Titel: Ueber Harrison's gußeisernen Dampfkessel.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1869, Band 193/Miszelle 1 (S. 335–336)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj193/mi193mi04_1

Ueber Harrison's gußeisernen Dampfkessel.

Im Anfang der sechziger Jahre kamen aus England und Amerika wiederholt sehr günstige Berichte über einen eigenthümlichen Dampfkessel von Jos. Harrison in Philadelphia, Pennsylvanien, der bereits auf der Londoner Ausstellung vom Jahre 1852 ausgestellt war, ohne daselbst jedoch besondere Aufmerksamkeit zu finden. Dieser Kessel besteht aus einer Anzahl hohler gußeiserner Kugeln von 8'' äußerem Durchmesser und 3/8'' Wandstärke, welche durch hohle Hälse mit einander verbunden sind; nach einem späteren Patent stellt übrigens Harrison die Kugeln auch aus schmiedbarem Metall mittelst Stempel und Matrizen in zwei Hälften dar, die dann durch Schweißen, Nieten oder dergl. mit einander verbunden werden. Das ganze Kugelsystem wird in einem Ofen so eingemauert, daß es eine Neigung von circa 50° gegen die Horizontale hat; die oberen Kugeln enthalten dann Dampf, die unteren Wasser (man s. die Beschreibung dieses Kessels, sowohl der früheren als späteren Construction, im polytechn. Journal Bd. CLXXIV S. 99 u. Bd. CLXXVI S. 329). Als Hauptvortheile dieses Kessels wurden hervorgehoben, daß derselbe sehr große Sicherheit gegen Explosionen und verhältnißmäßig große Heizfläche biete, billig in der Anlage sey, daß das Gußeisen der Einwirkung der Flamme, des Wassers etc. weit besser widerstehe als Schmiedeeisen, daß weiter der Kesselsteinabsatz ein ganz auffallend geringer sey etc. etc.

Wie gesagt, die Berichte lauteten fast durchgängig so günstig, daß eine im Jahre 1866 von Harrison veröffentlichte Erklärung, es seyen bereits über 100 seiner Kessel von 5 bis 150 Pferdekräften in den Vereinigten Staaten in Betrieb, gar nicht unglaublich erschien. Nur ein einziges ungünstiges Erfahrungsresultat wurde mit damals, und zwar aus England, bekannt; hier riß nämlich in einer Fabrik bei einem 18pferdigen Kessel eine Kugel nach der anderen, der Kesselsteinansatz war sehr bedeutend und fest anhaftend, der Kessel leckte fortwährend auf das Stärkste und mußte deßhalb nach circa 3/4 jährigem Betrieb als unbrauchbar aufgegeben werden. Seit circa 2 Jahren habe ich über die Resultate, welche dieser jedenfalls sehr originelle und interessante Kessel liefert, nichts weiter erfahren; in den letzten Tagen erst hörte ich wieder etwas über diesen Gegenstand aus einer amerikanischen Fabrik, der Home Manufacturing Comp., Woolen Mills in Jacksonville, Illinois. Diese baute vor 2 Jahren zwei Harrisonkessel von je 50 nominellen Pferdestärken ein, welche in 12stündiger Arbeitszeit in vollständig gutem Zustand im Minimum 4 1/2 Tonnen à 20 Ctr. gute Kohlen im Sommer und 5 Tonnen im Winter consumirten, also pro Stunde und nominelle Pferdekraft resp. 7 1/2 und 8 1/3 Pfd. Der Brennmaterialverbrauch stieg häufig noch bedeutend höher, da die Kessel, welche 1200 im Feuer liegende Verbindungsstellen hatten, außerordentlich schwer dicht zu halten waren; die ungleiche Ausdehnung der gußeisernen Kugeln und der sie verbindenden schmiedeeisernen Stangen bewirkte bei der geringsten Temperaturänderung enormes Lecken. Da diese Störungen sich trotz aller Sorgfalt ununterbrochen wiederholten und der Brennmaterialverbrauch stets zu hoch war, so entschloß man sich endlich dazu, diese Harrisonkessel durch gewöhnliche Cylinderkessel zu ersetzen. Bei der Wegnahme der Kessel fand man in allen Kugeln eine fest anhaftende |336| Kesselsteinschicht von 1/16 bis 1/2'' Dicke, welche die Wassercanäle theilweise fast verschloß. Die Entfernung desselben hatte man schon vorher durch häufiges Ausblasen und eine Menge der bekannten Mittel zur Kesselsteinverhütung zu bewirken versucht, aber ohne Erfolg. Kurz, man war froh, als man die Kessel, nachdem man sich 18 Monate mit ihnen abgemüht hatte, in's alte Eisen werfen konnte. Die später eingebauten zwei Cylinderkessel von je 24' Länge und mit je 5 Feuerzügen, von nominell 20 Pferdekräften weniger als die Harrisonkessel, gestatteten die Anwendung schlechter Kohlen, welche sich bei jenen als durchaus unstatthaft erwiesen hatte, gaben keinen Kesselstein und erforderten viel weniger sorgfältige Wartung, so daß die gesammten Betriebskosten, welche für die Harrisonkessel täglich 25 Doll. betrugen, auf 9,3 Doll. herabsanken, was also einer jährlichen Ersparniß von fast 5000 Doll. entspricht. L. S. (Deutsche Industriezeitung, 1869, Nr. 28.)

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