Titel: Richters, über die Veränderungen der Steinkohlen an der Luft.
Autor: Richters, E.
Fundstelle: 1870, Band 196, Nr. XCIV. (S. 317–335)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj196/ar196094

XCIV. Ueber die Veränderungen welche die Steinkohlen beim Lagern an der Luft erleiden; von Dr. E. Richters, an der Bergschule zu Waldenburg.

(Schluß von Bd. CXCV S. 458.)

III. Die sogenannte Verwitterung der Steinkohlen.

Steinkohlen, welche durch längere Lagerung an der Luft sich in gewisser chemischer und physikalischer Beziehung verändert und dabei an Heizkraft, Verkohkungs- und Vergasungswerth, Backfähigkeit u.s.w. eingebüßt haben, nennt man verwittert.

I. Die Verwitterung ist die Folge einer Aufnahme von Sauerstoffgas, welches einestheils einen Theil des Kohlenstoffes und Wasserstoffes der Steinkohlen zu Kohlensäure und Wasser oxydirt, anderntheils direct in die Zusammensetzung der Kohle eintritt.

Mit diesem Satze führe ich erstens die sämmtlichen, oben kurz charakterisirten |318| Folgen der Verwitterung auf die in der chemischen Zusammensetzung der Kohle eingetretenen substantiellen Veränderungen zurück, erkläre zweitens diese lediglich aus der Einwirkung des atmosphärischen Sauerstoffes, und nehme drittens an, daß sich der sogenannte Verwitterungsproceß in keiner Weise von dem gewöhnlichen Oxydationsproceß unterscheide, welchem die Kohlen unter den verschiedensten Verhältnissen unterliegen und den ich zum Gegenstand eingehender, im Früheren mitgetheilter Versuche gemacht habe.73) Zur Begründung des Gesagten verweise ich auf Folgendes:

1) Die Verwitterung wird nicht selten ganz oder theilweise auf eine sogen. Zersetzung der Kohlen zurückgeführt, wobei man wenigstens in der Regel an eine bloße moleculare Umlagerung der Elementarbestandtheile ohne gleichzeitige substantielle Aenderung der Zusammensetzung denkt. Nur in dem Falle würde diese Annahme eine thatsächliche Berechtigung haben, wenn es nicht möglich wäre die sämmtlichen neuen Eigenschaften der verwitterten Kohle aus der veränderten Zusammensetzung empyrisch zu erklären (man vergl. Abschnitt V dieser Abhandlung), und wenn bestimmte Thatsachen zeigten daß eine Kohle bei unverändert gebliebener Zusammensetzung während des Lagerns neue, von ihren früheren verschiedene Eigenschaften erhalten habe. Solche Beobachtungen liegen aber bis jetzt nicht vor.

2) Die Aenderungen welche während des Lagerns in der chemischen Zusammensetzung der Kohle eintreten, sind schlechterdings nur durch den Einfluß des atmosphärischen Sauerstoffes zu erklären. Der eigentliche unter dem Ausschluß des letzteren verlaufende Vermoderungsproceß, welcher, sich durch unermeßliche Zeiträume fortsetzend, die Substanz vorweltlicher Hölzer endlich in Steinkohle umwandelte, vollzieht sich so langsam, daß sich sein Einfluß innerhalb der wenigen Jahre in denen die Verwitterungserscheinungen auftreten, kaum zu erkennen geben kann und daher für die Beurtheilung der letzteren ganz außer Betracht fällt.

3) Wenn wir also den Sauerstoff zum mindesten als den wesentlichsten, wenn nicht einzigen Factor der Verwitterung anzusehen haben, gibt es dann irgend einen Grund anzunehmen, daß bei dieser der Oxydationsproceß anders verlaufe, einen anderen Gang annehme als bei den Versuchen die wir hauptsächlich zum Zwecke der Gewinnung allgemeinerer |319| Gesichtspunkte für die Beurtheilung der Verwitterungserscheinungen im Laboratorium ausführten? Ich glaube nicht; man müßte denn zeigen, daß die Resultate jener Versuche in keiner Weise für die Erklärung der Verwitterungserscheinungen ausreichend seyen. Nun können wir aber diese letzteren sämmtlich im Kleinen mit größerer oder geringerer Intensität künstlich hervorrufen, wenn wir den Oxydationsproceß unter Anwendung von Wärme mehr oder weniger beschleunigen;74) es treten dann dieselben Veränderungen auf, wie in den verschiedenen Stadien der Verwitterung. Mit der obigen Annahme würden wir also den sicheren Boden thatsächlicher Beobachtung verlassen und uns ohne zwingenden Grund auf das Gebiet der Hypothese begeben.

Eine Erklärung der Verwitterungserscheinungen kann sich daher nur auf die Kenntniß der mehrfach erwähnten Oxydationsprocesse und der sie bedingenden Momente gründen. Da ich diese im Anschluß an frühere Veröffentlichungen im ersten Theil der vorliegenden Arbeit ausführlich behandelt habe, so werde ich mich, auf jene Arbeiten verweisend, hier ziemlich kurz fassen können. An die Spitze der folgenden Abschnitte stelle ich der größeren Uebersichtlichkeit halber den jedesmaligen Fundamentalsatz, zu dessen Annahme ich mich nach meinen bisherigen Untersuchungen und Beobachtungen berechtigt halte.

II. Der Verwitterungsproceß beginnt mit einer Absorption von Sauerstoffgas. Erwärmen sich in Folge dieses oder eines anderen Vorganges die Kohlen während der Lagerung, so tritt nach Maaßgabe der Temperaturerhöhung eine mehr oder weniger energische chemische Reaction des Sauerstoffes auf die verbrennliche Substanz der Kohlen ein (die ich ihrem Verlauf und ihren Grenzen nach im ersten Theile der Arbeit charakterisirt habe), andernfalls verläuft der Oxydations- (Verwitterungs-) Proceß so langsam, daß sich in der Mehrzahl der Fälle die innerhalb Jahresfrist eintretenden Veränderungen technisch wie analytisch kaum mit Sicherheit feststellen lassen.

Ich mache somit den mehr oder weniger raschen Verlauf der Verwitterung, resp. die Verschlechterung der Kohlen ganz wesentlich von dem Umstande abhängig, ob während der Lagerung eine Erwärmung eintritt oder nicht. Zur Begründung diene Folgendes:

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1) Die bei gewöhnlicher Temperatur rasch und energisch erfolgende Sauerstoffabsorption und folglich auch die Oxydation der Steinkohlen nimmt mit der Zeit mehr und mehr ab, bis sie endlich auf ein Minimum zurückgegangen ist.75) Die in der ersten Periode aufgenommenen Sauerstoffmengen sind aber nicht so bedeutend, daß sie die Zusammensetzung der Kohle und folglich auch deren Eigenschaften erheblich verändern könnten.

