile schon getrocknet und der Boden eingesetzt, was wieder höchstens 1/2 Stunde dauert.

Die Fuge zwischen dem ausgebesserten Retortenfutter und dem neuen Boden ist vollkommen dicht ohne alles Bindemittel.

In der Regel läßt man sich von der letzten Charge bis zur nächsten 18 Stunden Zeit, weil ja indeß der andere Converter benutzt werden kann; im Nothfalle kann jedoch der neue Boden schon nach 15 Stunden benutzt werden.

Die Böden werden in einer Trockenkammer, welche von der Ueberhitze der Gebläse-Dampfkessel geheizt wird, vollkommen getrocknet und sind zu diesem Zwecke 6 bis 8 Stück Windkästen nöthig, was unbedeutende Vorauslagen macht.

Im Grunde wäre es genügend, wenn bloß die Böden der Windbüchsen in mehreren Exemplaren da wären und nur 1 bis 2 Windbüchsen; das macht aber die Zusammenstellung complicirter.

Hier werden die Böden so angefertigt, daß sie für beide Retorten vollkommen passen, und es gehört nur zur gleichförmigen Herstellung sämmtlicher Windbüchsen einige, aber nicht mehr als gewöhnliche Genauigkeit.

Diese eben beschriebene Vorrichtung kann kaum einfacher seyn und ist, wie schon gesagt, seit dem ersten Betriebsjahre der hiesigen Bessemerhütte 1865 in Ausübung, |258| ohne die geringste Abänderung erlitten zu haben, obgleich hier der traditionelle Gebrauch herrscht, daß jede Verbesserung, wenn sie Aussicht auf Erfolg hat, respectirt wird, und wäre sie auch vom geringsten Arbeiter.

Im Gegentheil wird diese Methode demnächst noch eine weitere Ausbildung erhalten, indem man hier auf Vorschlag des Hrn. Ign. Kazettl damit umgeht, auch den untersten Theil der Retorte selbst bis auf eine gewisse Höhe zum Abnehmen und Auswechseln einzurichten, nachdem das Retortenfutter hier mehr leidet als an anderen Stellen, und in der Regel nach mehreren Böden gründlich ausgebessert werden muß.

In diesem Zustande hat diese Methode, den Retortenboden zu wechseln, Herr John B. Pearse aus Nordamerika bei seinem hiesigen Aufenthalte vom Juni bis September 1867 zu beobachten Gelegenheit gehabt, und wie man sieht nicht unterlassen, sie nachzuahmen.

Was Hr. Pearse sonst noch dieser Methode hinzugefügt, ist vollkommen überflüssig und nur geeignet, das Ganze complicirt erscheinen zu lassen.

Neuberg, im Juni 1869.

Jos. Schmidhammer,
k. k. Hüttenverwalter.

(Oesterreichische Zeitschrift für Berg- und Hüttenwesen, 1869, Nr. 25)

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Der Gedanke, den Retortenboden beweglich zu machen, findet sich schon in Armengaud's Publication industrielle von 1864, aber in einer anderen Weise durchgeführt; dort ist der Boden eine völlig ebene Fläche, welche sich an den weiten und cylindrischen Untertheil der Retorte stumpf anschließt. Diese Construction hat offenbar denselben Fehler wie der schwedische Ofen, bei welchem es schwer ist, der verhältnißmäßig größeren Bodenfläche die nöthige Festigkeit zu ertheilen, dann ist, abgesehen von der unzweckmäßigen Vergrößerung des eigentlichen Frischraumes, der innige Anschluß zwischen Boden und Retortenfutter minder haltbar.

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Um das Auskühlen der Retorte zu beschleunigen, pflegt man das Gebläse durch 1 bis 1 1/2 Stunde langsam spielen zu lassen mit dem nach der Charge noch disponiblen Dampfe ohne besondere Heizung. Diese Zeit der Abkühlung ist weniger nothwendig, um die Arbeit für den Mann erträglich zu machen, das wäre schon früher der Fall, sondern vielmehr deßhalb, weil die frische Masse an den glühenden Wänden nicht bindet.

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