Titel: Bessemer's Flammofen mit Hoch- und Niederdruck.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1870, Band 196, Nr. LXVIII. (S. 220–223)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj196/ar196068

LXVIII. Bessemer's Flammofen mit Hoch- und Niederdruck.

Aus Engineering, Januar 1870, S. 39.

Mit Abbildungen auf Tab. IV.

Wir haben vor einiger Zeit bei Mittheilung von Henry Bessemer's System der Hochdrucköfen für die Stabeisen- und Stahlfabrication40) einen Hochdruck-Kupolofen nach beigegebener Abbildung beschrieben und kürzlich Bessemer's Anwendung dieses Constructionsprincips auch auf die Converter 41) nach seiner Patentbeschreibung nachgetragen.

Durch den hier zu beschreibenden Flammofen zur Gußstahl-Fabrication bezweckt der Erfinder die bei der beständigen Anwendung des Hochdrucksystemes unvermeidliche starke Abnutzung des Apparates zu vermindern, und zwar in der Weise, daß die Einsätze durch Betrieb des Ofens mit dem gewöhnlichen Essenzuge angewärmt werden, wornach man zur Erzielung der schließlich erforderlichen höheren Temperatur das Hochdrucksystem anwendet.

Figur 1 stellt einen Längendurchschnitt durch Ofen und Fuchscanal dar, wie die Anordnung für das Anwärmen ihn ergibt, während Fig. 2 denselben Durchschnitt mit den zur Erzeugung hohen inneren Druckes erforderlichen Veränderungen in den Fuchsdimensionen vorstellt.

Figur 3 gibt eine Seitenansicht des Ofens, Fig. 4 eine Endansicht mit hinweggedachter Esse, Fig. 5 einen Querschnitt durch den Herd und Fig. 6 eine Stirnansicht der Feuerseite.

In den Abbildungen ist a die äußere Armatur des Ofens, aus zusammengenieteten und verstemmten Eisen- oder Stahlplatten von bedeutender Festigkeit bestehend, an welche die Stirnplatte a* von Gußeisen mittelst Flanschen und Winkeleisen so fest angeschlossen ist, daß gasförmige Producte nicht zu entweichen vermögen. Das Futter d des Ofens besteht aus feuerfesten Steinen. Der Feuerraum c ist rechtwinklich und enthält einen aus Walzeisenstäben d construirten Rost, der auf ebenfalls gewalzten Rostbalken e ruht.

Die Enden der Rostbalken ragen aus der Armatur der Seitenwände hervor bei e* und dienen als Ankerstäbe, während ein dritter wirklicher |221| Ankerstab f durch den Aschenfall gelegt ist. Die Feuerbrücke b* hat ein Wasserkühlungsrohr h, um das Mauerwerk zu schützen.

Der Herd m des Ofens ist fast waagrecht und hat nur an der Seite, nach dem Abstich n zu, eine geringe Einsenkung, um den Abfluß der Charge zu erleichtern. Das bewegliche Gewölbe a₂ ist aus starken Stahl- oder Eisenplatten zusammengesetzt und außerdem noch mit T-Schienen a₃ versteift, während die starken Längsflanschen a₁ einen festen Rückhalt für das feuerfeste Futter abgeben und gleichzeitig mittelst der Keilbolzen i, i die Verbindung mit dem unteren Theil des Ofens herstellen. Diese Bolzen ragen durch den Flansch des Untertheiles a₅ und werden oberhalb des oberen Flansches mit den Keilsplinten versehen. Entfernt man dieselben und die Bolzen, so läßt sich jederzeit der Ofen mit Hülfe starker Krahne aufdecken, wozu einige Ringe an den Seitenflanschen befestigt sind. Die Paßflächenfugen beider Ofenhälften werden durch Thonbrei gedichtet, wenn der Ofen wieder zusammengesetzt wird.

Bei j zieht sich der Herd der Breite nach zusammen und endet bei j in einer kreisrunden Oeffnung, durch welche die Einsätze k vor Beginn des Betriebes in der durch die Zeichnung veranschaulichten Weise in dem Ofen angeordnet werden. An dieser Stelle ist die gußeiserne Stirnplatte des Ofens mit einem dicken Flansch versehen, der hohl ist und einen Canal r enthält. Dieser Canal ist bestimmt, comprimirte Luft aufzunehmen, welche durch das Rohr l und den Hahn o ihren Zugang findet. Aus dem Ring tritt durch viele feine Oeffnungen r eine größere Anzahl Luftstrahlen zwischen die Paßflächen des Ofens und des Ringes s an dem beweglichen Fuchse; sie verhindern das Ausbrechen von Verbrennungsproducten an dieser mehr oder minder empfindlichen Stelle.

Um nun nach Belieben mit gewöhnlichem Luftzug oder mit Hochdruck zu arbeiten, wendet Bessemer die auf einer horizontalen Achse C befestigten doppelten Füchse A und B an. Die Lager D der Achse C sind Hängelager und an der Unterseite der Bodenplatten E angeschraubt. Die Füchse A und B haben vernietete eiserne Armaturen und sind mit segmentförmigen Façonsteinen F gefüttert. An einem Ende des Fuchses A ist ein Flansch A und am Fuchs B ein eben solcher Flansch B angebracht, dazu bestimmt, sich an einen eisernen Ring G zu fügen, welcher über einem aus der Esse H hervortretenden Canal H sich befindet. Die anderen Enden der Füchse tragen lose Ringe s, deren eine Seite mit einer rund umlaufenden halbkreisförmigen Nuth versehen ist, während die andere eine Reihe von schrägen Segmentflächen, wie eine Walzwerkskuppelung gebildet, zeigt (siehe s in Figur 3). Diesem Ring entspricht ein anderer auf den Füchsen festgenieteter u; steckt man nun einen Hebel |222| in die Oeffnung v des Ringes s und dreht denselben nach einer bestimmten Richtung, so schieben sich die schrägen Flächen auf einander und der Ring s wird mit seiner dem Ofen zugekehrten Fläche fest an denselben angedrückt. Die Länge der Füchse A und B, deren Bewegungsmechanismus aus der Zeichnung deutlich erhellt, ist stets so groß zu nehmen, daß zwischen Ofen und Esse hinreichend Raum für die Arbeiter bleibt, um den Ofen bequem zu besetzen.

Sind beide Füchse bei Seite gedreht (Figur 4), so werden die Materialien in den Ofen gebracht, der Fuchs A vorgeschoben und durch Andrehen der verzahnten Scheibe s gegen den Ofentheil j gedrückt. Damit ist eine gewöhnliche Essenfeuerung hergestellt und es wird bei offener Aschenfallthür L (mit dem Handgriff M) losgefeuert, indem man die Oeffnung C, welche sonst durch die Thür N dicht verschlossen werden kann, benutzt. Diese Thür N wird durch den Griff O (Figur 6) waagrecht hin und her bewegt, indem sie genau an der Armaturplatte a anliegt und nach der Feuerseite durch ein Futter N geschützt ist.

Die Arbeit verläuft nun folgendermaaßen: Ist der Ofen in der durch Figur 1 veranschaulichten Weise zusammengesetzt und angeheizt, so feuert man bei gewöhnlichem Luftzug, bis die Einsätze weißglühend sind und Schweißhitze eintritt. Dann wird der Rost rein gemacht und reichlich mit Brennmaterial beschüttet, Feuerthür und Aschenfall werden dicht und sicher verschlossen und der Fuchs A gelöst. Sobald der Fuchs B mit seiner engen Mündung angeschlossen ist, wird der Fuchs des Ringes s und des Ofenflansches durch Oeffnen des Lufthahnes o mit Luft gedichtet und schließlich Unterwind gegeben.

Der Unterwind gelangt durch das vielfach durchlöcherte Rohr Q in den geschlossenen Aschenfall und verbreitet sich daselbst, um sehr kräftig auf den Rost zu wirken.

Der Druck, welchen Bessemer anwendet, ist derselbe wie bei seinen Kupolöfen, nämlich 30–50 Pfd. pro Quadratzoll und derselbe veranlaßt eine intensive Verbrennung der Brennstoffe; die Wirkung wird dadurch erhalten, daß der Fuchs B mit einem feuerfesten Einlaßmund R versehen ist, der viel zu klein angeordnet wird, um eine rasche Ausgleichung der Temperatur herbeizuführen. Das Querschnittsverhältniß zwischen dieser Fuchsöffnung und der Rostfläche ist gewöhnlich wie 1 : 12; es hängt jedoch von der Pressung ab, mit welcher der Ofen betrieben werden soll.

In kürzester Frist wird der Einsatz flüssig und kann abgestochen werden; man mischt demselben die Zusätze entweder dann erst bei oder setzt sie gleich mit in den Ofen, wiewohl in letzterem Fall das ungleiche |223| Verhalten derselben und des Schmiedeeisens und Stahles unzuträglich für die Homogenität und die Güte des Productes wirken dürfte.

Wir hoffen, bald Details über Resultate bei dem Betrieb dieses Ofens mittheilen zu können.

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Polytechn. Journal, 1869, Bd. CXCIII S. 376.

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Polytechn. Journal, 1870, Bd. CXCV S. 331.

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