Titel: Grothe, über das Bleichen der Wolle.
Autor: Grothe, Hermann
Fundstelle: 1870, Band 195, Nr. XCVIII. (S. 360–364)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj195/ar195098

XCVIII. Ueber das Bleichen der Wolle; von Dr. H. Grothe.88)

Zum Bleichen der wollenen Stoffe wendet man hauptsächlich schweflige Säure an; in neuerer Zeit hat man auch Ozon, Wasserstoffsuperoxyd und übermangansaures Natron dazu benutzt. Ueber den Bleichproceß mit schwefliger Säure sind seiner Zeit in Anlaß einer Preisaufgabe des Vereines für Gewerbfleiß in Preußen eingehende Versuche gemacht worden,89) die zu dem von George Leuchs ausgesprochenen,90) von N. Weber nach genauer Prüfung bestätigten Satze als Resultat führten: „das Bleichen mit schwefliger Säure beruht darauf, daß die schweflige Säure mit dem der Faser eigenthümlichen Farbstoff farblose Verbindungen eingeht.“ Da man nun ziemlich erwiesen hat, daß der Farbstoff mit dem eigentlichen Haarkörper verbunden sey, so ist also die Bleichung stets, auf das ganze Haar bezogen, nur eine stellenweise. Um nun die schweflige Säure mit dem Wollhaar in Berührung zu bringen, bedient man sich verschiedener Methoden und wendet dabei die schweflige |361| Säure in verschiedener Form an, d.h. entweder als Gas oder als Flüssigkeit, also Lösung des Gases in Wasser.

Wenn man mit gasförmiger schwefliger Säure arbeitet, so bringt man die Wolle, Garne oder Gewebe in eine Kammer, – am besten von Holz construirt und mit schräg aufsteigendem Dach, endlich mit einer Esse in Verbindung gebracht, – hängt sie hier locker auf, so daß die Fasern den Gaspartikeln zugänglich werden und zündet am Boden der Kammer Schwefel in einem Tiegel an. Die sich entwickelnde Säure steigt nach oben und durchzieht die Stoffe, welche jedoch in feuchtem Zustande in die Kammer gebracht werden. Der Proceß hierbei reducirt sich im Grunde genommen auf eine Bleichung mit schwefliger Säure im flüssigen Zustande. Uebrigens muß bei dieser Methode dafür gesorgt werden, daß in die Kammer hinein genügend Luft eintreten kann, weil sonst leicht in derselben ein luftverdünnter Raum entsteht, und die Verbrennung des Schwefels nur unvollkommen vor sich geht. Man versieht daher die Wandungen der Kammern mit Luftlöchern, die durch leicht bewegliche Ventile geöffnet und geschlossen werden können, und zwar durch den Wechsel des Luftdruckes von selbst schließen und öffnen. Bei unzureichendem Zutritt von Luft, also Mangel an Sauerstoff, beginnt der Schwefel zu sublimiren und überzieht die Fasern mit einer dünnen, schwer entfernbaren Haut, die zu den unangenehmsten Erscheinungen beim Bleichproceß gehört. Berücksichtigt man, daß die schwefligsauren Dämpfe für die Arbeiter sehr unangenehm wirken, daß die Kammern selbst nie so dicht verschließend gebaut werden, daß sie jedem Verlust an schwefliger Säure vorbeugen, daß ferner die eigentliche Schwefelung hierbei auch der sich mit der Feuchtigkeit des Garnes bildenden, flüssigen schwefligen Säure zuzurechnen sey, so begreift man nicht recht beim oberflächlichen Prüfen, weßhalb man diese Methode noch so vielfach in Anwendung sieht, ja viel öfter und häufiger als die Bleichung mit schwefliger Säure im flüssigen Zustande. Die Gründe dafür liegen aber darin, daß die Bleichung mit schwefligsaurem Gas entschieden bessere Resultate liefert, als die Bleichung mit schwefligsaurer Flüssigkeit, und das scheint daher zu kommen, daß bei ersterer Methode durch die jedesmalige Neubildung des schwefligsauren Gases und seine Absorption von nur eben hinreichendem Wasser, dieses Agens in frischerem, wirksamerem Zustand erhalten wird. Dazu tritt die Einwirkung der durch die Schwefelverbrennung erzielten Wärme und die Bildung von Wasserdampf. Ist es doch vorzugsweise ergründet, daß der Grad der Feuchtigkeit für das zu bleichende Material keinesweges gleichgültig ist. Zu feuchtes Garn z.B. bleicht nur unvollkommen, zu trockenes wird merkwürdig rauh. Das Vorkommen |362| von Schwefelmilch auf den Wollfasern scheint übrigens darauf hinzudeuten, daß nicht schweflige Säure allein bei diesem Proceß thätig ist, sondern auch Unterschwefelsäure. Nach dieser Richtung hin sind Resultate abzuwarten. – Zu bemerken ist noch, daß bei dieser Schwefelung die Schwefelaufnahme seitens der Wolle eine Grenze findet, und zwar schwankt das Quantum zu verbrennenden Schwefels für dasselbe Quantum Wolle mit der Qualität der Wolle. Im Durchschnitt tritt der höchste Bleichpunkt für die Faser ein, wenn auf 100 Pfd. gewaschener Wolle 5 bis 6 Pfd. Schwefel verbrannt werden. Verbrennt man mehr Schwefel, so tritt keine Erhöhung der Weißung ein, vielmehr ein Rückgang, was eine vollkommene Sättigung des natürlichen Wollfarbstoffes mit Säuren anzudeuten scheint. Der Rückgang ist nun dadurch bezeichnet, daß sich Schwefelmilch an die Fasern anhängt. Uebrigens ist die Schwefelaufnahme der Fasern beim Bleichen ziemlich groß. Kammwolle ergab durchschnittlich eine Zunahme an Schwefel zu dem constituirenden Schwefelgehalt von 0,7 bis 0,82 Proc., nach 18 bis 24 Stunden Einwirkung; Streichwolle zeigte sich nicht aufnahmefähiger, denn die Schwefelzunahme schwankte in 12 bis 24 Stunden zwischen 0,5 bis 0,68 Proc. Diese Unterschiede in der Schwefelaufnahme werden Folgen der verschiedenartigen Construction des Wollhaares der Kammwolle und der Streichwolle seyn, indem bei letzterer die Dichtheit der Schuppung und die dadurch geringeren Flächen eine geringere Schwefelaufnahme bedingen. Man spricht nun allerdings von einer farblosen Verbindung der schwefligen Säure mit dem natürlichen Farbstoff der Faser, die unlöslich in der Faser zurückbleibt. Diese Unlöslichkeit aber ist sehr precärer Natur. Bekanntlich kann man die geschwefelte Wolle durch ein Bad in Soda vollständig entschwefeln, und es tritt nur zum Theil die rohe, schmutzige Farbe wieder ein, welche die Wolle vor dem Schwefeln befaß. Auch schon durch Spülen in sehr schwachen Seifenlaugen und selbst in klarem, warmem Wasser ist man im Stande, den größten Theil des Schwefels wieder zu entfernen, und thut das oft absichtlich nach dem Bleichen. Diese letzten Operationen aber beeinträchtigen die Bleichung selbst nicht. Sie scheinen vielmehr dazu zu dienen, die überschüssige schweflige Säure wegzunehmen, resp. die anhängenden Schwefelmilchkrystalle, während die zur Sättigung des natürlichen Farbstoffes dienende Säure an diese gebunden in der Faser bleibt. – In dem geschwefelten Garn treten zuweilen merkwürdige Erscheinungen zu Tage. Bekannt ist es, daß man in den Schwefelkammern das sogenannte Tropfen sehr fürchtet. Darunter versteht man die Entstehung von Flüssigkeit an der Decke der Kammer, gebildet aus condensirtem Wasserdampf und schwefligsaurem Dampf, welche zum großen |363| Theil aus Schwefelsäure besteht, zu deren Bildung übrigens alle Momente vorhanden sind – Wärme, Wasserdampf, Feuchtigkeit, schwefligsaures Gas, Sauerstoff – und das Herabtropfen derselben auf die Stoffe, was natürlich von zerstörender Wirkung für die Fasern seyn muß, zumal, wenn (mit vegetabilischen Fasern) gemischte Stoffe der Einwirkung des Bleichprocesses unterliegen. Nun scheint im Beginn des Bleichprocesses nie Schwefelsäure gebildet zu werden, wahrscheinlich weil noch viel Wasserdampf vorhanden ist; dagegen schreitet die Bildung von Schwefelsäure gegen Ende des Processes sehr schnell vor sich. Zu diesem Auftreten und zu der Erscheinung, daß sich vorzugsweise im Sommer, bei Wärme, im geschwefelten Garne plötzlich braune Flecke zeigen, die bei genauer Untersuchung sich als Schwefelsäure im concentrirten Zustande ergeben, läßt sich vielleicht mit Erfolg die Bildung von Unterschwefelsäure beim Bleichproceß und deren Zerlegung in schweflige Säure, welche mit dem Faserfarbstoff verbunden bleibt, und in Schwefelsäure, die durch das Auswaschen in Alkali und Wasser entfernt wird, vertheidigen, um so mehr, als diese Waschwässer stets schwefelsaure Alkalien aufzeigen und in nicht genügend gespülten, geschwefelten Garnen die Schwefelsäurebildung in Masse beobachtet werden kann. Jedenfalls erfordert dieser Punkt genauere Untersuchung und Beachtung, weil durch die Bildung von Schwefelsäure empfindliche Schäden für den Fabrikanten entstehen.

Die Bleichung mit flüssiger schwefliger Säure hat mit diesen zuletzt berührten Punkten nichts zu thun. In England wird diese Methode häufiger ausgeführt, in Frankreich, Deutschland und Belgien jedoch seltener als die Gasschwefelung. Die Herstellung flüssiger schwefliger Säure geschieht in bekannter Weise, die wir hier nicht zu wiederholen brauchen. Wir verweisen noch auf die Herstellung der schwefligen Säure im flüssigen Zustande aus Eisenvitriol und Schwefel. Wasser absorbirt bekanntlich 44 Volume schwefliger Säure bei gewöhnlicher Temperatur. Jedoch ist der schnelle Uebergang der flüssigen schwefligen Säure durch Sauerstoffaufnahme aus der Luft ein Uebelstand, der auch wohl ihrer weiteren Einführung entgegensteht. Beim Bleichen erwärmt man die flüssige schweflige Säure auf 30° C., weil bei dieser Temperatur das Medium am wirksamsten ist. Wollte man nun aber concentrirte, wässerige schweflige Säure anwenden, so würde diese Temperatur-Erhöhung sofort Gasverluste bewirken, da das Wasser von 30° C. nicht mehr 44 Volume des Gases festzuhalten vermag. Deßhalb wendet man die wässerige Lösung in solcher Verdünnung an, daß auch eine Erhitzung auf 30° C. nicht im Stande ist, eine bedeutende Gasentwickelung zu veranlassen. Die Stoffe läßt man in der Flüssigkeit so lange liegen, bis dieselben |364| weiß gebleicht erscheinen. Allein wie gefährlich das ist, wird hauptsächlich klar, wenn man daran denkt, wie ein geringer Schwefelsäuregehalt zerstörend wirkt, sobald man es mit gemischten Stoffen zu thun hat. – Nach dem Bade wäscht man ebenfalls mit Laugen und reinem Wasser aus, um den etwaigen Säure-Ueberschuß zu entfernen.

Um den Gefahren der Schwefelsäurebildung bei der Schwefelung mit schwefligsaurem Gas oder wässeriger schwefliger Säure zu entgehen, hatte schon Knezaureck die Schwefelung unter Anwendung schwefligsaurer Alkalien vorgeschlagen. Diese Versuche haben jedoch zu keinem günstigen Resultat geführt. – Eine neuere Methode des Wollbleichens mit schwefliger Säure hat Bailly insofern durchgeführt, als er sich eines anderen Apparates bedient. Derselbe besteht aus einem Hydroextracteur unter einer Glocke. Unter der letzteren verbrennt Schwefel. Die schwefligsauren Dämpfe ziehen in den Korb des Extracteurs, der mit der angenäßten Waare gefüllt sich dreht, und werden durch die Centrifugalkraft durch die Stoffe hindurch gepreßt, während sie vermöge der entstehenden Luftströmung immer von Neuem von oben her in den Korb eintreten. Der Erfolg ist abzuwarten.

Aus der „Zeitschrift des Vereines der Wollinteressenten Deutschlands, herausgegeben von Mitgliedern des Vereines; redigirt von Dr. Hermann Grothe. Erster Jahrgang, 1870. Berlin, Wiegandt und Hempel.“

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Leuchs, Untersuchung der Vorgänge welche beim Bleichen der wollenen Stoffe mit schwefliger Säure stattfinden (nebst Bericht der Prüfungs-Commission des Vereines für Gewerbfleiß in Preußen): im polytechn. Journal, 1860, Bd. CLVII S. 134.

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Uebrigens hatte das Grotthuß schon gefunden: Kurrer, die Kunst, alle Stoffe zu bleichen, S. 344.

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