2) Wir kennen, wenn wir hier von der als ziemlich irrelevant erscheinenden Einwirkung der Eisensalze76) absehen, kein anderes Mittel den Oxydationsproceß zu beschleunigen, beziehungsweise in seiner anfänglichen Stärke zu unterhalten, als die Wärme.

3) Befindet sich der obige Satz ebensowohl mit den im Großen gewonnenen Erfahrungen, wie mit den Resultaten der Laboratoriumsversuche in vollkommenster Uebereinstimmung.

Zunächst theile ich hier meine eigenen Versuche über die Verwitterung der Kohlen mit, denen ich dann kurz die Ergebnisse der Beobachtungen Reder's 77) und Grundmann's 78) anschließe. Da Reder mit mir seine Aufmerksamkeit den etwaigen während des Lagerns eingetretenen Gewichtsveränderungen zuwandte, so füge ich die bezüglichen Notizen gleichfalls bei, um in einem der folgenden Abschnitte kurz darauf verweisen zu können.

I. Am 20. Juni 1869 wurden auf dem Julius schachte bei Waidenburg 670,95 Ctr. frisch geförderte Kleinkohlen = 639,91 Ctr. trockene Kohlen (bei 100° C.) zu einer etwa 15 Fuß langen und breiten und 5–6 Fuß hohen Halde aufgeschüttet; dieselbe blieb bis zum 27. März d. J. im Freien liegen; eine bemerkbare Temperaturerhöhung trat weder bei diesem noch bei einem der folgenden Versuche ein. Nach 9 monatlicher Lagerung ergab sich das Gewicht der Kohlen zu 670,7 Ctr. = 636,9 Ctr. trocken. Gewichtsverlust mithin 0,47 Proc., der zum größten Theil auf Fehler beim Verwiegen zurückzuführen seyn dürfte. Wie die nachfolgende Tabelle (S. 321) zeigt, hatten weder die chemische Zusammensetzung noch die in technischer Beziehung wichtigsten Eigenschaften der Kohle während der Lagerung eine nennenswerthe Veränderung resp. Einbuße erlitten.

|321|

Tabelle.

Textabbildung Bd. 196, S. 321
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II. In die vorerwähnte Halde wurden zwei Doppelkörbe bis an den Rand eingesetzt, welche mit nußgroßen Stücken melirter Kohle von der Glückhülfgrube gefüllt waren.

Nettogewicht der Kohle in Korb I 121 Pfd. feucht = 117,54 Pfd. trocken
„ „ „ „ „ II 109 „ „ = 106,1 „ „

nach 9 monatlicher Lagerung am 27. März 1870:

Nettogewicht der Kohle in Korb I 124,5 feucht = 119,7 Pfd. trocken (= 2,16 Pfd. +)
„ „ „ „ „ II 111,5 „ = 106,3 „ „ (= 0,16 Pfd. +)

Da die obere Schicht ein außerordentlich verwittertes Aussehen besaß und mit einer dünnen, erdigen Kruste bedeckt war, so wurde sie von der übrigen Masse gesondert untersucht. Wie die Tabelle zeigt, hatten sich die Kohlen weder in technischer noch chemischer Beziehung nennenswerth verändert, trotzdem sie über 9 Monate lang ununterbrochen den Einflüssen der Atmosphärilien ausgesetzt waren.

III. Am 18. Juni 1869 wurden auf der Seegen Gottes Grube bei Altwasser 299,80 Ctr. frisch geförderte Steinkohlen = 271,70 Ctr. trocken, zu einer circa 30 Fuß langen, 6 Fuß breiten und 2,5 Fuß hohen Halde aufgefahren. Am 10. April 1870, also nach fast 10 monatlicher Lagerung im Freien wurde das Gewicht der Kohle wieder bestimmt; dasselbe betrug 305,51 Ctr. = 271,50 trocken; Gewichtsabnahme mithin 0,07 Proc. Hinsichtlich des Uebrigen sehe man die Tabelle.79) Wie aus dieser hervorgeht, ist mit einzelnen Ausnahmen während der Lagerung eine sehr geringe Abnahme sowohl der Wasserstoffmenge überhaupt, wie auch des sogen, disponiblen Wasserstoffes, ferner der Backfähigkeit und des Heizeffectes eingetreten; dagegen zeigt die Kohksmenge eine kleine Zunahme, die Gewichtsmenge der flüchtigen Bestandtheile hat sich also entsprechend vermindert. Für die Praxis aber fallen alle diese Erscheinungen, weil quantitativ zu gering, so wenig in's Gewicht, daß die betreffenden Kohlen als völlig unverändert geblieben gelten können. Diesen Versuchen schließen sich die nachfolgenden Beobachtungen Reder's an:

161 Ctr. Schaumburger Schmiedekohlen erlitten während fast einjähriger Lagerung weder am Gewichte noch am Heizwerthe Einbuße. Aehnlich verhielten sich Probekohlen von der Zeche Courl (Westphalen), welche während derselben Zeit nichts an Gewicht und nur ein so Unbedeutendes an Heizwerth verloren, daß die bemerkte Differenz innerhalb der Grenzen der Beobachtungsfehler fällt.

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In den bisher mitgetheilten Fällen war eine Erwärmung der im Freien der Einwirkung der Atmosphärilien ausgesetzten Kohlen nicht eingetreten. Reder spricht sich zwar über diesen Punkt nicht direct aus, doch läßt sich der Schluß aus den kleinen Quantitäten ziehen, die er zu den betreffenden Versuchen anwandte. Ganz anders stellt sich die Sache bei den nachfolgenden, theils von Grundmann, theils von Reder ausgeführten Versuchen, bei denen sich die Kohlen während des Lagerns erwärmten.

