Titel: Ueber Petroleum und über Explosionen der Petroleumlampen; von Robert Jacobi.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1870, Band 195/Miszelle 12 (S. 379–381)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj195/mi195mi04_12

Ueber Petroleum und über Explosionen der Petroleumlampen; von Robert Jacobi.

Von Woche zur Woche berichten die Zeitungen über Unglücksfälle, welche durch Explosionen von Petroleum, Petroleum-Lampen, Flaschen u.s.w. veranlaßt werden. Die große Zahl derartiger betrübender Vorfälle legt die Vermuthung nahe, daß das im Hantel vorkommende Petroleum, wie es zur Beleuchtung verwendet wird, nicht rein, das heißt, nicht frei von der sogenannten Naphta ist, deren Verdampfungsresp. Entzündungstemperatur so tief liegt, daß Verdampfung und Entzündung, beziehentlich Explosion, schon bei Zimmerwärme eintreten, sobald eine Flamme dem Oelgefäß genähert wird.93)

Nach den polizeilichen Vorschriften aller Länder, welche Petroleum einführen, soll dasselbe Naphta nicht enthalten. In diesem reinen Zustande kann es als ungefährlich bezeichnet werden, vernünftige Behandlung vorausgesetzt. – Die Vermischung mit Naphta ist dem Petroleum beim Import gewöhnlich nicht eigen; sie erfolgt vielmehr erst nach dem Import durch die Händler. Diese gewissenlose und gemeingefährliche Manscherei ist ein lohnendes Geschäft, da der Preis der Naphta gewöhnlich um 50 bis 60 Proc. geringer ist als der des Petroleums.

Vor einiger Zeit wurden mir verschiedene Sorten Naphta und Petroleum zur Untersuchung auf ihre Verwendbarkeit für technische Zwecke übergeben. Die Untersuchungen blieben für diese Zwecke zwar resultatlos; aber sie lieferten klare Belege für die hohe Gefährlichkeit des Petroleums im Allgemeinen, und mögen bei der Wichtigkeit der Sache der Veröffentlichung wohl werth seyn.

Um nicht zu ermüden, gebe ich nachstehend nicht die Ergebnisse der einzelnen Sorten, sondern nur die Minimal-, Maximal- und Durchschnittsresultate.

Die Naphta siedete bei 68–74°, im Mittel bei 72° Celsius. Im Wasserbade langsam über die (+ 13° C. betragende) Zimmertemperatur erhitzt, trat die Entzündung |380| ein bei 18–22°. im Mittel bei 20° C. Diese leichte Entzündbarkeit machte weitere Versuche für vorliegenden Zweck entbehrlich.

Die Siedepunkte der Petroleumsorten lagen bei 159–171°, im Mittel bei 163° C. In gleicher Weise erhitzt als vorher die Naphta, trat Entzündung bei 38–43°, im Mittel bei 40,5° C. ein.

Diese Entzündungstemperatur liegt anscheinend so hoch, daß sie als ungefährlich betrachtet werden könnte; denn sie übersteigt die auf circa 22° C. anzunehmende Temperatur bewohnter Räume um mehr als 20°. Wird das Petroleum im Zimmer nur aufbewahrt, dann ist die Gefahr der Entzündung auch thatsächlich nicht sehr groß. Anders gestaltet sich die Lage jedoch, wenn das Petroleum – besonders in den sogen. Vasen-Lampen – gebrannt wird. Die von der Flamme ausstrahlende Wärme erhöht die Temperatur der Vase und des Inhaltes, und zwar um so schneller, als der Brenner kürzer und die Flamme der Vase näher ist. Die Entzündungstemperatur von 38–43° C. ist schnell erreicht, wird oft überschritten. Die im Petroleum enthaltene Naphta beginnt nun lebhaft zu verdampfen und eine geringe Unvorsichtigkeit oder Uebereilung führt Entzündung der reinen, und Explosion der mit Luft vermischten Dämpfe herbei.

Um zu bestimmen, ob und wie viel Naphta in den Petroleumsorten enthalten sey, wurde jede Sorte für sich der Destillation unterworfen. Die Destillate wurden nach derselben Siedescala in je vier Portionen gesondert aufgefangen.

