Titel: Ueber einen bei Temperaturwechseln unveränderlichen Längenmaaßstab; von H. Soleil.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1870, Band 195/Miszelle 7 (S. 90)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj195/mi195mi01_7

Ueber einen bei Temperaturwechseln unveränderlichen Längenmaaßstab; von H. Soleil.

Hiermit theile ich der (französischen) Akademie einen Vorschlag bezüglich des Normal-Metermaaßstabes zur Beurtheilung mit, welcher meines Wissens noch von Niemand gemacht wurde.

Jacobi hat den Wunsch geäußert, daß alle Normal-Metermaaßstäbe aus einer Substanz angefertigt werden möchten, welche in Folge ihrer chemischen Zusammensetzung, ihrer molecularen Constitution und ihres Wärmeausdehnungs-Coefficienten alle Bürgschaften für ihre Homogenität darböte.

Diese Substanz, welche Fizeau in Bezug auf ihre Ausdehnung sorgfältig untersucht hat, die aber wohl nur in Stücken von einigen Centimetern Länge angewendet werden könnte, ist der Beryll, ein Mineral welches nicht selten in sehr reinen Stücken vorkommt. Aus Fizeau's Untersuchungen weiß man, daß der Beryll sich positiv in einer zur Hauptachse normalen Richtung ausdehnt und sich in der Richtung dieser Achse zusammenzieht; es gibt also eine Zwischenrichtung, in welcher die Ausdehnung gleich Null ist. Nach dieser Richtung mußten die zur Anfertigung von Normalmaaßstäben bestimmten Stücke geschnitten werden; ein solcher Maaßstab würde in allen Klimaten stets dieselbe Länge haben.

Auf der Welt-Ausstellung von 1867 hatte Hr. Froment-Meurice in seinem Glasschranke eine 15 Centimeter hohe Büste des Kaisers von Frankreich, welche aus geschnitten war; vielleicht ließe sich ein ähnliches Exemplar auffinden18) und mit Hülfe genauer optischer Beobachtungen könnte man Maaßstäbe aus Beryll anfertigen welche in der Wärme keine Ausdehnung erleiden. (Comptes rendus, t. LXIX p. 954; November 1869.)

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Dieß ist keineswegs unwahrscheinlich. Edler Beryll kam in großen, prachtvollen Krystallen im Gebirge Adontschilon in Sibirien schon im Jahre 1723 vor und wird noch jetzt dort bergmännisch gewonnen; wahrscheinlich kannten bereits die Alten dieses Vorkommen und beuteten dasselbe aus. Am Altai kommt himmelblauer edler Beryll in Krystallen bis zur Länge von einem Meter vor; bei Mursinsk im Ural wurde i. J. 1828 ein vollkommen klarer, himmelblauer Krystall von gelblich-grüner Farbe, 10 Zoll Länge und 11 1/2 Zoll Umfang, in Brasilien eine durchsichtige Säule von 15 Pfd. Schwere gefunden.

Gemeiner Beryll kommt zu Limoges in Frankreich in armdicken Krystallen, in Schweden, Norwegen und Irland in großen Blöcken, in der spanischen Provinz Gallizien in so gewaltigen Krystallen vor, daß dieselben wie Basaltsäulen zu Thürpfosten benutzt werden. In Nordamerika (Grafton in New-Hampshire) finden sich Säulen von 6 Fuß Länge, über 1 Fuß Durchmesser und bis ziemlich 30 Centner Schwere. Da nun bei solchen Normalmaaßstäben, wie sie Soleil vorschlägt, auf den Grad der Durchsichtigkeit oder Durchscheinenheit Nichts ankommen kann, so dürfte es nicht allzu schwierig seyn, genügendes Material zu diesem Zwecke zu beschaffen.

H. H.

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