Reder brachte, um jederzeit genaue Gewichtsermittelungen mit Leichtigkeit anstellen zu können, die für die Versuche ausgewählten Kohlen zu etwa 30–40 Pfd. in irdene Töpfe, welche bis an den Rand in eine größere, im Freien gelagerte Halde Ibbenbürener Kohlen eingesetzt wurden. Von letzteren wird a. a. O. bemerkt, daß sie sich beim Lagern stark, unter Umständen bis zur Selbstentzündung zu erhitzen pflegen; auch wurde festgestellt, daß durch die Topfwand die Wärme nicht abgehalten wurde, die in den Töpfen befindlichen Kohlen mithin dieselbe Temperatur besaßen wie die in der Halde; das Ergebniß war folgendes:

1) Oberschlesische Kohlen vom Sattelflötz nahmen bei 9 monatlichem Lagern um 1,57 Proc., während 12 monatlichen Lagerns um 0,35 Proc. an Gewicht zu. Die Backfähigkeit ging während dieser Zeit vollständig verloren, die Kohksmenge nahm um 3,7 Proc. ab.

2) Kohlen von Borglohe. Das Trockengewicht vermehrte sich bei 9 monatlicher Lagerung um 0,47, bei 12 monatlicher um 1,33 Proc. Die Kohksmenge stieg um ein sehr Geringes (0,9 Proc.). Die Backfähigkeit veränderte sich nicht bemerkbar.

3) Englische Kohlen (Brancepeth); das Trockengewicht hatte sich während der ersten 9 Monate nicht verändert, nach 12 Monaten dagegen um 3,38 Proc. zugenommen. Die Kohksmenge verminderte sich während dieser Zeit um 3,65 Proc. Die Backfähigkeit nahm nicht bemerkbar ab.

Die chemische Zusammensetzung und der Heizeffect sind zwar von Reder nicht festgestellt worden, doch läßt sich aus der beobachteten Gewichtszunahme, resp. der Abnahme der Verkohkbarkeit schließen, daß auch erstere nicht unverändert geblieben sind.

Von besonderem Interesse sind die Untersuchungen Grundmann's, weil sie einen Einblick in die fortschreitenden Veränderungen gewähren, welche die Zusammensetzung der verbrennlichen Substanz der Kohlen erleidet, wenn sich diese in den Halden erhitzen; es tritt dann ebenso wie bei den betreffenden Laboratoriumsversuchen eine verhältnißmäßig bedeutende Zunahme des Sauerstoffgehaltes bei gleichzeitiger Abnahme von |324| Kohlenstoff und Wasserstoff ein. Wenn wir hier aus Gründen die sich aus Späterem ergeben werden, zunächst nur die Veränderungen in der Zusammensetzung der aschenfreien Substanz berücksichtigen, so gibt uns die kurze nachfolgende Zusammenstellung ein Bild derselben.

Kleinkohle von Gottes Seegen Grube.
frisch gefördert – 1 Jahr gelagert
Kleinkohle von Wolfgang-Grube.
frisch gefördert – 1 Jahr gelagert
86,374 C 80,455 C 84,832 C 80,383 C
6,001 H 5,137 H 5,462 H 5,382 H
7,625 O + N 14,408 O + N 9,706 O + N 14,235 O + N
Calorien pro Pfd. 7948 7061 7638 6880
Verlust an Heizwerth 11,2 Proc. 9,9 Proc.
Kleinkohle Königin Louise-Grube
frisch gefördert – 3/4 Jahr alt
87,132 C 82,805 C
5,771 H 5,012 H
7,097 O + N 12,183 O + N
Calorien pro Pfd. 7966 7286
Verlust an Heizwerth 8,5 Proc.

Es unterliegt keinem Zweifel daß, mit den Resultaten meiner Versuche verglichen, hier die fortgeschrittenere Oxydation resp. Verwitterung lediglich die Folge der Temperaturerhöhung ist. In der That sind auch die während des Lagerns eingetretenen Veränderungen ganz ähnlich denjenigen80) welche stattfinden wenn bei den im kleinen Maaßstab angestellten Versuchen die Kohlen schwach erhitzt werden, woraus wir wohl schließen dürfen, daß hier wie dort der Oxydationsproceß einen gleichen Verlauf genommen habe.

Im zweiten Theile der Arbeit habe ich mich mit den Ursachen beschäftigt, von denen die bei der Lagerung eintretende, nicht selten bis zur Selbstentzündung steigende Temperaturerhöhung bedingt wird. Der Rolle zufolge welche ich der letzteren hier zugewiesen habe, dürfte es kaum zweifelhaft seyn, daß im Allgemeinen die zur Selbstentzündung neigenden Kohlen auch diejenigen sind, welche der Verwitterung am wenigsten zu widerstehen vermögen; ich darf wohl kaum hinzufügen, daß diese Annahme eben nur im Allgemeinen, nicht aber für den speciellen Fall gültig ist, da ja das rasche Fortschreiten der Verwitterung nicht mit der bloßen Neigung der Kohlen sich zu erwärmen, sondern mit dem factischen Eintreten der Erwärmung coincidirt. Lagern daher zwei Kohlen, von denen sich die eine leicht, die andere aber nur schwierig erwärmt, unter Verhältnissen welche die Möglichkeit einer Temperaturerhöhung |325| überhaupt ausschließen, so werden beide wahrscheinlich in gleichem Maaße der Verwitterung Widerstand leisten, während entgegengesetzten Falles die erste viel rascher verwittern wird, als die zweite.

Es ist eine bekannte Sache, daß Stückkohlen der Verwitterung weniger unterworfen sind als Kleinkohlen; gewöhnlich will man die Ursache unmittelbar in der größeren Oberfläche welche letztere den Atmosphärilien darbieten und in dem hierdurch bedingten energischere Oxydationsproceß finden. So betrachtet ist dieß entschieden unrichtig. Die frisch geförderte Kleinkohle absorbirt das Sauerstoffgas nicht in größerer Menge als die Stückkohle, wohl aber bei ihrer größeren Zertheilung mit anfänglich viel bedeutenderer Lebhaftigkeit. Jene wird sich daher auch bei der Lagerung im Allgemeinen stärker erwärmen und folglich auch rascher verwittern, als diese. Tritt aber in Folge günstiger natürlicher Verhältnisse 81) oder der Anwendung zweckmäßiger Mittel keine Erwärmung ein, so wird die Kleinkohle kaum minder gut und lang der Verwitterung widerstehen als die Stückkohle. Es ergibt sich einerseits dieser Schluß a priori aus dem bekannten Verhalten der Kohle zum Sauerstoff, andererseits erhält derselbe durch die mitgetheilten Daten seine factische Bestätigung. In unverkennbarster Beziehung zu dem Gesagten steht auch die Beobachtung, daß Kohlen welche entweder schon längere Zeit der Luft ausgesetzt gewesen sind ohne warm geworden zu seyn, wie solche welche die ersten Phasen der Verwitterung durchlaufen und sich dann entweder von selbst abgekühlt oder durch Umlagerung ihre Wärme verloren haben, fortan nur noch wenigen Veränderungen unterworfen sind. Diese und manche andere eigenthümliche Erscheinung, deren specielle Berücksichtigung mich hier zu weit führen würde, erklärt sich auf das Befriedigendste aus dem Verhalten der Kohle zum Sauerstoff, resp. den in Früherem bereits beschriebenen Absorptionsverhältnissen und deren Einfluß auf das Eintreten der Erwärmung beziehungsweise der Verwitterung.

Noch einen Umstand möchte ich hier hervorheben: schon von anderen Seiten ist früher auf den Einfluß einer Temperaturerhöhung auf den raschen Verlauf des Oxydations-82) resp. Verwitterungsprocesses83) aufmerksam gemacht worden. In diesem Falle dachte man sich aber, wie |326| ich glaube, die eintretende Verschlechterung der Kohlen, z.B. die Abnahme des Brennwerthes, wesentlich bedingt durch den mit einer Gewichtsabnahme Hand in Hand gehenden absoluten Verlust an Kohlenstoff (und Wasserstoff), während nach meiner Auffassung, die sich auf das bekannte Verhalten der Kohlen beim Erhitzen stützt, jene Substanzverluste von verhältnißmäßig geringerer Bedeutung erscheinen.

III. Die Feuchtigkeit als solche hat direct keinen begünstigenden Einfluß auf die Verwitterung. Gegentheilige Beobachtungen werden sich immer auf den Umstand zurückführen lassen, daß manche, besonders an leicht zersetzbarem Schwefelkies reiche, oder in Berührung mit Wasser bald zerfallende Kohlen sich unter gleichen Verhältnissen im feuchten Zustande ausnahmsweise rascher erhitzen als im trockenen.

Ich stütze diesen Satz auf folgende Thatsachen und Beobachtungen:

1) Bei den im kleinen Maaßstabe ausgeführten Versuchen ließ sich ein nachhaltiger 84) günstiger Einfluß der Feuchtigkeit auf die bei gewöhnlicher Temperatur verlaufende Oxydation (Verwitterung) nicht nachweisen.

2) Bei höherer Temperatur oxydirt sich die lufttrockene Kohle mindestens ebenso rasch wie die feuchte.85)

3) Die während eines Jahres oder 9 Monaten in der Halde gelagerten, den atmosphärischen Niederschlägen ununterbrochen ausgesetzt gewesenen, aber nicht warm gewordenen Kohlen hatten sich nachweisbar nicht mehr verändert als die an einem lufttrockenen Orte aufbewahrten. (Ich ließ Proben derselben Kohlen – nur die vom Juliusschachte sind verschieden – welche im Freien der Verwitterung ausgesetzt waren, im Zimmer auf einem Bogen Papier ausgebreitet liegen; betreffs der Resultate sehe man die Tabelle.)

4) Daß auch die lufttrockenen Kohlen bei gewöhnlicher Temperatur ganz ähnlichen Veränderungen unterworfen sind, Wie beim Erhitzen, daß also die Gegenwart von überschüssigem Wasser keine nothwendige Bedingung für die Oxydation ist, beweisen überdieß die Beobachtungen Fleck's über die Veränderungen sächsischer Steinkohlen während 9 jähriger Aufbewahrung in einem lufttrockenen Raume.86)

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Ich mache mit obigem Satz den Einfluß der Feuchtigkeit auf die Verwitterung ausschließlich von dem Umstande abhängig, ob dieselbe zur Erwärmung der Kohlen beiträgt oder nicht; nicht die feuchten Kohlen als solche verwittern rascher als die trockenen, sondern nur die unter dem Einflusse der Feuchtigkeit warm gewordenen. Der letztere ist daher ein lediglich secundärer, von bestimmten Bedingungen abhängiger.

Thompson 87) in seinem Berichte über die Verwitterung der New-Castler Kohlen unterscheidet eine Trockenfäule und Naßfäule, und scheint damit anzudeuten, daß in beiden Fällen der Verwitterungsproceß einen verschiedenen Verlauf nehme. Dieß ist aber keineswegs der Fall; mindestens ließ sich ein solcher weder bei meinen Versuchen erkennen, noch aus den Beobachtungen Anderer constatiren. Dagegen scheint in der That aus dem Auszuge der Abhandlung Thompson's hervorzugehen, daß die New-Castler Kohlen zu denjenigen gehören, welche sich unter dem Einflusse der Feuchtigkeit rascher erwärmen als ohne dieselbe,88) denn es heißt an der citirten Stelle: „Als Naßfäule bezeichnet Th. denjenigen Vorgang, wenn in großen Haufen oder Massen gelagerte Kohle feucht wird und sich in Folge davon erhitzt u.s.w. und ferner „Ist die Kohle feucht, so steigt dieser Verlust (an Heizkraft) unter sonst gleichen Umständen weit höher, außerdem ist derselbe auch viel beträchtlicher, wenn die lagernde Kohle sehr große voluminöse Haufen bildet.“ Dieß ist unzweifelhaft richtig, aber gewiß nur deßhalb, weil in großen voluminösen Halden sich die Wärme viel mehr anhäuft wie in kleinen. „In diesem Falle,“ fährt Th. fort, „scheint sich die Kohle nach und nach in bloßen Lignit zu verwandeln, indem sie fast die Hälfte ihrer Heizkraft einbüßt.“ Es ist bekannt, daß genau diese Erscheinungen der sogen. Naßfäule eintreten, wenn die Kohlen trocken einige Tage lang bis auf 150–200° C. erhitzt werden; dieselben erhalten dann in der That die Zusammensetzung des Lignits (mit überschüssigem Kohlenstoff) und verlieren dabei ohne am Gewichte einzubüßen 25–30 Proc. an Brennwerth, die sich wegen der gleichzeitig eintretenden Schwerentzündlichkeit für viele Fälle der Praxis Wohl auf 50 Proc., wie Th. angibt, steigern wögen.

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Daß nicht alle Kohlen sich unter dem Einflusse der Feuchtigkeit mit gleicher Intensität erwärmen, habe ich bereits im zweiten Theile der Arbeit über die Selbstentzündung erwähnt; nach den betreffenden Ausführungen ergibt sich vielmehr, daß die Feuchtigkeit im Allgemeinen die Wärmeentwickelung eher hemmen als befördern wird, da diese in der Regel von Vorgängen abhängt, welche durch die Feuchtigkeit nur verzögert werden können. Ohne genaue Kenntniß der Eigenthümlichkeit der Kohle (Cohäsionsverhältnisse, Flächenanziehung resp. Absorptionsvermögen, Schwefelkiesgehalt) wird sich daher auch der Einfluß der Feuchtigkeit im Voraus nicht bestimmen lassen; wohl aber berechtigen alle die Oxydation resp. Verwitterung beeinflussenden Momente zu dem Schluß, daß im Allgemeinen die Mehrzahl der Kohlen unter sonst gleichen Umständen im lufttrockenen Zustande rascher verwittern wird, als bei Anwesenheit des Wassers.