Es ergaben sich im Mittel:

20 Proc. Nr. 1, übergegangen bei 159–200° C.
25 2, „ 200–250° C.
30 3, „ 250–300° C.
20 4, von 3000 aufwärts und
3 kohliger Rückstand, Gase und Verlust.

Die gesonderten Destillate ergaben im Mittel:

Nr. 1, Siedepunkt 120–121° C., Entzündung 20–21° C.
Nr. 2, 151–152° C., 50–51° C.
Nr. 3, 214–215° C., 98–99° C.

Der Siedepunkt von Nr. 4 lag so hoch, daß er durch das bei den Experimenten nur zu verwendende Quecksilberthermometer nicht bestimmt werden konnte. Bei der Erkaltung schieden diese Massen so viel Paraffin aus, daß sie fast völlig fest gestanden. Da bei ihnen von irgend welcher Gefährlichkeit nicht die Rede seyn konnte, wurden die Entzündungstemperaturen nicht bestimmt.

Die Petroleumsorten enthielten nach Vorstehendem im Mittel 20 Proc. einer modificirten Naphta, deren Siedepunkt zwar um circa 48° C. höher liegt als bei der Original-Naphta, deren Entzündungstemperatur der letzteren aber genau gleich und gleich ist der Durchschnittstemperatur bewohnter Räume + 20–21° C. Diese modificirte Naphta – auf die Ursachen der Modification soll hier nicht eingegangen werden, da das den Zwecken fern liegt – ist daher ebenso gefährlich, als die Original-Naphta selbst, und nur ihr sind die häufigen Unglücksfälle zuzuschreiben.

Zum Vergleich mag hier noch das Verhalten der aus Braunkohle gewonnenen Producte: Photogen und Solaröl, mitgetheilt werden.

Die Siedepunkte der verschiedenen, als Photogen in den Handel kommenden Oele liegen bei 150–180°, im Mittel bei circa 165° C. Die Entzündung erfolgt bei 42–50°, im Mittel bei circa 46° C. Die Destillation liefert nur einige Procente Oel, dessen Siedepunkt bei circa 1200 liegt und dessen Entzündung bei circa 35° C. erfolgt; sie sind daher wesentlich weniger gefährlich als das Petroleum, wenngleich sie als absolut ungefährlich nicht zu bezeichnen sind.

Die Solaröle sieden bei 160–196°, im Mittel bei circa 178° C. Sie entzünden sich bei 90–120°, im Mittel bei circa 98° C. Die fractionirte Destillation scheidet aus ihnen Producte, deren Entzündungstemperatur unter 70° C. liegt, nicht ab. Sie müssen daher als absolut ungefährlich bezeichnet werden, vorausgesetzt daß sie so zur Verwendung gelangen, wie sie von den Fabriken geliefert werden. Werden auch sie von gewissenlosen Händlern durch Vermischung mit Naphta gefälscht, dann können sie selbstredend ebenso gefährlich werden als Petroleum.

Es gibt daher vorläufig nur zwei Wege, auf welchen der Consument sich vor den beregten Explosionen schützen kann. Er untersuche oder lasse von Zeit zu Zeit untersuchen sein Leuchtmaterial auf seine Entzündungstemperatur, oder er bediene sich an |381| Stelle der gefährlichen Vasenlampen der weniger oder gar nicht gefährlichen Schiebelampen mit constantem Niveau.

Durchgreifende und dauernde Hülfe ist aber nur dann zu erwarten, wenn jeder Consument die Namen derjenigen Händler, welche gefälschte und gefährliche Oele verkaufen, der Oeffentlichkeit rücksichtslos Preis gibt. Berechtigt hierzu ist Jedermann; denn das Wohl der Allgemeinheit steht höher als der schwindelhafte Nutzen gewissenloser Händler.

Halle, im Februar 1870

|379|

Wir verweisen auf die Mittheilung „über Petroleumfälschung“ im vorhergehenden Heft S. 286.

A. d. Red.

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