Titel: Ueber Erhitzen der Lösungen von Salzen etc. auf ihren Siedepunkt mittelst Wasserdampfes von 100° C.; von Peter Spence.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1870, Band 195/Miszelle 3 (S. 203–204)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj195/mi195mi02_3

Ueber Erhitzen der Lösungen von Salzen etc. auf ihren Siedepunkt mittelst Wasserdampfes von 100° C.; von Peter Spence.

Vor zwölf bis fünfzehn Jahren war der Verfasser veranlaßt, größere Massen von Flüssigkeiten auf die Temperatur von 108,8° C. (228° Fahr.) zu erhitzen, um mittelst einer längere Zeit fortgesetzten Digestion aus Thonerde enthaltenden Mineralien diese Erde in Form von schwefelsaurem Salz zu extrahiren. Da bei seinen Calculationen die Zeit ein wichtiger Factor war, so ging sein Streben hauptsächlich dahin, die Erhitzung der Flüssigkeiten möglichst rasch zu bewirken; da diese aber freie Säure enthielten, so konnten nur Bleigefäße angewendet werden, und da solche an den Berührungsstellen mit dem Feuer mit einem eisernen Mantel versehen werden mußten, so war das Erhitzen eine sehr zeitraubende Operation. Zur Vermeidung dieses Zeitverlustes construirte der Verfasser ein Digerirgefäß, in welchem die Temperatur durch Injiciren von Wasserdampf aus einem Dampfkessel in die Flüssigkeitsmasse rasch auf 100° C. gesteigert werden konnte. Sobald dieser Punkt erreicht war, sperrte er den Dampf ab und ließ das äußere Feuer allein wirken, um die Temperatur auf die noch erforderlichen 8,8° C. zu steigern und auf 108,8° (228° Fahr.) zu erhalten; er ging nämlich von der Ansicht aus, daß wenn man nach der Erreichung einer Temperatur von über 100° C. noch weiter Dampf zuließe, dieser abkühlend wirken und das Erhöhen der Temperatur verhindern würde.

Dieses combinirte Verfahren erwies sich als ganz erfolgreich und leistete eine Zeit lang seine Dienste, indem es, wie der Verfasser glaubte, mit seiner Theorie übereinstimmend wirkte; später erregten jedoch mehrere Umstände bei ihm Zweifel an der Richtigkeit seiner Anschauungsweise. Er fand nämlich daß, wenn in Folge einer Unachtsamkeit nach Eintritt der höheren Temperatur sowohl der Dampf als die Digestorfeuerung fortwirkten, jene Temperatur sich dennoch auf ihrer Höhe hielt. Er beobachtete ferner zu seinem Erstaunen, daß wenn das Feuer so vernachlässigt wurde, daß es offenbar nutzlos blieb, die Temperatur, anscheinend in Folge der Wirkung des Dampfes allein, sich genügend hoch erhielt.

Diese letztere Beobachtung veranlaßte den Verfasser, den Gegenstand im Laboratorium näher zu prüfen, was in folgender Weise geschah. In der Ueberzeugung, daß die fragliche Erscheinung mit dem hohen Siedepunkte seiner Flüssigkeiten in Zusammenhang stehe, brachte er eine bei hoher Temperatur (etwa 121° C.) siedende Salzlösung (eine Lösung von salpetersaurem Natron) in ein mit einem Mantel versehenes Gefäß und ließ in den zwischen beiden befindlichen leeren Raum Dampf eintreten, bis die Temperatur der Lösung auf etwa 100° C. gestiegen war; hierauf wurde der Dampf abgesperrt, ein offenes Rohr in die Lösung eingesenkt und Dampf aus derselben Quelle direct in die Flüssigkeit geleitet; wenige Secunden darnach stieg das Quecksilber im Thermometer langsam, aber stetig von Minute zu Minute, bis die Temperatur 121,1° C. erreicht hatte.

Dieser Versuch erklärte die mit dem Digestor erhaltenen Resultate vollständig und war für den Verfasser von sehr großem praktischen Werthe. Er ließ die directe Feuerung bei seinen Gefäßen, welche nicht nur großen Zeitverlust und viel Arbeit verursachte, sondern auch in Folge von Zerstörung der Gefäße einen jährlichen Verlust von vielen hundert Pfund Sterling verursachte, ganz wegfallen und benutzte von nun an nur Dampf zur Erhitzung. Als eine Bestätigung der Theorie, welche das anscheinende Paradoxon zu erklären scheint, betrachtet der Verfasser die Beobachtung, daß die Temperaturen seiner Lösungen genau im Verhältnisse zu ihrem specifischen Gewichte stehen und keine Beziehung zu der Temperatur des Dampfes haben, welche niemals |204| 100° C. übersteigt. Je höher das specifische Gewicht seiner sauren Lösungen, desto höher ist ihr Siedepunkt, und deßhalb wird, welchen Siedepunkt eine wässerige Salzlösung auch haben mag, dieselbe durch Dampf von 100° C. bis ganz (oder nahezu) auf ihren Siedepunkt erhitzt werden. (Chemical News, vol. XX p. 255; November 1869.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: