Titel: Ueber Petroleumfälschung.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1870, Band 195/Miszelle 10 (S. 286–287)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj195/mi195mi03_10

Ueber Petroleumfälschung.

Der „Arbeitgeber“ bringt hierüber folgenden beherzigenswerthen Artikel: Verschiedene Zeitungen melden, daß sich die Petroleumfälschungen in neuerer Zeit wieder bedeutend vermehren. Ein Hauptsitz soll in Hamburg seyn; doch habe man es daselbst so stark getrieben, daß jetzt die Fälschungen en gros in Stettin vorgenommen würden. Fas Fälschungsmittel für Petroleum ist sogenannte Naphta, d.h. ein leichteres Destillationsproduct des Petroleums, dasselbe hat einen sehr niedrigen Siedepunkt und verflüchtigt sich schon bei gewöhnlicher Temperatur. Wird nun Petroleum mit Naphta gefälscht, so entwickeln sich in der Lampe Naphtadämpfe, die verbrannt an und für sich ungefährlich sind; mischen sich aber diese Dämpfe mit einer bestimmten Menge Luft, und wird dieses Gemisch entzündet, so entsteht eine Explosion, welche in der Regel die Lampe zertrümmert und Personen in deren Nähe mehr oder minder verletzt. Es geht daraus hervor, daß die Fälschung des Petroleums mit Naphta eine äußerst gefährliche ist und von den Gesetzen mit strengen Strafen belegt werden sollte, wie dieß in Amerika der Fall ist. Nirgends wurde die Fälschung großartiger betrieben wie da; |287| es war dieß nach den dortigen Verhältnissen sehr natürlich, weil der Fälschungskörper, die Naphta, als ein Nebenproduct des Petroleums nur wenig Werth hat, so daß mit der Fälschung ein großer Gewinn verbunden war. Die Fälschung wird dadurch begünstigt, daß man dieselbe äußerlich nicht erkennen kann, indem die Naphta ganz wasserhell ist. In Folge der vielen in Amerika vorgekommenen Explosionen von Petroleumlampen wurde ein Gesetz erlassen, daß kein Brennpetroleum in den Handel gebracht werden darf unter einem gewissen specifischen Gewicht und unter einem bestimmten Siedepunkt. Ein derartiges Gesetz dürfte bei uns sehr nöthig seyn, da in Deutschland großartige Petroleumfälschungen vorkommen müssen. In unseren nordischen Häfen liegen nämlich Tausende von Centnern Naphta, d.h. leichtes Petroleum von 0,75 spec. Gewicht und darüber, das zum Brennen für sich nur in den sogenannten Ligroinlampen verwendet werden kann. Hierfür ist aber der Bedarf sehr gering; sonst wird diese Flüssigkeit noch als Fleckenwasser und in den Kautschukfabriken gebraucht. Der Consum der Naphta als Ligroin, Fleckenwasser und Auflösungsmittel für Kautschuk ist aber so beschränkt, daß ein sehr geringer Theil des Gesammt-Naphta-Importes denselben deckt. Der größte Theil der Naphta wird daher unzweifelhaft zu Petroleumfälschungen verwendet; man kann dieß um so bestimmter annehmen, als die Preisdifferenz zwischen Petroleum und Naphta stets eine sehr bedeutende, der Gewinn für den Fälscher ein sehr verlockender ist. Naphta bewegt sich in der Regel zwischen 2–3 Thaler per Centner, während Petroleum 7–8 Thaler kostet. Was uns noch mehr in unserer Ansicht bestärkt, daß 9/10 der importirten Naphta zum Fälschen des Petroleums verwendet wird, ist der Umstand, daß man bei den Naphtaverkäufern und Maklern nie erfahren kann, an wen sie es verkaufen, und zwar meinen wir hiermit nicht die Namen ihrer Kunden, dieselben können sie aus Geschäftsrücksichten verschweigen, nein, sie geben nicht einmal die Branche der Geschäfte an, welche die bedeutenden Naphtavorräthe beziehen. Die Naphta wird offen importirt und ist auf jedem Petroleum-Courszettel notirt, allein verkauft wird sie im Dunkeln, und alle Geschäfte welche das Licht scheuen, sind unredlich wie Kellerwechsel. Nur ein Gesetz oder die Selbsthülfe des Publicums kann hier gegen Betrug schützen. Wir haben jetzt viele ausgebildete Chemiker, wenn nur in jedem größeren Bezirk einer alle Monate einmal den Siedepunkt der im Handel vorkommenden Petroleumsorten bestimmt und seine Resultate bekannt macht, so wird er sich dadurch ein unbestreitbares Verdienst um den Gemeinnutzen erwerben. Mit diesen Bekanntmachungen muß eine Warnung vor Händlern verbunden seyn, welche Petroleum verkaufen, das einen so niedrigen Siedepunkt hat. Das Publicum wird alsdann die Händler meiden, in Folge dessen dieselben sich nach besserem Petroleum umsehen. Existirt ein Gesetz darüber, so ist alles als gefährlich erkannte Petroleum, das zu dem Zweck, in gewöhnlichen Petroleumlampen verbrannt zu werden, in den Handel kommt, zu confisciren. Das spec. Gewicht des Petroleums prüft man einfach durch Aräometer.

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