Titel: Guyot, über das Lydin.
Autor: Guyot, P.
Fundstelle: 1870, Band 195, Nr. XLV. (S. 154–157)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj195/ar195045

XLV. Untersuchungen über das Lydin, einen neuen violetten Farbstoff; von P. Guyot.

Aus den Comptes rendus, t. LXIX p. 829; October 1869.

Als Fortsetzung meiner toxicologischen Untersuchungen über das Corallin32) versuchte ich verschiedene Farbstoffe darzustellen, von denen ich vermuthete daß sie mir positive Resultate geben müßten. Zu denjenigen, womit ich mich am eingehendsten beschäftigte, gehört eine mittelst einer Ferrocyanverbindung dargestellte, welche nach der Angabe ihres Entdeckers ein prachtvolles Roth zum Färben der Seide und Wolle geben |155| sollte. Diesen Farbstoff erhält man nach J. Stark (in Norwich, England),33) wenn man saures chlorwasserstoffsaures Anilin mit rothem Blutlaugensalz (Kaliumeisencyanid) behandelt und den erhaltenen Niederschlag mit einer wässerigen Lösung von Oxalsäure. In reinem Zustande wird dann die Substanz durch Neutralisation mit Ammoniak und darauf folgende Behandlung mit Holzgeist erhalten.

Es gelang mir nicht, gleich Stark auf diesem Wege einen rothen Farbstoff zu erhalten; der Niederschlag zeigte vielmehr während des Fällens Farbentöne, welche zwischen Blau und Röthlichviolett variirten. Der von Stark mit dem Namen Tyralin bezeichnete rothe Farbstoff ist sogar ziemlich schwierig zu erhalten, weil das geringfügigste Versehen ein Mißlingen der Operation veranlaßt und der Farbenton sich sehr leicht verändert. Ein etwas weniger lange fortgesetztes Kochen, ein geringer Ueberschuß von Anilin, ein etwas größerer Zusatz von Weinsäure oder Oxalsäure zu dem Lösungsmittel als der vorgeschriebene etc. verhindern die Bildung des Tyralins.

Da ich diesen rothen Farbstoff nicht erhalten konnte, so suchte ich auf sicherem Wege ein gleichförmiges Product darzustellen. Dieß gelang mir auch, und ich erhielt ein sehr schönes Violett, welches ich Lydin nenne, auf folgende Weise.

100 Grm. Anilin werden mit 100 Grm. rauchender Chlorwasserstoffsäure vermischt, welche vorher mit 120 Kubikcentimeter destillirtem Wasser verdünnt wurde; dieses Gemisch gießt man in eine Lösung von rothem Blutlaugensalz, welche aus 90 Grm. des Salzes und 850 Kubikcentimeter destillirtem Wasser bereitet ist (so daß also 9 Th. Salz auf 85 Theile Wasser kommen). Man erhitzt das Ganze zum Sieden, läßt es anderthalb Stunden kochen und hierauf erkalten; der entstandene Niederschlag wird durch Decantiren ausgewaschen und dann in einer wässerigen, fast gesättigten Lösung von Oxalsäure oder Weinsäure aufgelöst, wobei sich sofort der violette Farbstoff bildet. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß Citronensäure dieselbe Wirkung haben würde. Zur Trockne verdampft, liefert die violette Lösung ein teigartiges, in Wasser lösliches Product, welches ich Lydinextract benenne.

Die Lösung des Farbstoffes in der organischen Säure kann zum Färben von Seide und Wolle ohne Mordants dienen; mit Thonerde gebeizte Baumwolle nimmt den Farbstoff ebenfalls an. Durch Alkalien wird der Farbstoff aus seiner sauren Lösung niedergeschlagen; man kann ihn mittelst Alkohol oder Holzgeist reinigen. Unterschwefligsaures Natron |156| fällt den Farbstoff mit sehr hell violettblauer Farbe; mit Thonerde gibt er einen rosavioletten Lack.

Die Mutterlaugen von der Darstellung des Lydins können noch ein neues Product liefern, wenn man sie mit Oxalsäure sättigt und dann mit etwas Schwefelsäure kocht. Es entsteht eine sehr saure grüne Flüssigkeit, indem sich Kohlenoxyd und Kohlensäure entwickelt; Alkalien schlagen aus derselben ein violettes Pulver nieder, welches zwar weniger schön ist, als das Lydin, aber dieselben Eigenschaften besitzt.

Das reine Lydin bildet ein schön violettes Pulver, welches in Alkohol löslich, in Aether und Benzol schwer löslich, in Wasser unlöslich ist. Es ist auch unlöslich in den fetten Oelen, sehr leicht löslich dagegen in den Fettsäuren; in Folge dieser zweifachen Eigenschaft läßt es sich zur Prüfung der Oele auf eine Fälschung mit Oleinsäure benutzen. Zu diesem Zweck erhitzt man das zu untersuchende Oel in einem Probirgläschen mit einigen Tropfen alkoholischer Lydinlösung; ein mit Oleinsäure gefälschtes Oel zeigt dann nach dem Erkalten eine violette Färbung, während im entgegengesetzten Falle der Farbstoff sich zu Boden setzt. Auch Stearin löst das Lydin, wobei es sich hell lila bis dunkelviolett färbt; das Lydin läßt sich daher zur Anfertigung farbiger Kerzen benutzen.

Das Lydin besitzt ferner eine sonderbare Eigenschaft; bringt man nämlich eine alkoholische Lydinlösung mit einem künstlichen aus Traubenzucker und Weinsäure oder Citronensäure dargestellten Syrup zusammen, so erhält man ein Gemisch, welches dem Maulbeersyrup zum Verwechseln ähnlich ist. Würde diese Eigenschaft verwerthet, so wäre dieß ein wirklicher Betrug. Nachfolgende Reactionen dienen zur Erkennung eines solchen künstlichen Syrups und zu seiner Unterscheidung von ächtem Maulbeersyrup.

Schwefelsäure, Salpetersäure und Salzsäure geben eine sehr deutliche Reaction. Bringt man einige Kubikcentimeter von dem zu prüfenden, mit etwas destillirtem Wasser verdünnten Syrup in ein Probirrohr und läßt dann einige Tropfen von einer dieser Säuren an der Wandung des Glases hinabrinnen, so bilden sich drei Schichten: die untere derselben, welche von der Säure gebildet ist, erscheint weiß; die obere zeigt die unveränderte Farbe des Syrups, die mittlere dagegen nimmt eine sehr entschieden blaue Färbung an. Schüttelt man nun das Probirglas, so wird die ganze Flüssigkeit blau, und auf Zusatz eines Alkalis farblos.

Der mit Lydin gefärbte künstliche Syrup wird durch den Wasserstoff im Entstehungszustand entfärbt, und gibt mit kohlensaurem Kali einen rosavioletten Niederschlag.

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Amylum absorbirt in Alkohol gelöstes Lydin und gibt so farbige Pulver, welche in der Papeterie und Lithographie verwendet werden können.

Von monochromatischem Licht werden Lydin oder seine Lösungen nur wenig verändert; die Monojodflamme wirkt gar nicht auf dieselben ein.

Der neue Farbstoff theilt mit dem Parma-, dem Dahlia- und Hofmann'schen Violett die Eigenschaft, durch kohlensaure Alkalien auf Stoffen, welche mit ihm gefärbt sind, nicht verändert zu werden.

Ammoniak wirkt auf mit Lydin gefärbte Seide nicht ein; diese Eigenschaft theilen die genannten drei violetten Farbstoffe nicht.

Meine Versuche bezüglich der Giftigkeit des Lydins ergaben folgende Resultate:

1) das Lydin wirkt, wenn es in den thierischen Organismus gelangt, giftig;

2) es übt gleichfalls giftige Wirkungen aus, wenn es mit dem Blute in directen Contact kommt;

3) Wolle und Seide, welche mit Lydin gefärbt sind, zeigen keine nachtheiligen Wirkungen auf die Haut beim Gebrauch als Strümpfe etc.;

4) das Lydin wirkt wie eine schwache Ferrocyanverbindung;

5) mittelst Lydin dargestellter Maulbeersyrup ist giftig und deßhalb, ebenso wie die mit Fuchsin gefärbten Syrupe, zu verbieten.

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Polytechn. Journal, 1869, Bd. CXCIV S. 79.

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Polytechn. Journal, 1862, Bd. CLXIII S. 451.

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