Titel: Die Bereitung autographischer Tinte.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1870, Band 195/Miszelle 13 (S. 381–382)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj195/mi195mi04_13

Die Bereitung autographischer Tinte.

Jede lithographische Tusche kann im Nothfalle zur Autographie angewendet werden, jedoch muß man den Vorzug derjenigen geben, welche der Feder gestattet, die fließendsten und feinsten Striche zu machen. Es muß daher in dieser Tinte eine ziemlich große Quantität Harz vorhanden seyn, damit sie sich einige Monate lang in flüssigem Zustande aufbewahren läßt. Man weiß, daß die Seife, wenn man sie in Wasser auflöst, sehr bald klebrig wird; diese Tinte muß daher so wenig als möglich davon enthalten und zwar nur so viel als durchaus nöthig ist, um die Auflösung der die Tinte bildenden Materien im Wasser zu begünstigen. Diese Materien sind folgende:

16 Theile Schellack,
10 Jungfernwachs,
8 Seife,
8 Drachenblut,
5 Talg.

Man wird bemerken, daß zu dieser Composition kein Kienruß verwendet wird. Da dieser Körper nicht löslich ist, würde er sich in dem Gefäß, in welchem man diese Tinte aufgelöst bewahrt, zu Boden setzen; die Hinzufügung des Drachenblutes gibt eine Farbe, welche dunkel genug ist, um die Schrift sichtbar zu machen.

Man erhitzt in einem Kessel das Wachs und den Talg, bis sie nahe daran sind, sich zu entzünden, dann wirft man die Seife in kleinen Stückchen hinein und fährt fort, Hitze zu steigern, bis die Masse sich entstammt. Während sie brennt, fügt man den Schellack und das Drachenblut hinzu. Wenn die Flamme zu heftig werden sollte, kann man sie mäßigen, indem man sie von Zeit zu Zeit auslöscht und dann wieder anzündet. So läßt man diese vereinigten Stoffe ungefähr fünf Minuten lang brennen. Wenn man die ganze Quantität Tinte auflösen will, gießt man sogleich 150 bis 200 Theile siedendes Wasser hinzu, mit Anwendung der nöthigen Vorsichtsmaßregeln, und läßt die Masse kochen, bis die Tinte sich gut aufgelöst hat. Wenn man nicht sogleich das ganze Quantum auflösen will, gießt man es auf einen mit Seife abgeriebenen Stein und theilt es mit einem Messer in Stücke. Wenn man etwas davon auflösen will, nimmt man einen Theil dieser Tinte und acht Theile Wasser, läßt sie in einem reinen irdenen Gefäße sieden, bis sie um den vierten Theil eingekocht ist und bewahrt das Product in wohlverstopften Flaschen auf.

Die auf diese Weise erlangte Tinte bleibt ziemlich lange flüssig; doch wird sie am Ende auch zäh und klebrig. Man kann ihr dann ihre Flüssigkeit wiedergeben, indem Man ein wenig Wasser hinzugießt und die Flasche in ein mit kaltem Wasser gefülltes Casserol setzt, welches man sodann bis zum Siedepunkte erhitzt.

Ein ferneres Recept, welches für das vorzüglichste von allen gehalten wird, dessen Zubereitung aber etwas umständlich ist, ist folgendes:

Copalgummi 3 Theile,
Wachs 5
gereinigter Hammeltalg 5
Steife 4
Schellack 5
Mastix 5
Schwefel 1/2

Man setze das Copalgummi in einem kupfernen Casserol über das Feuer; wenn es anfängt zu sprudeln, füge man, um das Zergehen zu beschleunigen, zwei Eßlöffel |382| voll Baumöl hinzu, und wenn es gut geschmolzen ist, setze man das Wachs und den Talg zu. Wenn diese Substanzen hinreichend erhitzt sind, entzünde man sie und werfe die Seife hinein, welche recht trocken und in kleine Stücke zerschnitten seyn muß. Wenn die Seife geschmolzen ist, füge man, während der Brand immer noch fortdauert, den Schellack und den Mastix zu. Man verstärke die Flamme mit der Schwefelblume; diese Maßregel ist unerläßlich, weil zu den Schwierigkeiten, welche die gute Anfertigung der lithographischen Tinten darbietet, hier die noch weit größere der vollkommenen Vermischung des Copalgummis mit den anderen Substanzen kommt, eine Vermischung welche nur auf diese Weise bewirkt werden kann. Dann lösche man die Flamme, um die Masse ein wenig abzukühlen, entzünde sie hierauf wiederum und lasse sie langsam brennen, bis sie auf ein Viertel des Totalvolumens reducirt ist.

Wenn man die Reduction zu weit treibt, verkalken sich die fetten Körper und beim Uebertrag hängt sich die Tinte nicht an den Stein an, oder wird beim Einschwärzen von der Walze mit fortgenommen. Wenn die Komposition dagegen nicht hinreichend gebrannt hat, gerinnt die Tinte sehr schnell. Es ist daher wichtig, den richtigen Grad wahrzunehmen, um der Tinte ihre Flüssigkeit zu erhalten, ohne daß sie etwas von ihrer Solidität verlöre.

Wenn man diese Tinte in Gebrauch nehmen will, löst man einen Theil davon in zehn Theilen Wasser auf und läßt sie bis zu dem Augenblicke sieden, wo die Flüssigkeit eine blaßgelbe Farbe annimmt. Dann taucht man eine geschnittene Feder hinein, um sich zu überzeugen, daß sie nicht zu leicht fließt. Wenn man so weit gelangt ist, probirt man die Tinte auf autographischem Papier und wenn die damit gemachten Züge glänzend sind und beim Trocknen ein schönes Relief geben, so ist sie zum Gebrauche wohl tauglich.

Wenn sie so zubereitet ist, kann man sie in eine Flasche gießen, die man mittelst Schmirgel verschließt; sie wird sich Jahre lang halten, ohne sich zu verändern und ohne daß sich Satz erzeugt. Die alte Tinte ist sogar der neuen vorzuziehen.

In Bezug auf das Uebertragen der Autographie hat man nicht nöthig, die Steine zu erwärmen, wenn sie keine Feuchtigkeit enthalten; sollte dieß jedoch, wenn auch nur in geringem Grade der Fall seyn, so ist es unumgänglich nöthig, dieses Hinderniß zu beseitigen, welches die gewöhnliche Ursache des Mißlingens ist.

Wenn man sie etwa zu blaß finden sollte, kann man, wenn man sich ihrer bedienen will, sie in ein Fläschchen gießen und entweder ein wenig Carmin oder etwas gut abgeriebene chinesische Tusche hinzufügen. Man darf aber nur eine kleine Quantität auf diese Art zubereiten, weil der Hinzutritt dieser fremdartigen Körper, welche der Zersetzung fähig sind, sie in wenigen Tagen unbrauchbar macht.

Diese Tinte hat sich als die vorzüglichste bewährt; sie fließt gut und gestattet die zartesten und feinsten Züge. Der Uebertrag läßt sich mit großer Reinheit bewirken. Die Tinte hat Farbe genug, um zu sehen, was man schreibt. Um ihr noch mehr Farbe zugeben, könnte man auch den Mastix durch Drachenblut, welches dunkelroth aussieht, ersetzen. (Lithographia.)

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