IV. So lange die Temperaturerhöhung gewisse Grenzen (170–190°) nicht übersteigt, treten bei der Verwitterung bemerkenswerthe Gewichtsverluste nicht ein; das bekannte Verhalten der Kohle zum Sauerstoff läßt vielmehr geringe Gewichtszunahmen, wie sie von Reder mit Sicherheit constatirt worden sind, annehmbar erscheinen.

Die Begründung und Klarstellung dieser Thatsache ist von weittragendster praktischer Bedeutung, wie die von den verschiedensten Seiten unternommenen Untersuchungen zeigen, welche sich gerade mit diesem Theile der Verwitterungsfrage beschäftigen. Im Jahre 1863 veröffentlichte Grundmann seine erste Abhandlung über die Verwitterung oberschlesischer Steinkohlen. Die der Arbeit zu Grunde liegenden Versuche wurden im Jahre 1861–62 mit Steinkohlen des Sattelflötzes der Königsgrube in Königshütte ausgeführt. Dieselben ergaben, daß die in Folge einer längeren Lagerung im Freien eingetretene Verwitterung keinen Einfluß auf das specifische Gewicht der Kohlen und deren Gehalt an Wasser gehabt hatte. Hingegen steigerte sich der Aschengehalt, welcher bei Beginn der Versuche 4,5 Proc. betrug nach zweimonatlicher Lagerung auf 6,2 Proc., nach fünfmonatlicher Lagerung auf 10,4 Proc., und nach neunmonatlicher Lagerung auf 10,8 Proc. Da nun die absolute Menge der Aschenbestandtheile unverändert dieselbe bleibt, so schloß Grundmann aus deren relativer Zunahme auf eine entsprechende Abnahme der verbrennlichen Substanz der Kohle; dieselbe würde bei einem Steigen des Aschengehaltes von 4,5 auf 10,8 Proc. 58,21 Proc. betragen, so daß von ursprünglich vorhandenen 100 Ctr. Kohlen nach |329| Ablauf von 9 Monaten nur 41,8 Ctr. übrig geblieben wären.

Begreiflicherweise mußten diese Berechnungen unter den Kohlenconsumenten sowohl wie Producenten die größte Aufmerksamkeit erregen. Die Verwaltung der vormaligen hannoverschen Staatsbahn veranlaßte in gerechter Würdigung der praktischen Bedeutung des Gegenstandes die Ausführung controlirender Versuche, welche zum größten Theil vom Eisenbahnbetriebsdirector Reder, damals zu Osnabrück, jetzt in Berlin, ausgeführt wurden. Betreffs der Gewichtsveränderungen hatten die bereits mitgetheilten Versuche folgendes Resultat: in drei Fällen (und zwar, wie sich aus den Angaben Reder's folgern läßt) in welchen die Kohlen sich nicht erwärmt hatten, war das Gewicht constant geblieben; in drei anderen Fällen, in welchen die betreffenden Notizen auf eine eingetretene Erwärmung schließen lassen, hatte sich das Gewicht statt abzunehmen vermehrt, wie es die auf das Verhalten der Kohle zum Sauerstoff gegründete Verwitterungstheorie verlangt. Reder, dem letztere selbstverständlich damals nicht bekannt seyn konnte, und der sich daher die Erscheinung nicht zu erklären vermochte, theilt diese zwar mit, glaubte sie aber trotz ihres, unter den genannten Bedingungen constanten Auftretens auf einen Beobachtungsfehler zurückführen zu müssen.

Grundmann wiederholte später seine Untersuchungen nach dem früheren Verfahren, d.h. er bestimmte aus der Zunahme des Aschengehaltes die Gewichtsabnahme der Kohlen, und kam dabei zu einem ähnlichen Resultat wie 1862–63. Eine besondere Stütze fanden die Berechnungen Grundmann's in den Versuchen Varrentrapp's, welche vermuthen ließen, daß wenn man 3 Monate lang bei einer Temperatur von 140° C. über Steinkohlen atmosphärische Luft leite, sämmtlicher Kohlenstoff der angewandten Kohlen sich als Kohlensäure verflüchtigt haben könne.

Die Wahrscheinlichkeit der von Grundmann angegebenen großen Gewichtsverluste läßt sich von einem doppelten Gesichtspunkte betrachten und beurtheilen; einerseits legt sich uns die Frage vor, ob bei dem bekannten Verhalten der Kohle zum Sauerstoff solche Gewichtsverluste überhaupt möglich erscheinen, und andererseits, ob dieselben in den praktischen Erfahrungen der Kohlenconsumenten und Producenten ihre Bestätigung finden. Bei aller freudigen Anerkennung der vielfachen Verdienste Grundmann's um die Kenntniß der Verwitterungserscheinungen glaube ich diese Fragen dennoch bestimmt verneinen zu sollen. Beim Erhitzen der Kohle wird Kohlensäure und Wasser gebildet, und Sauerstoff aufgenommen; das Gewicht nimmt hierbei nicht ab, sondern zu. – |330| Diese Thatsache erklärt die Beobachtungen Varrentrapp's, sie läßt die von Grundmann constatirten Veränderungen der Kohle durch die Verwitterung verständlich und mit den Resultaten der im Kleinen erhaltenen Versuche vollkommen übereinstimmend erscheinen und bestätigt endlich die Beobachtungen Reder's, daß die Kohle trotz der Abnahme des Heiz- und Verkohkungswerthes nicht leichter, sondern schwerer wird, vollkommen. – Daß auch bei fortgesetztem Erhitzen das Gewicht der Kohle sich nicht vermindert, vielmehr nach beendeter Sauerstoffaufnahme so gut wie constant bleibt, habe ich bereits im ersten Theile der Arbeit89) weiter ausgeführt. Dieß sind die theoretischen Gründe, welche gegen eine Gewichtsabnahme sprechen; ich werde jetzt die übrigen kurz andeuten:

Zunächst stimmt die Annahme eines irgendwie beachtenswerthen Gewichtsverlustes mit den Erfahrungen der Praxis durchaus nicht überein. Verlieren die Steinkohlen bei 9 monatlicher Lagerung 40–60 Proc. an Gewicht, dann müßten, wie Reder ganz richtig bemerkt, „die bisherigen Kohlenbezugsverhältnisse und somit auch der Betrieb der Kohlenzechen einer wesentlichen Aenderung unterliegen,“ von deren Nothwendigkeit man sich aber noch an keinem Orte überzeugt hat. – Es ist ferner eine Thatsache, die auch von Grundmann anerkannt wird, daß das Volumen einer verwitternden und warm gewordenen Kohlenhalde innerhalb Jahresfrist nicht wesentlich abnimmt; auch das specifische Gewicht bleibt ziemlich unverändert. Wollte man nun annehmen, eine solche Halde habe die Hälfte ihrer Substanz verloren, so müßte die zurückgebliebene Kohle als Ausfüllungsmasse eines einheitlichen Maaßraumes, in welchen das Wasser nicht eindringen kann, auch um die Hälfte leichter geworden seyn. Ein Eisenbahnwagen z.B., welcher von der lufttrockenen frischen Kohle 200 Ctr. faßt, würde von der verwitterten nur etwa 100 Ctr. aufnehmen können; dieß widerspricht aber allen Erfahrungen. Während des hiesigen Strike's gelangten auf verschiedenen Gruben in Folge des Kohlenmangels verwitterte Halden, die sich notorisch stark erwärmt hatten, zur Abfuhr, aber das Volumengewicht hatte sich nirgends bemerkbar verändert. Auch das häufig geltend gemachte erdige Aussehen der verwitterten Kohlen beruht nicht auf einem Substanzverluste. Jedes einzelne Kohlenstück sowohl wie die ganze Halde verhält sich wie ein poröser, mit einer verdünnten Salzlösung getränkter Körper; in dem Maaße wie das Wasser verdunstet, wandert das Salz zur Oberfläche und überzieht diese endlich gänzlich. Nach meinen Beobachtungen bestanden bei den hiesigen Kohlen jene erdigen |331| Ueberzüge hauptsächlich aus schwefelsaurem Kalk, der sich durch die Einwirkung der bei der Oxydation der Schwefelkiese entstandenen freien Schwefelsäure auf den in fast allen Kohlen in kleiner Quantität enthaltenen kohlensauren Kalk bildete. Enthielt ferner die Kohle leicht aufquellenden Schieferthon, so suspendirt sich dieser zum Theil im Wasser und setzt sich später auf der Oberfläche der Kohle ab.

Die abweichenden Resultate Reder's und Grundmann's beruhen sicherlich nur auf der Verschiedenartigkeit der angewandten Methoden. Nichts ist leichter, als in einer gegebenen Kohlenprobe den Aschengehalt genau zu bestimmen, aber nichts ist andererseits schwieriger und mit größerer Unsicherheit verknüpft, als von einem mehrere 100 oder 1000 Tonnen betragenden Kohlenquantum Proben zu entnehmen, welche den durchschnittlichen Aschengehalt der ganzen Masse besitzen. Die aus dieser Unsicherheit hervorgehenden Fehler fallen natürlich um so mehr in's Gewicht, je kleiner der Aschengehalt überhaupt ist. Betrüge derselbe z.B. durchschnittlich 4 Proc. und würden bei der ersten Bestimmung 3 Proc., bei der zweiten, nach einigen Monaten vorgenommenen 5 Proc. gefunden, ohne daß sich der Aschengehalt wirklich verändert hätte – und solche Differenzen sind factisch bei großen Kohlenhalden sehr leicht möglich – so würde sich hieraus eine Gewichtsabnahme von 40 Proc. berechnen. Ich darf hier übrigens nicht unerwähnt lassen, daß Grundmann sich der vielen Unsicherheiten und Fehlerquellen seiner Methode der Gewichtsbestimmung wohl bewußt war. Da er aber von der Ansicht ausging, das; der Verwitterungsproceß bei größeren Kohlenmassen anders verlaufe als bei kleinen Quantitäten, eine öftere Verwiegung jener aber zu den praktisch geradezu unausführbaren Aufgaben gehört, so blieb er nicht ohne Grund bei seinem Verfahren stehen; wir wissen jetzt freilich, daß wir dieselben Verwitterungserscheinungen an jeder beliebigen kleinen Kohlenquantität hervorrufen können, wenn wir sie derselben Temperatur aussetzen die sich in den Halden entwickelt. Hierdurch besitzen wir ein Mittel die Verwitterungsvorgänge ohne Schwierigkeit genau zu studiren, welches Grundmann damals entbehrte. Angesichts aller dieser Thatsachen erscheint daher seine (wie ich glaube) Täuschung bezüglich der behaupteten bedeutenden Gewichtsabnahme sehr leicht begreiflich und erklärlich.

V. Für die Erklärung der Abnahme des Brennwerthes, des Verkohkungswerthes (bezüglich der Quantität), der Backfähigkeit und des Vergasungswerthes, welche die Kohlen durch die Verwitterung erleiden, bedarf es nicht der von mehreren Seiten unterstellten Annahme einer |332| neuen Gruppirung der Atome.“ Vielmehr erklären sich die angedeuteten Verschlechterungen hinreichend aus der absoluten und relativen Abnahme des Kohlenstoffes und Wasserstoffes, und der absoluten Zunahme des Sauerstoffes die in Folge der Verwitterung eintritt.

Die Abnahme des Brennwerthes aus den angedeuteten Ursachen bedarf keiner weiteren Begründung.

Hin und wieder begegnet man in den technischen Zeitschriften Notizen welche besagen, daß in verhältnißmäßig kurzer Zeit eine Kohle ganz beträchtliche Verluste ihres Heizwerthes erlitten habe. Man vergleiche z.B. die deutsche Industriezeitung von 1869 Nr. 39, wo es heißt: „Neuerdings wird auch in den Vereinigten Staaten (im Journal of the Franklin Institute) auf diese „merkwürdige, noch nicht genügend erklärte Thatsache“ aufmerksam gemacht. Es wurde nämlich beobachtet daß Kohle, welche 5–6 Monate lang in offenen Haufen gelagert hatten, beim Verdampfen von Wasser eine um 13–15 Proc. verminderte Leistung gab“ etc.

Eine solche Verminderung des Brennwerthes hat nichts Auffallendes; sie kann in der angegebenen Zeit sehr wohl eintreten, wenn die Kohlen sich bei der Lagerung bis auf 70–80° erwärmen; es genügt aber unter Umständen auch eine viel kürzere Zeit, denn sie kann selbst in wenigen Tagen jene Höhe erreichen, wenn die Temperatur bis auf circa 180 bis 190° steigt und die Luft genügenden Zutritt hat. So verloren z.B. die Kohlen d, e und f,90) nachdem sie etwa 20 Stunden lang bis auf 190° erhitzt worden waren, 23–25 Proc. von ihrem Brennwerthe, ohne auch nur im Geringsten an Gewicht einzubüßen.

Hier, wie bei den übrigen Verwitterungserscheinungen kommt es ganz wesentlich auf die Temperatur an, die sich in den Kohlenhalden entwickelt; übersteigt dieselbe nicht das gewöhnliche Mittel, so wird der Brennwerth in Jahresfrist kaum um einige Procente abnehmen, hält sich dieselbe dagegen nur wenige Wochen lang auf circa. 70–80°, so kann der Verlust in dieser Zeit die gleiche Höhe erreichen;91) in wenigen Tagen, selbst Stunden kann derselbe eintreten, wenn sich die Temperatur bis wenig über 100°, resp. über 150° erhöht.

Die Backfähigkeit einer Kohle hängt, wenn auch nicht allein und ausschließlich, so doch hauptsächlich von ihrem Gehalt an disponiblem Wasserstoff ab, wie Fleck a. a. O. ausführlich entwickelt hat. Dieser Satz kann zwar nicht den Werth eines Gesetzes, wohl aber den einer |333| nicht zu ausnahmsvollen Regel in Anspruch nehmen. Im Allgemeinen wenigstens darf man behaupten, und läßt sich durch das Experiment zeigen, daß die Backfähigkeit einer Kohle fortwährend abnimmt, wenn man ihre Wasserstoffmenge vermindert und gleichzeitig ihren Sauerstoffgehalt erhöht. Man hat zu diesem Zwecke nur nöthig, eine kleine Quantität Steinkohle bis auf circa 105° zu erhitzen und die Backfähigkeit nach dem jüngst von mir angegebenen Verfahren von Zeit zu Zeit zu bestimmen;92) man wird finden, daß dieselbe immer geringer wird und endlich ganz verschwindet. Untersucht man nun gleichzeitig die Kohle, so zeigt sich, daß mit dieser Abnahme ein Zurücktreten des disponiblen Wasserstoffes Hand in Hand geht. Da nun die bekannten, beim Erhitzen vor sich gehenden Processe weder in ihrem Verlauf noch in ihren Resultaten sich wesentlich von der Verwitterung unterscheiden, so ist klar, daß auch bei dieser letzteren die Backfähigkeit fortwährend, wenn auch bei gewöhnlicher Temperatur sehr allmählich abnehmen muß.

Es ist möglich, daß bei zwei Kohlen, welche unter ganz gleichen Verhältnissen der Verwitterung ausgesetzt sind, die Backfähigkeit in sehr ungleichem Maaße abnimmt oder doch abzunehmen scheint (man vergl. Reder über das Verhalten der schwachbackenden oberschlesischen Kohle gegenüber der englischen und Borgloher). Die Abnahme wird sich, wie leicht einzusehen, bei derjenigen Kohle am ehesten und deutlichsten bemerkbar machen, welche überhaupt nur schwachbackende Eigenschaften besitzt, während sie entgegengesetzten Falles weniger in die Augen springt. Wäre z.B. die Backfähigkeit zweier Kohlen = 1 resp. 2,8 und nähme dieselbe nach der bekannten Scala gleichmäßig um 3 Grade ab, so hätte nach Früherem hierdurch die erste Kohle ihre backende Eigenschaft vollständig verloren, während die zweite noch immer zu den vorzüglichsten Backkohlen zählte, an der man die Abnahme der Verkohkbarkeit kaum bemerken würde.

Die Kohksmenge wird durch die Verwitterung nicht selten geringer, zuweilen nimmt dieselbe aber auch zu. Ob das Eine oder das Andere eintritt, scheint wesentlich davon abzuhängen, ob die Wasserstoffverminderung die Sauerstoffzunahme überwiegt oder umgekehrt. Man hat die Kohksmenge bald von dem Gehalt an Wasserstoff, bald von dem an Sauerstoff abhängig machen wollen; Thatsache ist, daß beide von Einfluß sind, daß aber das Aequivalent des Wasserstoffes für die Menge der flüchtigen Bestandtheile welche sich bei der Verkohkung bilden, d.h. also für die Menge der Kohks im umgekehrten Sinne, ein viel größeres ist als das des Sauerstoffes.

|334|

Um dieß experimentell zu beweisen, kann man ähnlich wie vorhin angegeben verfahren, indem man, sey es durch gelindes Erhitzen, sey es durch Behandlung mit Oxydationsmitteln (z.B. sehr verdünnter Salpetersäure) der Steinkohle Wasserstoff entzieht und Sauerstoff zuführt, und dann die Menge der Kohks der so veränderten Kohle mit derjenigen der unveränderten vergleicht. So z.B. gab eine Kohle, welcher durch Behandlung mit verdünnter Salpetersäure 0,44 Proc. Wasserstoff entzogen, dagegen 3,50 Proc. Sauerstoff zugeführt worden waren, 2 Proc. Kohks mehr als vorher, während bei einer zweiten, welcher auf dieselbe Weise 0,43 Proc. Wasserstoff entzogen und 3,37 Proc. Sauerstoff zugeführt worden waren, die Kohksmenge sich nicht verändert hatte.93) Hier hatte also die Zufuhr der circa 8 fachen Sauerstoffmenge vom Verlust an Wasserstoff diesen bezüglich seines Einflusses auf das Gewicht der Kohks compensirt.

Die Kohlen e und f 94) verloren durch 20stündiges Erhitzen bis auf 190° C. 1,82 Proc. resp. 2,11 Proc. Wasserstoff; die procentische Sauerstoffmenge stieg dagegen um 9,87 resp. 10,75 Proc., also um das 5–5 1/2 fache, dabei hatte sich die Kohksmenge um 3,8 resp. 1,1 Proc. vermehrt; hier hatte also die 5 mal größere Sauerstoffmenge den Verlust an Wasserstoff nicht gedeckt.

