Titel: Ueber Spiritus aus Reis; von J. Bell.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1870, Band 195/Miszelle 10 (S. 562)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj195/mi195mi06_10

Ueber Spiritus aus Reis; von J. Bell.

Es war stets mit Schwierigkeiten verbunden, aus Reis einen Spiritus zu gewinnen, welcher frei von einem scharfen stechenden Geruch ist. Man nimmt in der Regel an, daß die Schärfe durch die Gegenwart einer ätherartigen Verbindung bedingt ist, welche während des Gährungsprocesses entsteht. Wie aber und warum diese bei der Gährung einer aus Reis gewonnenen Zuckerlösung gebildet wird, während sie in aus anderen Materialien dargestellten Zuckerlösungen nicht entsteht, schien schwer erklärlich.

Bei der Fabrication des Reisspiritus wird die Stärke des Reises durch Schwefelsäure in Glucose übergeführt; diese Operation wird in einem geschlossenen Holzgefäße unter Dampfdruck bei einer Temperatur von 102 bis 110° C. vorgenommen. Die Erfahrung hat gelehrt, daß der stechende Geruch um so mehr überhand nimmt, je mehr man sich während der Operation der Temperatur von 110° C. nähert, und je weniger der Reis von Hülsen befreit war.

Die Untersuchung eines sehr scharf riechenden Spiritus, welcher aus einem von den Hülsen nur theilweise befreiten Reis erhalten und bei dessen Bereitung die Zuckerbildung bei circa 102° C. verlaufen war, ergab, daß derselbe bei geringem Erwärmen aus einer ammoniakalischen Silberlösung reichlich Silber abschied und eine Lösung von übermangansaurem Kali sofort entfärbte. Kali schied beim Stehen in der Kälte unter Beseitigung des Geruches eine harzige, in Alkohol und Aether lösliche Substanz ab. Der von der alkalischen Flüssigkeit abdestillirte Alkohol war frei von dem stechenden Geruch. Durch Zusatz von saurem schwefligsaurem Natron wurde der Spiritus ebenfalls von seiner Schärfe befreit. Diese Reactionen bewiesen die Gegenwart eines Aldehyd, und durch weitere Untersuchungen ward festgestellt, daß der vorhandene Aldehyd bei der Oxydation Acrylsäure lieferte, also Acrolein war. Ohne Zweifel werden während der Zuckerbildung die im Reis enthaltenen Fette unter Abscheidung von Glycerin zersetzt, und wird darauf das Acrolein durch Einwirkung der Schwefelsäure auf das Glycerin gebildet.

Eine Probe des bei der Fabrication des untersuchten Spiritus verwendeten Reises ergab 0,62 Proc. Fett. Angenommen, das in letzterem enthaltene Glycerin sey bei der Zuckerbildung vollkommen in Acrolein verwandelt worden, und weiter angenommen, daß 65 Proc. Stärke wirklich in Alkohol übergeführt worden seyen, so würden auf 1000 Th. Alkohol circa 1 1/2 Th. Acrolein gebildet worden seyn.

Es ist längst bekannt, daß der rohe Reisspiritus eine Verbindung enthält, welche, ähnlich wie Aceton, gewisse in Wasser und Alkohol unlösliche Quecksilber-Verbindungen aufzulösen vermag; diese Verbindung ist eben das Acrolein. Der Verfasser überzeugte sich durch direkte Versuche, daß Acrolein nahezu in demselben Grade wie Aceton die Fällung des Quecksilber-Ammoniumjodürs aus alkalischer Lösung verhindert. Ein geringer Zusatz von Acrolein zu reinem Weingeist ertheilte diesem den charakteristischen Geruch des Reisspiritus. (Chemical News, September 1869, S. 143.)

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