Titel: Ueber die leichte Entzündbarkeit des durch Vermoderung entstandenen Holzmehles.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1870, Band 195/Miszelle 11 (S. 287–288)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj195/mi195mi03_11

Ueber die leichte Entzündbarkeit des durch Vermoderung entstandenen Holzmehles.

Hr. Bauleiter Ziwotsky aus Friedeck (österr. Schlesien) theilte in einem Schreiben an den österreichischen Ingenieur- und Architekten-Verein folgende Thatsache mit:

„Im Rathhause der Stadt Friedeck, welches im Allgemeinen einer Renovirung schon sehr bedürftig wäre, befand sich im ersten Stock auch ein Zimmer von circa 3° Länge und 20 Breite, in welchem die Decke eine so bedeutende Senkung zeigte, daß sie, um einem Einsturz vorzubeugen, schon seit längerer Zeit gestützt war.

Nachdem jedoch dieses Zimmer wieder zur Benutzung hergerichtet werden sollte, so ordnete die Gemeindevertretung an, die Stuccaturung abzunehmen, um sich vorläufig über den Zustand der Träme aufzuklären; damit jedoch das, nur durch eine einfache Thür von diesem Zimmer getrennte Baubureau der Ostrau-Friedländerbahn, resp. die darin beschäftigten Ingenieure, nicht vom unvermeidlichen Staube belästigt würden, so wurde ohne Einvernehmung mit der Bauleitung angeordnet, diese Arbeit Abends vorzunehmen, welches denn auch am 31. August 1869 von 9 bis 10 Uhr Nachts, bei Beleuchtung mittelst Kerzenlichtes geschah.

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Die Arbeit begann damit, daß man zuerst eine kleine Oeffnung im Plafond herstellte, die Verschalung und Pflasterung des darüber befindlichen Dachbodens zum Theil beseitigte, um dann eine Leiter anlegen, und die weitere Arbeit bequemer vollführen zu können.

Das einzige Fenster und die gegenüberliegende Thür standen offen, die Leiter in der gemachten kleinen Oeffnung des Plafonds stand an einem Trame angelehnt, welcher wohl von Moder bedeutend angegriffen war, aber doch noch sich und die Pflasterung frei trug. Auf diese Beobachtung gestützt, wurde nun – leider zum Unglück – der Unterzug, welcher die ganze Decke halten sollte, beseitigt, wodurch plötzlich ein größerer Theil des Plafonds einstürzte, und das Gebälke sammt Ziegelpflaster auf den Fußboden fiel. Die Träme und Breter waren jedoch so vermodert, daß eine dichte Wolke von Holzmehl (Stuppe) das ganze Zimmer erfüllte, und in Berührung mit der Kerzenflamme, sich in diesem schwebenden fein vertheilten Zustande so rapid entzündete, daß das ganze Zimmer durch etwa zwei Secunden plötzlich vom Feuer erfüllt war.

Der Luftzug ging vom Fenster herein und durch die Thür hinaus; drei Arbeiter standen beim Fenster und blieben unversehrt; fünf Arbeiter, welche in der Nähe der Thüre sich befanden, wurden jämmerlich zugerichtet. Von den Händen, bloßen Füßen und Gesichtern derselben war die Haut verbrannt und zum Theil abgelöst, die Haare und Kleider versengt, so daß diese fünf Arbeiter als lebensgefährlich verletzt in das Spital überführt werden mußten.

Die Arbeiter wußten selber nicht anzugeben, auf welche Art das Feuer ausbrach, die vorgenommene Beaugenscheinigung zeigte keine Spur eines Brandes, nirgends eine Verkohlung des Holzes oder eine Gluth, nur einige Theile des Holzwerkes zeigten auf kurze Zeit ein leichtes Glimmen an der Oberfläche, welches bloß dem an selbem noch haftenden Holzmehle zuzuschreiben ist. Die Wände zeigten sich nicht geschwärzt, nur an der Thür, durch welche die Flamme entwich, war der alte Oelanstrich der Verkleidung in Blasen aufgegangen; einige eben vorübergehende Personen bemerkten ein blitzartiges Aufflammen, welches sie sich nicht erklären konnten, da alsbald wieder Finsterniß eintrat.

Die wahre Ursache wurde erst des anderen Tages Früh festgestellt, indem man im genannten Baubureau mit diesem Holzmehle Versuche anstellte.

Dieses Mehl, zuerst über eine Kerzenflamme gestreut, zeigte ein Helles Aufblitzen, dann mittelst einer Papierrolle durch die Kerzenflamme geblasen, eine noch hellere und intensivere Flamme als man es sonst bei ähnlicher Behandlung von Kolophoniumpulver (Geigenharz) zu bemerken gewohnt ist. Dabei wurde der Kerzendocht mit einer Harzkruste überzogen, so daß das Brennen der Kerze erschwert war.

Die leicht entzündliche Eigenschaft dieses, durch Vermoderung entstandenen Holzmehles im schwebenden fein vertheilten Zustande, in Berührung mit einer Flamme – ist sonach erwiesen und wäre eine Veröffentlichung im Interesse der Bautreibenden, wie der Bauarbeiter vielleicht angezeigt, damit derlei Arbeiten künftighin nur bei Tage ausgeführt würden; jedoch müßte auch in diesem Falle das Anzünden von Streichhölzchen unterbleiben. Die Gluth einer Cigarre jedoch reicht nicht hin, eine solche Entzündung hervorzubringen.

Die Arbeit war von der Gemeinde einem Privatbaumeister übertragen, welcher gerade an diesem Abende bettlägerig war, und daher das Ganze nicht selbst überwachen konnte.“ (Zeitschrift des österreich. Ingenieur- und Architektenvereines, 1869 S. 216.)

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