Titel: Ueber die Verwerthung der Vogelfedern in Bardin's Fabrik bei Paris.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1869, Band 193/Miszelle 17 (S. 523–524)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj193/mi193mi06_17

Ueber die Verwerthung der Vogelfedern in Bardin's Fabrik bei Paris.

In Joinville-le-Pont bei Paris hat ein Hr. Bardin eine Fabrik gegründet, in welcher er durch neue Hülfsmittel und zu den verschiedensten Zwecken Vogelfedern, insbesondere Gänsefedern, verwerthet.

Vor der Erfindung der Stahlfedern trieb Bardin einen großen Handel mit Gänsefedern. In den Jahren 1834 und 1805 fing die Concurrenz der Stahlfedern an, diesen Handel zu drücken, bis er endlich im Jahre 1848 ganz einging. Bardin dachte nun auf eine anderweitige Verwendung der Federn. Zunächst suchte er die Kiele gegen die Concurrenz der Stahlfedern aufrecht zu erhalten, und construirte zu dem Zwecke Durchschnitte, welche jeden Kiel in mehrere geschnittene Federn zertheilten. Diese Durchschnitte benutzte er auch, mit den nöthigen Abänderungen, zur Herstellung von Zahnstochern. Die Einfachheit und Leistungsfähigkeit dieser Fabricationsmethode ermöglichte es ihm, seine Producte, Schreibfedern und Zahnstocher, zu sehr niedrigen und doch noch lohnenden Preisen herzustellen. Nebenbei verarbeitete er auch die Kiele zu Pinselhaltern, für Angeln und militärische Zwecke.

Es blieben nun noch die oberen Theile der Federn, die Stiele und die Bärte übrig, für welche sich vorläufig keine Verwerthung fand. Nur die Enden der weißen Federn wurden nach wie vor zu Spielbällen und die Enden der schwarzen Federn zu Flederwischen verwendet. Um nun den Haupttheil des Bartes und des Stieles verwerthbar zu machen, zerlegte er denselben in einzelne Theile, welche er auf verschiedene Weise zu verarbeiten suchte. Zunächst lenkte er seine Aufmerksamkeit auf die Bärte. Die Festigkeit der einzelnen Streifen, aus denen sie bestehen, und ihr fester Zusammenhang mit der dünneren Haut an den Seitenflächen der Stiele schienen dieselben zur Herstellung von Fußteppichen geeignet zu machen. Dann suchte Bardin die durchsichtige, perlmutterglänzende Haut auf der oberen Fläche der Stiele zur Verwerthung heranzuziehen; er bestimmte diese sehr dünne, biegsame und doch widerstandsfähige Haut zu Fransen und anderen Toiletteartikeln für Damen. Seine Versuche in dieser Richtung hatten den gewünschten Erfolg. Dann kam er auch wieder auf die mannichfaltige Verwendbarkeit der Kiele zurück; z.B. zerschnitt er sie mittelst, eines sinnreich construirten Apparates in schraubenförmige Bänder von ungefähr einem Meter Länge, welche dann durch Einwirkung von Dampf gestreckt und zur Herstellung von künstlichen Blumen und Haarputzen verwendet wurden. Unter der dünnen Oberhaut der Federn findet sich auf dem Rücken derselben eine sehr dichte Haut, welche sich leicht ablösen und in starre, geradliegende Fasern von dem Ansehen und den Eigenschaften der Schweinsborsten zertheilen läßt. Bardin hat diese Fasern zur Herstellung von Bürsten für verschiedene Zwecke benutzt. Im ungetheilten Zustande hat er sie zu Kinderfallhüten verwendet, welche sehr leicht, elastisch und doch hinreichend widerstandsfähig werden. Die Abfälle der Federn von anderem Geflügel als Gänsen hat er durch Einweichen und Reiben in einen Flaum verwandelt, welcher zum Ersatz der Bettfedern dienen kann; noch nicht beendigte Versuche lassen ihn hoffen, daß er diesen Flaum auch noch zum Verweben wird benutzen können.

Die Apparate, deren sich Bardin bedient, sind sehr einfach. Die Fabrik beschäftigt 120 bis 140 Arbeiterinnen, einschließlich der Kinder, und außerdem einen Federschneider, einen Mechaniker, einen Schlosser, einen Tischler, einen Färber und einige Gehülfen. Die Arbeitssäle sind gut ventilirt, und bedeutende Massen von Federn, welche in denselben bearbeitet werden, entwickeln durchaus keinen der Gesundheit nachtheiligen Geruch oder Staub. Zur Bewegung der Maschinen dient eine Dampfmaschine, deren Kessel zugleich die Wärme und den Dampf für das Färben, das Reinigen und die verschiedenen anderen Operationen, welchen die Federn unterworfen werden, liefert.

