Titel: Jamin's Methode den Magnetismus zu condensiren.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1869, Band 193/Miszelle 2 (S. 514–516)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj193/mi193mi06_2
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Jamin's Methode den Magnetismus zu condensiren.

Wie man Elektricität an einer Stelle condensiren kann, ist aus dem Princip der Leydener Flasche, der Franklin'schen Tafel, der Holtz'schen Maschine und der anderen Condensatoren allgemein bekannt. Herr Jamin hat nun eine Methode gesunden, in ähnlicher Weise auch den Magnetismus zu condensiren. Er berichtete hierüber der Pariser Akademie am 28. Juni, wie folgt:

„Für besondere Versuche brauchte ich einen sehr kräftigen permanenten Magneten und wandte mich deßhalb an den Stahlfabrikanten Limet. Dieser ging mit großem Eifer an die ihm gestellte Aufgabe und fertigte zehn vollkommen homogene Stahlplatten, die stark gehärtet, jede 10 Kilogramme wog, und zu einem einzigen hufeisenförmigen Bündel vereinigt werden konnten. Die Aufgabe, diese Stahlmassen zu magnetisiren, hatte ich für mich reservirt und es gelang mit in einem solchen Grade, daß dieser Magnet die Last von 300 Kilogrammen tragen konnte, eine Tragkraft, die zwar schon früher erreicht, aber noch niemals überschritten worden.

Dieser aus zehn Blatten zusammengesetzte Magnet wurde an einem festen Gerüst aufgehängt. Um die beiden frei schwebenden Schenkel wurde eine doppelte Spirale aus Kupferdraht angebracht, durch die man den Strom von 50 Bunsen'schen Elementen schicken und so den Magneten zu jeder Zeit in einem beliebigen Sinne magnetisiren kann. Eine kleine horizontale Magnetnadel, die in bestimmter Entfernung in die Ebene der beiden Pole gebracht wird, gestattet die Wahrnehmung und die Messung der Schwankungen des an den Polen des Hufeisens angehäuften freien Magnetismus. Eine Reihe von Platten aus weichen Eisen, welche die Gestalt der gewöhnlichen Anker haben, kann man unter der Polfläche an jede beliebige Platte des Bündels anbringen und an dieselben mit Hülfe eines Systemes von Hebeln Gewichte hängen.

Bevor man irgend einen Anker anlegte, ließ man den elektrischen Strom einige Minuten durch die Spirale gehen und unterbrach ihn dann, was dem Hufeisen einen ersten Zustand magnetischer Sättigung verlieh, der sich durch eine bestimmte Ablenkung der kleinen Magnetnadel kundgab. Hierauf legte man einen Anker an, der etwa 140 Kilogramme trug. Dieser Grad der Magnetisirung blieb unverändert. So oft man nämlich den Anker entfernte, nahm die Wirkung auf die kleine Magnetnadel ihren ursprünglichen Werth an, und die Last, welche das Hufeisen tragen konnte, blieb stets gleich 140 Kilogrammen.

Jedesmal aber, wenn man den Anker an eine der Stahlplatten, z.B. die erste, anbrachte, wurde die Ablenkung der Magnetnadel geringer, weil das welche Eisen beim Anlegen die entgegengesetzten Pole von denen annahm, an welchen es hing, und diese die Wirkung der Hufeisen-Pole auf den Magneten verdeckten. Und nicht nur die erste Stahlplatte verliert einen großen Theil ihre's freien Magnetismus, sondern auch alle übrigen Platten. Man überzeugt sich leicht hiervon, wenn man nach und nach Anker anlegt an die zweite, die dritte u. s. w Platte. Der zweite Anker haftet viel weniger fest als der erste, der dritte hält kaum sein eigenes Gewicht und der vierte bleibt gar nicht mehr haften; während der zuerst angelegte mit derselben Kraft hängenbleibt, weil er den größten Theil des Magnetismus sämmtlicher Platten in Anspruch genommen und fast Nichts übrig gelassen hat, was auf die anderen Anker wirken könnte. Offenbar existirt hier eine Analogie zwischen diesen Erscheinungen und den bei der Elektricität beobachteten, wenn man einer elektrisch geladenen Scheide eine Metallplatte nähert, die mit der Erde verbunden ist.

Diese Aehnlichkeit der Erscheinungen ermächtigt uns, hier die Betrachtung anzuwenden, die man bei Gelegenheit der Leydener Flasche aufgestellt hat, und zu sagen: da die magnetisirten Platten in ihrer Gesammtheit durch das Anlegen des Ankers einen großen Theil des Magnetismus, den sie von der Spirale erhatten hatten, verloren haben, so wird diese ihnen von Neuem Magnetismus zuführen können, wenn man sie wieder wirken läßt, und von dieser neu zugeführten Menge wird wieder ein Theil verdeckt und nach außen unwirksam werden. Endlich muß man auf diese Weise eine sehr beträchtliche Anhäufung von Magnetismus, einen neuen Sättigungszustand, der viel höher ist als der erste, und ein viel beträchtlicheres Anhaften des Ankers erhalten. Der Versuch bestätigte in der That alle diese Voraussetzungen.

Sobald man nach dem Anlegen des Ankers den elektrischen Strom einige Secunden lang durch die magnetisirende Spirale hatte gehen lassen, fand man, daß die Wirkung |516| des Magneten auf die Magnetnadel stärker geworden, und daß man zum Losreißen des Ankers nicht mehr 140, sondern 300 Kilogramme brauchte.

Anstatt eines einzigen Ankers kann man mehrere anlegen; selbstverständlich wirkt jeder einzelne, wie der erste, und wenn man das Hufeisen magnetisirt, nachdem man mehrere Anker angelegt hat, darf man einen Sättigungszustand erwarten, der um so größer ist, je mehr Anker man angelegt hat. Man legte deren fünf an, welche zusammen 120 Kilogramme trugen; nachdem man aber den magnetisirenden Strom durch die Spirale geschickt, konnten sie länger als acht Tage die ungeheure Last von 680 Kilogrammen tragen.

Sowie aber diese Anker abgerissen wurden, ging der Hufeisenmagnet sofort auf den Zustand der ursprünglichen Sättigung zurück, auf den, welchen er erhalten hatte, als man ihn ohne Anker magnetisirte, und der sein permanenter Zustand ist. Kurz, man kann in einem mit Ankern armirten Stahl eine bedeutende magnetische Ladung condensiren, wie man Elektricität in einem Leiter condensiren kann, der mit einer condensirenden Scheibe versehen ist. Diese magnetische Ladung hält so lange an, als die Anker angelegt sind, sie verschwindet augenblicklich, wenn man die Anker entfernt und der Magnetismus kehrt zu seinem permanenten Sättigungszustand zurück. Ich glaube aber, daß es nicht unmöglich seyn wird, diese Ladung zurückzuhalten und so die Kraft der Stahlmagnete beträchtlich und dauernd zu steigern.“ (Naturforscher, 1869, Nr. 36.)

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