Hiernach versteht man leicht, daß die Kohksmenge durch die Verwitterung sowohl zu- wie abnehmen kann. Vermehrt sich die Sauerstoffmenge, ohne daß eine dem obigen Verhältniß adäquate Verminderung des Wasserstoffes eintritt (und dieß scheint nach meinen bisherigen Versuchen hauptsächlich dann der Fall zu seyn, wenn die Oxydation bei einer 100° wenig übersteigenden Temperatur erfolgt), so wird die verwitterte Kohle eine geringere Menge Kohks geben, als die frisch geförderte; entgegengesetzten Falles, wenn die Wasserstoffabnahme die Zunahme an Sauerstoff verhältnißmäßig überwiegt, was besonders bei hohen, weit über 100° steigenden Temperaturen der Fall zu seyn scheint, wird die Menge der Kohks zunehmen.

Betreffs der Thatsache, daß verwitterte Kohlen sich für die Gasfabrication weniger eignen als frisch geförderte, möchte ich Folgendes bemerken: Wie bekannt, macht Fleck die größere oder geringere Tauglichkeit einer Kohle für den angeführten Zweck wesentlich von der Menge gebundenen Wasserstoffes abhängig und bezeichnet als „Gaskohle“ im engeren Sinne diejenige, welche auf 1000 Gewichtstheile Kohlenstoff |335| mindestens 20 Gewichtstheile gebundenen Wasserstoff enthält. Da nun im Allgemeinen bei der Verwitterung der Steinkohle eine Vermehrung des (an Sauerstoff) gebundenen Wasserstoffes auf Kosten des disponiblen eintritt, so müßte man nach Fleck's Annahme die verwitterte Kohle zur Gasfabrication tauglicher halten als die frisch geförderte.

Die theoretischen Betrachtungen welche Fleck zu der obigen Annahme führten, haben eine nicht zu bestreitende Berechtigung, sie stützen sich auf die Voraussetzung daß die Vergasungstemperatur hoch genug liege um die Bildung der einfachsten Gasverbindungen zu ermöglichen. Es fragt sich nun, ob diese Bedingung bei der Mehrzahl der Gasfabriken wenigstens in dem Grade zutrifft, um die von Fleck hervorgehobenen Gesichtspunkte für die Praxis maaßgebend erscheinen zu lassen. Nach den im hiesigen Revier gesammelten Erfahrungen kann ich diese Frage nicht unbedingt bejahen. Es ist eine feststehende Thatsache, daß in dem Absatzgebiete des Waldenburger Kohlenbeckens die Kohlen mit dem größten Gehalt an disponiblem Wasserstoff als Gaskohlen am meisten gesucht und geschätzt sind. Ob diese Thatsache ihre Begründung in den speciellen technischen Verhältnissen der betreffenden Gasanstalten findet, und ob nicht etwa die Gasfabriken anderer Bezirke, deren Kohlen sich durch einen bedeutenden Gehalt an Sauerstoff resp. gebundenem Wasserstoff auszeichnen, diese (nach Fleck) vortheilhafter vergasen, weil sie ihre Einrichtungen den gegebenen Bedingungen besser angepaßt haben, kann hier nicht zur Entscheidung gebracht werden. Die praktischen Erfahrungen dürften im Allgemeinen für die Annahme sprechen, daß die Vergasung einer an disponiblem Wasserstoff reichen Kohle mit unvollkommeneren, den Voraussetzungen Fleck's wenig entsprechenden Apparaten leichter und vortheilhafter erfolgt, als die einer anderen durch einen bedeutenden Gehalt an gebundenem Wasserstoff ausgezeichneten, welche unter solchen Umständen eine größere Menge Kohlensäure und Wasser gibt.

Daß ferner die Leuchtkraft des Gases unter gleichen Vergasungsverhältnissen wesentlich abhängt von dem Gehalt der Kohlen an disponiblem Wasserstoff, und daß manche Gasanstalten durch bestimmte Contracte veranlaßt noch mehr auf die Qualität als die Quantität des Gases zu sehen haben, ist bekannt. Von diesem Gesichtspunkte betrachtet mag vorläufig die Thatsache erklärlich erscheinen, daß eine große Anzahl Gasfabriken eine frische, an disponiblem Wasserstoff reiche Kohle einer verwitterten vorzieht, deren Gehalt an gebundenem Wasserstoff sich auf Kosten des disponiblen, und nicht selten auch bei gleichzeitiger Verminderung der Gesammtmenge, vermehrt hat.

|319|

Man vergl. z.B. das Verhalten der Kohle beim Erhitzen, in diesem Journal Bd. CXC S. 398 und Bd. CXCV S. 325 u. f.

|320|

Man vergl. in diesem Journal Bd. CXCV S. 322 und 452.

|320|

Man s. in diesem Journal Bd. CXCIII S. 57.

|320|

Zeitung des Vereines deutscher Eisenbahnverwaltungen.

|320|

Preußische Zeitschrift für Berg-, Hütten- und Salinenwesen.

|322|

Einzelne Anomalien in derselben, wie der geringere Wasserstoffgehalt resp. der größere Sauerstoffgehalt der frisch geförderten Kohlen vom Juliusschacht Nr. II beziehentlich Seegen Gottes-Grube sind auf kleine Bestimmungsfehler zurückzuführen.

|324|

Man s. dieses Journal Bd. CXCV S. 325 u. f.

|325|

Man vergleiche den zweiten Theil der Arbeit „über die Ursachen der Selbstentzündung der Steinkohlen“ in diesem Journal Bd. CXCV S. 449.

|325|

Varrentrapp.

|325|

Grundmann a. a. O.

|326|

Man s. dieses Journal Bd. CXCV S. 326.

|326|

Ebendaselbst.

|326|

Die Steinkohlen Deutschlands etc., Bd. II S. 221 u. f.

|327|

Im Auszug in diesem Journal Bd. CLXXVIII S. 161.

|327|

Wenn nicht der größere Einfluß der „Naßfäule“ vielleicht einzig auf den Umstand Muckzuführen ist, daß, wie es den Anschein hat, die betreffenden im Freien gelagerten Halden voluminöser waren und deßhalb wärmer wurden als die doch wahrscheinlich in bedeckten Räumen lagernden „trocken faulen.“ Leider stand mir die Originalabhandlung nicht zur Verfügung.

|330|

In diesem Journal Bd. CXCV S. 317.

|332|

In diesem Journal Bd. CXC S. 401 Tabelle.

|332|

Man vergl. z.B. die Tabelle mit den Zahlen in Bd. CXCV S. 325 u. 329.

|333|

In diesem Journal Bd. CXCV S. 71.

|334|

In diesem Journal Bd. CXCIII S. 57 und 58 Nr. 8 u. 9 resp. 18 u. 19.

|334|

In diesem Journal Bd. CXC S. 401.

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