Die Federn werden größtentheils aus Rußland bezogen; es bestehen dort in |524| Rischnei, Moskau, Kasan u.a. O. bedeutende und solide Handlungshäuser dafür. Die Gänse sind in Rußland sehr häufig und werden dort mehr der Bettfedern, als des Fleisches wegen gezogen; die Flügelfedern finden in Rußland fast gar keine Verwendung. Die Transportkosten betragen von Riga bis Paris ungefähr 20 Franken für die Tonne (8 Sgr. pro Ctr.). Jeder Ballen enthält 80 – 100,000 Flügelfedern, je nach den Sorten, welche 12 Nummern umfassen. Dabei ist der Abfall gering, da Milben und andere Insecten keinen erheblichen Schaden anrichten. Ein Flügel enthält zehn verwerthbare Federn; daher entspricht ein Ballen von 100,000 Federn 5000 Gänsen. Da nun Bardin jährlich ungefähr 400 Ballen Federn braucht, so verarbeitet er in diesem Zeitraume die Federn von 2 Millionen Gänsen.

Den Verlust an Hühnerfedern in Frankreich durch Mangel an Verwendung schätzt Bardin auf mehr als 20 Mill. Pfund, da er mittelst des ihm eigenthümlichen Verfahrens aus den Abfällen der Federn von jedem Huhn 40 Gramme Bettfedern gewinnt.

Unter Bardin's Maschinen sind vorzugsweise die Durchschnitte zum Schneiden der Schreibfedern und der Zahnstocher bemerkenswerth. Die meisten Kiele werden zu Zahnstochern verarbeitet; die Maschinen stellen einen Zahnstocher mit einem einzigen Schnitt her und sind so angeordnet, daß trotz der großen Geschwindigkeit, mit welcher sich dieselben bewegen, die Arbeiterinnen sich nicht verwunden können. Selbsthätige Zähler geben die Zahl der täglich von einer Arbeiterin hergestellten Zahnstocher an. Zur Herstellung eines solchen bedarf es einer Secunde; in einer Werkstatt mit 4 Arbeiterinnen werden daher täglich mindestens 150,000 Zahnstocher fabricirt. Bardin gibt an, daß er mindestens drei Viertel sämmtlicher auf der Erde verbrauchten Federkielen und Zahnstocher liefert. Auch die Fabrication der Schreibfedern ist nicht unwichtig. Er vertreibt dieselben meist nach England, wo er in diesem Artikel die Concurrenz beherrscht.

Der neueste und interessanteste Fabricationszweig Bardin's ist die Herstellung von Feder-Fußteppichen. Anfänglich machte er genähte Matten, in denen die Federn im Ganzen Anwendung fanden; diese Matten waren dick, warm und trocken, oder steif und grob. Nachher verwendete er Federbärte auf zwei verschiedene Arten. Die eine bestand darin, daß er die Bärte mit Hülfe einer Nähmaschine auf einer gewebten Unterlage befestigte. Später stellte er einen Jacquardstuhl auf, mittelst dessen er die Bärte mit dem Garn verwebte; allein dieser Versuch war nicht von Erfolg begleitet, und er mußte nach Verlust eines erheblichen Kostenaufwandes dieses Verfahren wieder aufgeben. Gegenwärtig benutzt er einen sehr einfachen Webstuhl eigener Erfindung. Derselbe enthält eine aufgebäumte Garnkette, und unter derselben wickelt sich selbstthätig auf einer schwachen Walze das darzustellende Muster ab, welches durch die Garnfäden hindurch schimmert. Neben dem Stuhle liegen in Kästen die Federbärte mit den Häuten, welche die Seitenflächen der Stiele bilden, in den verschiedenen Farben, welche das Muster verlangt, gefärbt. Die Arbeiterin sucht sie aus und zieht sie zwischen den Kettenfäden ein, hebt sie mittelst eines eigens zu diesem Zwecke eingerichteten Handkammes heraus, und wenn auf diese Weise eine Reihe Bärte über die Stuhlbreite weggelegt ist, läßt sie den Schußfaden durchgehen und übt einen starken Schlag gegen das Gewebe aus.

Auf diese Art fertigt eine Arbeiterin mit 2 Francs Tagelohn in einem Tage einen Teppich von 0,7 Meter Breite und reichlich 1 Meter Länge. Diese Teppiche unterliegen dann noch einer Appretur. Entweder werden die Bärte durch Bürsten mit hin- und hergehender Bewegung glatt gestrichen, oder sie werden gekräuselt, indem man die Teppiche zwischen zwei Walzen durchgehen läßt, von denen die eine sehr schwach, von 0,07 Meter Durchmesser, der ganzen Länge nach mit stumpfen Messern versehen ist, welche durch ihre Reibung an den Bärten dieselben kräuseln.

Bardin macht einen jährlichen Umsatz von 400,000 Francs. Die Teppiche verkauft er, einschließlich der Einfassung, den Quadratmeter zu 12 1/2 Francs, wenn sie glatt, und zu 13 1/2 Francs, wenn sie gekräuselt sind. Seine Bürsten sind eben so fest und dauerhaft, als die aus Schweinsborsten gefertigten und kosten blos 2/5 des Preises derselben. (Nach einem Bericht von Clerget im Bulletin de la Société d'Encouragement, September 1868, durch die Monatsschrift des Gewerbevereines zu Cöln.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: