Titel: Die Wurzellaus des Weinstockes, Aphis (Phylloxera) vastatrix Planch.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1870, Band 195/Miszelle 19 (S. 95–96)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj195/mi195mi01_19

Die Wurzellaus des Weinstockes, Aphis (Phylloxera) vastatrix Planch.

Fragliches Insect gehört zu der großen Familie der Blattläuse (Aphidien) und zwar derjenigen Unterabtheilung, welche man Wurzelläuse (Rhizobius) nennt, weil sie statt an den Blättern und oberirdischen Pflanzentheilen ihren Wohnsitz aufzuschlagen, sich die unterirdischen Wurzelorgane zum Schauplatz ihrer Thätigkeit wählen. Von länglich eiförmiger Gestalt, orangegelber Farbe, mit 3 Paar Beinen, einem Paar gegliederter |96| Fühler und einem auf der Bauchseite eingepflanzten Saugrüssel versehen, ohne Honigsaftröhren wie die anderen Blattläuse und ohne Wollfläuschchen wie die Blutlaus ist die am häufigsten zur Erscheinung tretende an den Wurzeln der Rebe gruppenweis sitzende ungeflügelte Ammenform mit keiner anderen Pflanzenlaus zu verwechseln; in ihrem geflügelten Zustand kennzeichnet sich die Laus vor allen anderen geflügelten Blattläusen dadurch, daß ihre Flügelchen wagrecht liegen statt dachförmig. Dabei hat sie sehr große schwarze unregelmäßig kuglige Augen und ein Punktauge auf der Stirne, und die Fühlhörner bestehen aus drei langen Grundgliedern und einer sein gegliederten zugespitzten Geisel.

Die Ledensgeschichte des Thierchens ist, so weit man sie kennt, nicht verschieden von der anderer Wurzelläuse, d.h. die ungeflügelte Ammenform pflanzt sich durch Eier, die ohne Befruchtung sich entwickeln, den ganzen Sommer hindurch mit der allen Blattläusen zukommenden raschen Progression fort, bis zuletzt eine geflügelte Generation erscheint, von der man aber bisher auch nur weibliche Thiere kennt. Aus den verhältnißmäßig großen, schön gelben Eiern der ungeflügelten Ammen schlüpfen nach einigen Tagen die Jungen, die nun nach Umständen 2–5 Tage umherlaufen, bis sie eine passende Stelle an der Rebenwurzel gefunden, um sich festzusetzen. Solche Stellen sind die Ritzen in der Wurzelrinde oder am liebsten Wunden derselben. Hier bohren sie ihren Rüssel in die weichen Gewebstheile, um von nun an, nur noch der Nahrungsaufnahme und Eiablage sich widmend, ein festsitzendes Leben zu führen. Die Folge ihrer Stiche, der besonders schnell die jüngeren Pflanzen erliegen, ist das Brandigwerden und Faulen der Wurzel. An den oberirdischen Theilen der Rebe bemerkt man zuerst gelbe Flecken auf den Blättern, dieselben vergilben allmählich ganz und fallen ab; die Trauben stehen im Wachsthum still, erreichen, wenn die Pflanze nicht zu sehr angegriffen, allenfalls noch die Reife, andernfalls vertrocknen sie und das Ende vom Lied ist immer das Absterben des ganzen Weinstockes.

Die Verbreitung des Insectes geschieht weniger unterirdisch von Wurzel zu Wurzel, sondern sie scheinen vom Stammende aus gegen abwärts vorzudringen, so daß man annehmen muß, die Jungen wandern oberirdisch, daß sie sich aber auch auf kleinere Distancen unterirdisch von einer Wurzel zur anderen finden, ist durch Versuche festgestellt. Die geflügelten Thiere sichern natürlich außerdem eine Verbreitung in größere Fernen, die bei der Trägheit des Thierchens übrigens wohl fast nur in der Windrichtung erfolgen dürfte.

Begünstigende Umstände für die Ueberhandnahme des Inlettes sind trockene heiße Jahreszeit und trockene Lage.

Nach den Nachrichten aus Südfrankreich, wo dieses Insect bis jetzt allein auftrat, und zwar zuerst im Jahre 1863, ist hier dem Weinbau ein Feind erstanden so gewaltig wie das Oïdium, ja vielleicht noch schlimmer, weil man noch kein Mittel gefunden, ihm Einhalt zu thun. Ein einziges solches ist, die Rebenpflanzung unter Wasser zu setzen, allein das ist fast nur in ebenen Weingärten und auch da nur unter den günstigsten Umständen durchzuführen. Andere haben es versucht, den Rebstock am Boden mit insectenwidrigen Mitteln zu umgeben oder mit Lösungen solcher zu begießen, allein ein Theil der Beobachter sah gar keine, andere sehr zweifelhafte Erfolge. Die allgemeine Stimmung in Südfrankreich ist deßhalb gänzlich hoffnungslos und die meisten Weinbergbesitzer entschließen sich, die erkrankten Plantagen herauszureißen und auf einige Jahre zu einer anderen Cultur überzugehen. Im Departemeni Vaucluse gibt es Bezirke, die bereits den dritten Theil ihrer Weinberge durch diese neue Krankheit verloren haben, so daß es kaum übertrieben ist, zu sagen: der Weinbau Südsrankreichs sey vom Untergang bedroht, wenn nicht die energischesten Maßregeln getroffen werden. Dr. G. Jäger. (Württembergisches Wochenblatt für Land- und Forstwirthschaft, 1869, Nr. 49.)

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