Titel: Untersuchungen über die künstliche Verdauung der stärkmehlhaltigen Substanzen durch das Maltin; von Dr. L. Coutaret.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1870, Band 196/Miszelle 12 (S. 94–95)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj196/mi196mi01_12

Untersuchungen über die künstliche Verdauung der stärkmehlhaltigen Substanzen durch das Maltin; von Dr. L. Coutaret.

Mittelst des Maltins oder Pflanzendiastas,21) welches durch lauwarme Maceration von Gerstenmalz gewonnen wird, ist man im Stande, auf künstlichem Wege eine sehr merkwürdige Verdauung aller als Nahrungsmittel dienenden Amylaceen (stärkmehlhaltigen Substanzen), welche sich in gekochtem Zustande befinden, hervorzurufen. Diese künstlichen Verdauungen geben nach Verlauf von weniger als einer Stunde eine milchartige Flüssigkeit, welche aus nicht verdautem Stärkmehl, Dextrin und Glykose besteht, und die Entstehung großer Quantitäten des letzteren Körpers läßt sich durch die üblichen Reagentien leicht nachweisen.

Nachstehend geben wir eine kurze Zusammenstellung der Hauptthatsachen, welche bei diesen künstlichen Verdauungen beobachtet wurden:

1) Ein vorheriges vollständiges Kochen der zu verdauenden Substanzen ist unerläßlich nothwendig.

2) Das Maltin wirkt um so besser, je mehr es sich seinem ursprünglichen Zustande während des Vegetationsprocesses nähert.

3) Die Gegenwart von Wasser ist für diese künstlichen Verdauungen absolut nothwendig, und die gar gekochten Amylaceen müssen mit durchschnittlich der zehnfachen Gewichtsmenge Wasser verdünnt werden, wenn eine normale Zuckerbildung erfolgen soll.

4) Die auflösende Wirkung des Maltins auf die Amylaceen ist bei den verschiedenen Arten derselben eine verschiedene; 1 Grm. Maltin vermag im Allgemeinen 1800 Grm. bis 2 Kilogrm. gekochtes Stärkmehl zur Verdauung zu bringen. Jede Art von Stärkmehl erfordert aber die Gegenwart einer verschiedenen Quantität Wasser und eine mehr oder weniger verlängerte Dauer der Reaction, wenn bei allen Amylumarten ein gleiches Resultat erhalten werden soll.

5) Die Temperatur von 35 bis 40°C. ist für die künstlichen Verdauungen die geeignetste.

6) Diese saccharificirende Wirkung des Maltins auf das Stärkmehl ist absolut identisch derjenigen des Diastas im Speichel auf dieselben Nahrungssubstanzen. Ueberdieß verhalten sich beide Arten von Diastas, das animalische und das vegetabilische, |95| hinsichtlich ihrer physikalischen, chemischen und physiologischen Eigenschaften ganz gleich. In denselben Mengen angewendet, äußern sie dieselbe Lösungskraft auf gekochte Amylaceen. Streng genommen existirt für das Pflanzen- und das Thierreich nur ein einziges Diastas und wir können ohne Anstand behaupten, daß das Maltin ein wahrer künstlicher Speichel, ein vegetabilisches Ptyalin ist.

Hieraus ergibt sich die ungemeine Wichtigkeit, welche das Maltin für die Behandlung von Dyspepsie (geschwächter Verdauung) gewinnen kann. Die Amylaceen bilden die Basis der menschlichen Ernährung. In der Mehrzahl der Fälle von Dyspepsie sind sie es, welche, indem sie schlecht verdaut werden, die dyspeptischen Beschwerden herbeiführen und es läßt sich dann ein gänzlicher Mangel, eine verminderte Absonderung oder eine veränderte Beschaffenheit des Speichels constatiren. In derartigen, ebenso gewöhnlichen als hartnäckigen Fällen vermag das Maltin ungemein große Dienste zu leisten; dieses Mittel stellt den normalen Verlauf der Functionen wieder her, indem es dem gänzlichen Mangel, der Verminderung oder der Verderbniß der Speichelabsonderung direct abhilft.

Ich wende dieses Mittel in meiner ärztlichen Praxis seit beinahe sechs Jahren täglich an und habe mit demselben mehrfach wahrhaft überraschende Resultate erzielt. Nächst der erforderlichen Diät und den alkalischen Wässern kenne ich kein Mittel, welches unter denselben Verhältnissen eine solche Unschädlichkeit bei solcher Heilkraft besitzt. (Comptes rendus, t. LXX p. 382; Februar 1870.)

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Man s. die Mittheilung von Dubrunfaut im polytechn. Journal, 1868 Bd. CLXXXVII S. 491.

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